Der Auschwitz-Rap

Vom Rap verstehe ich so viel wie mein Großvater vom I-Phone – trotzdem würde ich mein Leben dafür einsetzen, daß er seine Meinung dazu frei äußern kann.

Gerade lese ich Stefan George. Vielleicht verzeiht man vor diesem Hintergrund eher die leicht aggressive Stimmung, in die mich die mediale Beschallung mit einem Thema versetzt, von dessen Existenz ich bisher – glücklicherweise – noch nicht einmal wußte. Weder kannte ich Kollegah und Farid Bang noch ahnte ich, daß es eine Echo-Verleihung gibt. Allerdings war mir bekannt, daß die Künstlerszene in ihren ausgezeichnetsten Exemplaren zum Moralismus neigt.

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Carossa: Rumänisches Tagebuch

Gerade mal drei Monate des Jahres 1916 umfaßt dieser schmale Band Tagebuch, Einquartierung in Frankreich, Verlegung nach Siebenbürgen, Märsche, Einquartierungen, wieder Märsche, wieder Einquartierungen, nur wenige Kampfhandlungen … Hans Carossa begleitet den Troß als Arzt, mit nahezu sezierendem Blick, scheinbar emotionslos zeichnet er das große Treiben auf, verliert den Blick für das individuelle, das menschliche Schicksal nicht, bestaunt, inmitten der herbstlich-winterlichen Kriegswirren die grandiose Natur, zeichnet akribisch eigene Träume auf, notiert am Wegesrand verwesende Leichname und zerfetzte Torsi, erinnert sich eindringlicher Poesie.
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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Sexualdimorphismus

Ab und an schaue ich das örtliche TV – um offen zu sein, sogar regelmäßig.

Dieser Tage ging es um zwei Versammlungen.

Das eine Mal traf man sich, um über die frühe Kindesentwicklung beim Neugeborenen zu debattieren (ab: 5:15)

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Das dritte Geschlecht

Das dritte Geschlecht. — „Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann, — aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hochwüchsigen Frauen, von einem anderen Geschlechte zu sein“ — sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön — sagte der alte Aristoteles. (Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

Wir lesen in den Gazetten: „Das Bundesverfassungsgericht fordert, daß künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister eingetragen werden kann. Intersexuellen Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, solle damit ermöglicht werden ihre geschlechtliche Identität „positiv“ eintragen zu lassen, entschieden die Karlsruher Richter in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluß.“

Was auf den ersten Blick wie ein zu begrüßender Akt der Gerechtigkeit klingt, enthält eine ganze Reihe an inneren Problemen.

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Luther als Prinzip

Der Kampf ist in der Welt, ein Kampf auf Leben und Tod, der Geist ist parteiisch geworden, man schließt sich zusammen zu feindseligen Rotten: der Freie, der Unabhängige, der Abseitige wird nicht mehr geduldet. Stefan Zweig

Eine liebgewonnene Tradition, eine Marotte, ein Erbstück aus Studienzeiten. Ein Jahr meines Studierendenlebens habe ich Luther gewidmet. Zumindest fing es mit ihm an, bald waren Münzer und der wenig bekannte Andreas Karlstadt wichtiger. Geblieben ist eine Vorliebe für diese wesentliche Periode deutscher Geschichte – seither versuche ich jedes Jahr um die Zeit des Reformationstages mindestens ein Buch zum Thema zu lesen.

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Blick in die Zukunft V

Nun ist es also so weit. Zum vorerst letzten Mal werde ich Hussain sehen. Über fast ein Jahr trafen wir uns mehrmals die Woche. Anfangs zusammen mit anderen, aber da der Kreis der Teilnehmer immer kleiner wurde, blieben nur wir zwei übrig, gelegentlich von Khaled oder Salim gestört.

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