Meinung, Angst und Terror

„Was für Journalisten ein Volk hervorbringt, ist heute ein wesentliches Moment seines Schicksals.“ (Karl Jaspers)[1]

Sollte die Corona-Krise jemals eine gelassene, gut recherchierte und objektive Aufarbeitung erfahren, dann wird man vielleicht zu dem Schluß kommen, daß der größte Feind der Demokratie in Krisenzeiten zugleich ihr wichtigster Stabilisator in Friedenszeiten ist: die freie Rede und die freie Presse. Auf die Diskussion, wie frei unsere Presse tatsächlich ist, lasse ich mich in Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Lage nicht ein, sie wird jedenfalls nicht zentralistisch gesteuert, auch wenn sich in ihr ein starkes Meinungsungleichgewicht gebildet hat. Man kann in ihr verschiedene Meinungen sagen – und das ist in existentiellen Krisenlagen das eigentliche Problem.

Denn machen wir uns nichts vor: Journalismus ist keine Mathematik, ist keine strenge Wissenschaft – Journalismus ist Meinungsverbreitung. Das sind ganz individuelle Meinungen von ganz konkreten Menschen und in der Regel über Dinge, von denen sie nicht viel verstehen. Und weil das so ist, orientieren sie sich bevorzugt an ihrem ideologischen Gerüst, das sie sich in langen Jahren anstudiert haben, das ihnen von anderen, die dieses Ideologiestudium bereits vor ihnen abgeschlossen hatten, eingetrichtert wurde, und nun tun sie das, was man ihnen gelehrt hat, an uns: sie verbreiten ihre Meinung, die ihrer Ideologie entspricht.

Das ist – zum Glück – ihr gutes Recht in einer Demokratie, ein Recht, das sich von dem jedes anderen Menschen – wir kennen freilich die Ausnahmen – nicht unterscheidet. Der einzige, aber wesentliche Unterschied ist dies: sie haben ein Sprachrohr gefunden, das ihre Meinung ins Ungeheuerliche verstärkt, sie sprechen nicht – wie wir anderen das tun – zu einem oder zwei oder vielleicht hundert Gegenüber, sondern sie sprechen zu Millionen. Und das Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Man hört Sätze wie folgenden täglich: „Der Spiegel schreibt“ oder „die AfD sagt“ oder „der Untersuchungsausschuß stellt fest“ usw.; die Wahrheit ist, daß keiner dieser Sätze wahr ist, denn eine Zeitschrift kann nicht schreiben – sie hat keine Hand –, eine Partei kann nicht sprechen – sie hat keinen Mund – und ein Ausschuß kann nicht feststellen. Immer stehen hinter diesen abstrakten – man kann auch sagen „konstruierten“ – Entitäten ganz individuelle Menschen mit einem Namen, einem Geburtsdatum, einem Gesicht und einer Meinung. Gelingt es ihnen innerhalb dieser Entitäten an die Frontlinie zu gelangen, dann erscheint ihre Stimme die der Entität zu sein, scheint sie eine gewisse Objektivität erlangt zu haben. Tatsächlich haben wir den Bereich der Meinung nie verlassen.

Journalisten – das darf man nie vergessen – sind Menschen, die im Idealfall von vielen Dingen einiges, aber selten von irgend etwas wirklich was verstehen. Das bringt der Beruf mit sich, denn wenn er heute über dieses schreiben muß oder will, so ist es morgen jenes. Der Fall Relotius hat uns zur Genüge gelehrt, daß es auf zwei Dinge im Journalismus unserer Tage ankommt: man sollte eine tüchtige Feder haben, die Sprache beherrschen und man muß über die Fähigkeit verfügen, Kompetenz überzeugend simulieren zu können. Das alles vor der dritten, der wesentlichen Voraussetzung: Man muß eine Meinung, eine Haltung haben und die sollte sich vom Gros der systeminternen Meinungen nicht radikal unterscheiden. Gemeinhin werden verschiedene Schreibstile und Kompetenzsimulationsstrategien als Meinungsvielfalt mißverstanden. So viel zum Epitheton „frei“.

Es ist daher kein Wunder, daß man sich – geht es um tatsächliche Expertise – auf die sogenannten Experten stürzt. Allein, dies ist nur eine weitere Illusion auf einer etwas höheren Stufe – insbesondere in hochgradig volatilen Zeiten wie der unseren. Die Corona-Krise bringt es exemplarisch an den Tag. Wir hören zahlreiche Experten und erfahren, daß diese – wenn wir die Kompetenzsimulation durchschauen, die durch massenmediale Einstimmigkeit erzeugt wird – noch immer wenig vom Virus verstehen und ob des Informationsüberangebotes (panisch werden Studien produziert) auch nichts verstehen können und daß sie sich letztlich in ihre persönliche, meist am ideologischen Gerüst ausgerichtete Meinung retten. Entspricht die Richtung der des Mainstreams, haben sie die Chance, an vorderster Front meinungsverbreitender Entitäten zu treten, um dort ihre Meinung zu verbreiten, im Versuch, die Meinungen in der Bevölkerung zu synchronisieren.

Davon abweichende Meinungen anderer Experten mit vergleichbaren Fachzeugnissen werden hingegen verschwiegen, verleumdet oder verschwörungstheoretisch befleckt. Fehlerhaft sind sie vermutlich alle. Die Lage ist zu komplex, als daß ein Mensch – oder auch „der“ Mensch – sie durchschauen könnte.

Dabei handelt es sich just um jene Stimmen, würden sie adäquat gehört, die die Eingangsprämisse, daß die „freie“ Presse in „Zeiten der Cholera“ vom Rückgrat zum Sargnagel der Demokratie mutiert, widerlegen könnten, denn sie plädieren für einen gelassenen Umgang mit dem Virus, so daß er das Gesamtgebilde nicht gefährden könne. Aber gegen die Meinungsklasse der Journalisten, die zudem auch ihrer ganz persönlichen Angst freien Lauf lassen, haben sie keine Chance. So kommt es, daß virologisch vollkommen unbedarfte, von-allem-ein-bißchen-von-nichts-wirklich-etwas-Wissende, andere Menschen in Grund in Boden schreiben können, die ihr ganzes Leben den Viren gewidmet haben.

So kommt es auch, daß die Gesellschaft weltweit – die internationale Panik ist das zwangsläufige Produkt des Globalismus mit seinen millionenfachen Abhängigkeiten – in Schockstarre gerät, so kommt es, daß der Tod einer 16-jährigen in einer Weltgegend oder der eines jungen Mannes in einer anderen medial ins Unendliche vergrößert, Angst und Schrecken verbreitet werden, als sei der alte mystische Satz – „Sobald ein Mensch geboren ist, ist er alt genug zu sterben“ – jemals außer Kraft gesetzt gewesen. Verzweifelt schauen wir auf ein paar hundert verröchelnde Rentner und schlußfolgern daraus fast den Weltuntergang, nur weil diese bedauernswerten Menschen – wir müssen da alle mal durch! – plötzlich eine Presse, besser noch eine Kamera haben. Dabei sollte man doch meinen, daß das Sterben prinzipiell die Norm ist und erst recht wenn man acht Jahrzehnte und mehr auf dem Buckel  – nebst Zeiterkrankungen – hat.

Vielleicht wird man eines Tages zu dem Schluß kommen, daß die Panik die in vielerlei Hinsicht erfolgreichste und zugleich extremistischste Gesellschaftsform der Geschichte zu Fall gebracht hat. Vielleicht wird man dann endlich den wahren Begriff für dieses Phänomen nutzen: Terror. Und Terror (lat.) heißt „Schreckensbotschaft“ und wer die Botschafter sind – Schrecken oder nicht – dürfte nun deutlich sein.

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All das ist natürlich selbst nichts anderes als Meinung, und zwar meine. Sie unterliegt den gleichen Eigenheiten und Fehlern wie jede Meinung.
Ich ziehe daraus den Schluß, daß es nun an der Zeit ist, in Quarantäne zu gehen. Nicht wegen des Virus, der mich bisher verschonte oder aber – was wissen wir schon? – unbemerkt passiert hat – mußte ich nicht auch die letzten Tage husten? –, sondern aus folgenden Gründen:
Zum einen nehme ich eine unbeschreiblich wilde Kakophonie an Meinungen wahr, in der zum Teil haarsträubender Unsinn geschrieben wird, selbst auf jenen Seiten, die ich gemeinhin mit Interesse lese. Damit will ich mich nicht weiter infizieren. Andererseits findet man dort bereits alle möglichen Meinungen und Positionen vertreten; ich habe nicht den Eindruck, der Debatte qualitativ etwas zufügen zu können. Schließlich überstrahlt das Thema zur Zeit alles, so daß es kaum sinnvoll erscheint, über einen anderen Gegenstand zu schreiben – einige Sachen stehen in der Warteschleife, gute Sachen, wie ich denke, aber sie jetzt zu veröffentlichten, bedeutete, sie ohne Grund zu ersäufen. Und zum Thema Virus selbst kann ich nicht viel beisteuern, da bin ich nicht kompetent. Man riskiert nur, selbst in diese ideologischen Streitereien hineingezogen zu werden und die Contenance zu verlieren. In Zeiten der komplett überhitzten Krise hat der Blog seine Schuldigkeit getan – operative Entscheidungen nicht ausgeschlossen.
PS: Meiner Meinung nach sind die derzeitigen Maßnahmen teilweise ungenügend und teilweise ungerechtfertigt. Es ist in dieser Lage aber besser, einen Fehler konsequent zu begehen, als ihn aufzuweichen. Daher sollte es jetzt die Pflicht jedes Deutschen – und derjenigen, die es werden wollen – sein, sein Verhalten den Ausnahmeregeln entsprechend anzupassen.
[1] Heute gefunden bei Klonovsky

Vorurteile retten!

Ich hatte mich verkalkuliert – mit meiner Blase. Unmittelbar vor der Grenzkontrolle in Nickelsdorf drückt sie unangenehm im langen Stau. Man ist auch ein wenig aufgeregt, weiß ja nicht, was einen am Schlagbaum in diesen panischen Stunden erwartet. Also fahren wir an der Raststätte raus und parken unmittelbar hinter der Tankstelle.

Genau an dieser Stelle hatten wir schon einmal ein paar interessante Erlebnisse.  Es weht ein genius loci über diesem Ort.

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Viro-Logisches II

Ursula von der Leyen beschwört die Europäische Union und tadelt jene Nationalstaaten, die souveräne Entscheidungen fällen. Tatsächlich bestätigt die Corona-Krise die Macht des Egoismus, nicht nur an den Verkaufsregalen, sondern auch auf nationaler Ebene. Die Nation zeigt sich nun als das, was sie ist: primär. Die nationale Frage ist – wie Bahro feststellte – „eine objektive Realität von tieferen Gründen als die Klassenfrage“. Nicht Klassen und Schichten finden in der Not zueinander, sondern die Nation. Entitäten wie ein die Nationen negierendes Ideal einer Europäischen Gemeinschaft, in der das Eigenartige nivelliert wird, entpuppen sich plötzlich als Konstrukte, sie sind noch nicht mal „eine objektive Realität“. Umgekehrt bedeutet das: Länder, in denen das Nationalgefühl – und also das Zusammengehörigkeitsgefühl –  systemisch gestört und zerstört wurde, werden derartige Krisen schlechter überstehen können, als mythisch geeinte Länder. Dort, wo sich ein Volk im Selbstverständnis gebildet hat, wird man gemeinsam handeln und auch leiden, sich opfern können; in einer parzellierten Gesellschaft dürften sich die Teile irgendwann gegeneinander wenden.

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Viro-Logisches

Das Corona-Virus hält uns in Atem, die Menge der Informationen, die Geschwindigkeit ihrer Veränderungen überfordert uns alle; selbst sogenannte Experten verlieren den Überblick, es geistern Zahlen und Theorien im Netz umher. Nachfolgend ein paar lose, freie Gedanken, allein aus dem fehleranfälligen Denken geboren und ohne jegliche Expertise.

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Wir erschießen sie (nicht)

Soll ich mal was verraten? Ich fand den Witz dieser linken Tussi auf der Strategiekonferenz in Kassel eigentlich ganz lustig. Sie sprach dort von einer Zeit „nach der Revolution, wenn wir ein Prozent der Reichen erschossen haben“. Aber noch besser fand ich Riexingers Reaktion, der darauf erwiderte: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie für nützliche Arbeit ein.“ Genau mein Humor.

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Die Mutti aller Dammbrüche

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die eine Hälfte Deutschlands – jene, die die politische und mediale Macht vereint –, den Mord an 10 Menschen in Hanau mit der AfD verbinden würde. Es hat kaum 12 Stunden gedauert – der Schock war noch nicht verflogen, die Trauer nicht bewältigt –, da fiel zum ersten Mal das Wort und scheinbar alle Vertreter besagter Hälfte nahmen es auf und verbreiten es nun mit skandalöser Selbstverständlichkeit. In einer Blitzradikalisierung überbietet man sich seither mit Appellen, die von direkter Verantwortung über Ächtung bis hin zu Überwachungsforderungen und Verbot reichen. Die Tat von Hanau ist bereits vor ihrer Aufklärung zum Mythos geworden und wird als solcher die kommende Geschichte des Landes beeinflussen.

Dabei müßten einige wesentliche Fragen erst geklärt werden.

Zum Beispiel, ob es ein Amoklauf oder Terror war. Daran hängt fast alles, denn die Tat eines Wahnsinnigen wäre nicht verallgemeinerbar und entzöge sich damit der Möglichkeit der  Instrumentalisierung. Die Frage ist aber durchaus nicht einfach zu beantworten, denn die schreckliche Tat fand offensichtlich in einem Übergangsbereich statt – was uns zeigt, daß wir nur mit Sprache agieren können und den intrinsischen Aporien der Sprache ständig aufsitzen. Die Benennung nicht-materialer Phänomene stellt Denken und Sprache vor unlösbare Schwierigkeiten, die nur solange zu übertünchen sind, wie es einen „Konsens“ über die Bedeutung der abstrakten Begriffe gibt. Dieser ist aber nur in eher homogenen Gesellschaften zu haben – je ausdifferenzierter Kommunen sind, desto weniger werden sie sich auf Begrifflichkeiten einigen. Die Tür zur multiperspektivischen Wahrnehmung identischer Geschehnisse ist längst geöffnet – das war eine Befreiung, aber es gibt eben nichts ohne seinen Preis.

Wenn man „Terror“ als „Schreckensbotschaft“ übersetzt – was auch heute noch Konsens sein sollte und sich auch mit der Etymologie deckt –, dann trägt diese Tat eindeutig terroristischen Charakter, denn es war, soweit man erfährt, das Ziel des Täters, Schrecken als Botschaft zu verbreiten. Er machte sich sogar die Mühe, diese aufzuschreiben.

Allerdings – und das macht es kompliziert –, benötigt Terror einen netzwerkartigen historischen Hintergrund: er muß in einer rationalen Kontinuität stehen. Wahnsinn zerschneidet jegliche rationale Herleitung.

Nun litt der Mann, wie wir wissen, schon seit Jahrzehnten – also bereits vor der Existenz der AfD und vor der Migrationskrise und vor dem dramatischen sozialen Zerfall unseres Landes … – an abstrusen Wahnvorstellungen. Diese äußerten sich auch in sogenannten „rassistischen“ Überzeugungen. Er führte ein Leben gegen – gegen alle möglichen Kräfte und Mächte, glaubte sich verfolgt und überwacht, scheint schizophren gewesen zu sein – „Schizophrenie“ ist übrigens auch so ein abstrakter Begriff, der einen Konsens voraussetzt. Es stellt sich also die Frage, ob sein „Rassismus“ wahn- oder ideologiegeneriert war. Vermutlich läßt sich auch diese Frage nicht eindeutig beantworten. Weder ist es sinnvoll, wie die linke und also die gesamte Presse es tut – daran erkennt man den Filz: das ist eine wichtige Lehre aus der Sache! –, das Amok- und Wahnsinnselement zu eliminieren, noch dient es der Wahrheit – wie es einige Stimmen auf rechter Seite versuchen – die Tat als reine Wahnsinnstat zu beschreiben und alle Zusammenhänge zu leugnen.

Denn die Zusammenhänge sind da und sie betreffen auch die AfD – nur darf man dort nicht stehen bleiben.

Es ist meines Erachtens kaum zu leugnen, daß die Partei noch immer ein Sammelbecken für Mißverständnisse ist und sich auch nach wie vor dafür bereithält. Sie zieht Imaginationen an, ohne immer deutlich zu machen, ob diese berechtigt sind oder nicht, sie läßt noch immer regelmäßig Vertreter an Mikrophone treten oder hinter Tastaturen sitzen, die ihrer Aufgabe geistig oder moralisch nicht gewachsen sind. Der Großteil davon fällt in den Topf „Meinungsvielfalt“, aber ein kleiner Teil geht darüber hinaus.

Auch hier handelt es sich um Konsensfragen. Die Partei muß sich fragen, wie weit der Konsens gehen kann. Das ist eine sehr heikle Frage, aber sie muß beantwortet werden. Andernfalls werden Konsensvokabeln wie „Antisemitismus“, „Rassismus“ oder „Extremismus“ nicht von ihr, sondern von ihren politischen Gegnern definiert und ihre gesamte Existenz und Existenzberechtigung von diesen in Frage gestellt werden – die Partei verschwendet dann ihre Kraft damit, diese Interpretationen abzuwehren und wird nie zur eigentlichen politischen Arbeit vordringen.

Man wird nie dazu in der Lage sein, vernünftig über die Politik Israels zu reden, solange man genuinen Antisemitismus in den Reihen hat, man wird nie Filz und Machenschaften bekämpfen können, solange sich Verschwörungstheoretiker angezogen fühlen, man wird die Migrationsfrage nie adäquat behandeln können, solange rassistisch argumentiert werden kann usw. und man wird auch kaum über die paar Prozent Wählerstimmen hinauskommen, die sich aus jenen generieren, die nur eines gemeinsam haben: dagegen zu sein.

An dieser Weiche – die Exkurse sind leider notwendig – stellen sich zwei Fragen:

Es gibt innerhalb der Rechten eine starke Fraktion, die bereits die Akzeptanz solcher Begriffe wie „Rassismus“ ablehnt, weil diese die Sprache des politischen Gegners seien und man schon durch ihre Anerkennung politisch bereits verloren hätte. Das ist ein valides Argument, für das es keine Lösung gibt, außer die oben und unten angedeuteten. Die Beschreibung ist durchaus korrekt, aber ändern läßt es sich nicht, sofern man am gesellschaftlichen Diskurs, der die Grenzen der eigenen Blase überschreitet, teilnehmen möchte. Zwar bin ich zu der Ansicht gelangt, daß es viele Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache im Ungarischen nicht gibt, dennoch werde ich nicht damit beginnen, diese meinen deutschen Lesern auf Ungarisch vorzutragen.

Die Partei muß zudem klären, wer und was sie sein will. Will sie jemals bundesweit politikfähig werden, dann wird man sich – solange das vorpolitische Feld sich so darstellt, wie es momentan ist – von diesen Rändern trennen müssen, dann muß man das Imaginationsangebot radikal verringern. Der zu zahlende Preis dafür wäre mangelnde Eindeutigkeit, aber in der Demokratie westeuropäischer Prägung ist Eindeutigkeit, ist Klarheit, Entschiedenheit, Prinzipienfestigkeit keine gewinnbringende Kategorie mehr.

Will die AfD hingegen der Stachel im Fleische bleiben und nicht mehr, will sie also außerpolitisch wirken, als Protest an sich, als „Zornbank“ (Sloterdijk), dann sollte sie ein Kredit-, ein Vielfältigkeitsangebot an alle Unverstandenen bereitstellen, wohl wissend, daß man nie mehr als eine Quassel- und Schreibude sein wird, die vom Gros der Gesellschaft gemieden und bekämpft wird und die zwangsläufig an den inneren Widersprüchen zerbersten müßte, wollte man eine politiktaugliche gemeinsame Strategie entwerfen. Ein Mischmasch wird langfristig scheitern.

Die Entscheidung ist auch deswegen essentiell, weil es ohne sie nie gelingen wird, auch begründbare Erklärungsversuche – wie etwa den des sogenannten „Bevölkerungsaustausches“ – in die öffentliche Diskussion einzubringen, denn solange Chaoten wie der Hanauer Mörder oder Verbrecher wie der Christchurcher Killer sie in den Mund nehmen, werden sie diskreditierbar bleiben.

In letzterem Falle (Dorn im Fleische) muß man auch die Mitverantwortung für Teile der realen Gewalt tragen können, die dieses Land in den letzten Jahren erschüttert hat und noch weiter erschüttern wird. Denn es ist durchaus denkbar, daß diese gewaltbereiten Typen sich auch durch die Existenz einer zwitterhaften Partei, von der sie annehmen dürften, daß sie auch ihre abstrusen Interessen vertrete, ermuntert fühlen, in der sich zudem selbst übermäßig viel und sehr konträrer Zorn angesammelt hat. Daß die Täter dabei katastrophale Denkfehler begehen, sei dahingestellt: man muß in der Politik auch mit der Dummheit der Menschen rechnen, zumindest solange man keine linke, also ideologie- und utopiegetriebene Politik machen möchte: dann darf man sich ein Menschenbild basteln.

Nur darf man aber nicht den Fehler begehen, Taten wie die von Hanau auf nur eine Ursache zurückzuführen. Diese haben eine extrem komplexe Vorgeschichte – die Reduzierung dieser auf einen einzigen Schuldigen schafft die Bedingungen für kommende Taten. Vor allem muß man natürlich ursächlich denken. Auch Ursachen haben Ursachen. Diese zurück zu verfolgen ist nun keine – wie oft unterstellt wird – Rückführung auf den Urschleim, denn es gibt zentrale und weniger zentrale Ursachen, es gibt Ursachenknoten.

Und der maßgebliche Ursachenknoten der heutigen Spaltung der deutschen Gesellschaft ist – wie mir scheint – sehr leicht auszumachen: man findet ihn im Herbst 2015. Die Öffnung der Grenze durch einen selbstherrlichen Entscheidungsakt der Bundeskanzlerin und die spätere Beibehaltung dieser Praxis, ihre Rechtfertigung … stellt die größte mentalpolitische Zäsur der deutschen Geschichte seit (wohl) 1945 dar. Sie ist die Mutter aller Dammbrüche. Ohne sie wäre auch die AfD nicht das, was sie heute ist. Sie wäre vielleicht noch immer eine kleine Lucke-Partei, die den EU-Moloch mit aufmüpfigen Reden bekämpft. Ohne diese fatale Entscheidung wäre die gesamte europäische Politik wohl anders verlaufen. Und natürlich ist auch diese realpolitische Entscheidung – wenn man tiefer graben will – nur vor dem Hintergrund einer sich seit langem im politisch-medialen Establishment durchsetzenden alternativlosen Multikulti-Ideologie, die aber von weiten Teilen der Bevölkerung nicht getragen wird, zu verstehen …

Diese Zäsur hat Kräfte frei gesetzt, die nun nicht mehr zu bändigen sind. Es gab Stimmen – ich darf die meine bescheiden dazu zählen – die Szenarien wie das von Hanau bereits im Schicksalsjahr angekündigt hatten, wenn es keine schnelle Kehrtwende gäbe. Jeder konnte die Spannung, die Panik, die Angst, den Schrecken, aber auch die Begeisterung und Euphorie auf den Straßen und in den Medien spüren und es konnte jedem klar denkenden Menschen bewußt sein, daß dieses glühende Magma an extrem diversen Emotionen zu verschiedenartigen Ausbrüchen führen mußte. Die AfD hat sich hier sogar als Energieableiter, als Katalysator, als Container verdient gemacht, denn sie hat einen Großteil der widerständigen und verzweifelten Energie gebunden. Ohne sie wären wir dem molekularen Bürgerkrieg vermutlich deutlich näher.

Öffentlich wurde dieses Magma aber mehr und mehr unterdrückt, seine Existenz verteufelt, seine Sichtbarkeit minimiert. Ein großer Teil der Menschen fand sich nicht mehr repräsentiert in der Öffentlichkeit und zog sich zurück. Es entstanden – dank „sozialer Medien“ – eigene Informations- und Emotionsnetzwerke, die sich wiederum zum Teil nach eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelten und nicht selten ins Abstruse. Daß wir heute ein Problem mit Verschwörungstheorien haben, mit zunehmendem Antisemitismus, mit Reichsbürgern und was dergleichen alles existiert, liegt maßgeblich an der öffentlichen Unterdrückung dieser enormen mentalen Kräfte, die sich im Zuge der Migrationskrise, der tatsächlichen Zuwanderung in der derzeitigen Dimension – deren gesellschaftszerstörerische Kraft weitflächig geahnt wird – gebildet haben.

Schuld an einem Massaker wie dem in Hanau sind viele und vieles, aber die größte Wurzel des Übels – in einem rhizomartigen und noch immer wachsenden Geflecht – ist die Entscheidung jener Frau, die heute vom „Gift des Hasses“ spricht, ein Gift – unter vielen –, das sie selbst – selbstverständlich nur indirekt – produziert hat und mit derartigen Äußerungen weiter produziert.

Man mag ihr vielleicht entschuldigend zugutehalten, daß sie diese Zusammenhänge nicht versteht und nicht verstehen kann. Das freilich wäre der stärkste Grund, sie endlich zu ersetzen und das Unrecht aufzuarbeiten.

Höckes Rede und die Presse

Auf der Jubiläumsveranstaltung von Pegida hielt Björn Höcke gestern eine Rede. Darüber berichtet die „Zeit“ u.a. wie folgt:

„Eine halbe Stunde spricht Björn Höcke, man hört keine Grundsatzrede, in der er neue Töne anschlägt, sondern sein bekanntes Repertoire. Über die Gegendemonstranten sagt er: ‚Im Hintergrund sehen Sie die Opfer der deutschen Bildungskatastrophe.‘ Die seien auch in Vereinen engagiert, die man nicht mehr tolerieren werde. ‚Wir werden diese sogenannte Zivilgesellschaft dann leider trockenlegen müssen.‘”

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