Philosophie = Rassismus

Bang und bänger wird das Herz fast täglich, wenn man die aktuellen Entwicklungen betrachtet, den rasanten Verfall der Freiheit, sich auszudrücken. Man könnte es als schicksalhaft mißverstehen, doch manchmal gibt es Momente, die uns die innere Konsequenz des Prozesses deutlich machen.

Ich spreche vom Verfall der Satire etwa, des Kabaretts, der „Comedy“. Sie ist unerträglich geworden, denn nicht mehr der Witz steht in ihrem Mittelpunkt und auch nicht mehr die Spiegelfunktion, sondern nur noch das Absuchen nach politischen Unkorrektheiten. Und das funktioniert sogar im Negativen, wie man bei den Fällen Eckhart oder Nuhr beobachten kann. Weil sie ins Visier der Gedankenpolizei geraten sind, verflacht ihre Kunst – sofern sie eine ist –, in negativer Dialektik zum politischen Statement, ob sie das nun wollen oder nicht. Gibt es überhaupt noch Künstler von Rang? Gibt es noch Leichtigkeit?

Vielmehr treten nun sogenannte Comedians auf und bezichtigen sich – in klassisch realsozialistischer Manier – früherer Sünden und Schwächen, üben „Selbstkritik“ – wie man sie seinerzeit üben mußte –, um sich weiter anzudienen, um weiterhin ihren Sessel in billigen TV-Shows beanspruchen zu können. Sie zeihen sich selbst des Rassismus und anderer schrecklicher Dinge.

Vor drei Jahrzehnten verunsicherte Helge Schneider noch die deutsche Bürgerlichkeit, indem er subversivste und oftmals nur schwer zu entschlüsselnde – aber trefflich wirkende – Mittel verwandte, mit sogenanntem Nonsens, Unsinn, Klamauk, von der Peripherie also, das Wesentliche zu treffen, wahren Sense, Sinn zu erzeugen. Diese Art des Redens und Spielens können jüngere, schon moralisch schwer belastete Generationen kaum noch verstehen, seine subtile Kunst war seinerzeit unzeitgemäß im Sinne Nietzsches, war philosophisch und ist heute verunmöglicht und im Übrigen auch längst verflacht. Und doch gab es damals dicke philosophische Auseinandersetzungen mit ihm – die nun wie aus der Zeit gefallen wirken müssen –, fand es Eingang in akademische Curricula und studentische Arbeiten. Ein kluger Kopf wie Alexander Kluge hatte das Philosoph-Sein, das Meta-Typische des Ausnahmenkomikers schnell erkannt.

Die Philosophie selbst leidet unter diesen Prozessen und erst jetzt verstehen wir den Furor einiger parasitärer Akademiker, die sich an Heidegger abarbeiteten – nicht am Denker, sondern am Nazi. Die nun bereits sechs Jahrzehnte währende Heidegger-Debatte, die nicht zufällig vom jungen Habermas losgetreten wurde und die seither hunderte „Philosophen“ beschäftigte und sättigte, ja sogar berühmt machte, hat nicht nur die philosophische Debatte überlagert und verhindert, hat nicht nur ganze Bibliotheken an Denunziations- ,aber fast nichts an Denkliteratur hervorgebracht – die letzten nennenswerten Heidegger-Interpretationen sind Jahrzehnte alt –, sie hat vor allem auch den Fuß in die Tür gesetzt, die nun sperrangelweit geöffnet steht.

Seit langem arbeitet man sich auf Lehrstühlen mit Genderdenken, Rassismus, Sexismus, Gleichheit und dergleichen ab, hat Generationen an „kritischen Geistern“ erzeugt, die still im akademischen Dunkel wirkten. Jetzt aber, im Rückenwind der „Schwarze-Leben-zählen“-Bewegung kommen sie an die Oberfläche und setzen ihre „Kritik“ öffentlich fort, die nichts anderes ist als Destruktion, noch nicht mal Dekonstruktion. Dekonstruieren, das ist vorbei, jetzt wird nur noch zerstört. Jetzt wird aufgeräumt und zwar nach hinten, jetzt wird die Geschichte gesäubert, ausgekehrt und alles, was vor Richard David Precht kam, muß als verdächtig gelten.

Nur so ist ein schockierender Artikel wie der von Avram Alpert im „Aeon“ zu verstehen, der von Hegel, Schiller und Rousseau behauptet: „Racism was baked into the very structure of their dialectical philosophy“. Alpert behauptet nicht, daß Rousseau und Hegel „Rassisten“ waren – was nach heutigem Verständnis selbstverständlich ist –, sondern sieht den Rassismus tief in ihr Denken eingewebt[1]; der Erzdialektiker Marx fehlt freilich in seiner Wühlarbeit. Diese Denkfigur kennt man aus der Heidegger-Debatte, denn es genügte den Exekutoren nicht, Heideggers „Verfehlung“, seine Entscheidung, sein Parteibuch oder seine mangelnde Reue zu thematisieren, sie wollten sukzessive immer mehr seinen Nazismus in seiner Philosophie entdecken und diese als Ganze diskreditieren, aus der Diskussion ausschließen.

Nun also sind die Klassiker dran und mit ihnen das gesamte dialektische Denken und Kant, Locke und Hume wurden bereits markiert. Es wird in Zukunft nicht schwerfallen, nahezu alle Köpfe der Vergangenheit anzuschwärzen – wenn man so sagen darf – und es werden sich immer mehr Systemlinge finden, die auf diesem Billet in den Erfolg, den Ruhm, die Versorgung reisen werden. Die Bezichtigung ist wohlfeil und einfach, denn andere Zeiten hatten andere Begriffe und wenn man moderne Begriffe darüberlegt, so wirkt alles Vergangene falsch.

Der Kollateralschaden ist immens, denn er unterbricht den Strom von unseren Ursprüngen, er schneidet die Vergangenheit als ungehörig ab, er wird uns in die systemische Verblödung und Hypermoralisierung führen. Diese Leute wollen die Quellen vergiften, weil sie ihnen nicht rein genug sind, weil sie ihrem Ideal nicht entsprechen. Moraltheorie bekommt eine neue Bedeutung: sie wird nicht mehr systematisch unser moralisches Handeln befragen und bedenken und versuchen, aus den Abstrakta Handlungsempfehlungen zu generieren, sondern sie wird zu einer Suchmaschine, einem globalen Google, nach längst verjährten und gegenwärtigen Verfehlungen.

Siehe auch: So geht Heidegger!

[1] … dialectical thinking is not inherently racist, nor should it necessarily be discarded in the name of some other philosophical understanding of history. Nevertheless, philosophers need to acknowledge that the modern origins of dialectical thought can be directly traced to the explicit racism of philosophers such as Rousseau and Hegel. This explicit racism, as is common, became implicit when it was abstracted into the concepts that these philosophers developed. When we use dialectical thought today – even in the service of antiracism – we risk carrying this racist history into our thinking if we don’t acknowledge and come to terms with it.

Lustige Geschichten andersrum

Immer wieder fragt man sich: wozu all das Neue, wenn es so viel, so unerschöpflich viel Altes und Bewährtes gibt. Schaut man sich im Geschäft die Kinderbuchregale an, kann einem oft seltsam ums Herz werden. Buntes, Grelles, Aggressives, Lautes, Modernes, Fortschrittliches buhlt um die Aufmerksamkeit.

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Die vierte Gewalt

Die eklatanten Mißstände in unserem Medienwesen zu beschreiben und zu erklären, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Weder Moreno noch Meinhardt – aller Verdienste eingedenk – versuchten sich an systematischen Aufklärungen. Uwe Krüger kam dem in seinem verdienstvollen „Mainstream“ am nächsten, indem er die Prozesse innerhalb der Redaktionen unter die Lupe nahm, aber die Einbettung dieser Phänomene in die gesamtgesellschaftliche Atmosphäre hat auch er nicht gewagt. Hier müßte eine historische Analyse durchgeführt werden. Wenn es so etwas geben sollte, dann wohl unter der Aufmerksamkeitsschwelle der Öffentlichkeit.

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Das stille Verschwinden

In einer Bibliothek fallen dauernd ein paar Überschüsse an: Doppelkäufe, Ausrangiertes, ungewollte Geschenke und dergleichen – manchmal habe ich auch kleinere Sammlungen übernommen oder geerbt, von denen nicht jedes Buch nützlich war. Was davon noch zu Gelde gemacht werden kann, biete ich auf zwei Plattformen an, eine davon ist Amazon.

Die haben mir nun zum zweiten Mal eine Mail geschickt über die Sperrung eines von mir angebotenen Buches.

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Mainstream

Bücher, die den Presse-Mainstream entzaubern, haben Bestsellerpotential. Dies allein schon ist ein Indikator des wachsenden Mißtrauens gegenüber Betreuungsmedien.

Hatte Juan Moreno letztes Jahr den Relotius-Skandal als Einzelfall auseinandergenommen, so beschrieb in diesem Jahr der preisgekrönte Ex-Journalist Birk Meinhardt seinen schmerzlichen Abschied von der „Süddeutschen Zeitung“ – er konnte Regulierung und Verengung des Meinungskorridors nicht mehr ertragen. Bei allen Verdiensten bleiben beide Versuche an der Oberfläche, das Systemische wird vermieden oder kommt nur gelegentlich zum Vorschein.

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Die linke Psyche

Für Menschen, die das differenzierte und ausgewälzte distinguierte Gespräch lieben und meist auch für notwendig erachten, ist Twitter ein Graus.

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Die Sprache der Trikots

Die letzten Spieltage der großen europäischen Ligen gaben uns die Möglichkeit, einen ersten Blick auf die Trikots der kommenden Saison zu werfen. Es ist fester Bestandteil der Merchandising-Industrie, jedes Jahr neue Designs einzuführen und die Fans zum Kauf derselben zu animieren. Ein Shirt wird mittlerweile von 70 bis 120 Euro gehandelt – die weltweiten Umsätze dürften enorm sein, bei den großen Klubs macht das Merchandising zwischen 25 und 50% der Gesamteinnahmen aus – wir sprechen hier von hunderten Millionen. Ein neues, hochwertiges und attraktives Trikot anzubieten – genau genommen sind es drei verschiedene: Heim, Auswärts und drittes – ist ein wesentliches Ereignis, Star-Designer werden engagiert, Ausstatter gewechselt, um immer nahe am Bedarf zu sein.

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*innen

Nur mal so im Vorbeifahren: Las diesen Satz im Parteiorgan „Frankfurter Rundschau“ über „Rassistische Polizeigewalt“:

„Trotz der Polizeiaktion harrten rund 50 Demonstrierende weiter aus. Sie riefen den Polizist*innen Begriffe wie „Mörder“ zu und forderten sie auf, ihren Dienst zu quittieren.“

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Wie man Vertrauen verliert

In meinem erweiterten Freundeskreis gibt es gleich zwei Abonnenten und bekennende Leser der „Süddeutschen Zeitung“. Es ist noch gar nicht lange her, da bekannte ich, just dieses Blatt kaum noch lesen zu können, so groß seien mittlerweile die Aversionen gegen ein stromlinienförmiges Propagandaorgan. Ich erntete beide Male entsetzte Blicke, die ein fundamentales Erstaunen signalisierten und beide Male vehemente Verteidigungen dieses Flaggschiffes des offenen Meinungsaustausches und der objektiven Information.

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Die tägliche Dosis

„Komm, wir schalten das Radio an“, sage ich zu meiner Frau, „mal hören, wie lange es dauert bis zur ersten Propagandasendung“. Es ist kurz nach 15 Uhr, wir haben soeben die deutsche Grenze – unkontrolliert – überfahren. Ich wähle den Deutschlandfunk, kann das allgemeine Gedudel nicht ertragen. Und – ungelogen – es dauert ganze drei Minuten bis wir auf diesen Satz stoßen: „Auch wenn es häufig zutrifft, Pop-Musik ist nicht zwingend progressiv und links.“

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Intoleranztoleranz

Die Klappe zu halten, ist gar nicht so einfach. Jeden Tag werden wir Zeugen neuen Unsinns, neuer Lügen, Verdrehungen, Windungen, überall werden die Dinge von den Füßen auf den Kopf gestellt, uns aber das Gegenteil versichert.

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Blind gegen sich selbst

Ich sage es gleich vorweg und entschuldige mich bei der Leserschaft: der Informationsgehalt der kommenden Zeilen ist gering, sie unterbieten den eigenen Anspruch, wenigstens ein bißchen anders, um die Ecke zu denken – sie sind reine Empörung!

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Argumentum ad lapidem

Eine schöne Legende berichtet, daß Samuel Johnson den Solipsismus Berkeleys, sein esse est percipi – Sein ist Wahrgenommenwerden –, also den Gedanken, es gebe keine materiellen Dinge, sondern immer nur Ideen und Vorstellungen von ihnen, mit einem beherzten Tritt gegen einen Stein widerlegte oder zu widerlegen glaubte.

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Die Peitsche zeigen!

Etwas Seltsames war vor einigen Tagen passiert. Unsere Katze hatte sich hinter den Schrank gepreßt und klagte jämmerlich. Zuerst fürchtete ich, sie habe sich verletzt oder ein anderes Tier wäre eingedrungen und sie versteckte sich, oder sie hatte sich eingeklemmt und kam nicht mehr heraus? Nichts von alledem. Es war das Gewitter, vor dem sie erschrocken war.

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Postmodernes Denken verstehen

Warum über Abduktion reden? Der Sinn dieser Beschäftigung wird nicht allen Lesern aufgegangen sein. Ich möchte daher einige ganz basale Schlußfolgerungen, nicht erschöpfend, in einfachen Worten ziehen.

Es ist vor allem im rechten Denkbereich Usus geworden, das sogenannte postmoderne Denken abzulehnen, lächerlich zu machen, als schuldig zu markieren für den Verlust unserer kritischen Denkweise und der Sicherheit der Werte.

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Polizeigewalt

Die deutsche Sprache hat die verblüffende Eigenschaft, in vielen Komposita uneindeutig zu sein – ein Begriff wie „Polizeigewalt“ kann theoretisch beides beschreiben: die Gewalt der Polizei und die Gewalt gegen die Polizei. Wir wurden in den letzten Tagen mit beidem reichlich versorgt.

Gleichwertig sind die beiden Gewaltformen nicht. Beide sind, wenn sie systemisch auftreten, besorgniserregend. Die eine signalisiert die Erosion des Staates, die andere seine Wucherung hin zur Gewaltherrschaft.

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I can’t breathe

Has it ever occcured to you, Winston, that by the year 2050, at the very latest, not a single human being will be alive who could understand such a conversation as we are having now?

Mir verschlägt es regelmäßig die Luft, wenn ich morgens die Zeitungen durchblättere. Orwells Vision ist längst keine mehr, sie ist Realität.

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Die Rassismus-Lüge

Geschichte verläuft in Wellen, auch die Mikrogeschichte. Gab Corona bis vor wenigen Tagen noch verschiedensten Eigenbrötlern – die man nur allzu gern unter dem Label „rechts“ subsumierte – die mediale Oberhand, so hat der Hype um den fragwürdigen Tod eines mutmaßlich Kriminellen, der nebenbei phänotypisch „schwarz“ war, der Linken wieder einen Vorwand gegeben, die Themenhegemonie zu beanspruchen.

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Der Weg aus der Rassismus-Falle

Zu den dramatischen Ereignissen in den USA wollte ich mich eigentlich nicht äußern. Die Sache ist zu komplex, um sie auf einem Blog abhandeln zu können. Bereits der auslösende Vorfall offenbart immer mehr Facetten, je mehr man sich informiert und das Problem „Rassismus“ ist ohnehin nahezu unlösbar. Erst ein kurzes Statement von Lewis Hamilton, dem Formel 1 Weltmeister hat mich getriggert, nun doch etwas zu sagen – ohne es auflösen zu wollen.

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