Droht ein neuer Faschismus?

Noch ist die Lage nach der Thüringer Skandalwahl unübersichtlich und in ihren Langzeitfolgen kaum abzusehen. Eines aber scheint bereits festzustehen: es herrscht auf Seiten der politischen Linken offenbar eine reale Angst vor dem Faschismus, den man in der AfD verkörpert sieht, und man darf diese Partei und ihre Vertreter nun offen als „Faschisten„, „Nazis„, „Rechtsextremisten“ oder „Nationalsozialisten“ beschimpfen, ohne daß es noch ernsthafte Widerrede gäbe. Auch wird man in der Presse nicht müde, fragwürdige historische Vergleiche zur späten Weimarer Republik oder zum Aufstieg der NSDAP zu bemühen. Aus diesem Grund möchte ich noch einmal einen Artikel vorlegen – auch für die neue Leserschaft -, der sich der Frage, ob ein neuer Faschismus in Deutschland überhaupt möglich ist, widmet.

Weiterlesen

Freiheit ist schwer

Über Berdjajews großes Manifest für den selbstwaltenden Menschen

In Berdjajew liest man sich am besten von hinten ein. Sein letztes großes Buch hat Testamentscharakter. Daraus macht er gleich zu Beginn keinen Hehl, wenn er die notwendige, weil existentielle Widersprüchlichkeit seines Schaffens betont.

Weiterlesen

Lob der Faulheit

Offenbar hatte der kleine satirische Beitrag über den Unsinn des Laubblasens einiges Unverständnis ausgelöst. Daher lege ich hier eine Grundlegung der Faulheit in zwei oder drei Teilen vor, die sich mit dem Begriff der Arbeit in der Moderne und der modernen Literatur und Philosophie beschäftigt und im weiteren Kontext mit der Frage „Was ist Kynismus“ gesehen werden sollte. Auf Grund der Länge werden die Texte auch als PDF zur Verfügung gestellt.

Lob der Faulheit PDF


Geschichte und Philosophie der Faulheit Teil 1

“What is called a man or woman of action is almost always a deformed and deficient artist who yearns to express himself or herself but, unable to express by creating, must assert by interfering. Such people are our misfortune, and there are good many of them. They cannot find satisfaction in love, friendship, conversation, the creation of contemplation of beauty, the pursuit of truth and knowledge, the gratification of their senses, or in quietly earning their daily bread: they must have power, they must impose themselves, they must interfere. They are the makers of nations and empires, and the troublers of peace … They must impose their standards and way of life. Worst of all, they drive the less clear-sighted of the potentially civilized into self-defensive action – into semi-barbarism that is to say. From these pests comes that precious doctrine, the gospel of work: as if work could ever be good in itself.” (Clive Bell)

Im Nachfolgenden sollen Verteidiger eines „Rechts auf Faulheit“ vorgestellt werden, um eine heterogene Tradition sichtbar zu machen. Diese Tradition ist lang, sie reicht in die Anfangsgründe der Überlieferungen zurück. Besonderes Interesse verdienen dabei jene Köpfe, die der Moderne zugeordnet werden, jene also, die den aufklärerischen und eschatologischen Impuls der Technisierung und des Fortschritts bewußt erlebt und erlitten haben, denn ihre Erfahrungen sind mit den unsrigen noch am ehesten vergleichbar und unter Umständen auch nutzbar. Die Auswahl muß willkürlich bleiben, versucht jedoch, durch die Vielfalt der präsentierten Ansätze, ein Abstraktum jenseits der Ideologien und Weltanschauungen anzudeuten, denn wir arbeiten mit dem Verdacht, uns auf anthropologischer Ebene zu bewegen.

Weiterlesen

Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

Weiterlesen

Die Angst vor dem Faschismus

In einem sehr lesens-, nachdenkens- und in vielerlei Hinsicht kritisierenswerten Interview sieht die „migrantische deutsche Denkerin“ und „Migrationsforscherin“ Naika Foroutan Deutschland auf dem Weg in eine „präfaschistische Phase“: „Europa rutscht gerade in eine Richtung, die keinen progressiven ,sinnstiftenden Endpunkt‘ mehr ansteuert wie Habermas mal den Treiber für gesellschaftliche Entwicklungen genannt hat: also den Blick auf gesellschaftliche Errungenschaften, die Sinn erzeugen und als Treiber der Entwicklung Gesellschaften nach vorne bringen. Wir befinden uns vielmehr in einer Phase der Destruktion.”

Grund genug, aus der marxistischen Theorie heraus noch einmal die alte Frage zu beantworten: Droht ein neuer Faschismus?

Weiterlesen

Gedankensplitter

Die Geschichte der Menschheit war ein ewiger Kampf der sich widersprechenden Eigeninteressen. Sie war blutig, aber sie hat auch das Überleben garantiert. Daß wir sind, was wir sind, haben wir dieser Geschichte zuzuschreiben. Aufklärung, Befreiungskämpfe, philosophische Ideologisierung und liberale Demokratie haben in einem komplizierten Prozeß einen neuen Aggregatzustand geschaffen. Man kämpft nun für die Interessen der Anderen: Männer für Frauen, Weiße für Schwarze, Christen für Muslime, Arme für Reiche, Heterosexuelle für Homosexuelle, Deutsche für Syrer und Afghanen … Das utopische Element daran ist der Glaube, daß damit beides erreicht werden könnte: das Blutvergießen beenden und die Fortexistenz sichern. Es könnte jedoch nur funktionieren, wenn alle Teilnehmer des Weltprozesses auf gleicher altruistischer Ebene stünden. Andernfalls werden die sich selbst Verleugnenden hinweggefegt werden – blutig.

Weiterlesen

Warum das Ende naht

Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.
Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

Seit Jahrzehnten gehörte in ein gutes allumfassendes Schachbuch die Computerrubrik, und die wiederum konnte es sich offensichtlich nicht leisten, ohne Prognose auszukommen: Wann würde der Computer endgültig den Menschen – gemeint sind natürlich immer nur die besten der Spezies – hinter sich lassen. Gesucht wurde der Zeitpunkt, an dem auch die hervorragendsten Geister keinerlei Chance mehr haben werden, so als würde Max Mayer tausend Mal gegen Magnus Carlsen antreten und tausend Mal verlieren.

Weiterlesen

Kuczynski kommt!

Genau wie Marx und Engels vorausgesehen, geht die kapitalistische Gesellschaft bei dauernd steigernder Produktivität ihrem Untergang entgegen – ganz gleich, wie lange sich der Weg in den Untergang hinzieht. (Kuczynski)

Jürgen Kuczynskis Buch „Probleme der Selbstkritik“ hat Erinnerungen geweckt, an eine Lebensphase, die heute nahezu unwirklich erscheint. Vermutlich werden die westdeutschen Leser ratlos über den folgenden Zeilen sitzen, während mancher Ostdeutscher mich vielleicht begleitet bei diesem Abstecher in eine – ja, absurde Zeit.

Weiterlesen

Pop Poppen Popper

Was existiert, sind ungenaue Wörter, außerstande, etwas genau zu bezeich­nen. Schaffen wir außergewöhnliche Wörter – unter der Bedingung, von diesen­ den al­lerge­wöhn­lichsten Gebrauch zu machen, und die Entität, die sie be­zeich­nen, nicht minder exi­stent werden zu lassen wie den ge­wöhnlichen Gegen­stand. Gilles Deleuze

Wenn man eine ausführliche Antwort schuldet und sie im Moment nicht geben kann, dann rettet oft ein Witz. Mit dem schnell hingeworfenen Wort, „daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt“, wurde ein Faß aufgemacht, das ich jetzt nicht leeren kann. Aber ein alter Text fällt mir dazu ein – und Popper findet darin nur ein Mal Erwähnung –, den ich hier etwas verschämt einwerfe.

Weiterlesen

Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: heute vor 20 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

Weiterlesen

Jugendgewalt – einst und jetzt

Vor 20 Jahren hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, in einer Leipziger Straßenbahn von sechs Skinheads erbarmungslos zusammengeschlagen zu werden.

Weiterlesen

Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

Weiterlesen

Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Heute, am 26.6., wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt. Ich halte ihn – man entschuldige die Wiederholung – für den bedeutendsten und schillerndsten Denker unserer Zeit. Wie gestern stehen mir die Feierlichkeiten zum 65. noch in Erinnerung – damals hoffte er, noch 13 Jahre leben und arbeiten zu können.

Weiterlesen

Der große und der kleine Marx

Heute vor 199 Jahren wurde Karl Marx geboren, neben Luther wohl der wirkmächtigste Denker der letzten Jahrhunderte. Ähnlich Luther ist die Bilanz seines Denkens aus der Retrospektive sehr gespalten, die Wertungen werden am Leitfaden der eigenen Überzeugungen gezogen.

Vermutlich werden im nächsten Jahr eine ganze Reihe an gewichtigen Marx-Biographien erscheinen, mutmaßlich wird das Niveau oft mittelmäßig sein, man wird sich hier und da besonders Marx‘ Liebesleben widmen, seinen Affären, dem illegitimen Sohn mit Helena Demuth, seinen Furunkeln, den billigen Zigarren und auch seinen Charakterschwächen. Heute, nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus wird uns deutlich: Marx war ein Mensch. Die Geschichte seines Lebens wurde vielfach erzählt. Ich möchte hier drei klassische und sehr unterschiedliche Biographien plus ein Marxsches Kuriosum vorstellen:

Weiterlesen

Mit Kompaß zur Unterwerfung

„Ich hätte nie gedacht, daß ich mal mit so einer braunen Socke diskutiere.“ Seither mag ich ihn, der das gesagt hat. Ein Künstler, der sich aus Deutschland zurückzog, um hier in der Puszta in Ruhe arbeiten zu können und der „beengenden Atmosphäre“ zu entfliehen – wie ich auch, nur beengt mich anderes.

Vor ein paar Wochen gebe ich ihm Kleine-Hartlages Büchlein „Warum ich kein Linker mehr bin“ zur Lektüre – das ist in zwei Stunden erledigt. Bisher noch keine Reaktion. Stattdessen bringt er mir auch ein Buch: Mathias Enard: „Kompaß“, ein 400-Seiten-Wälzer.

Weiterlesen

Glaubenstiefe und deutsche Härte

„Mit einem ägyptischen Handwerker … unterhielt ich mich zunächst über das literarische Alexandria“ – mit diesen Worten eröffnet Karl Heinz Bohrer eine kleine Nebengeschichte, die man in seiner gedankengesättigten Autobiographie schnell überliest, die jedoch typisch für Bohrers Herangehensweise an das Leben ist und die zudem eine aufschlußreiche Pointe beinhaltet.

Weiterlesen

Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

Weiterlesen

Der kommende Faschismus

Das europäische und amerikanische Publikum hat in diesem Augenblick das Vergnügen, zuzusehen, wie Metternich und das ganze Haus Habsburg zwischen den Rädern der Dampfmaschine zerquetscht, wie die östreichische Monarchie von ihren eignen Lokomotiven in Stücke geschnitten wird. Es ist ein sehr erheiterndes Schauspiel. (Friedrich Engels)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Faschismus.

Weiterlesen

Lehrstunde für Marxianer

(…) Um sowohl das Wesen der Beziehungen zwischen der türkischen Regierung und den geistlichen Gewalten der Türkei zu begreifen als auch die Schwierigkeiten, in die die erstere gegenwärtig verwickelt ist, wo es sich um das Protektorat über die christlichen Untertanen der Pforte handelt, um die Frage also, die den gegenwärtigen Wirren im Orient offenkundig zugrunde liegt, muß man einen Rückblick auf die frühere Geschichte und Entwicklung der Pforte werfen.

Weiterlesen

Deutschland, deine Wege

Der Kampf um die Deutungshoheit auf unseren Straßen ist in vollem Gange. Historisch Gewachsenes, aber politisch Unkorrektes – wie z.B. eine „Mohrenstraße“ – soll in Frage gestellt werden.

Weiterlesen