Mitteldeutsche Begegnungen III

Am Tag darauf geht es nach Jena. Ein kurzer Zwischenstopp wird in Sömmerda gemacht. Ich kenne diese Stadt aus früherer Lebensphase ganz gut. Ihr Herzstück war das Büromaschinenwerk, das zum gigantischen Robotron-Kombinat gehörte. Zur Wendezeit arbeiteten hier 13000 Menschen. Jeden Morgen und jeden Abend wälzten sich vier- und fünfspurige Fahrradkolonnen durch die Stadt, ein riesiges Neubaugebiet wurde extra für die Arbeiter gebaut. Nach der Wende wurde das Werk von der Treuhand abgewickelt, die altehrwürdige Stadt erlebte schweren Blutverlust.

Doch heute sieht man kaum etwas davon. Klar, der Altersdurchschnitt ist hoch und trotz zahlreicher Eingemeindungen hat die Stadt ein Fünftel ihrer Einwohner verloren, aber das Zentrum strahlt in neuem Glanz. Damals war diese Innenstadt für mich der Inbegriff der Langeweile, heute gibt es hier ein paar spannende Ecken und selbst die sozialistische Fassadenmalerei am Markt wirkt plötzlich lebensfroh und wenig agitatorisch.

Gestern noch sagte der Magdeburger Historiker, es ginge im Osten alles den Bach runter, aber gerade die wunderschön rekonstruierten Innenstädte beweisen, daß das nicht die Wahrheit, zumindest nicht die ganze Wahrheit ist. Und auch der muß man ins Gesicht schauen. Heute fahren die einstigen Radler alle einen Wagen.

Das örtliche Antiquariat steht exemplarisch für diesen Konflikt. Daß es überhaupt eines in dieser Stadt der Nichtleser gibt, gleicht einer Sensation, aber sein opulenter Bestand ist erschreckend einförmig: das gesamte Nullachtfuffzehn DDR-Repertoire ist hier versammelt, von marxistisch-leninistischen Kampfschriften über moderne Klassikerausgaben[1] und die umfängliche DDR-Belletristik bis hin zu „Spannend erzählt“ und den alten Groschenromanen ist alles vorhanden: grau, staubig, verblaßt, muffig. So standen in diesen Städten einst die Häuser da, heute sind es die Bücher.

Man hatte mir für Jena eine Adresse gegeben – dort befinde sich ein tolles Antiquariat. Die Antiquariate sind immer die ersten Orte, die wir suchen. Wir klingeln an angegebener Adresse, aber nach einem Geschäft sieht das nicht aus. Schließlich öffnet eine kleine, zierliche Frau und läßt uns ein: tatsächlich ist der Raum voller Bücher. Ich erkläre mich und erwähne auch, daß ich nach ungarischer Sprachliteratur suche: alte Grammatiken, Sprachlehren, Kurse und dergleichen. Das war Glück, denn sie ist Ungarin und freut sich über das Interesse. Wir werden in die Wohnung gebeten, eine junge Frau gesellt sich dazu, die ebenfalls Ungarisch kann.

Sie bieten uns Suppe an, husleves, Fleischsuppe. Schnell sind wir ins Gespräch vertieft. Auch der Ehemann, Deutscher, kommt hinzu und setzt sich etwas mürrisch an den Tisch. Und wieder sind wir ganz schnell – über die Themenleiter Pädagogik (Jenaplan-Schule) – Ungarn – Orbán – beim Migrationsproblem.

Diesmal freilich weht der Wind aus anderer Richtung. Das wird sofort deutlich, als der Mann mit einer brüsken Parole – er hatte bisher geschwiegen oder nur etwas gegrummelt, dabei in seiner Suppe gerührt – in das Gespräch einfällt: „Diese AfD – Islamisierung des Abendlandes“, sagt er verächtlich, „Was soll denn dieser Quatsch!“

Da sitzt man erstmal da und muß schlucken. Wie soll man reagieren? Bisher war alles freundlich und nett, ja liebevoll, und dann kommt so ein Affront. Ohne sich zu kennen, wird Einverständnis direkt, fast brutal, eingefordert. Man lächelt gut erzogen und verrät sich nicht. Nun zieht er über Orbán her und „diesen Zaun“. Wovor hätten denn die Ungarn Angst? Es gibt doch dort gar keine Ausländer. Und überhaupt, auch die Deutschen, was ist denn ihr Problem? Mit den paar Leuten werden wir doch locker fertig und Probleme gibt es so gut wie keine, das sei doch alles nur medial aufgebauscht.

Da ist es immer gut, wenn man aus eigenen Erfahrungen sprechen kann. Ich berichte aus der Zeit, als ich selbst Flüchtlinge und Migranten unterrichtete und betreute, erzähle von Hussain, der nun seinen Weg geht, aber eben auch von Salim, dem es nie gelingen wird, die deutsche Sprache zu erlernen, oder von Mohammed, seinem Bruder, der als psychisches Wrack zurück ging und durch den Migrationsversuch sein gut geordnetes Leben komplett zerstört hat, erzähle von den vielen Abgängen in westdeutsche Städte, wo man viel leichter in der Parallelgesellschaft verschwinden kann. Man müsse natürlich differenzieren, individuell und auch ethnisch, sage ich und erzähle dann von den Eritreern, deren Integrationschancen schon deutlich geringer seien, oder den Somaliern, wo man fast keine Hoffnung haben könne.

Da sitzen sie ein wenig betroffen da und erzählen dann selbst von einer vielköpfigen kurdisch-syrischen Familie, der sie halfen und helfen, mit denen es aber viele Probleme gibt. Die Eltern sprechen auch nach drei Jahren kaum die Sprache, die Kinder werden in der Schule nicht unterstützt, sie hätte fürchterlich schlechte Zähne, aber die Eltern lassen sie nicht zum Arzt und im großen und ganzen müsse man eingestehen, daß die vielen Bemühungen zur Integration bisher vergebens waren. So berichten sie von weiteren Asylfamilien, denen sie Hilfe anboten, aber reihen dabei einen Mißerfolg an den anderen.

Warum derartige Erfahrungen nicht zum Umdenken führen, warum trotzdem diese vorgegebenen Sprechblasen produziert werden, bleibt ein Rätsel.

Und noch eine andere Frage tut sich uns auf, die wir dann im Auto lange diskutieren. Wir kennen eine ganze Reihe an älteren Paaren, die sich aus einer liebevollen Frau und einem grantigen alten Mann zusammensetzen. Warum, das ist die Frage, werden diese Männer, die früher doch meist ebenso lebenslustige und warmherzige Menschen waren, im Alter so griesgrämig? Sie plauzen ihre Pauschalurteile heraus, schimpfen, beleidigen und ziehen fürchterliche Fressen. War ihr Leben eine Enttäuschung? Haben sich ihre Pläne nicht verwirklicht? Ist es die Nähe zum Tod? Konnten sie die großen Lebensfragen nicht beantworten? Oft sind es ja intelligente Männer, nicht selten hatten sie eine Form von Macht und Einfluß, eine Position. Ist es der Verlust an Bedeutung, den sie im Rentnerdasein nicht verkraften, wo sie nur noch ihre eigenen Frauen kommandieren können? Geb’s Gott, daß ich nicht so werde![2]

Am Ende des Gespräches kommen wir doch wieder auf die Literatur zu sprechen. Ich frage nach wesentlichen ungarischen Autoren. Sie nennt mir einige Namen und während ich sie aufzuschreiben versuche, sagt sie: „Ach was.“, geht ins Zimmer und kommt mit zwei Büchern zurück: Sie drückt sie mir in die Hand – ich darf sie behalten: István Örkény: „Minutennovellen“ und Milán Füst: „Die Geschichte meiner Frau“. Auf den Füst freue ich mich besonders, das scheint ein maßgebliches Buch zu sein, es brachte ihm sogar die Nominierung zum Nobelpreis ein. Am meisten aber über diese herzliche ungarische Frau.

Wir verabschieden uns und auch diesmal fragt niemand nach Namen und Adresse.

Die Stadt Jena hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Sie gilt als besonders dynamisch und lebenswert und man versteht schnell, warum. Sie ist unglaublich jung. Studenten prägen das Bild und – überraschend – sehr viele Kinder. Ganz junge Frauen laufen an uns vorbei, mit ein oder zwei Kindern im Arm, im Wagen, im Tuch, im Bauch. So sah es auch zu DDR-Zeiten aus: mit 20 waren die Frauen oft schon Mütter – und es hat ihnen und allen in der Regel gut getan, zumindest aber nicht geschadet. Verglichen mit Sömmerda oder Plauen – diesen entvölkerten und überalterten Städten – spürt man hier eine ganz andere Energie … man wird, glaube ich, selbst jünger, wenn man unter jungen Leuten lebt.

Im Zentrum prallen Historie und Moderne fast schmerzhaft aufeinander. Es gibt schöne pittoreske Ecken, aber über allem thront der gläserne Turm, der „Jentower“, der mit seinen 150 Metern selbst die massive Kirche weit überragt. Ein DDR-Relikt, heute aufpoliert und aufgepeppt. Allein, es ist ein Glanz, der mir nicht gefällt. Überall dort, wo die Kontraste zu kraß sind, kann man Kriegsschäden vermuten und auch Jena wurde mehrfach von den Alliierten bombardiert – besonders die Innenstadt wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen.

[1] Zola, Tralow, Jules Verne, Tolstoi, Böll, Thackeray, Jorge Amado, Simonow, Scholochow, Gorki, Aragon, Ehrenburg, Roman Rolland …, um nur ein paar typische Beispiele zu nennen.
[2] „Zu spät!, meint meine Frau.
©  Text ist exklusiv für den Blog „Seidwalk“

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