Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen! Sehr wohl aber den Leerstellen dieser euphemistischen Rezeption.

Mir persönlich stößt bereits der Titel unangenehm auf – er paßt auch nur schwer zu Scrutons Gesamtwerk und zu seiner gepflegten Attitüde. Wer so in die Debatte einsteigt, der muß sich seiner Sache sehr sicher sein, der will auch keine Vermittlung mehr.

Niemand wird Scrutons Kompetenz in Frage stellen, der Mann war ein polyglottes Multitalent, einer jener seltenen Menschen, die die Reinkarnationstheorie zu bestätigen scheinen, denn was er in diesem Leben geleistet hat, ist in einer Karussellrunde menschlich eigentlich nicht machbar.

Hier nun nimmt er es gleich mit einer ganzen Phalanx an namhaften mehr oder weniger  linken Denkern auf, namentlich: Hobsbawm, Thompson, Galbraith, Dworkin, Sartre, Foucault, Adorno, Horkheimer, Habermas, Lukács, Althusser, Lacan, Deleuze, Gramcsi, Said, Badiou und Zizek und natürlich auch mit Marx, Engels, Lenin und Mao.

Jeder Denker wird einzeln, zumeist am Leitfaden der Hauptwerke seziert und filetiert und am Ende verzehrbereit präsentiert – und zwar als im Wesentlichen ungenießbar. Was nach feinem Besteck aussieht und sogar poetische Momente enthält, entpuppt sich in Wahrheit, bei genauer Lektüre, als Rundumschlag, als Guillotine. Klar löst das Begeisterung bei denen aus, die sich die Arbeit der Auseinandersetzung ersparen wollen, zumal Scruton – daher kann man das Buch partiell auch als Einführung in das Denken der Füsilierten empfehlen – uns zu Beginn jeder Hinrichtung eine Zusammenfassung liefert.

Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Weckung der Aufmerksamkeit gegenüber philosophischem Wortgeklingel. Dieses hat zweifellos dramatische Züge angenommen und beherrscht weite Teile der akademischen Welt, allerdings vornehmlich in den hinteren Reihen, im akademischen Unterbau. Wollte man auch die erste Reihe diesem Dauerverdacht a priori aussetzen – wie es Scruton hier vorexerziert –, dann wäre das philosophische Gespräch beendet, was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.

Ein recht guter Indikator ist in der Regel das Gespräch unter Gleichwertigen – wenn diese aufeinander sinnvoll antworten können, dann hat man gute Chancen, einem sinnhaften Gespräch beizuwohnen, selbst wenn es die eigene Auffassungsgabe übersteigen sollte. Daher sei dieses Buch ganz besonders Studenten und Interessierten empfohlen, jenen also, die den Schritt zum eigenständigen originellen Denken nie schaffen werden, aber im Weinberg mitarbeiten wollen. Sie sind am ehesten gefährdet, Opfer von Veneration und ideologischer Selbsteinmauerung zu werden.

Und Scruton kennt keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen, sogar Marx‘ Theorie des Warenfetischismus hält er für – nichtssagend …

Das alles heißt nun aber nicht, daß Nähe zu weltanschaulichen Überzeugungen die kritische Lektüre ersetzen kann. Nein, an diesem Buch gibt es sehr viel auszusetzen!

Seine größte Gefahr – als Gegengewicht zur obigen Habenseite – besteht darin, daß es dazu verleitet, sich die theoretische Arbeit zu ersparen, denn es suggeriert, daß linkes Denken, zumindest dieser Autoren, fast immer und wesentlich „Neusprech“, „Nonsens“, „ritueller Nonsens“, „Nonseme“, „klebrige Prosa“, „Zaubergesänge“, „unentwirrbares Geschwafel“, „Betrug“ oder „Alchimie“ sei, um nur einige diskreditierende Zuschreibungen dieses darin übersatten Buches zu erwähnen. Demnach habe – nur drei Beispiele – Lukács der Haß angetrieben, sei Habermas nur ein Bürokrat und Adorno ein intellektueller Taschenspieler gewesen, das meiste sei der Lektüre nicht wert. Vor Sartre etwa bliebe nur „Die Wörter“.

Natürlich sind das nicht alles Unwahrheiten, aber es sind nur Aspekte, nicht das Wesentliche. Und überhaupt kann man Althusser[2] und Lacan[3] etwa – für die der Scharlatanerievorwurf eher zutrifft – nicht in eine Reihe mit Foucault, Deleuze oder Adorno stellen, die ganz ernsthafte Philosophen waren. Scruton nimmt es, der Pointe wegen, selbst nicht immer mit der Wahrheit sehr genau, oder hat schon mal jemand eine „Luxusedition“ der Schriften Habermas‘ gesehen, oder glaubt wirklich jemand, daß der Fidesz in Ungarn aus Lukács-Aversion immer wieder gewählt wird oder daß das „Rätsel des Eins-Seins der ultimativen Realität“ im europäischen Denken tatsächlich vom Islam und nicht von der Scholastik oder von Giordano Bruno übernommen wurde?

Bei aller Scharfsinnigkeit leistet sich Scruton doch auch eine Reihe denkerischer Tiefflüge, etwa wenn er den HIV-kranken Foucault genüßlich in der Salpêtrière enden läßt, also jener Klinik, die er in seiner bahnbrechenden Studie als Machtinstrument aufzeigte, wenn er die rhetorische Frage stellt, wo Marx, Engels, Lenin, die Theoretiker des Proletariats, der Arbeit, der Klasse jemals die Hände schmutzig gemacht hätten, oder wenn er Lukács‘ Literaturkritik per se als wertlos bezeichnet. Und wenn Lenin en passant als „zweitrangiger Denker“ bezeichnet wird, dann hätte man doch gern auch ein Argument dazu.

Fast alle kontinentalen Autoren empfindet Scruton als unverständlich und unklar in ihren Aussagen, aber das ist ein sehr schlüpfriges Argument, denn erstens sollten die Grenzen des eigenen Verständnisses nie – auch nicht für einen Scruton – zum Kriterium eines Urteil werden und zweitens ließen sich damit auch Kant, Hegel, Heidegger, Nietzsche etc. erledigen und tatsächlich gibt es bereits eine breite diffamatorische Literatur, die zumeist von sehr linken und oft sichtbar haßbesetzten Autoren stammt, eine Ahnenreihe, in die Scruton sicher nicht gestellt werden will. Aufschlußreich in diesem Kontext ist auch das Fehlen namhafter linker Denker: Walter Benjamin, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch sind nicht mal namentlich erwähnt, Derrida, Lyotard, Baudrillard werden kaum bedacht und Judith Butler, Merleau-Ponty oder Henry Lefebvre wären doch gefundenes Fressen gewesen. Schon daher stehen die Verabsolutierungen auf schwachen Beinen.

Umgekehrt widmet sich Scruton im Falle Lukács recht ausführlich „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – ein wahrlich epochemachendes Werk –, übersieht aber das für sein Vorhaben viel besser geeignete „Die Zerstörung der Vernunft“.

Es stellt sich schließlich der Verdacht ein, daß am Grunde seiner Arbeit eine tiefsitzende Aversion der kontinentalen Philosophie gegenüber liegt, das mangelnde Verständnis substantialistischer Philosophie, der Metaphysik, den Versuchen, Realität in ihrem An-Sich zu erfassen, den deutschen Ausflügen in die Tiefen und Höhen, der Sehnsucht nach dem Wesen der Dinge und der Bewegungsfragen, wie sie die Franzosen antreibt und das ist bei einem analytisch geschulten Kopf auch nicht verwunderlich. Unübersehbar bleibt, daß die englischen und amerikanischen Kritisierten weitaus besser wegkommen als die europäischen.

Diese Perspektive ist es wohl, die ihn dazu verführt, die kontinentale Philosophie als eine präskriptive überzubewerten und den deskriptiven Urimpuls zu übersehen, zumindest bei den Linken. Philosophie aber bedenkt zuvörderst das, was ist, sie ist somit primär Symptom, „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ (Hegel), und erst dann Regel und wird letzteres sehr oft erst im Vollzug der Rezeption.

So ist etwa das Konzept des „Rhizoms“, an dem sich Scruton abarbeitet, Zustandsbeschreibung einer sich immer mehr rhizomatisch organisierenden Welt. Deleuze und Guattari konnten damit etwa das Internet antizipieren oder verschiedene Ausformungen des Globalismus, neuer liquider Lebensformen, und die damit verbundenen Probleme der Identitätsfindung – insofern kann man Foucaults These, daß das „Jahrhundert vielleicht ein deleuzianisches sein wird“ auch als bestätigt betrachten. Deleuze wollte der Verflüssigung der Welt, der Gesellschaft, der Sprache, der sozialen Verhältnisse, der Geschichte, der Moral, der Kunst, der Philosophie … habhaft werden – affirmativ, das ist richtig –; man kann diesen Versuch als gelungen oder gescheitert betrachten, aber man sollte wenigstens die Intention erkennen, wenn man bewerten will. Foucault konnte in der Sichtbarmachung der diskursiven Auflösung der Wahrheit einen objektiv ablaufenden Prozeß aufzeigen; Habermas‘ Beschreibungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“, die Einsichten im „Positivismustreit“ („Erkenntnis und Interesse“) oder seine Reflexionen in „Faktizität und Geltung“ haben Wert, wohingegen sich das Ideal des kommunikativen Handelns auf der Basis des herrschaftsfreien Diskurses als Schimäre erwiesen hat usw. Scruton übersieht all dies, weil er auf Nonsenssuche geht. Die wahre Crux linken Denkens sind Prämisse und Synthese und nicht die Analyse, die mitunter genial sein kann.

So entgeht es Scruton in seinem Rundumschlag, daß der französische Postmodernismus gerade nicht in der Kontinuität zu Sartre steht, sondern eine Abwendung von ihm ist, als Reaktion, insbesondere auf den Begriff des „Absurden“, der bei Sartre und Camus zentral ist, in Scrutons Buch aber gar nicht auftaucht, oder aber er verkennt die produktive Potenz eines zentralen Werkes wie „Die Dialektik der Aufklärung“ auch für die Rechte.

Vielleicht ist all das auch nicht überraschend für einen Autor, der meint, „daß nämlich nicht die Macht, sondern die Liebe die Welt bewegt“ und der den „Kapitalismus“ für die ultimo ratio hält und offensichtlich kein Sensorium für die Beschreibung der kapitalistischen Epoche als „Anthropozän“, also als erdgeschichtlich bedeutsames Zeitalter im Hinblick auf die Natur, hat.

Bei aller Kritik gibt es natürlich auch einen positiven Ertrag und den wiederholt Scruton viele Male. Er findet ihn bei allen behandelten Vertretern – trotz ganz differenzierter Ansätze – kranken sie alle an den selben Symptomen: die Linke wolle den Kantischen Imperativ umkehren und eine „Welt der Zwecke“ errichten; es wird ihnen Absolution erteilt, wenn sie die Verbrechen des Kommunismus relativieren, womit kein Rechter rechnen darf; die Theoretiker setzten (marxistische) Begriffe, die oft leer seien (Kapitalismus, Bourgeois, Produktionsverhältnisse, Ideologie etc.); das erste Zielobjekt ihrer Vereinnahmung sei stets die Sprache; die materiellen Verhältnisse der Theoretiker widersprächen notorisch ihrem Gegenstand; ihre Anziehungskraft resultiere nicht aus dem Intellekt, sondern aus den Emotionen; das rationale Argument werde erst durch Verhandlung und dann durch Zwang ersetzt und dergleichen – das sind die Konklusionen Scrutons und sie stehen da meist zu recht.

Und dann gibt es auch wahre Erhellungsmomente – bei mir zumindest, beim unbedarften Leser –, etwa wenn er verdeutlicht, daß die wahren Erben linken Denkens die sogenannten Verschwörungstheoretiker sind, die von „irgendeinem herrschenden Akteur“ ausgehen, oder wenn er erklärt, daß linkes Denken stets Zerstörungswerk sei. Fast alle Zentralbegriffe der linken Theorie sind Spaltbegriffe, von Bourgeoisie, Proletariat, Klasse, Entfremdung bis hin zum Anderen (Levinas) und zur Differenz. Hingegen: „Nation, Recht, Glaube, Tradition, Souveränität – all diese Begriffe bezeichnen etwas Verbindendes.“ Die Aufgabe der Rechten sei es, ein flexibles, bewahrendes konservatives Denken dem Mainstream entgegen zu setzen. Diesen Gedanken entwickelt er in seinem Schlußwort, dem stärksten Teil des Buches, dort also, wo die „Narren, Schwindler und Unruhestifter“ nicht mehr Thema sind, dort, wo er sein eigenes Zerstörungswerk beendet hat.

Das Schlußkapitel rechtfertigt den Kauf des Buches!

Quelle: Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. FinanzBuch Verlag 2021. 410 Seiten. 25 €. Lesezeit: ca. 20 Stunden

Narren, Schwindler, Unruhestifter

PS: Und noch etwas stimmt hier nicht. Immer wieder stieß ich auf neblige Stellen, die nicht recht klar werden wollten. Irgendwann – besonders beim poststrukturalistischen und etwas abstrakteren Mittelteil – kam mir der Verdacht, daß es an der Übersetzung[4] liegen könnte – siehe auch das Eingangszitat. Dabei meine ich nicht mal solche Fehler wie die falsche Übersetzung von „Différence et répétition“ mit „Unterschied und Wiederholung“.
Es sind Stellen wie diese: „Die linke Begeisterung, die in den 1960er Jahren durch die Bildungseinrichtungen fegte, war eine der wirkmächtigsten intellektuellen Revolutionen der jüngeren Geschichte und wurde von ihren Anhängern in einem Maße unterstützt, wie es selten zuvor während einer politischen Revolution der Fall war.“ (229)
Das Original lautet; „The left-wing enthusiasm that swept through institutions of learning in the 1960s was one of the most efficacious intellectual revolutions in recent history, and commanded a support among those affected by it that has seldom been matched by any revolution the world of politics” – es ist von “verlangen”, “fordern” die Rede und nicht von “unterstützen” und auch die “Anhänger” sind im Original eher “die Betroffenen“.
Oder: “Der jubelnde Ton, den man auch als ein Zeichen von Geisteskrankheit interpretieren könnte, zeugt von der totalen Zuversicht über die bevorstehende Offenbarung, und so erinnert das Ganze an entzückende Fesseln, die unter einer Burka hervorblitzen“. (265)
Das Original lautet: „The exultant tone, which one might read as a sign of mental disorder, shows total confidence in the revelation, displayed like a tantalizing ankle beneath a burqa.” – “ankle” wird hier mit “Fessel” übersetzt, poetisch zwar, aber irreführend; wohl ein typischer Nachschlaglapsus.
Oder: “Was ist die Alternative? Und wie kann eine Politik aussehen, die diese respektiert und unterstützt? Mir scheint, daß es drei Ideen gibt, die die Grundlage jeder substantiellen Antwort auf die Argumentation sein müssen, die ich in diesem Buch untersucht habe: die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen und die Persönlichkeit.“ (387)
Das Original lautet: „What is the alternative, and how do we frame a politics that respects and applies it? Three ideas, it seems to me, are fundamental to any substantial answer to the arguments I have examined in this book: civil society, institutions and personality.” – “civil society” wird mit “bürgerliche Gesellschaft” übersetzt; passender wäre wohl “Zivilgesellschaft” … und diese Übersetzung zieht sich durch das gesamte Buch.
 
[1] Deutsche Übersetzung: „Unser Anliegen als politische Wesen sollte sein, die Mächte, die die Gesellschaft zusammenhalten, nicht zu zerstören, sondern ihre Wirkung zu mäßigen. Wir sollten keine Welt ohne Macht anstreben, sondern eine, in der die Macht auf Konsens beruht und in der Konflikte aufgrund einer gemeinschaftlichen Vorstellung von Gerechtigkeit gelöst werden.“
[2] Althusser – Autor „bahnbrechender“ Marx-Studien, bekannte in seinen autobiographischen Schriften posthum, daß er selbst Marx nur sehr kursorisch kannte, von der Geschichte der Philosophie ganz zu schweigen.
[3] Das Lacan-Kapitel stimmt im Wesentlichen mit meinen Lektüreerfahrungen überein.
[4] Übersetzt hat das Werk Krisztina Koenen. Sie ist gebürtige Ungarin und auch wenn ihr Deutsch hervorragend ist, so ist sie wohl doch keine Muttersprachlerin. Englisch aber – das glauben viele Menschen nicht – ist eine der am schwersten zu übersetzenden Sprachen. Der enorme Reichtum an Vokabular und idiomatischen Wendungen ist nur eine Ursache. Vieles, was man als Fremdsprachler intuitiv sehr wohl verstehen kann, ist enorm schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Koenen hatte etwa auch Ryszard Legutkos „Der Dämon der Demokratie“ übersetzt und dieses Buch wird hier wegen seiner klaren Sprache hervorgehoben – allerdings übersetzte sie wohl aus dem Polnischen!

Denkanstöße – Sloterdijk V

… daß von der vielgerühmten Frankfurter Schule, die zu Adornos Lebzeiten und bis zur „Kritik der zynischen Vernunft“ auch meine Schule und mein wichtigstes Bezugssystem war, nicht viel mehr übriggeblieben ist als ein Klüngel zur Ausübung von Mentalitätsmacht und ein paar akademische Seilschaften. Es hat sich im konkreten Fall gezeigt, daß sich in diesem Verein kein konfliktfähiges Gegenüber mehr ausmachen läßt. Nach meiner Definition ist eine Theorie dann tot, wenn sie nur noch Selbstgespräche führen kann.

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Blumen für Habermas

Frage: Habermas sucht die gesellschaftspsychologische Ebene erst gar nicht, sondern sagt: Entzieht doch diese Dinge dem Nationalstaat. Wir brauchen neue europäische Institutionen. Er betätigt sich als Neukonstrukteur einer zusätzlichen überstaatlichen Ebene, die unsere Probleme in diesem eher auch vordemokratischen Raum mit neuen Institutionen lösen soll. Er baut sich da ein neues Europa. Was halten Sie davon?

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Habermas: Autoritäre Persönlichkeit

Zum 90. Geburtstag

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik, eines „deutschen Voltaire“, näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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Ein Brief an den Feind

Es dürfte im Umkreis dieses Blogs ein mehrfaches Interesse an Helmut Lethens neuem Buch „Die Staatsräte“ geben. Das Zeitsujet, die Jahre des Nationalsozialismus und ihre Verwindung, gehören seit je zum engeren Aufmerksamkeitsspektrum, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn zählen zum spezifischen Kanon, aber es kommt nun ein dritter wesentlicher Punkt hinzu: Lethen, Jahrgang 39, 68er, emeritierter Professor, Literaturwissenschaftler, einst in KPD-Kreisen aktiv und noch immer bekennender Linker, ist mit Caroline Sommerfeld verheiratet, die seit zweieinhalb Jahren einen kometenhaften Aufstieg im Sezessions-Milieu feierte. Das führte zu Verunsicherungen, hüben wie drüben.

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Walser, Habermas, Höcke

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Vor 20 Jahren hielt Martin Walser seine legendäre Rede in der Frankfurter Paulskirche, deren Worte die deutsche Zivilgesellschaft bis heute ebenso erschüttern, wie die darin aufgezeigten und zu Bewußtsein gebrachten deutschen Idiosynkrasien. Stella Hindemith, eine Kulturwissenschaftlerin mit jüdischen Großeltern, hat dazu soeben einen aufschlußreichen und maßgebenden Artikel veröffentlicht, der den geistigen Zustand der „Eliten“ auf wunderbare Weise selbstkarikiert: „Im Umgang mit der deutschen Nazivergangenheit markierte Martin Walsers Rede in der Paulskirche eine Wende: Vor 20 Jahren verschob er die Grenzen des Sagbaren nach rechts.“

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Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

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Gastfreundschaft statt Multikulti

Das muß man erst mal können, angesichts der plötzlich mit aller Gewalt hereinbrechenden Migrationskrise, einen 25 Jahre alten Text aus dem Schubfach ziehen und ihn als Antwort auf hochaktuelle Fragen neu verlegen.

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Der Twitter-Tod

Es ist wieder passiert – jemand hat sich zu Tode getwittert. Eine US-Schauspielerin setzt einen „rassistischen“ Tweet ab und im Handumdrehen wird die ganze Serie eingestellt, deren Star sie ist. Die Serie hat eine große Fan-Gemeinde. Sie einzustellen, dürfte der an schwerer PC leidenden TV-Gesellschaft weh getan haben, aber der selbst erzeugte Druck war größer und wird durch derartige Entscheidungen für folgende Fälle noch größer. Er wird eine Gefahr für künstlerisches und geistiges Schaffen überhaupt.

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Gedankensplitter

Die Geschichte der Menschheit war ein ewiger Kampf der sich widersprechenden Eigeninteressen. Sie war blutig, aber sie hat auch das Überleben garantiert. Daß wir sind, was wir sind, haben wir dieser Geschichte zuzuschreiben. Aufklärung, Befreiungskämpfe, philosophische Ideologisierung und liberale Demokratie haben in einem komplizierten Prozeß einen neuen Aggregatzustand geschaffen. Man kämpft nun für die Interessen der Anderen: Männer für Frauen, Weiße für Schwarze, Christen für Muslime, Arme für Reiche, Heterosexuelle für Homosexuelle, Deutsche für Syrer und Afghanen … Das utopische Element daran ist der Glaube, daß damit beides erreicht werden könnte: das Blutvergießen beenden und die Fortexistenz sichern. Es könnte jedoch nur funktionieren, wenn alle Teilnehmer des Weltprozesses auf gleicher altruistischer Ebene stünden. Andernfalls werden die sich selbst Verleugnenden hinweggefegt werden – blutig.

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Tellkamps Gesinnungskorridor

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. (Oscar Wilde)

Mindestens drei Mal wurde in der Presse der Versuch unternommen, Uwe Tellkamps „deutschnationales Pathos“ (Dotzauer), seinen „mentalen Aufbaustoff“ für Neurechte (Assheuer), seine „heftige Abstoßung“ (Kämmerlings), sprich seine „rechte Verirrung“ im Gespräch mit Durs Grünbein aus seiner Werkgeschichte zu erklären. Dabei geriet sein früher Erfolgsroman „Der Eisvogel“ (2005) besonders ins Visier, der sich nun, dreizehn Jahre später, scheinbar neu deuten lassen soll. All sein rechtes Gedankengut sei dort schon, mehr oder weniger versteckt, angelegt gewesen.

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So geht Heidegger!

Ganz prinzipiell meine ich nämlich, daß man nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar die Pflicht hat, zu den Gedanken eines Denkers Stellung zu nehmen, ohne Rücksicht auf den spezifisch persönlichen Hintergrund seiner Gedanken. (K.E. Løgstrup)
Hier erkennt man die gegenwärtige Tendenz, damalige Denker nazistischer zu machen, als sie waren. Je weiter man sich von dieser Zeit entfernt, desto nazistischer scheinen sie zu werden. (Hans Hauge)

Man mache den Test: Man erwähne den Namen Heidegger im Gespräch mit einem Nicht-Heideggerianer und man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich zu Beginn das Zauberwort „Nazi“ zu hören bekommen. Und meist ist das Thema damit beendet.

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Habermas‘ liberale Auslegung

In der „Rheinischen Post“ hat Jürgen Habermas ein kurzes aber sehr prägnantes Statement zum Thema „Leitkultur“ abgegeben. Die Bündelung der Mitteilung gestattet es, seinen Gedankengang Satz für Satz zu erläutern und kritisch zu kommentieren:

Leitkultur: Das sagt Jürgen Habermas zur Debatte Weiterlesen

Rechtsschwenk Marsch! Warum?

Wenn man glaubt, der Tiefpunkt einer Debatte sei erreicht, dann gibt es meist noch einen, der auch das letzte Halteseil kappt und den Flug in die Hölle antritt.

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Autoritäre Persönlichkeit von Jürgen Habermas

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier vor wenigen Tagen besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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Konservatismus und Differenz

Für H.

Ein weiteres Faszinosum an Karl Heinz Bohrers außergewöhnlicher Autobiographie sind die Entwicklungslinien, die Bohrer, gekonnt versteckt, einbaut. Etwa die seiner politischen Einstellung.

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Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben. Weiterlesen

Habermas und Holocaust

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Fünf Wochen nach Björn Höckes Dresdner Rede, in der bekanntlich das Wort vom „Mahnmal der Schande“ fiel, haben sich die Wogen wieder geglättet. Das ist der Moment der Reflexion, der Einkehr und der Erinnerung. Denn Höckes Rede hat eine lange und vertrackte Geschichte, die Geschichte des „Holocaust-Denkmals“ oder, wie es offiziell heißt, des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.

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Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

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Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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