Am Ende der Ära Habermas

Zeitschriften – H wie Habermas

Es ist nicht zu übersehen – je älter Habermas wird, umso auffälliger wird sein Autoritätsverlust und der ist umso signifikanter, als die Seitenhiebe oftmals aus verwandten Ecken kommen.

Vittorio Hösle etwa kann sich in seiner Würdigung des Spätwerkes Habermas‘ nicht enthalten, ihm Fehler, Kenntnis- und Lektürelücken und die Mangelhaftigkeit seines „systematischen Ausgangspunktes“ vorzuwerfen. Der junge Oliver Weber – ein Name, den man sich merken sollte; er hat das Zeug zum künftigen Chefverwalter der offiziösen Philosophie – überschreibt in der „Zeit“ – auch das ist signifikant – einen Artikel mit „Wie der Deuter zum Herrscher wurde“ und betont die „Netzwerkfähigkeiten“ und nicht die Theorie des Meisters vom Stuhl der kritischen Philosophenloge. Im Deutschlandfunk wurde er als „großer Theoretiker der Kritik, der sich selbst durch Kritik stabilisiert“ kenntlich gemacht. Zuletzt haben Habermas‘ Äußerungen zu Corona Erschrecken hervorgerufen. Im „Spiegel“ konstatierte man das praktische Versagen der Kommunikationstheorie an der Realität der „sozialen Medien“ und in der „Welt“ folgt Andreas Rosenfelder dem Denker empört in die „dunkle Herzkammer des Corona-Staates“ und findet dort die „Habermas-Diktatur“ und den Hexenmeister am Werk. Und wenn Sloterdijk vor laufender Kamera unwidersprochen sagen kann, Habermas habe wohl in seinem ganzen Leben nie einen originellen Gedanken gedacht, dann erregt das nur noch Altherren-Lachen.

Die Zeichen sind deutlich. Es gibt noch so etwas wie einen letzten Respekt vor dem lebenden Pharao, aber man ahnt schon, daß die Mumie nach einigen gesalbten Reden bald vergessen werden wird, daß dann die Demontage beginnt. Daher wirkt das Heft 3/21 der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ – wohl gedacht als Lebenswerkwürdigung – schon jetzt wie ein etwas peinlicher Nachruf.

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@ C.H.Beck

Mit ihm ist der Redaktion ein Meilenstein gelungen – das Heft sollte in keiner gepflegten Bibliothek fehlen. Was es in der ersten Hälfte leistet, ist Pionierarbeit. Dort werden einzelne Dokumente aus dem Vorlaß herausgegriffen, sachkundig und sehr bündig historisch eingeordnet, und bilden doch aus der Draufsicht so etwas wie ein Mosaik, das ein bestimmtes Habermas-Bild entwirft – nicht immer ein angenehmes. Es ist ein Blick hinter die Kulissen des philosophischen Geschäfts, man liest es phasenweise mit stockendem Atem.

Schon in einem Schülerzeitungsaufsatz lesen wir die paradigmatischen Zeilen: „Ich teile nach zwei Seiten Hiebe aus. Es wäre interessant zu hören, ob ich getroffen habe.“ Einen Volltreffer landete Habermas wenige Jahre später mit seiner legendären Abrechnung mit Heidegger 1953, die seinen Namen sofort berühmt machte. Wir erfahren nun, und sehen es als Brief abgedruckt, daß Karl Korn von der FAZ den aufstrebenden Philosophen zurückpfeifen mußte und Teile der Habermasschen Wortwahl entschärfte. Erich Rothacker jedoch, mit eigener „Vergangenheit“, bei dem Habermas promovierte, hatte den Schuß gehört und wohl mächtig Angst bekommen, eine Schlange an seiner Brust genährt zu haben. All diese Briefe und Schreiben legt die ZfI als Faksimile vor.

Wir sehen Briefe von Adorno, Gadamer, Böckenförde, von Leo Strauss, Hannah Arendt, Löwith, Luhmann, Rorty und Max Frisch und sogar ein Annäherungsversuch des Playboys ist zu finden. Faszinierend. Eine ganze Reihe der Schreiben wirkt konfrontativ oder zeugt von mangelndem Kommunikationsgeschick und immer wieder wird Habermas in seine Schranken verwiesen. Helmut Schelsky nimmt in einem sichtbar im Furor geschriebenen Brief Habermas in die kommunikationstheoretische Pflicht und Carl Schmitt dürfen wir beim animierten „Frontenzeichnen“ anläßlich der minutiösen Lektüre der „Philosophisch-Politischen Profile“ beobachten. Wir erfahren sogar, daß der junge Sloterdijk ganze Titelreihen Habermas‘ akribisch exzerpiert hatte – sein Kommentar zur Offenlegung: „Wenn das bekannt wird, ist mein Ruf als Genie dahin.“

Man kommt aus dem Schmunzeln und dem Staunen nicht heraus. Auch weil man sich in die Idiosynkrasien jedes einzelnen Briefschreibers einfühlen kann.

Die zweite Hälfte des Heftes besteht aus durchweg sachkundigen und lesenswerten und etwas längeren Theoriebeiträgen, die nicht immer – etwa Jan Assmanns Nachdenken über Hiob oder Karin Kukkonens sehr bedenkenswerte Überlegungen zum historischen Druck aus der Zukunft – mit Habermas zu tun haben, aber meistens eben doch. Das Gespräch Habermas-Gadamer wird durchleuchtet, Fragen der Ästhetik, der Literatur etc. Besonders gewinnbringend las ich Heinz Budes Beschreibung der Annäherung an das Werk Habermas‘ und spannend die architektonischen und innenarchitektonischen Einblicke in das Haus Habermas‘ am Starnberger See.

Ein überragendes Heft! Alle Beiträger sind ausgesprochene Kenner ihrer Materie, viele namhafte darunter; die Redaktion hatte offensichtlich großen Wert auf Prägnanz und Verständlichkeit gelegt. Hier finden alle was: Habermasianer, Habermas-Hasser oder auch Habermas-Indifferente, aber Philosophie-Interessierte.

H wie Habermas. Zeitschrift für Ideengeschichte. Heft XV/3 Herbst 2021. C.H.Beck-Verlag. 144 Seiten. 16 Euro

4 Gedanken zu “Am Ende der Ära Habermas

  1. Stefanie schreibt:

    Aus Habermas Generation, der noch als Jugendliche ins 3.Reich verstrickten („Flakhelfer“), stammt ja der Begriff der „Gnade der späten Geburt“. Nun könnte man von einer „Gnade des frühen Todes“ sprechen: Wäre er vor 10, 20 Jahren abgetreten, hätten sich die verschiedenen Protestbewegungen des letzten Jahrzehnts leicht auf ihn und seinen „herrschaftsfreien Diskurs“ berufen können, so wie sie es jetzt z.B. mit Foucault machen (Sellner).
    Gleich am Anfang des gegenwärtigen Seuchenzuges, schrieb hier bei Ihnen einer in den Kommentaren (ich weiß nicht mehr wer), sinngemäß von einem letzten Aufstand der Boomer – einem letzten Auftritt als politisch Wirkmächtige. – Und zu denen gehört Habermas im geistigen Sinne. Im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen (und den Zeitgenossen der Boomer aus dem nichtakademischen Millieu), vertritt er dieses atheistisch- materialistische Weltbild, das nach und nach in die breiten Schichten vorgedrungen ist: kein Glaube, kein Himmel, keine Metaphysik und die Transzendenz bestenfalls im Diesseits in irgendwelchen Utopien. Jetzt findet sich diese Generation auf einmal in der „Risikogruppe“ wieder und weiß nicht wie mit dem drohenden Tod umgehen.
    (Interressanterweise hat die nächste Generation sich inzwischen wieder eine Jenseitsvorstellung gebastelt; will sich für ein kommendes ewiges Leben einfrieren und klonen lassen und ihren Geist -bezeichnenderweise- in eine „Cloud“ hochladen.)

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Benn meinte, Psychologie sei eine Unverschämtheit, insofern wäre eine Erklärung der auffällig herrischen Intervention von Habermas jüngst zur Coronapolitik aus der Todesangst des vulnerablen Greises wohl unverschämt, aber träfe vermutlich den heiklen Punkt. Gerade die aus seiner Theorie nicht erklärlichen merkwürdigen Drehungen und Wendungen des Protagonisten des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ und zugleich Großmeisters der Diskursbeschränkung lassen sich aus existentiellen (Macht-)Antrieben recht gut erklären. Wenn jemand bei der Hochzeit von Freudianismus („Wer uns widerspricht, ist ein Neurotiker“) und Marxismus („Wer uns widerspricht, ist ein eigennütziger Klassenfeind“) mittanzt, muss man mit mancher verrenkten Tanzfigur rechnen, die sich ein weniger gegen Kritik Immunisierter aus verbliebener Scham nicht erlauben würde.

      In Ihrem Beitrag spüre ich eine Sehnsucht nach dem Himmelhaken, die ich nicht hege und für mich ablehne. Wir müssen in dieser Welt mit unseren immanenten Mitteln zurechtkommen, ganz ohne transzendente Größen, die sich doch immer wieder als Handpuppen sehr immanenter Zwecke erweisen.

      « Notre vie est un voyage dans l’hiver et dans la nuit,
      Nous cherchons notre passage dans le ciel où rien ne luit. »

      Nun gut, vielleicht brauchen Sie persönlich die Religion, das soll es geben, aber das allein ist noch kein Grund, wenigstens den Teil des Publikums von einem freieren Weg abzubringen, der dergleichen seelische Stützen nicht braucht und die zugehörigen Vormünder nicht ertragen mag.

      Dass verkappte Neo-Religionen schlimmer sein können als die alten, gestehe ich Ihnen gerne zu.

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      • Die Sehnsucht scheint allgemein verbreitet zu sein, wenn man den quasi-religiösen Furor der „Debatten“ und „Diskurse“ – kann man das ruhigen Gewissens noch so nennen? – zum Thema Corona betrachtet, auf beiden Seiten. Spätestens nach dem nun die global players nachgezogen haben und ihr Marketing mit Impfaufforderungen garnieren, darf an von einer neuen Erscheinung eines Cargo-Kultes oder einer neue Zivilreligion sprechen, nur raunen sich die Eingeborenen nicht das Wort „Cargo“, sondern „Covid“ zu. Andererseits gab es zuletzt eine sehr hitzige Diskussion auf „Sezession“, in der man ähnliche Anbetungserscheinungen an die eigene Unvernunft beobachten konnte. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Hexen brennen. Vielleicht ist Habermas auf seine letzten Tage ja auch noch religiös geworden – man wird sein Gespräch mit Ratzinger auf eventuelle Spuren noch einmal absuchen müssen.
        Wäre interessant, zu erfahren, was Kondylis dazu gesagt hätte.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Man bemerkt bei diesem Thema (nach vielen anderen) in der Tat, dass sich die Meinungen mehr und mehr auf zwei Pole zu bewegen, die medialen Veröffentlichungen zum Thema die entsprechenden Vorausscheidungen unpassender Wirklichkeitsaspekte betreiben usw.

          Bei Betrachtung der offiziellen Haltung zu Covid und der angesetzten Propagandamaßnahmen kann man den Eindruck gewinnen, dass da ein Milgram-Experiment im großen Stile aufgezogen werden soll, in verschärfter Form allerdings, denn den Gehorsamkeits-Zöglingen wird ja auch eine Heidenangst eingeflößt, die sich als Movens der an sich schon fatalen Autoritätshörigkeit noch superponiert.

          Aber sehen wir es positiv – wann hat man schon Gelegenheit, die üble irrationale Natur der Menschen so gründlich zu studieren und sich selbst unvergesslich einzuprägen? Trifft man dann gelegentlich doch auf den einen oder anderen, der sich dem Wahn zu entziehen vermag, eher unten auf der Straße als höheren Ortes übrigens, dann empfindet man diesem gegenüber eine umso größere Achtung.

          Zu Habermas: Hans Albert sieht ihn schon länger als einen Verräter an der Aufklärung an, das geht wohl letztlich bis auf die „Positivismus“-Debatte zurück. Habermas ist schon länger auf der Suche nach „Ligaturen“ für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Man könnte dergleichen auch Gängelbänder für den Pöbel nennen, der dem sonst gerühmten zwanglosen Zwang des Philosophischengeschwätzes einfach nicht folgen mag.

          Zu Kondylis: Was immer er gesagt hätte, er hätte es gewiss mit großer und berechtigter Herablassung gesagt.

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