Gedankensplitter

Die Geschichte der Menschheit war ein ewiger Kampf der sich widersprechenden Eigeninteressen. Sie war blutig, aber sie hat auch das Überleben garantiert. Daß wir sind, was wir sind, haben wir dieser Geschichte zuzuschreiben. Aufklärung, Befreiungskämpfe, philosophische Ideologisierung und liberale Demokratie haben in einem komplizierten Prozeß einen neuen Aggregatzustand geschaffen. Man kämpft nun für die Interessen der Anderen: Männer für Frauen, Weiße für Schwarze, Christen für Muslime, Arme für Reiche, Heterosexuelle für Homosexuelle, Deutsche für Syrer und Afghanen … Das utopische Element daran ist der Glaube, daß damit beides erreicht werden könnte: das Blutvergießen beenden und die Fortexistenz sichern. Es könnte jedoch nur funktionieren, wenn alle Teilnehmer des Weltprozesses auf gleicher altruistischer Ebene stünden. Andernfalls werden die sich selbst Verleugnenden hinweggefegt werden – blutig.

Der Koran verbietet das Essen von Eselsfleisch, gestattet aber Pferd. Was nun mit dem Muli? Eine Schule behauptet, man könne sein Fleisch essen, denn es ist ja kein Esel. Die andere verbietet es, denn es ist Esel „drin“.

Leiden: Nun die Bestätigung, was ich seit langem befürchtete. Mein Psychotherapeut läßt keinen Zweifel: Ich leide an einer schweren Yse. Anal!

Das Unheimlichste – was wäre das? Vielleicht ein Mensch ohne Bauchnabel?

Der Mensch ist das Tier, das stets auch anders kann.

Einwanderung als Medizin: Immigration bedeutet immer eine Injektion von Illoyalität in einen sozialen/nationalen/gesellschaftlichen Körper. In geringen Mengen kann diese den Körper stärken – die Illoyalität wird produktiv umgeformt. Wird der Einfluß der Illoyalität numerisch, quantitativ zu stark oder zeitlich zu ausgedehnt, wirkt er wie eine chronische Vergiftung und muß zur Schwächung bis hin zum Tode des sozialen Körpers führen.

In der Zeitung steht: Schauspieler X ist gestorben, Politiker Y auch und Sportler Z ebenfalls. Wir lernen: auch Schauspielen, Politik spielen und Sport helfen nicht. Stephen Hawkins ist tot – ferne Planeten besiedeln zu wollen, hilft nicht.

Die Gefahr des Terrors, wie in Trébes, liegt nicht in der „Schreckensnachricht“, sondern in ihrem Gegenteil: er dient der Gewöhnung und Abnutzung unseres Interesses an diesen Ereignissen und zerstört unser Mitgefühl mit den Opfern.

Nie mehr Formel I schauen! Ohne Grid Girls ist es nur noch was für Dumpfbacken, die unter Ästhetik Lärm und Rauch und stures Umrunden verstehen.

Es gibt vier Arten von Philosophen: den Akademiker, den genialen Akademiker und den Genialen. Der Akademiker ist ein Erinnerungsdenker. Er hat auf alle Fragen vorgefertigte, angelesene, erinnerte Antworten. In den besten Fällen sind es Allwissende, die, wie psychopathische Schachspieler Zweigscher oder Nabokovscher Statur, nicht mehr vergessen können. Sie sind es, von denen Nietzsche schrieb: „Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren »zu Schanden gelesen«, bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss, damit sie Funken – »Gedanken« geben.“[1] Prototyp: Hösle. Man lernt von ihnen viel und ist traurig. Der geniale Akademiker hat in der Regel einen genialen Gedanken, eine Originalität, ein entree billet in die Philosophiegeschichte, einen Berechtigungsschein für eine Fußnote. Man erkennt diesen Typus an der Verteidigungshaltung, die er einnimmt, wenn er kritisiert wird. Prototypen: Hegel, Marx, Habermas. Auch hier der Systemzwang, um wasserdicht zu sein: Philosophie als Wehrübung. Sein Denken ist logisch, konsistent und kausal – aus der genialen Idee heraus entwickelt er ein System. Daher kann dieser Typus nur fundamental, also am Grund seines Gebäudes, in seinen Voraussetzungen kritisiert werden. Der Geniale hingegen denkt gegen sich selbst, oft kurzschlußartig. Seine Antworten können so überraschend wie falsch sein. Er probiert permanent, hört sich selbst zu, will wissen, wie er klingt, infiziert sich mit Eigengift. Da er oft Unvergorenes von sich gibt, fällt es der akademischen Zunft leicht, ihn in Bausch und Bogen abzulehnen. Das Seriositätskriterium schlägt hier nicht an, man muß das Originalitätskriterium anwenden: Auch ist nicht Wahrheit der Prüfstein, sondern Relevanz. Er hat keine Angst, sich selbst zu widersprechen – es gehört zu seinem Habitus. Prototypen: Husserl, Nietzsche, Heidegger, Deleuze, Sloterdijk. Erkennungsmerkmale: Offenheit, Leichtigkeit, Überlegenheit im Stoff, Spielerisch, Ironisch, Lachend.

Der vierte – ist kein Philosoph. Er wird nur als solcher besoldet

[1] Ecce Homo. Warum ich so klug bin. § 8

siehe auch: Flüchtige Gedanken

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Ein Gedanke zu “Gedankensplitter

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Auf allergrößtenteils fremde Kosten ist gut altruistisch sein, zumal wenn man ein „Ewigmorgiger“ ist, der gar keine Vorstellung mehr vom Nutzen der res publica auch für einen selbst hat.

    Die vierbeinigen Esel sollte man exklusiv im sommerlichen Ramadan nördlich des nördlichen Polarkreises von zweibeinigen essen lassen bzw. im winterlichen südlich des südlichen. Minus mal Minus ist plus. Totidem literis, totidem syllabis, totidem verbis, … der Normtext ist jedenfalls hinreichend dunkel für einen fähigen Exegeten.

    Wie wunderlich und weise
    Hat Gott dies eingericht.

    Man sollte nach Teheran etc. nicht ein Flugzeug voller Bibeln schicken, sondern voller Übersetzungen von Swifts “A Tale of a tub”. Ohne den soliden Unterbau der Heuchelei ist allerdings alle Hoffnung verloren.

    Trèbes.

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