Saubere und schmutzige Waffen

Albert Wass’ größte Romane – „Gebt mir meine Berge zurück” und „Die Hexe von Funtinel” gehören zur Weisheitsliteratur, in der ewige Wahrheiten mit großer Selbstverständlichkeit und in ganz einfachen Worten vorgetragen werden. Die große Kunst dabei ist es, nicht ins Triviale abzurutschen. Wass gehört neben einigen Skandinaviern – allen voran natürlich Hamsun – zu den Meistern dieses Metiers. Weiterlesen

Wahre Bedürfnisse

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXV

Über das wahre Bedürfnis

Viel, viel mehr mit Kräutern, mit Pflanzen, mit Obst leben. Weniger, viel weniger mit fettem und mit schwarzem Fleisch! Viel Fisch essen, und jeden Tag Roggenbrot. Tagsüber nie etwas trinken, keinerlei alkoholisches Getränk, und wenn du schon trinkst, dann nur abends, nur nach dem Essen, nur reinen Wein, niemals zu einer anderen Zeit und nie etwas anderes. Wenn du an einem Tag Wein getrunken hast, berühre vierundzwanzig darauffolgende Stunden das Weinglas nicht. Weiterlesen

Freiheit gegenüber den Mächtigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIII

Darüber, daß wir frei sind

Wenn du den Mächtigen gegenüberstehst, dann denke immer daran: Von wem bekamen diese Menschen ihre Macht verliehen? Und was können sie überhaupt gegen dich tun? Können sie dir deine Güter, deine Freiheit oder dein Leben nehmen? Und dann? Weiterlesen

Grau denken

Wenn man Peter Sloterdijk heißt, kann man über alles schreiben – warum nicht auch mal über die Farbe Grau? Man darf dann auch die Warnung Hans Blumenbergs, daß „Metaphern dirigieren, führen und verführen“ nonchalant übergehen, ja das Flottieren sogar zur Tugend machen und „gleichsam einer Laune nachgebend“ – das sind die original Eingangsworte! – oder einem „Reflex folgend“ seinen Assoziationen nachsinnen und daraus ein neues Buch machen. Wenn man Sloterdijk heißt, dann darf man das, denn es kommt dennoch Wesentliches zum Vorschein. Dann darf man auch einen Satz Cézannes – „Solange man kein Grau gemalt hat, ist man kein Maler“ auf das Denken und den Philosophen beziehen: das war die Ausgangsintuition; ihrem inneren Witz freudvoll und ausschweifend nachzugehen, ist dem lachenden Philosophen anzumerken. Weiterlesen

Freiwilliger Vorsatz

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXX

Über freiwillige Verpflichtungen[1]

Die an uns selbst gerichteten Verpflichtungen –„ab morgen werde ich dieses oder jenes nicht mehr tun, ich werde so oder so leben, mich mit diesem oder jenem beschäftigen“ – sollte man vielleicht noch gründlicher bedenken als unsere an die Menschen gerichteten Worte.

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Orientierung am Großen

Als Edzard Schaper im Jahre 1937 Rilkes „Malte Laurids Brigge“ las, da war er bereits ein gestandener und viel gelesener Autor. Er hatte einen Vertrag beim Insel-Verlag, war mit der Verlegerin Katharina Kippenberg fast mehr als schicklich befreundet, hatte insbesondere mit seinem Roman „Die sterbende Kirche“ schon ein Hauptwerk aufzuweisen und fiel nach besagter Lektüre dennoch in eine Schaffenskrise. Die Ursachen dafür waren zwar vielfältig und zum Teil auch sehr privat – wie uns sein verdienstvoller Biograph belehrt – aber für unsere Zwecke konzentrieren wir uns auf die fatale Rilke-Lektüre. Weiterlesen

Lebenssituationen ändern

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVIII

Darüber, wann wir das Recht haben, Lebenssituationen mit Gewalt zu ändern

Dein Arbeitsfeld ermüdet dich, du spürst, daß du woanders, unter anderen Menschen, unter anderen Lebensbedingungen mit wahrer Kraft und Zufriedenheit arbeiten könntest. Das menschliche Zusammenleben hat dich erschöpft, deine Familie, deine Liebste, deine Freunde sind eine Last, und dich treibt das Verlangen, neue Kontakte zu knüpfen. In deiner Wohnung kennst du alle Ecken und Winkel im Schlaf, und du hoffst, daß du in einer neuen, moderneren und komfortableren Wohnung Behagen für deinen Körper und Ruhe für deine Seele findest. Weiterlesen

Im Fußball sterben

Der „Focus“ treibt es auf die Spitze, wenn er schreibt: „Als Streich am DFB-Pokal vorbeiläuft, stirbt etwas in jedem Fußball-Fan“. Was für eine Anmaßung! Und welche Lüge! In mir ist jedenfalls gar nichts gestorben, als ich gestern diese Bilder sah – ganz im Gegenteil: ich habe innerlich gejubelt! Weiterlesen

Graue Eminenzen

Der Begriff „Graue Eminenz“ läßt an Strippenzieher im Schatten politischer Galionsfiguren denken, an „Netzwerker“ im Halbdunkeln ohne feste Kontur und auffallende Farben, aber Peter Sloterdijks soeben erschienene Langmeditation über die Farbe Grau in Kunst, Denken und Politik[1], bringt uns in Erinnerung, daß der Terminus auf Pére Joseph zurückgeht, jenen Kapuzinermönch in grauer Tracht, der den im öffentlichen Bewußtsein stets grellrot gekleideten Kardinal Richelieu „beriet“ und also führte. Da er seinen offiziell Vorgesetzten dennoch stets mit „Eminenz“ ansprach, bekam er am Hof bald den heimlichen Titel der „Grauen Eminenz“ verliehen, womit die neidischen Schranzen mit ironischem Augenzwinkern die wahren Machtverhältnisse benannten, ohne sie explizit auszusprechen.

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Denkanstöße – Sloterdijk X

Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

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Bequemlichkeit und Einsamkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XX

Über die Bequemlichkeit und die Einsamkeit

Vergeblich sagen wir: “Ich lasse mich weder von den Tiefschlägen der Welt, noch von ihrer Anerkennung berühren! Alles ist vergänglich!“ – wenn wir in der Tiefe unserer Seele nicht spüren, daß wir unsere Pflicht der Welt gegenüber erfüllt haben. Diese Selbstanklage habe ich oft gespürt.

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Goethe und Corona

Manfred Osten durchforstet nun schon seit Jahren das Werk Goethes nach Anknüpfungspunkten für die Jetztzeit. Am Beginn stand das Goethesche Zauberwort „alles veloziferisch“, mit dessen Hilfe er des Klassikers wenig bekannte Kritik der allgemeinen Akzeleration und seine „Entdeckung der Langsamkeit“ reaktualisiert hatte, dann wandte er Goethe an, um „Das geraubte Gedächtnis“ durch die digitale „Zerstörung der Erinnerungskultur“ offenzulegen, zuletzt diente der Meister dazu, moderne Glückstherapien zu begründen, und nun legte er einen Band über Goethes Aktualität in Pandemiezeiten vor, kundig, sachlich und pedantisch wie immer.

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Mein Kriegstagebuch VIII

Loyalität: In der lokalen Zeitung – Freie Presse Auerbach – wird das Schicksal eines ghanaischen Flüchtlings thematisiert, das uns schlaglichtartig das Problem der Migration aufzeigt. Nicht über diesen Einzelfall ist zu urteilen, denn es mag tausend gute Gründe geben, warum der Mann so handelt, wie er es tut, aber als Verallgemeinerung taugt die Geschichte gut.

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Ungarn vor der Wahl

In zwei Wochen wählen die Ungarn ein neues Parlament. Der Krieg zwischen Rußland und der Ukraine könnte auch über den Ausgang dieser Wahl entscheiden. Denn die politischen Gegner verhalten sich ganz unterschiedlich dazu, „der Wähler“ goutiert aber nur eine Position. Das wurde während der Demonstrationen zum Nationalfeiertag am 15. März überdeutlich und das bestätigen ganz überwältigend auch Meinungsumfragen.

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Kriegstagebuch VII

Wahrheit: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst – diesen Satz hört man allerorten. Doch Achtung! Wer ihn sagt, sagt mit ihm zwar die Wahrheit, daß er ihn sagt, kann aber mitunter das Vorhaben zu lügen vertuschen. Mit der Feststellung stellt man sich auf die Seite der Wahrheit und nimmt einen Wahrheitsanspruch für sich selbst in Beschlag, in dessen Schatten sich besonders gut die Unwahrheit verbreiten läßt. Muß nicht, kann aber. Der Satz entspricht exakt dem Paradoxon des Epimenides.

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Mein Kriegstagebuch VI

Trauer: Daß die Ukrainer und Russen uns näher sind, wie ich kürzlich behauptet habe, findet selbstredend seinen konkreten Ausdruck und ist keine abstrakte Behauptung. Sie sind uns nicht nur in ihrer Geschichte – die mit der unseren eng verwoben ist –, ihren Traditionen oder ihrer Verwurzelung im christlichen Erbe und damit auch in der Moralität und Begrifflichkeit nahe, sondern ihr Verhalten ist uns unmittelbar, mit nur geringen Abstrichen, verständlich. Und im Falle der Trauer, des Schmerzes und der Verzweiflung, die wir nun tagtäglich und doch nur in kleinsten Ausschnitten sehen – denn das Meiste bleibt ungefilmt – sind uns ihre Gefühle und Gedanken unmittelbar zugänglich.

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Diskursabbruch

Okay, es reicht. Es bringt nichts mehr. Jedes weitere Wort ist verschwendet. Es wird mit diesem Menschen keine Übereinkunft geben, nicht in politischen Fragen. Die Schwierigkeit wird sein, das Persönliche davon unbeeinträchtigt zu lassen.

Er ist ja ein guter Mensch, wir sind bisher – auf recht oberflächlicher Basis – gut miteinander ausgekommen, haben gemeinsam gelacht, geschmaust, geschwelgt in Erinnerungen, an schöne alte Zeiten. Aber seither die Politik Thema wurde, geht das alles nicht mehr.

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Von der Leidenschaft

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XIV

Zu glauben, wir könnten uns der Leidenschaft entziehen, ist ebenso verrückt, als wenn jemand ernsthaft glaubte, er könne sich mitten in der Wüste aus Sand ein Haus und einen Schutz gegen den Wüstenwind (Samum) bauen.

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