„Mein Kampf“ Jetzt!

Der Spiegel schreibt im sensationsheischenden Enthüllungston, daß man beim Attentäter von Halle auf „nationalsozialistisches Propagandamaterial gestoßen“ sei – darunter „Mein Kampf“. Aber dieses Buch ist unter diesem Begriff nicht zu fassen: es ist ein historisches Dokument und sollte Pflichtlektüre sein. Jetzt! Auch in meinem Regal würde man darauf „stoßen“ – aber was soll das bedeuten?

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Offener Brief an Alan Posener

„Wenn man wirklich für Meinungsfreiheit ist, dann muß man auch für die Freiheit von Standpunkten eintreten, die man verachtet. Sonst ist man nicht für Meinungsfreiheit.“ (Noam Chomsky, zitiert in Baños: So beherrscht man die Welt)
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Sehr geehrter Herr Posener,

Sie haben meinen Artikel „Ich gebe zu Protokoll“, in dem ich auch Ihre Besprechung des Corpus Delicti – Pedro Baños Buch „So beherrscht man die Welt“ – aus offensichtlichen Gründen erwähne und bewerte, mit folgenden beiden Kommentaren bedacht:

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Was wäre wenn?

Ein bißchen Kaffeesatzleserei.

In der Geschichte ist diese Frage selten sinnvoll zu beantworten, zumindest im Sinn einer möglichen nachträglichen Vorhersage. Wir werden es nie wissen.

Aber lernen kann man hin und wieder vielleicht doch etwas. Sofern man „aus der Geschichte lernen“ nicht als Handlungsanweisung für ähnliche historische Konstellationen versteht, kann man aus der Geschichte etwas lernen.

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Pál Telekis historische Tat

„At the Conference table we shall place a chair for Count Paul Teleki. That empty chair will remind all who are there that the Hungarian nation had a Prime Minister who sacrificed himself for that very truth for which we too are fighting.“ Churchill

Vielleicht kann man Geschichte mit einem beweglichen Knoten vergleichen, der sich anhand des Zeitstrahls fortbewegt, in sich verschiedene Stränge vereint und immer neue aufnimmt, aber auch jederzeit geöffnet werden kann. Jeder historische Augenblick vereint dialektisch alle drei Elemente – Verstrickung, Bewegung, Lösung – in sich, aber es gibt Zeitpunkte, in denen ein Element für das Auge des historischen Betrachters dominant und sichtbar wird. Dort kann man viel über Geschichte lernen, über den Kairos und die Folgen, wenn er verpaßt wird, aber selbstverständlich auch über die Unmöglichkeit Geschichte im je eigenen Sinne erfolgreich schreiben zu können.

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Ein Brief an den Feind

Es dürfte im Umkreis dieses Blogs ein mehrfaches Interesse an Helmut Lethens neuem Buch „Die Staatsräte“ geben. Das Zeitsujet, die Jahre des Nationalsozialismus und ihre Verwindung, gehören seit je zum engeren Aufmerksamkeitsspektrum, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn zählen zum spezifischen Kanon, aber es kommt nun ein dritter wesentlicher Punkt hinzu: Lethen, Jahrgang 39, 68er, emeritierter Professor, Literaturwissenschaftler, einst in KPD-Kreisen aktiv und noch immer bekennender Linker, ist mit Caroline Sommerfeld verheiratet, die seit zweieinhalb Jahren einen kometenhaften Aufstieg im Sezessions-Milieu feierte. Das führte zu Verunsicherungen, hüben wie drüben.

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Die Angst vor dem Faschismus

In einem sehr lesens-, nachdenkens- und in vielerlei Hinsicht kritisierenswerten Interview sieht die „migrantische deutsche Denkerin“ und „Migrationsforscherin“ Naika Foroutan Deutschland auf dem Weg in eine „präfaschistische Phase“: „Europa rutscht gerade in eine Richtung, die keinen progressiven ,sinnstiftenden Endpunkt‘ mehr ansteuert wie Habermas mal den Treiber für gesellschaftliche Entwicklungen genannt hat: also den Blick auf gesellschaftliche Errungenschaften, die Sinn erzeugen und als Treiber der Entwicklung Gesellschaften nach vorne bringen. Wir befinden uns vielmehr in einer Phase der Destruktion.”

Grund genug, aus der marxistischen Theorie heraus noch einmal die alte Frage zu beantworten: Droht ein neuer Faschismus?

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Ungarische Vignetten

Schwimmbad in der ungarischen Kleinstadt. In der Männerumkleide hüpft zwischen den sich umkleidenden Männern die vielleicht siebenjährige Tochter eines der Männer herum – nackt. Ganz normal hier. Weiterlesen

Vogelschiß und Pferdeapfel

Muß man sich zu Gaulands Worten positionieren? Man sollte es zumindest, weil wir eine neue Situation haben. Zum ersten Mal ist sich auch die konservative Presse einig: „Das geht gar nicht!“

Junge Freiheit, Tichys, Achse des Guten, Cicero, ja selbst Philosophia Perennis reihen sich in die Entrüstung ein und die Chefs nahmen teilweise selbst die Feder in die Hand.

Aber alle, trotz verschiedener Argumentationsmuster, fallen auf das von der Empörungspresse vorgegebene Narrativ rein und verstehen den Satz vom Vogelschiß nicht, hören ihn nicht, formulieren ihn a priori im Kopf um.

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Heimat und Demenz

Dieser kleine Film, bei dem man nicht weiß, ob man darüber lachen oder weinen sollte, erinnert mich an eine kurze Phase meines Lebens, in der ich im örtlichen Altersheim half, alten Menschen das letzte Stück Leben ein wenig zu erleichtern.

„Die Zeit“: Demenz – ein Stückchen DDR hilft beim erinnern

Ein, zwei Mal die Woche hatte ich eine Gruppe zu betreuen und zu unterhalten. Was ich dabei lernte, war die Bedeutung des Begriffes „Heimat“.

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Volk ohne Raum

Deniz Yücels gefährliches Spiel mit der Satire ebenso wie das ARD-Auswanderungsepos „Aufbruch ins Ungewisse“ brachte das längst vergessene Schlagwort vom Volk ohne Raum in Erinnerung.

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Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: heute vor 20 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Nur ein Gott

Europa, als demokratisches Projekt, ist erledigt. Psychisch erledigt. Die Idee ist pfutsch, niemand glaubt mehr daran.

Der beste Beweis dafür ist das überragende Wahlergebnis Macrons – ein politisches Chamäleon in einer Einjahrespartei – in Frankreich, aber auch die britische Unterhauswahl und selbst Merkels scheinbar irrationale Erholung oder, noch deutlicher, Schulz‘ kometenhafter Aufstieg und Fall, deuten in diese Richtung.

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Glaubenstiefe und deutsche Härte

„Mit einem ägyptischen Handwerker … unterhielt ich mich zunächst über das literarische Alexandria“ – mit diesen Worten eröffnet Karl Heinz Bohrer eine kleine Nebengeschichte, die man in seiner gedankengesättigten Autobiographie schnell überliest, die jedoch typisch für Bohrers Herangehensweise an das Leben ist und die zudem eine aufschlußreiche Pointe beinhaltet.

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Die falsche Spur

In der „Welt” wird das neue Monumentalwerk des Literaturwissenschaftlers Dieter Borchmeyer – „Was ist deutsch“ – besprochen. Im Artikel „Wir Deutsche müssen uns entdeutschen“ fällt der Satz:

„Versenkt man sich in das Buch, hört man in die Gespräche der Ahnen hinein und entdeckt einen Reichtum an Ideen, der so groß ist, daß sich mit schmerzhafter Wucht die Frage aufdrängt, warum es ausgerechnet die Deutschen waren, die den größten Zivilisationsbruch der Moderne zu verantworten haben.“

Der größte Zivilisationsbruch der Moderne? – für einen Moment muß ich an den Herbst 2015 denken … bis die Denkmaschine einsetzt und mich wieder in die richtige Spur hievt.

Buddha, Heidegger und Hellmuth Hecker

Am 7. Januar des Jahres ist Hellmuth Hecker (geb. 1923) gestorben, leise und bescheiden, wie es sich gehört. Nur so ist der verspätete Nachruf zu erklären – ich habe es erst heute erfahren.

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Der kommende Faschismus

Das europäische und amerikanische Publikum hat in diesem Augenblick das Vergnügen, zuzusehen, wie Metternich und das ganze Haus Habsburg zwischen den Rädern der Dampfmaschine zerquetscht, wie die östreichische Monarchie von ihren eignen Lokomotiven in Stücke geschnitten wird. Es ist ein sehr erheiterndes Schauspiel. (Friedrich Engels)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Faschismus.

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Marx und Koran im Unterstand

Lese gerade Oriana Fallaci (1929-2006). Italienische Star-Journalistin, geliebt und gehaßt. Geliebt wegen ihrer Offenheit und Direktheit und gehaßt aus gleichem Grunde. Sie reiste viel, führte denkwürdige Interviews mit Arafat, Khomeini und Kissinger, versuchte zu verstehen.

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Hitlers letzte Rache

Wir alle kennen das alte Hitler-Spiel. Wer zuerst „Hitler“ sagt, hat die Arschkarte gezogen. Es genügt auch ein beliebiges Hitlersurrogat. Legionen von Politikern und Promis haben sich ihre Karriere versaut, weil sie zur falschen Zeit das falsche Wort in den Mund nahmen, einen unliebsamen Gegner vielleicht mit Adolf H. verglichen und dergleichen. Das blame-game der deutschen Medien läuft mittlerweile so routiniert ab – wie eine gute geölte Maschine –, daß es den Lesern, Hörern und Sehern schon gar nicht mehr auffällt und man nur noch desinteressiert mit den Schultern zuckt: „Selbst schuld! Wie blöd muß man denn sein …“

Und Frauke Petry hat „Hitler“ gesagt – in wenig versteckter Verkleidung: „Völkisch!“

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Marx und Murks

Das wäre mal ein Experiment wert: einen Mittzwanziger heutiger Zeit, Abitur und irgendein Studium vorausgesetzt, mit dem Namen Karl Marx zu konfrontieren. Wüßten alle was zu sagen? Wenigstens ein paar Stichworte, die zeitliche Einordnung, die Bedeutung? Immerhin war Marx der wohl wirkmächtigste Denker der letzten 150 Jahre und je nachdem, wie man „Wirkmächtigkeit“ versteht, vielleicht sogar der letzten 2500 Jahre. Keiner hat in so kurzer Zeit die Massen mobilisieren können, keine andere als die marxistische Theorie hat derart direkt die Geschichte umgebogen – und dabei geglaubt, sie nur verstanden zu haben und den Menschen damit das Instrument zu schenken, sie bewußt in die gesetzlich vorgegebene Richtung zu lenken. Marx dürfte ein Begriff sein von China, Vietnam und Korea, Rußland und den Ostblock über den Mittleren Osten und Afrika, Europa sowieso bis hin nach allen drei Amerika. Nichts und niemanden hat sein Denken unberührt gelassen.

Also sollte man von einem studierten Menschen erwarten können, ihn wenigstens zu kennen?

Nach zwei Wochen Urlaubspause erzähle ich ein wenig von London. Wir haben den Highgate Cemetery besucht und auch Marx‘ üppiges Grab gesehen. In den Augen meiner syrischen Gesprächspartner sehe ich kein Wiedererkennen. Beide haben studiert, Khaled sogar Fächer wie „Geschichte“, „Philosophie“ und „Staatsbürgerkunde“

„Karl Marx!“ Nein, sie kennen ihn nicht. Hussain sagt irgendwas von „schon mal irgendwie gehört“, nur Eindruck scheint er nicht hinterlassen zu haben.

Nun gut, Marx ist Deutscher gewesen und wenn ein Syrer nach Ibn Ruschd, Ibn Sina oder Al Biruni fragen würde, so müßten wohl auch die meisten Deutschen passen. Nur: das ist Mittelalter und hat kaum noch Bezug zur Gegenwart. Aber selbst die Baath-Partei hat eine marxistische Geschichte. Schon der Name Hitler machte den falschen Eindruck und nun begreife ich wieder einmal, wie langwierig die vielbeschworene „Integration“, die ja auch ein gewisses Bekenntnis zur Geschichte beinhalten müßte, werden wird.

Also sage ich ein paar Worte zu Marx und Khaled strahlt mich plötzlich an: Kommunismus und, äh, Kapitalismus, nicht wahr?

„Ich selbst bin ja als Marxist erzogen worden“, sage ich und irgendwann werde ich euch mal zu mir nach Hause einladen. Dort stehen die Sämtlichen Werke von Marx (und Engels). 42 dicke Bände, ungefähr von hier bis da.“

MEW

MEW

Khaled lacht laut auf, als er sich vorstellt, was er sich vielleicht nicht vorstellen kann. High Five!