Denkanstöße – Sloterdijk II

Meine These ist: die Alternativen von heute sind die Kinder der Katastrophe. Was sie von älteren Protestierern unterscheidet und sie als erste Kandidaten für eine Kultur der Panik empfiehlt, ist die neuartige Stellung ihres Bewußtseins zur Realität von lokalen und globalen Katastrophen. Die heutigen Alternativen sind in geschichtlicher Perspektive die ersten, die ein nicht-hysterisches Verhältnis zur denkbaren Apokalypse entwickeln.

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Denkanstöße – Sloterdijk

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Stil, mit der Welt unzufrieden zu sein, und eine selbstbewußt gewordene Unzufriedenheit mit der Welt trägt den Keim einer Kultur in sich. Ohne Zweifel zeigt die heutige Unzufriedenheit mit der Welt panische Züge. Wer nicht panisch ist, ist nicht auf dem laufenden – er lebt im Abseits von der Epoche, in irgendwelchen Höhlen der Ungleichzeitigkeit, verschont, sich schonend. Um sich von der Panik fernzuhalten, müßte man fähig sein, an einem kleinen Glück zu bauen und sich durch naheliegende Sorgen von den globalen Problemen ablenken zu lassen. Aber Immunität gegen Panik ist selten geworden: so selten wie authentische Weltfremdheit. Wer auf der Höhe der Zeit lebt, ist vom Schrecken kontaminiert.

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Huntington heute

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor fast 25 Jahren, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen.

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Vom Ende der Welt

Ist die Auslöschung aller Dinge, der Menschen und der eigenen Person überhaupt denkbar oder denken wir nichts, wenn wir uns das Nichts denken? (André Glucksmann)

Nun ist es also offiziell – auch 2019 ist die Welt nicht untergegangen.[1] Damit hat sich die Prophezeiung des berühmten Propheten Alois Irlmaier, die wir letztes Jahr an dieser Stelle kurz diskutierten, als falsch erwiesen, zumindest jene Auslegungen, die seine Worte derart interpretiert hatten. Ein Bekannter zog sich deswegen in die bayerischen Berge zurück, denn dort sollte es einen Streifen geben, der vom Untergang verschont werden würde. Auch „Raskolnikow“ – nahezu vergötterter Forist unter den Lesern der „Sezession“ – lag mit seiner Prognose falsch. Er hatte vor zwei oder drei Jahren[2] den großen Krieg bis Ende 2019, den großen Zusammenbruch angekündigt. Irrtümlicherweise, wie wir seit heute wissen.

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Offener Brief an Alan Posener

„Wenn man wirklich für Meinungsfreiheit ist, dann muß man auch für die Freiheit von Standpunkten eintreten, die man verachtet. Sonst ist man nicht für Meinungsfreiheit.“ (Noam Chomsky, zitiert in Baños: So beherrscht man die Welt)
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Sehr geehrter Herr Posener,

Sie haben meinen Artikel „Ich gebe zu Protokoll“, in dem ich auch Ihre Besprechung des Corpus Delicti – Pedro Baños Buch „So beherrscht man die Welt“ – aus offensichtlichen Gründen erwähne und bewerte, mit folgenden beiden Kommentaren bedacht:

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Blumen für Habermas

Frage: Habermas sucht die gesellschaftspsychologische Ebene erst gar nicht, sondern sagt: Entzieht doch diese Dinge dem Nationalstaat. Wir brauchen neue europäische Institutionen. Er betätigt sich als Neukonstrukteur einer zusätzlichen überstaatlichen Ebene, die unsere Probleme in diesem eher auch vordemokratischen Raum mit neuen Institutionen lösen soll. Er baut sich da ein neues Europa. Was halten Sie davon?

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Habermas: Autoritäre Persönlichkeit

Zum 90. Geburtstag

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik, eines „deutschen Voltaire“, näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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