Der Clash zweier Denkstile

„… die Entideologisierung … hat den symbolischen Wert der Kultur insgesamt und des philosophischen Diskurses sehr massiv nach unten gedrückt, weil sie praktisch nur noch die Bedeutung von Waren haben … Sie haben keine grundlegende Relevanz, weil sich die Fundamente der Gesellschaft nicht mehr auf einem Diskurs gründen.“ (Boris Groys)
„Es muß darum gehen, diese mysteriöse Tendenz der menschlichen Seele, sich zu opfern, einzubinden in moralische Prinzipien, die uns erlauben, zu unterscheiden, was ein legitimes Opfer ist und was ein illegitimes Opfer ist. Und dafür brauchen wir praktische Vernunft.“ (Vittorio Hösle)

Aus der akademischen Ecke kommt, wenn es um Sloterdijk geht – vom Karlsruher Kreis abgesehen – fast nur Schweigen oder Häme. Da werden dann auch Ersatzduelle interessant. Eines fand vor 10 Jahren zwischen Boris Groys, wohl einem Sloterdijk geistig nahestehenden Philosophen, den Sloterdijk selbst auch häufig diskutiert und zitiert, und dem einstigen Shootingstar der traditionellen deutschen Philosophieszene, Vittorio Hösle, statt. Daraus ist ein kleines Buch entstanden: „Die Vernunft an die Macht“. Da ich beide Autoren in ihrer Entwicklung verfolgte, entstand eine kleine Rezension des lang erhofften Dialogs:

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Circulus Virtuosus

„Nur die Entkräftung der Vergangenheit – ihre Herabstufung zu bloßem ,Rohmaterial‘ der Selbstformung – bewirkt, daß Menschen sich selber frei ,wählen‘ oder ,erfinden‘ müssen. Die Freien sind nicht nur jene, die einen Herrn abgeschüttelt haben. Sie sind auch die, die man ohne Erklärung auf offener Straße stehengelassen hat. Andernfalls wären sie stabil programmierte Medien prägungsfähiger Generationen geblieben und würden ihr Leben als selbstsichere Vehikel angeeigneter Überlieferungen führen – in den Spielräumern der immer überraschungsoffenen Welt.“ (Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit)

Sloterdijks letzter Großessay – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – liegt nun drei Jahre zurück – seither erschienen zwei Aufsatzssammlungen („Was geschah im 20. Jahrhundert“, „Nach Gott“ und ein Roman „Das Schelling-Projekt“).

Die einen stehen Schlange, wenn die neue xbox erscheint oder das neue Apple-iPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuß (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

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Sloterdijk, ohne zu lachen

„Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallenzulassen und ihn durch Explikation zu ersetzen.“ (Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen)

Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst auf dieser Fete kennengelernt und bin begeistert. Wir reden über Gott und die Welt, vom Bumsen bis zur Negativen Dialektik; endlich einer, der etwas von Philosophie versteht und vom Leben …“[1] Kallscheuer traf den Nagel auf den Kopf und trifft ihn noch immer und wenn es eines Beweises noch bedurft hätte – hier ist er: „Ausgewählte Übertreibungen“!

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Makabres Paradox

Deutschland war noch nie ein Debattenland, sondern eine Echokammer für Hysterien und Vorwürfe, aus denen keiner etwas lernt, außer wie man die nächste Runde sinnloser Aufregungen anzettelt“ (Sloterdijk: Zeilen und Tage, 2009)

Wer sich Sloterdijks Werk, vielleicht nach der Lektüre der beiden einführenden Arbeiten, als Unbedarfter nähern will, steht vor schier unlösbaren Schwierigkeiten, denn vor ihm türmt sich ein enormes – qualitativ und quantitativ – Massiv an Gedanken auf. Wo beginnen?

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Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“.

Zwei einführende Werke sind (bedingt) empfehlenswert: Hans Jürgen Heinrichs: „Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens“ und Sjoerd van Tuinen: „Peter Sloterdijk. Ein Profil“

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Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Heute, am 26.6., wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt. Ich halte ihn – man entschuldige die Wiederholung – für den bedeutendsten und schillerndsten Denker unserer Zeit. Wie gestern stehen mir die Feierlichkeiten zum 65. noch in Erinnerung – damals hoffte er, noch 13 Jahre leben und arbeiten zu können.

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Rechtsschwenk Marsch! Warum?

Wenn man glaubt, der Tiefpunkt einer Debatte sei erreicht, dann gibt es meist noch einen, der auch das letzte Halteseil kappt und den Flug in die Hölle antritt.

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