Mir fehlen die Worte

Es ist ja so: wenn man bei Youtube was schaut, bekommt man es nie wieder los, solange man den Cache nicht leert. Nun habe ich mir in letzter Zeit immer mal wieder den Genuß gegönnt, der verwirrenden Schönheit der polnischen Sprache zu lauschen. Mit dem ärgerlichen Resultat, daß ich meine Spielzusammenfassungen der Ungarischen Liga auf Youtube nicht mehr finde.

Stattdessen bietet mir die Maschine an: MISS POLONIA 2021 – WSZYSTKIE KANDYDATKI.[1] Weiterlesen

200 Jahre Petőfi

Daß Sándor Petőfi noch immer lebt, gelesen, gelernt, diskutiert wird, zeigt nicht zuletzt das neue Buch des deutsch-ungarischen Gelehrten Adorján Kovács, den die meisten Leser ganz sicher aus verschiedenen konservativen Periodika kennen. Zum 200. Geburtstag des bedeutendsten Dichters der Magyaren stellt Kovács uns den  Poeten als einen Proteus vor und stellt sich keine geringere Aufgabe, als ihn aus der „unglücklichen  Rezeptionstradition“ der Ungarn zu befreien. Für diese sei er „noch überwiegend der ,volkstümliche‘ oder Volks- oder Nationaldichter geblieben“, was eine Vereinfachung sei. Es gelte hingegen, Petőfi in die gesamte europäische Literatur einzuordnen[1]. Man darf gespannt sein – gut möglich, daß das Buch in Deutschland größere Resonanz erfahren würde als in Ungarn, so es denn übersetzt werden würde.

Heute vor 200 Jahren wurde Petőfi geboren. Der erste Januar mag verdächtig klingen, immerhin weiß man noch nicht mal gesichert, wo sein Geburtshaus steht, ob in Kiskőrös oder in Kiskunfélegyháza. Fast alles am Dichter ist umstritten, von der Geburt bis zu seinem Tod, nur an seiner Größe zweifelt niemand. Sein Heldentod beendete zwar sein junges Leben und verhinderte ein umfängliches Werk, war aber wohl auch Bedingung für seinen ewigen Ruhm.

Am 31. Juli 1849 fiel der Nationaldichter in der Schlacht von Segesvár.

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Irrtum und Lüge

Mir scheint, ein recht sicheres Indiz dafür, einen „Verschwörungstheoretiker“ zu erkennen, ist sein Wortgebrauch. Das läßt sich wohl eher charakterlich, mit der Veranlagung, der persönlichen Disposition erklären, denn ich sehe keinen stringenten inneren Grund, weshalb das so sein müßte, und ich argumentiere hier eher individual-empirisch.

Die Erfahrung lehrt, daß man in diesen Kreisen sehr oft, nahezu inflationär das Wort „Lüge“ – am besten mit Ausrufezeichen! – gebraucht, wo es die Vokabel „Irrtum“ vermutlich auch getan hätte. Mich macht dieser harte Vorwurf sofort stutzig. Weiterlesen

Das Prinzip Überweltigung

Sehr gut entsinne ich mich eines Kino-Besuchs mit meiner Tochter. Sie muß damals um die zehn Jahre alt gewesen sein. Wir wollten „Der König der Löwen“ sehen, ein damals schon überwältigendes Werk, das man als P6 deklariert hatte, ein Fehler, wie ich fand, steckt der Film doch voller dramatischer und angsteinflößender Szenen. Weiterlesen

Schlachtfeld Nietzsche

Wer seriös Nietzsche zitieren will, der greift seit 35 Jahren zur Kritischen Gesamtausgabe aus dem Hause De Gruyter oder wenigstens zur Kritischen Studienausgabe des dtv-Verlages. Beide begrüßen den Interessenten mit einem Skandalon. Man liest auf ihnen: „Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari“. Wie aber kamen zwei Italiener dazu, das deutsche Ereignis Nietzsche herauszugeben? Der Geschichte dieser „Rettung“ geht der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in seinem Buch „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ nach. Weiterlesen

Saubere und schmutzige Waffen

Albert Wass’ größte Romane – „Gebt mir meine Berge zurück” und „Die Hexe von Funtinel” gehören zur Weisheitsliteratur, in der ewige Wahrheiten mit großer Selbstverständlichkeit und in ganz einfachen Worten vorgetragen werden. Die große Kunst dabei ist es, nicht ins Triviale abzurutschen. Wass gehört neben einigen Skandinaviern – allen voran natürlich Hamsun – zu den Meistern dieses Metiers. Weiterlesen

Wahre Bedürfnisse

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXV

Über das wahre Bedürfnis

Viel, viel mehr mit Kräutern, mit Pflanzen, mit Obst leben. Weniger, viel weniger mit fettem und mit schwarzem Fleisch! Viel Fisch essen, und jeden Tag Roggenbrot. Tagsüber nie etwas trinken, keinerlei alkoholisches Getränk, und wenn du schon trinkst, dann nur abends, nur nach dem Essen, nur reinen Wein, niemals zu einer anderen Zeit und nie etwas anderes. Wenn du an einem Tag Wein getrunken hast, berühre vierundzwanzig darauffolgende Stunden das Weinglas nicht. Weiterlesen

Freiheit gegenüber den Mächtigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIII

Darüber, daß wir frei sind

Wenn du den Mächtigen gegenüberstehst, dann denke immer daran: Von wem bekamen diese Menschen ihre Macht verliehen? Und was können sie überhaupt gegen dich tun? Können sie dir deine Güter, deine Freiheit oder dein Leben nehmen? Und dann? Weiterlesen

Grau denken

Wenn man Peter Sloterdijk heißt, kann man über alles schreiben – warum nicht auch mal über die Farbe Grau? Man darf dann auch die Warnung Hans Blumenbergs, daß „Metaphern dirigieren, führen und verführen“ nonchalant übergehen, ja das Flottieren sogar zur Tugend machen und „gleichsam einer Laune nachgebend“ – das sind die original Eingangsworte! – oder einem „Reflex folgend“ seinen Assoziationen nachsinnen und daraus ein neues Buch machen. Wenn man Sloterdijk heißt, dann darf man das, denn es kommt dennoch Wesentliches zum Vorschein. Dann darf man auch einen Satz Cézannes – „Solange man kein Grau gemalt hat, ist man kein Maler“ auf das Denken und den Philosophen beziehen: das war die Ausgangsintuition; ihrem inneren Witz freudvoll und ausschweifend nachzugehen, ist dem lachenden Philosophen anzumerken. Weiterlesen

Freiwilliger Vorsatz

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXX

Über freiwillige Verpflichtungen[1]

Die an uns selbst gerichteten Verpflichtungen –„ab morgen werde ich dieses oder jenes nicht mehr tun, ich werde so oder so leben, mich mit diesem oder jenem beschäftigen“ – sollte man vielleicht noch gründlicher bedenken als unsere an die Menschen gerichteten Worte.

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Orientierung am Großen

Als Edzard Schaper im Jahre 1937 Rilkes „Malte Laurids Brigge“ las, da war er bereits ein gestandener und viel gelesener Autor. Er hatte einen Vertrag beim Insel-Verlag, war mit der Verlegerin Katharina Kippenberg fast mehr als schicklich befreundet, hatte insbesondere mit seinem Roman „Die sterbende Kirche“ schon ein Hauptwerk aufzuweisen und fiel nach besagter Lektüre dennoch in eine Schaffenskrise. Die Ursachen dafür waren zwar vielfältig und zum Teil auch sehr privat – wie uns sein verdienstvoller Biograph belehrt – aber für unsere Zwecke konzentrieren wir uns auf die fatale Rilke-Lektüre. Weiterlesen

Lebenssituationen ändern

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVIII

Darüber, wann wir das Recht haben, Lebenssituationen mit Gewalt zu ändern

Dein Arbeitsfeld ermüdet dich, du spürst, daß du woanders, unter anderen Menschen, unter anderen Lebensbedingungen mit wahrer Kraft und Zufriedenheit arbeiten könntest. Das menschliche Zusammenleben hat dich erschöpft, deine Familie, deine Liebste, deine Freunde sind eine Last, und dich treibt das Verlangen, neue Kontakte zu knüpfen. In deiner Wohnung kennst du alle Ecken und Winkel im Schlaf, und du hoffst, daß du in einer neuen, moderneren und komfortableren Wohnung Behagen für deinen Körper und Ruhe für deine Seele findest. Weiterlesen

Im Fußball sterben

Der „Focus“ treibt es auf die Spitze, wenn er schreibt: „Als Streich am DFB-Pokal vorbeiläuft, stirbt etwas in jedem Fußball-Fan“. Was für eine Anmaßung! Und welche Lüge! In mir ist jedenfalls gar nichts gestorben, als ich gestern diese Bilder sah – ganz im Gegenteil: ich habe innerlich gejubelt! Weiterlesen

Graue Eminenzen

Der Begriff „Graue Eminenz“ läßt an Strippenzieher im Schatten politischer Galionsfiguren denken, an „Netzwerker“ im Halbdunkeln ohne feste Kontur und auffallende Farben, aber Peter Sloterdijks soeben erschienene Langmeditation über die Farbe Grau in Kunst, Denken und Politik[1], bringt uns in Erinnerung, daß der Terminus auf Pére Joseph zurückgeht, jenen Kapuzinermönch in grauer Tracht, der den im öffentlichen Bewußtsein stets grellrot gekleideten Kardinal Richelieu „beriet“ und also führte. Da er seinen offiziell Vorgesetzten dennoch stets mit „Eminenz“ ansprach, bekam er am Hof bald den heimlichen Titel der „Grauen Eminenz“ verliehen, womit die neidischen Schranzen mit ironischem Augenzwinkern die wahren Machtverhältnisse benannten, ohne sie explizit auszusprechen.

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Denkanstöße – Sloterdijk X

Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

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Bequemlichkeit und Einsamkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XX

Über die Bequemlichkeit und die Einsamkeit

Vergeblich sagen wir: “Ich lasse mich weder von den Tiefschlägen der Welt, noch von ihrer Anerkennung berühren! Alles ist vergänglich!“ – wenn wir in der Tiefe unserer Seele nicht spüren, daß wir unsere Pflicht der Welt gegenüber erfüllt haben. Diese Selbstanklage habe ich oft gespürt.

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Goethe und Corona

Manfred Osten durchforstet nun schon seit Jahren das Werk Goethes nach Anknüpfungspunkten für die Jetztzeit. Am Beginn stand das Goethesche Zauberwort „alles veloziferisch“, mit dessen Hilfe er des Klassikers wenig bekannte Kritik der allgemeinen Akzeleration und seine „Entdeckung der Langsamkeit“ reaktualisiert hatte, dann wandte er Goethe an, um „Das geraubte Gedächtnis“ durch die digitale „Zerstörung der Erinnerungskultur“ offenzulegen, zuletzt diente der Meister dazu, moderne Glückstherapien zu begründen, und nun legte er einen Band über Goethes Aktualität in Pandemiezeiten vor, kundig, sachlich und pedantisch wie immer.

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Mein Kriegstagebuch VIII

Loyalität: In der lokalen Zeitung – Freie Presse Auerbach – wird das Schicksal eines ghanaischen Flüchtlings thematisiert, das uns schlaglichtartig das Problem der Migration aufzeigt. Nicht über diesen Einzelfall ist zu urteilen, denn es mag tausend gute Gründe geben, warum der Mann so handelt, wie er es tut, aber als Verallgemeinerung taugt die Geschichte gut.

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