1. Weltbürgertum und Globalisierung

Heute fragte mich ein ungarischer Freund, ob ich nicht auch Weltbürger sei? Sein Sohn war zu Gast, nebst Familie. Die lebt nun in Spanien, hatte zuvor lange Jahre in der Schweiz gewohnt. Die Enkeltochter, um die 12 Jahre, mit der ich ein paar Worte sprechen konnte – auf Deutsch – nannte Englisch ihre bevorzugte Sprache. Die Muttersprache beider Eltern ist freilich Ungarisch, in Zürich lernte sie Deutsch als Umgangssprache und Schweizerisch als Lebensgefühl, und nun erlernt sie an einer englischen Schule in Spanien auch Französisch. Und Spanisch nebenbei auf der Straße.

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Stefan Georges Moderne

Muß man unbedingt modern sein?

Il faut être absolument moderne. Arthur Rimbaud

Stefan George (* 12. Juli 1868 bis † 4. Dezember 1933) gehört zu jenen wenigen rein polarisierenden Autoren, die nahezu ausschließlich apodiktische Urteile provozieren.

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Das ist Fortschritt!

Während ich durch einen alten Band der Kant-Studien (Band XXIX, Heft 1/2) blättere, fällt mir eine kurze Bekanntmachung auf.

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Demokratie – ein schönes Wort

Am 29. April 1933 schreibt Kurt Hildebrandt an Stefan George: “Ich bin gestern in ‘die‘ Partei eingetreten. Die Beamten sind in den letzten Tagen in solchen Mengen übergetreten und eingetreten, daß ein Nicht-Eintreten geradezu Widerstand und freiwillige Selbstausschaltung bedeutet. Der Universität gegenüber könnte der Eintritt eine eher positive Bedeutung haben und ich glaube, es besteht kein Grund, dieser auszuweichen.“

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Werther in Ungarn

Wir kommen gerade aus dem Theater. Eigentlich gehe ich nicht mehr. Kann diese dauernde Belehrung, das ewige Moralisieren, gepaart mit Verhunzung einfach nicht mehr ertragen: die Springerstiefel, die Uniformen, die nackten Brüste, dieses Dudududu, das macht man, denkt man, sagt man nicht, das verkappte AfD-Bashing, das wir-sind-bunt-Gelaber … vor allem aber die Erstarrung der schauspielerischen Leistung unter all diesen Vorgaben, die abgelebten Verkörperungen, die Wiederholung gekünstelter Mimik und Gestik und die ideologische Verfremdung oft bewundernswerter Texte.

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Auf die Hündin gekommen

Frau Göring-Eckardt hat gelitten – „wie eine Hündin“. Das hat sie gesagt: „Ich habe an dem Morgen, an dem ich darüber nachgedacht habe, gelitten wie eine Hündin.“ Es geht um die Koalitionsverhandlungen, doch die sind nebensächlich. Die Hündin ist wichtiger! Das eine ist nur Politik, das andere Ontologie.

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Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben. Weiterlesen

Den Koran lesen

I took up the Bible and began to read, but my head was too much disturbed with the tobacco to bear reading, at least that time; only having opened the book casually, the first words that occur’d to me where these: Call on me in the day of trouble, and I will deliver, and thou shalt glorify me. (Robinson Crusoe)
Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen … Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht. (Die neuen Leiden des jungen W.)

Robinson Crusoe, so erzählt uns Daniel Defoe, überlebte 28 Jahre auf einer einsamen Insel und dabei hat ihm – entgegen allen Popularisierungen – vor allem eines geholfen: die Bibel. Der Zufall (oder Gott?) wollte es, daß in einer der angeschwemmten Kisten auch das Buch lag, mit dem der junge Seemann zuvor noch keine Bekanntschaft geschlossen hatte. Im zweiten Jahr, während einer schweren Krankheit und psychischen Anfechtung, schlägt er es nach einem offenbarenden Traum auf und es spricht zu ihm. So, denke ich, muß man ein solches Buch lesen. Ohne Vorwissen, Vorgaben, Voreingenommenheit.

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Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

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Linke Liebe und richtige Liebe

Der aufrüttelnde – „Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt“ – und bemerkenswert ehrliche – „ich stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen“ – Beitrag einer linken Feministin – ist das schon eine Platitude? – führt mich down the memory lane, weckt Erinnerungen.

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Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Der kleine Unterschied

Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders. (Goethe: Dichtung und Wahrheit)

Was immer dir Gutes widerfährt, ist von Allah, und was immer Böses dir widerfährt, ist von dir selber. (Koran: Sure 4.79)

Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Wandern mit Fatiha und Fallersleben

Lange Wanderung mit den Syrern – ich mache es kurz. Nur ein paar Schlaglichter.

Kaum von der Hauptstraße abgebogen – auf der sich zufälligerweise auch die größte Erstaufnahme befindet – in ein kleines Garten- und Einfamilienhausgebiet, hält neben uns ein großer Wagen, werden wir gefragt: „Na, ihr habt euch wohl verlaufen?“ Man mag die Dunkelhäutigen nicht in den besseren Vierteln und man ist sie dort auch nicht gewöhnt. Kurzes Erstaunen des Dicken im Auto – ein Lokalpolitiker –, als ich in perfektem Deutsch antworte. „Männertag ist vorbei“, sagt er. „Man kann auch an anderen Tagen wandern, in diesem Land“ und Abfahrt.

Das Thema zieht sich freilich durch den gesamten Tag. Das erste warme Maiwochenende lockt viele Menschen in die Natur. Immer wieder begegnen uns abweisende, vornehmlich männliche Blicke. Araber im Stadtzentrum sind mittlerweile Alltag, Araber inmitten der Natur wirken befremdlich und scheinen als unerlaubtes Eindringen und Landnehmen empfunden zu werden.

Besichtigung einer alten Windmühle mit Führung. Beeindruckende Technik, alles aus Holz und genial konstruiert. Hussain ist begeistert, Khaled simst derweil seiner Verlobten.

Deutsche Ingenieurskunst aus arabischer Perspektive

Deutsche Ingenieurskunst aus arabischer Perspektive

Wir singen Wanderlieder und rezitieren den Osterspaziergang. Khaled beginnt, die deutsche Nationalhymne zu intonieren. Hussain übernimmt, singt den ganzen Text fehlerfrei herunter. Nur die Melodie geht schnell verloren und wird durch einen typisch arabischen tremoloartigen Singsang ersetzt. Zum Schießen! Vielleicht war ich Zeuge der Geburt der künftigen Hymne, ein Mix aus Fatiha und Fallersleben.

Neben Islam, Deutschland und Syrien sprechen wir auch über Pflanzenkunde. Immer wieder zupfe ich ein Blatt – junge Buche, Schaumkraut, Löwenzahn, Tannenspitzen, Spitzwegerich, Knoblauchrauke, Schlehenblüte, Brennessel, Gänseblümchen, Sauerklee, Sauerampfer usw. – und stecke es in den Mund. „Alles essen!“, lacht Khaled jedes Mal auf. Ich muß ihn bremsen, sich wahllos Pflanzen in den Mund zu stopfen.

Auf dem Weg repetiert er: Schlehe, Raps, Löwenzahn, Beinwell, Kastanie immer schneller, bis in seinem Munde alles nur noch ein Pflanzenbrei ist.

Eine wunderschöne einsame Tulpe steht am Wegrand. Er solle ein schönes Photo für die Verlobte machen, schlage ich vor. Statt sich neben der Schönheit niederzuhocken, reißt er sie zu unserem Entsetzen ab und hält sie lachend vors Gesicht.

Khaled nach zwei Stunden straffen Marsches: „Deutsche Chef (meint mich) keine Pause, arabisch Chef nach ein Kilometer Pause, dann ein Kilometer und wieder Pause …“

Katze scharf auf Chubz (arabisches Fladenbrot)

erste Pause: Katze scharf auf Chubz (arabisches Fladenbrot)

Unterwegs treffen wir eine andere kleine Wandergruppe: eine mir bekannte Flüchtlingshelferin geht mit einem Afghanen wandern. Sie fragt, ob ich eine 17-köpfige Gruppe von Afghanen unterrichten könnte – 15 bis 25 Jahre, vom Analphabeten bis gut Ausgebildeten.

Suche nach einem geeigneten Gebetsplatz im Dickicht. Man darf bei Wanderungen zwei Gebete zu einem zusammenziehen. Diskussion über die Gebetsrichtung, ohne Mekka-App. „ER wird es euch vergeben“, sage ich, aber nein, es muß alles stimmen.

Wir übersehen das Vogtland in voller Weite, der Himmel ist offen und frei. Khaled breitet die Arme aus und ruft: Alles meine Heimat! (In drei Tagen verläßt er uns und zieht Richtung Heilbronn.)

Ich erwähne die Bismarcktürme. Khaleds Augen strahlen. „Bismarck gut, Bismarck wie Hitler“, sagt er. Die alte Vorliebe für den starken, den eisernen Mann. Kurzer Stopp mitten auf der Treppe, Geschichtsminute: „Bismarck war … und einte Deutschland durch drei Kriege gegen …“ Zu meiner großen Überraschung ergänzt Khaled wie aus der Pistole geschossen: „Dänemark, Frankreich und Italien“. Letzteres ist entweder falsch oder zeugt von echtem, partiellem Geschichtswissen.

Auf dem Mosenturm über der Talsperre

Auf dem Mosenturm über der Talsperre

Auf dem Mosenturm. Von dort überblickt man die Talsperre. Direkt gegenüber der FKK-Strand (leer). Ich erkläre ihnen, was FKK bedeutet. Hussain übersetzt, Khaled kann nur lachen bei der Vorstellung. Für Hussain aber ist es falsch, verkehrt, nicht richtig. Warum? Ist es nicht unsere Natur, sind wir nicht nackt geboren, ist Kleidung nicht nur Konvention …? Nein, das geht nicht. Wir sind keine Tiere. Nacktsein ist wie ein Tier sein.

Nach 20 km gibt es Magnesiumtabletten; Hussains Knie schmerzen. In Mazedonien und Ungarn mußte er 40 km am Stück gehen – ohne Magnesium und ohne „deutschen Chef“.

… das Land, wo die Zitronen blühn

„Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Sie ist nicht mehr europäisch. Man kann in ihr gehen und sich fühlen wie in Istanbul oder Beirut.“

„Palermo ist eine Stadt des Nahen Ostens auf europäischem Boden. Es ist eine bunte Stadt wie ein Mosaik und wir sind froh darüber.“

„Früher, als die Mafia noch stärker war, verhinderte sie, daß die Immigranten in die Stadt kamen. Als ich 30 Jahre alt war, habe ich keinen einzigen Afrikaner oder Asiaten in Palermo gesehen. Jetzt jedoch sind wir eine Migrantenstadt.“

Leoluca Orlando – Bürgermeister Palermos, Christdemokrat

Schutz dem Vogel, Pierre

Haßprediger Pierre Vogel auf ISIS-Todesliste“ – solcherart, in vielerlei Varianten, lauteten die Schlagzeilen der Medienriesen. Wer sich auch nur ein wenig mit Islam und Islamismus in Deutschland beschäftigt, kommt an dem lustigen jungen Mann mit rotem Bart und weißem Kaftan nicht vorbei. Ein Lächeln hat er stets parat und mich zumindest bringen seine Videobotschaften auch immer wieder zum Lachen. Der komplexen Wahrheit näher dürfte der Slogan des BR kommen: „Sozialarbeiter, Salafist, Hetzer – Pierre Vogel gilt als gemäßigter salafistischer Prediger. Seine Anhängerschaft will er auf den Pfad der Tugend führen – ein gottgefälliges Leben ohne Drogen und Disko. Aber dabei bleibt es nicht immer. Vogel-Zöglinge militarisieren sich.“

Mir scheint, Vogel ist tatsächlich sanfter geworden. Je mehr er sich in seine bemerkenswert gelehrte arabisch-islamische Welt vergräbt, umso weniger scheint die alte Boxer-Mentalität hervor. Tatsächlich  aber hat er ein Problem: Manche seiner Schüler wollen mehr. Gerade erst machte der Fall der 15-jährigen Polizistenattentäterin aus Hannover die Runde. Eine Tat, die Vogel verurteilte, aber das „belastende“ Videomaterial, das ihn vor sechs Jahren stolz die junge übereifrige und lernwillige Safia S. präsentieren läßt, ist nun mal da. Vogel erntet nicht zum ersten Mal die bitteren Früchte der Radikalisierung. Wie ein Zauberlehrling, der das Wort vergessen hat, kann er die Geister, die er rief, nicht mehr bewältigen: sie stürzen rechts und links an ihm vorbei in die heilige Schlacht. Dem Staatsschutz ist er zu extrem, er steht unter Beobachtung.

Seit ein paar Tagen hat der Salafist ein zweites Problem. Einigen ist er nicht radikal genug. Nicht irgend jemand mäkelt da, sondern ein Gegner, den man nicht gern hat: der IS. In seiner letzten Ausgabe der Hochglanzzeitschrift „Dabiq“ wird er – so schreiben es die Medien – auf eine Todesliste von „abtrünnigen Imamen“ gesetzt. Kritische Äußerungen zu jüngsten Terrorattacken dürften eine Rolle gespielt haben.

Häme ist fehl am Platze: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ … Manch ein Leser mag in einem ersten Impuls gedacht haben: Sollen sie sich doch gegenseitig abschlachten. Das wäre fatal.

Tatsächlich sollte man weiterdenken. Angenommen, die Drohung wäre real, hätte Pierre Vogel dann nicht ein Anrecht auf Polizeischutz? Nicht nur auf Über-, sondern auch auf Bewachung? So wie ein Böhmermann etwa oder ein Abdel-Samad?

Er hätte nicht nur ein Recht darauf, es wäre auch die Pflicht des Rechtsstaates für ihn einzustehen. Die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Ideologie kann nur besiegt werden, wenn man die Kette unterbricht.

Und manchmal, und manchmal, wenn auch selten, gibt es Wunder und Zeichen. So zum Beispiel geschehen mit Ahmed Akkari, einst leitender Imam in Aarhus und Hauptverantwortlicher für die Exzesse der Mohammed-Krise. Trotz des immensen Schadens, den auch sein Handeln angerichtet hatte, begegnete ihm die dänische Gesellschaft im Großen und im Kleinen weiterhin mit Offenheit und Toleranz. Und irgendwann – das wird später Thema eines Artikels sein – irgendwann mußte Akkari die Stärke der „Schwäche“ begreifen, irgendwann erweichte sich sein Herz und er bat um Vergebung, löste sich vom radikalen Islam, begann offen darüber zu reden und aufzuklären und wirkt seither auf der demokratischen Seite – freilich noch immer, wenn auch aus anderen Gründen, unter dem Schutz des Staates.

Aber selbst, wenn es solche Bekehrungen nicht geben sollte, so verpflichten uns unsere Werte dazu, innerhalb unserer Gesellschaft, auch und gerade unsere Feinde in angemessenem Umfang und gegen äußere Bedrohungen, zu schützen. Nur das kann die Überlegenheit des demokratischen Wertesets beweisen.

Lesen Sie zum Thema: Die Chance des „Haßpredigers“

Antikes im Neuen

Weimarer Impressionen

Kurz vor der Abfahrt schnell noch den kleinen Antikladen besucht. Ein älterer Herr sitzt im barocken Lehnstuhl in der Ecke, Anzug mit Fliege und Einstecktuch, und begrüßt uns mit den Worten: „Womit kann ich Sie glücklich machen?“ Eine große Frage, die mich zumindest vorerst lähmt. Ich lausche dem Wortgeplänkel der anderen, schaue mir derweilen die Goethe-Devotionalien an.

Ein schöner gerahmter Stich – dafür würde sich zu Hause sicher noch ein Platz finden. „Was kostet der?“, lautet mein Einstieg ins Gespräch. Behäbig nimmt er das Bildchen von der Wand und schaut auf die Rückseite. Dort steht eine astronomische Zahl, die er durch vier teilt. Es ist noch immer das 15-fache meiner Schmerzgrenze. „Ich überlege es mir“. „Aber was wollen Sie mit so einem Goethe?“, fragt er mich. „Nehmen Sie besser den hier. So sah Goethe aus, fett, satt, ein Schwerenöter, Schürzenjäger und Schlaumeier.“ – „Man kann aus Goethe alles machen“, erwidere ich, „und ich bevorzuge lieber die Illusion.“

Und so kommen wir ins Gespräch. Der Mann hat sich auf Spazierstöcke spezialisiert und betreibt das kleine Krawattengeschäft gegenüber noch dazu. Tritt drüben jemand ein, dann wechselt er das Geschäft über den Hof. Während der nächsten 60 Minuten betritt weder hüben noch drüben ein Kunde den Laden. Er sei einer der letzten acht überlebenden Antikhändler in der Stadt. Der neunte wurde gerade zu Grabe getragen. Keiner seiner Kollegen lebe davon, man müsse es sich schon leisten können. …

Da ist die Politik nicht weit. Er sieht die Einwanderung als große und einzige Chance. Wir fragen nach. Ich erzähle von meinen Deutschstunden. Als ich von den Syrern spreche, unterbricht er: „Die sind alle mindestens dreisprachig, nicht wahr?“

Alles ginge ja den Bach runter in Deutschland und jetzt sei die Chance, uns zu verjüngen, frisches Blut und neue Gedanken. Und wie viele von den Neubürgern werden seine Krawatten kaufen oder diesen Antik-Laden beleben? Er will flexibel bleiben. Den Antik-Laden gebe er sowieso bald auf. Ein Käufer in Schanghai würde den gesamten Bestand übernehmen. In China ist deutsche Kulturgeschichte gefragt. Aber in Seide wolle er weiter machen, und wenn keine Krawatten für distinguierte Männer, dann eben Shawls für muslimische Frauen.

Umberto Eco über Migration

Die Rassisten müßten theoretisch eine aussterbende Rasse sein. (Eco)

Noch einmal Eco! Unter allen Nachrufen auf den großen Mann stechen die Worte Arno Widmanns von der Berliner Zeitung heraus – zumindest auf den ersten Blick und von den Flüchtigkeitsfehlern abgesehen; eine Zweitlektüre läßt Zweifel aufkommen. Immerhin macht er auf einen äußerlich unscheinbaren Text Ecos aufmerksam, der den geäußerten Genieverdacht zu bestätigen scheint. Wenigstens was den aus der Geschichte heraus denkenden Visionär betrifft. Schon vor fast 20 Jahren beschrieb der polyglotte Polykulturalist zwei Erscheinungsweisen der Jetztzeit. Die Entartung der politcal correctness zum Fundamentalismus und die Migrationsströme des dritten Jahrtausends – nach christlicher, besser eurozentrischer Rechnung.

„Die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare“ heißt das Traktätchen – es zeigt auch Ecos blinden Fleck oder seine Zeitgebundenheit. Trotzdem hat Widmann recht: Hätte man Eco damals verstehend gelesen, wir müßten nicht vor einem derartigen Scherbenhaufen aus mißlungener Humanität, gesellschaftlicher Zerrissenheit, Bigotterie und schnell zusammengeschusterten Notlösungen stehen. Eco setzt für das neue Jahrtausend ein „Gemisch von Kulturen“ voraus, er sieht ein Europa, das dem New York der 90er Jahre ähnelt. Dort

„erleben wir die Negation des Konzepts vom melting pot, verschiedene Kulturen existieren nebeneinander, von den Puertoricanern bis zu den Chinesen, von den Koreanern bis zu den Pakistani; einige Gruppen haben sich miteinander vermischt (wie Italiener und Iren, Juden und Polen), andere bleiben getrennt (in verschiedenen Vierteln, wo sie verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Traditionen pflegen) und alle treffen sich auf der Basis einiger allgemeingültiger Gesetze und einer allgemeingültigen Verkehrssprache, des Englischen, das jeder leidlich genug spricht, um sich verständigen zu können.“

Hier muß man freilich Einspruch erheben. Mittlerweile ist die Zweisprachigkeit in den USA ein anerkanntes Problem geworden. Der Süden ist hispano- der Norden anglophon und immer weniger Menschen lernen die andere Sprache. Es wurde sogar schon die Teilung des Landes angedacht. Vor allem aber übergeht Eco einen wichtigen Fakt, den er zwar nennt, aber nicht zu denken wagt. Warum, so muß man sich doch fragen, haben sich Italiener, Iren, Juden und Polen – Deutsche dürften auch dazu zählen – miteinander vermischt, wohingegen Puertoricaner, Chinesen, Koreaner oder Pakistani „nebeneinander existieren“? Es liegt auf der Hand: die kulturellen und religiösen Differenzen sind zu gravierend. Es genügt Ed McBain zu lesen, den großartigen Krimiautor – der hat in über hundert Romanen anhand der „Big Bad City“ die Phänomenologie der Migration, die Eco fordert, schon längst entworfen … spannend zu lesen, aber kein schönes Bild.

Aber Eco will eigentlich die Abstraktion und die Kritik, die Unterscheidung und da wird er wieder wichtig. Es ist die (Im)Migration:

„Man sollte den Begriff der ‚Immigration‘ von dem der ‚Migration‘ unterscheiden. Immigration liegt vor, wenn einige Individuen sich aus einem Land in ein anderes begeben. Immigrationsphänomene können politisch kontrolliert, begrenzt, gefördert, programmiert und hingenommen werden. Nicht so die Migrationen. Gleich ob sie gewaltsam oder friedlich daherkommen, sie sind wie Naturphänomene. Sie treten ein und niemand kann sie kontrollieren. Migration liegt vor, wenn ein ganzes Volk aus einem Gebiet in ein anderes zieht (wobei es nicht relevant ist, wie viele von ihm im Ursprungsland bleiben, sondern wie radikal es die Kultur des Landes, in das es eingewandert ist, verändert).“

Dann unterscheidet Eco zwischen verschiedenen historischen Migrationsformen – eine Arbeit, die endlich fortgesetzt werden müßte.

Sind Migrationen wie Naturphänomene? Ja und nein! Selbst ein berstender Staudamm – wie die Mossul-Talsperre – wäre ein Naturphänomen, wenn es denn eintritt, und doch von Menschen gemacht. Daß es im Zeitalter der Globalisierung und Verflüssigung, „in einem Klima großer Mobilität“ – das hat Eco als einer der ersten gesehen – zu geschwinden Strömen, plötzlichen Wirbeln und überraschenden Wellen auch an Menschen kommen wird, ist unvermeidlich, das konkrete Wie aber beeinflußbar.

„Immigration haben wir nur, wenn die Immigranten (die aufgrund einer politischen Entscheidung aufgenommen worden sind) in großer Zahl die Lebensweise des Landes, in das sie einwandern übernehmen, Migration dagegen haben wir, wenn die Hereinströmenden (die niemand an der Grenze aufhalten kann) die Kultur des Landes radikal verändern.“

Sowohl Anzahl als auch Abstand dürften entscheidend sein.

„Solange man es mit Immigration zu tun hat, können die Völker hoffen, die Immigranten in einem Ghetto zu halten, damit sie sich nicht mit den Einheimischen vermischen. Ist es Migration, dann hilft kein Ghetto mehr, und die Vermischung wird unkontrollierbar. Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden, ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll. Das Problem ist, daß Europa im nächsten Jahrtausend ein … vielrassiger, wenn man lieber will, ein ‚farbiger‘ Kontinent sein wird. Ob uns das paßt oder nicht, spielt keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem kommen.“

Darin die Aufforderung zu erkennen – wie Widmann das tut – einer problematischen Sache eine freiwillige Affirmation entgegenzusetzen, um sie dann als Problem aus dem Zirkel der Aufmerksamkeit gezaubert zu haben und sie vielleicht sogar positiv voranzutreiben – als quasi-marxistischer Helfer der Geschichte –, entbehrt der Logik, die hier ohnehin verletzt wird. Liest man diese Zeilen genau, dann fällt der Kategoriensprung auf. Gleichsam im Nebensatz schwenkt Eco vom ethnischen und kulturellen Fokus auf den religiösen. Ob er es nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte, er meidet jedenfalls diese Auseinandersetzung, was umso erstaunlicher ist, als er im nächsten Abschnitt ausführlich über den wachsenden Fundamentalismus und Integralismus spricht, ohne auch nur das Hauptproblem zu benennen: die Einwanderung einer Fundamentalreligion, deren innerster Kern der totale Integralismus ist.
Die Kernfrage der Zukunft wird sein, wie die „Offene Gesellschaft“ mit sich rasch vermehrenden geschlossenen Ideologien umgehen wird: bleibt sie offen, wird sie an ihrer Offenheit schon numerisch untergehen, bekämpft sie das Geschlossene, ist sie nicht mehr offen. Ecos Trost, daß diese Ein- und Unterwanderung wie im dekadenten Rom sich über Jahrhunderte hinziehen könnte, ist angesichts der vollkommen anderen Mengen und der Fluidität auf allen Ebenen leider wohl ein Selbstbetrug.

Schließlich widmet er sich dem Begriff der Toleranz. Auch hier sind Licht und Schatten eng beieinander. Erfrischend ist, den Begriff nicht als Ideologem behandelt zu sehen:

„Intoleranz beginnt vor jeder Doktrin. In diesem Sinne hat sie biologische Wurzeln … Intoleranz gegenüber dem Andersartigen oder Unbekannten ist beim Kind so natürlich wie der Instinkt, sich alles, was es haben will, einfach zu nehmen. … Es ist jedoch nicht so, daß die Doktrinen der Verschiedenheit diese rohe Intoleranz hervorbrächten. Im Gegenteil, die Doktrinen machen sich einen bereits diffus vorhandenen Bodensatz von Intoleranz zunutze.“

Gegen diese rohe Intoleranz könne keine Theorie und kein Intellektueller etwas ausrichten. Sie in die politische Rechnung von vornherein mit aufzunehmen – das scheint die Konklusion daraus zu sein – ist ein Akt staatskluger Weisheit, sie auszuschließen und mit Moralin zu übergießen – was wie ein Brandbeschleuniger wirkt – dagegen politische Dummheit. So verabscheuenswürdig die zahlreichen direkten Angriffe auf Flüchtlinge sind, sie waren so vorhersagbar und damit auch einrechenbar wie der morgige Sonnenaufgang.

Leider hat Eco es hier versäumt, den Begriff der Toleranz näher zu beleuchten, obwohl er der italischen Sprache entstammt: „tolerare“. Er bedeutet nicht „anerkennen“, wie viele meinen, sondern „dulden, ertragen, aushalten“. Goethe hingegen hatte das Problem bereits erkannt. Dabei muß man genau auf die grammatischen Subtilitäten achten, wenn er in den Maximen und Reflexionen schreibt:

„Toleranz sollte eigentlich eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Quelle: Umberto Eco: Vier moralische Schriften. München 1998

Das Gleichnis von der Mücke

WHO : Das Zika-Virus wird zum globalen Notfall

Mücke

©Wikipedia gemeinfrei

Sollt‘ ich nicht ein Gleichnis brauchen,

Wie es mir beliebt,

Da uns Gott des Lebens Gleichnis

In der Mücke giebt?

Goethe (West-östlicher Divan)

Goethe bezog sich dabei auf Sure 2 Vers 26 des Koran:

„Gott scheut sich nicht, kleine Kreaturen, sei es eine Mücke oder ein größeres Lebewesen, zum Gegenstand von Gleichnissen zu machen. Die Gläubigen wissen, daß es die göttliche Wahrheit von ihrem Herrn ist. Die Ungläubigen aber fragen erstaunt: ‚Was meint Gott mit diesem Gleichnis?‘“