Nur noch ein Gott?

Ein Mal nicht aufgepaßt, schon war es wieder passiert. Es hatte geklingelt und ich lief – entgegen meiner Absicht, zuerst aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, wer da klingelt – an die Tür. Davor standen zwei Damen – gerade die wollte ich vermeiden, denn sie waren „Zeugen Jehovas“ und viele Erfahrungen zeigten, daß Gespräche mit ihnen unverhältnismäßig viel Zeit kosten, ziemlich sinnlos sind und auch schon längst nichts Neues mehr bringen. Ich kenne ihre Theorien, habe sie mir immer und immer wieder angehört, auch einige ihrer Publikationen studiert: egal wo, ob in Deutschland, Italien oder nun in Ungarn, man erreicht immer wieder den Punkt, an dem Kommunikation eigentlich implodiert und aussichtslos wird, kann sie aber ob ihrer Freundlichkeit schwer abbrechen, ohne rüde zu werden.

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Viro-Logisches II

Ursula von der Leyen beschwört die Europäische Union und tadelt jene Nationalstaaten, die souveräne Entscheidungen fällen. Tatsächlich bestätigt die Corona-Krise die Macht des Egoismus, nicht nur an den Verkaufsregalen, sondern auch auf nationaler Ebene. Die Nation zeigt sich nun als das, was sie ist: primär. Die nationale Frage ist – wie Bahro feststellte – „eine objektive Realität von tieferen Gründen als die Klassenfrage“. Nicht Klassen und Schichten finden in der Not zueinander, sondern die Nation. Entitäten wie ein die Nationen negierendes Ideal einer Europäischen Gemeinschaft, in der das Eigenartige nivelliert wird, entpuppen sich plötzlich als Konstrukte, sie sind noch nicht mal „eine objektive Realität“. Umgekehrt bedeutet das: Länder, in denen das Nationalgefühl – und also das Zusammengehörigkeitsgefühl –  systemisch gestört und zerstört wurde, werden derartige Krisen schlechter überstehen können, als mythisch geeinte Länder. Dort, wo sich ein Volk im Selbstverständnis gebildet hat, wird man gemeinsam handeln und auch leiden, sich opfern können; in einer parzellierten Gesellschaft dürften sich die Teile irgendwann gegeneinander wenden.

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Hohepriester des Irrelevanten

Zum Tode George Steiners (23.4.1929 – 3.2.2020)

Warum soll ein großer Denker auch intelligent sein? Das ist eine schwierige Frage. (George Steiner)

Steiner gehört zu den ganz wenigen Autoren und Denkern, denen man sich aus ganz verschiedenen Richtungen nähern kann – vor allem von der Seite. Man hätte ihm literaturtheoretisch oder linguistisch oder kulturkritisch oder historisch begegnen können – das wären die Hauptstraßen gewesen –; meine Konfrontation mit ihm geschah jedoch über Nebenpfade, über die Fundamentalontologie und über das Schach.

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Der Mensch als Demutsübung

Dieser Tage sah ich ein sich paarendes Libellengespann – vermutlich zwei Azurjungfernan der Regentonne Eier ablegen. Das war eine schlechte Entscheidung, denn der Trog trocknet in der Regel mehrfach im Jahr aus und wird noch öfter durch heftige Regengüsse gewaltsam überflutet.

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(Konservatives) Denken und seine Fehler

In den Sommerferien genehmige ich mir gern ein Buch, das ich sonst nie gelesen hätte. Es ist wie beim Schatzsuchen – man hofft auf einen seltenen Fund … und wird doch meist enttäuscht.

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Die mit dem ewigen Feuer spielen

Plötzlich wurde ich alt, steinalt. Ein Blick in den Spiegel, ein graues, fahles Gesicht, zerfurcht, überlebt, verbraucht.

Es waren Worte – was sonst? –, die mich ergrauen ließen, Worte eines Gleichaltrigen, der dennoch einer ganz anderen Generation, einer völlig anderen Welt zugehört.

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