Laß dich nicht erschrecken!

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLIX

Darüber, daß dich nichts erschrecken kann

Was kann dich erschrecken, wenn deine Seele ruhig ist? Wenn du die Eitelkeit niederringst, die Lüsternheit und die Gier? Welche Mächte können dich quälen, wenn du dich selbst nicht quälst? Was ist schon ein Gefängnis, wenn deine Seele frei ist? Was ist schon der Tod, wenn du die Welt und deine Seele kennengelernt hast und du nicht nach überflüssigen und peinlichen Dingen gierst? Weiterlesen

Verräter nicht bedauern

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLVII

Darüber, daß man den Verräter nicht bedauern soll

Erwirke in Verfahren gegen Menschen nach Möglichkeit Freispruch. Nur dann nicht, wenn du den Angeklagten des langsamen und kalten Verrats für schuldig befindest. Dem Mörder kann man schneller vergeben als dem Verräter. Weiterlesen

Ärzte in anderen Weltteilen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLVI

Über die Ärzte und die Himmelsgegenden 

Im Mittelalter gab es den Irrglauben, daß die Ärzte durch ihren Beruf Krankheiten in bestimmte Regionen bringen, als Material ihrer Kunst[1]. Montesquieu wandte sich nach Jahrhunderten gegen diese Irrlehre. Nicht die Ärzte bringen die Krankheiten, sondern die Krankheiten bringen die Ärzte. Und wir können tatsächlich sehen, daß zu jeder Region ein jeweils anderer Arzt paßt.

Die Heilweise, die in Paris begeistert und kluge Anhänger hat, heilt nicht in Konstantinopel. Das Arzneimittel, das in Oslo ganz sicher wirkt, wirkt nicht ganz so sicher in Marseille oder Budapest. Der Arzt, der in London tausenden Kranken das Leben wieder schenkt, ist in Bagdad machtlos, wenn  ihn das Schicksal dahin verschlägt.

Der Mensch ist nicht nur seiner Natur und seinen Gewohnheiten gemäß krank und heilt, sondern auch in Abhängigkeit von den Himmelsgegenden. Was in Helsingfors abführend wirkt, ist in Khartum verstopfend, und der Gefäßkrampf, den in Budapest ganz sicher Pyramidon[2] löst, bleibt in China ein Gefäßkrampf, wie viel der Mandarin auch Pyramidon einnimmt. Chinin würgen wir in Budapest in Halbgrammportionen hinunter, in Sumatra nimmt man es mit Kaffeelöffeln. Der Mensch kann unter vielen Bedingungen krank oder gesund sein. Denke daran, wenn du den Arzt schiltst.

márai sándor – Idézetek

[1] mesterségük
[2] Aminophenazon https://de.wikipedia.org/wiki/Aminophenazon

Das gerechte Urteil

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLIV

Über das gerechte Urteil

Deine eigenen Angelegenheiten so gerecht beurteilen, wie du dich zur Gerechtigkeit in den Angelegenheiten der anderen erziehst. Du hast kein Recht auf Ungeduld, Unbill, noch nicht mal auf übertriebene Forderungen an dich selbst. Weiterlesen

Ordnung und Vorsehung

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLIII

Über Ordnung und Vorsehung

Ich habe herausgefunden, daß am Grunde des menschlichen Lebens eine Ordnung herrscht. Und da das menschliche Leben die komplexeste Manifestation der Schöpfung ist, ist es wahrscheinlich, daß es auch anderswo eine Ordnung gibt, in der Welt der primitiveren und einfacheren Existenz, in der Natur der Felsen, Waschbären, Reptilien und Planetensterne. Weiterlesen

Über das Lesen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLII

Über das Lesen

Mit Kraft lesen. Mitunter mit mehr Kraft lesen, als in die Schrift, die du liest, Kraft  hineingelegt wurde. Mit Andacht, mit Leidenschaft, mit Aufmerksamkeit und unerbittlich lesen. Weiterlesen

Den Schriftsteller verteidigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLI

Darüber, daß niemand den Schriftsteller verteidigen kann.

Jedes Mal, wenn sie Verfolgung und Angriff gegen mich starteten – und im Laufe einer Schriftstellerlaufbahn wiederholen sich diese Verfolgungsjagden unweigerlich, manchmal mit lebensbedrohlichen Wendungen – habe ich erfahren, daß keine fremde Hilfe den angegriffenen Schriftsteller verteidigen kann. Weiterlesen

Über das Gewissen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XL

Über das Gewissen

Allein das Gewissen kann dein Richter, dein Henker und dein Patron sein, sonst niemand! Wenn du schreibst, dann bist du nur deinem Gewissen Rechenschaft schuldig, sonst niemandem. Ganz gleich, was sie von dir erwarten, ganz gleich auch, womit sie dich bedrohen, wenn du ihnen nicht das gibst, was sie sich von dir erhoffen oder was sie gerne hören wollen! Weiterlesen

Der Schmerz der anderen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIX

Über die Schande und den Schmerz der anderen

Der Mann, der sich gepanzert und des Menschen Stand entsprechend im grausamen Lebenskampf behaupten will, handelt richtig, wenn er sich selbst nicht nur zur Unparteilichkeit und vollkommenen Gerechtigkeit, sondern zum Stolz ohne Angst, zur Verachtung aller Arten menschlicher Kabalen und Gefahren, zu einem überlegenen Blick auf jederart menschlicher Lagen erzieht. Weiterlesen

Heimat, Land und Staat

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXVIII

Über die Heimat[1] und den Staat

Können wir jemanden zur Heimatliebe erziehen? Das ist, als würde man sagen: „Mit Geißel und Stachelpeitsche zwinge ich dich, dich selbst zu lieben.“

Die Heimat, das sind nicht nur die Erde und die Berge[2], die toten Helden, die Muttersprache, die Gebeine unserer Ahnen auf den Friedhöfen, Brot und Land[3], nein. Die Heimat bist du, mit Haut und Haar, in deiner ´körperlichen und seelischen Beschaffenheit; sie gebar, sie begräbt, du lebst sie und drückst sie aus in allen elenden, großartigen, flammenden und langweiligen Augenblicken, deren Gesamtheit dein Leben ausmachen. Weiterlesen

Über den Feind

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXVI

Über den Feind

Es gibt die Gleichgültigen, die Freunde, die Gegner, die auf das Befehlswort einer Idee, einer Überzeugung oder eines Interesses hin gegen dich kämpfen. Das ist die Ordnung des menschlichen Lebens, nur so gibt es im Leben eine schöne Spannung: zwischen Freunden und Gegnern, in der großen Menge der Gleichgültigen. Weiterlesen

Auch der Weise muß sterben

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIV

Darüber, daß auch die Weisen sterben

Jede Lektüre, die einen Standpunkt und eine Haltung dem Tod gegenüber lehrt, hat einen demütigenden und entmutigenden Nachgeschmack. All diese „ars beatae moriendi“, die antiken heidnischen und die christlichen mittelalterlichen Weisen, die Stoiker, die Bekenner, die Humanisten, die Naturwissenschaftler der modernen Zeit, bemühen sich, uns davon zu überzeugen, daß man den Tod überhaupt nicht fürchten muß. Weiterlesen

Fürchte dich nicht!

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXII

Darüber, daß man sich vor nichts fürchten soll

Wenn du eine gute Sache verteidigst, was kannst du dann fürchten? Was kann dir geschehen?

Schlagen sie dich nieder, verleumden sie dich, rauben sie dich aus, entehren sie dich? Erheben sie Anklage gegen dich, wirst du falsch beurteilt? Weiterlesen

Über den Rhythmus des Lebens

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXI

Über den Rhythmus des Lebens

Beständig den Lebensrhythmus ändern. Bewußt und aufmerksam Arbeit und Ruhe abwechseln, Hunger und Überfluß, Nüchternheit und Rausch, ja, sogar Sorge und Freude; bewußt vom gedeckten Tisch des Lebens aufstehen, wenn der Überfluß am größten ist, bewußt Sorgen und Aufgaben einbeziehen, die eine erzieherische Kraft haben. Überschätze dich in keiner Situation. Weiterlesen

Mit dem Herzen leben

Darüber, daß man auch mit dem Herzen leben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVII

Aber wir sollen zugleich mit unserem Herzen leben, mit jenem anderen Lebenstakt, der geheimnisvoller, verhüllter, schwieriger zu erkennen ist als die Ordnung des Weltenflusses.

Wessen Herz, mit bereitwilligem Puls, achtzig schlägt, der sollte nicht nach der Art eines Marathonläufers leben.

Weiterlesen

Den Arzt betrügen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXV

Darüber, daß wir den Arzt betrügen

Jedes Mal, wenn ich zum Arzt ging, konnte ich mich nicht von dem peinlichen und erniedrigenden Gefühl befreien, daß ich den guten Mann betrog, der mich seiner Meisterschaft und Menschenkenntnis entsprechend mit Sorge und Fürsorge behandelte, aber sich völlig hoffnungslos mit mir beschäftigte. Weiterlesen