Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Wenn von rechter Seite ein Verlust der Meinungsfreiheit in unserem Land beklagt wird, dann wird von linker Seite fast schon im Reflex geantwortet, daß das Unsinn sei, denn eigentlich könne doch jeder seine Meinung sagen, niemand komme dafür ins Gefängnis und es gebe auch die entsprechenden Organe, in denen selbst die krudesten Theorien vertreten werden dürften, und schließlich sei – das ist das ultimative Totschlagargument – die soeben vorgetragene Klage, daß es keine Meinungsfreiheit mehr gebe, durch sie selbst, durch die Klage, ad absurdum geführt, denn in einer Meinungsdiktatur wäre sie nicht möglich gewesen.

Weiterlesen

Mitteldeutsche Begegnungen

Den Sommer nutzen wir seit Jahren, um ein paar deutsche Kraftorte zu besuchen. Meist ist Weimar dabei, es kann aber auch Dresden sein, Eisenach, Naumburg, Freyburg, Querfurt …,  irgendwas mit -furt, -hausen oder -burg am Ende und meist im thüringischen oder anhaltinischen Bereich gelegen. Es ist fast egal, welchen Ort man besucht, die lange deutsche Geschichte wird dort in dieser oder jener Form greifbar werden, man wird gerade in dieser Jahreszeit von Sonne und Sommer förmlich vereinnahmt, überall riecht es nach Erde, nach Ernte, nach Reife und fast überall steht man unter einem weiten, blauen Himmel und schaut aufs Land und empfängt die Erfahrung der Größe.

Weiterlesen

Wiedersehen im Widerstand

Weit zurück in der Geschichte dieses Blogs liegt dieser Artikel: Gut zu wissen.

Darin findet sich eine Liste exklusiver Namen, die sich im Herbst 2015 durch kritische Kommentare – damals Mangelware, Sensation und tapfer – in jenes Lager geschlagen hatten, in dem auch ich und wohl die Mehrheit der Leser gelandet war. Das war und ist mir noch immer wichtig, denn der Zweifel, man könne irren und die permanente Arbeit daran, diesen Zweifel zu nähren, bleibt.

Weiterlesen

Tellkamps Gesinnungskorridor

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. (Oscar Wilde)

Mindestens drei Mal wurde in der Presse der Versuch unternommen, Uwe Tellkamps „deutschnationales Pathos“ (Dotzauer), seinen „mentalen Aufbaustoff“ für Neurechte (Assheuer), seine „heftige Abstoßung“ (Kämmerlings), sprich seine „rechte Verirrung“ im Gespräch mit Durs Grünbein aus seiner Werkgeschichte zu erklären. Dabei geriet sein früher Erfolgsroman „Der Eisvogel“ (2005) besonders ins Visier, der sich nun, dreizehn Jahre später, scheinbar neu deuten lassen soll. All sein rechtes Gedankengut sei dort schon, mehr oder weniger versteckt, angelegt gewesen.

Weiterlesen

Déjà-vu in Dresden

Ich mache mir Sorgen! Um meine Gesundheit. Im „Focus“ muß ich hören, daß Dauer-déjà-vus Symptom ernsthafter psychischer Krankheiten sein können.

Zugegeben, wenn der Angstgenerator „Focus“ die Wahrheit sagte, dann müßte ich schon lange an zerfressener Leber, Bluthochdruck, Diabetes 1, 2 und 3, Alzheimer, Demenz und Parkinson im Gesamtpaket, Haarausfall und 27 Krebsarten – außer Prostata natürlich! – zugrunde gegangen sein.

Weiterlesen

Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältiger als gestern angedeutet. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

Weiterlesen

Die AfD-Welle

Schaut man sich diese Graphik an, kann man schon ins Grübeln kommen. Es lohnt, darüber ein wenig zu sinnieren.

Weiterlesen

Die letzten Helden

Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that. Bill Shankly

In einer wertentkernten Welt wird die identitätsstiftende und geschichtstragende Rolle des männlichen Helden, die seit Jahrtausenden im mythologischen Zentrum der Großzivilisationen lag, nach außen verlagert und medial an Männer vergeben, die es zu überragender und beeindruckender Meisterschaft im Werfen oder Treten von Bällen geschafft haben.

Weiterlesen

Zur Ökonomie des Faschismus

Was haben Diamanten, Seltene Erden und Faschismus gemeinsam? Sie sind knappe Ressourcen, sie erzielen hohe Preise, man muß viel investieren, um sie zu finden und zu fördern.

Faschismus ist unserer Tage nicht mit Gold aufzuwiegen!

Weiterlesen

Deutsche Bahn und Toleranz

Wer es noch nicht kennt, sollte sich jetzt die 52 Sekunden Zeit nehmen und das neue Werbevideo der Deutschen Bahn anschauen.

Weiterlesen

Heidi Hetzer

Man sollte öfter mit normalen Menschen zusammen sitzen. So wie gestern bei einer Geburtstagsfeier. Da saß die Verkäuferin und erzählt aus dem Leben. Wie sie alle Angst haben um ihren Job. Wie ihnen gesagt wurde, daß sie entlassen würden, wenn sie an Pegida oder WsD-Demonstrationen teilnähmen …

Weiterlesen

Too close for comfort

… so sagen die Briten, die Weltmeister im Drumherumreden, in ihrer bildreichen Sprache, wenn sie einer Gefahr, einer Unannehmlichkeit zu nahe gekommen sind.

Weiterlesen

Habermas und Holocaust

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Fünf Wochen nach Björn Höckes Dresdner Rede, in der bekanntlich das Wort vom „Mahnmal der Schande“ fiel, haben sich die Wogen wieder geglättet. Das ist der Moment der Reflexion, der Einkehr und der Erinnerung. Denn Höckes Rede hat eine lange und vertrackte Geschichte, die Geschichte des „Holocaust-Denkmals“ oder, wie es offiziell heißt, des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.

Weiterlesen

Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

Weiterlesen

Rechne mit deinen Beständen

„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

Rechne mit den Beständen.

Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Entwarnung: Moscheenzensus

Wieder so ein Qualitätsprodukt der Leitmedien. „Experten rechnen vor“ – wer die Experten sind, bleibt ungesagt.

Focus: Im vierstelligen Bereich: so viele Moscheen gibt es in Deutschland wirklich

Demnach „recherchiert“ die „Zeit“ und zählt alle Moscheen in Deutschland zusammen, denn bislang gibt es – das ist doch der eigentliche Skandal! – keine offizielle Bestandsaufnahme. Man kommt auf 2750. Ist das nun viel oder wenig? Wie kommt man auf diese Zahl, wenn es „keine offiziellen Auskünfte gibt“? Und was ist überhaupt eine Moschee? Ein Bau mit Kuppel und Minarett oder zählt jeder x-beliebige Gebetskeller im Hinterhaus dazu?

Der „Focus“ schießt den Vogel an Unwissenheit ab, indem er uns das sehenswerte Yenidze-Gebäude in Dresden präsentiert – das definitiv nie eine Moschee war, sondern eine Zigarettenfabrik.

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Überhaupt will man beim linkspopulistischen „Focus“ durch die Blume Entwarnung geben ohne freilich den Mut zu haben, wirklich zu bekennen. Das signalisiert der Eingangssatz: „In Deutschland gibt es schätzungsweise sechzehn Mal mehr christliche Kirchen als Moscheen.“ Also kein Grund zur Panik.

Doch ist die Zahl sinnlos, wenn man nicht die Dynamik betrachtet. Wie viele Moscheen gab es vor 50 Jahren? Wir wissen es nicht, doch dürfte die Zahl nicht im vierstelligen, sondern eher im zweistelligen Bereich gelegen haben. Und vor 40 Jahren, vor 30, vor 20, vor 10 Jahren? Man riskiert keine Lüge, wenn man von einem exponentiellen Wachstum ausgeht.

Merken wir uns den Faktor 16. Die nächste Zählung wird ihn nicht mehr bestätigen und in 10, 20, 30, 40 oder 50 Jahren wird er Makulatur sein.

Allein unsere Presse bleibt stoisch und lebt – im Hier und Jetzt.

… denn sie wissen nicht

Mit Khaled und Hussain in Dresden. Während Hussain begeistert durch die Regallabyrinthe der Universitätsbibliothek wandelt und mir Gelegenheit gibt, vor beeindruckenden Werkausgaben ihn mit einigen Namen bekannt zu machen (Goethe, Schiller, Luther, Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, Heidegger …), ihm auch einige Islam-Lexika zu zeigen, um ihm praktisch vorzuführen, daß Religionswissenschaft kritisch und hermeneutisch vorgeht statt blind nachzubeten und zu wiederholen, eilt Khaled zum Bahnhof zurück, sich von einem ortsansässigen Syrer ein paar seiner Klamotten aushändigen zu lassen, die den langen Weg von Daraa über Istanbul und München bis nach Sachsen gefunden haben – aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir uns wieder treffen, zeigt er uns sein Handy. Ein alter deutscher Freund hat sich gemeldet und fragt, ob wir ihn besuchen können, gleich um die Ecke.

Sein Name ist Legion. Er war einer derjenigen Helfer im Herbst, die das Tohuwabohu irgendwie geregelt haben, und er hatte sich seinerzeit um Khaled verdient gemacht. Ein Handyphoto zeigt einen Mittdreißiger im Palästinensertuch. Alles klar!

Die Freude ist auf beiden Seiten groß. Ich halte mich zurück und widerspreche nicht bei seinen Analysen. Er ist Künstler. Die arabische Kultur hatte es ihm im Zuge des Flüchtlingskontaktes angetan. Was für eine spannende Welt und so liebe Menschen! Im Frühjahr reiste er sogar in den Libanon, um in Flüchtlingslagern zu photographieren. Es sind Bilder ohne Menschen geworden, Hausfassaden, verwinkelte Gassen, Blick über ein Dächermeer vor schneebedecktem Libanongebirge. Und diese zauberhafte Schrift!

Er hat ein paar kleine Kataloge dabei. Freundlich lächelnd und müde blättere ich ein Heft mit arabischen Schriftzügen durch: Werbeflächen, Preisanzeigen, Ladenschilder und dergleichen. Gebrauchskalligraphien, hübsch gemacht, vor allem, wenn man ihren banalen Inhalt nicht lesen kann. Hussain sitzt daneben und schaut gelangweilt zu – wir waren den ganzen Tag auf den Beinen, jetzt sackt der Körper ab.

Eine blutrote Schrift auf einer vergammelten Mauer, nur drei Buchstaben. Ich versuche zu entziffern und denke, das könnte doch „Hussain“ heißen? Also halte ich es Hussain vor die Nase. Elektrisiert springt der sofort auf. „Weißt du, was das heißt?“, fragt er den Künstler. Der weiß es nicht und hört auch kaum die Antwort, versucht weiter mit Khaled sein glückliches Weltbild zu bauen.

Umso mehr interessiert es mich! Es heißt „Ya Hussain“, die Kurzform von „Labayka Ya Hussain“ und ist ein Schlachtruf der Schiiten. Hussain verzieht das Gesicht. In zwei, drei kurzen Sätzen klärt sich alles auf: Hussain, Sohn des Ali, Begründer der Schia-Tradition. Wie die meisten Sunniten, reagieren auch die Syrer mit negativen Emotionen. „Überall Blut“, sagt er noch und ich erinnere mich eines Gesprächs, wo er angewidert von Selbstgeißelungen sprach – dann müssen wir gehen.

Erst zu Hause begreife ich richtig. Alles geht auf das erste islamische Schisma zurück. Die Muslime stritten sich nach Mohammeds Tod um den gerechtfertigten Nachfolger. Abu Bakr – seine Nachfolger wurden später die Sunniten –, oder Ali, der Schwiegersohn des Propheten. Dessen Sohn Hussain erhob später ebenfalls den Machtanspruch, wurde aber im Kampf getötet und enthauptet: dieser blutige Tod wurde zum Fanal für fast anderthalb Jahrhunderte und noch heute ist ein gewisser Blutkult geläufig, wird der Tod Hussains ganz unmittelbar und körperlich von Schiiten gefühlt, betrauert und zelebriert. Die Sunniten halten das für Schirk, Götzendienst und Idolatrie.

Ya Hussain-Schriftzug als Wallpaper

Ya Hussain-Schriftzug als Bildschirm-Wallpaper

Wer sehen will, welche Macht dieser Mythos und das Ya Hussain hat, der schaue sich unbedingt folgende Rede Hassan Nasrallahs an: Sayyed Hassan Nasrallah (ha) – Die Bedeutung von „Labayka ya Hussein“

Nasrallah ist der viel verehrte Chef der Hisbollah … in einem Interview mit Julien Assange zweifelte er die Existenzberechtigung Israels an …

Und plötzlich sind wir – mitten in Dresden – von diesem kleinen, aus ästhetischen und gutgemeinten Gründen photographierten Schriftzug an einer Mauer im Libanon inmitten der großen Weltpolitik gelandet, im Strudel des religionspsychologischen und blutigen Wahnsinns des (noch) Nahen Ostens.

Doch davon will der Künstler nichts wissen.

Daraa-Dresden und zurück

Die Welt ist ein Dorf und Deutschland ist die Welt – mit besonderem Kontakt zu Syrien.

Als ich Dresden für einen Ausflug vorschlage, ist Khaled sofort dabei. Er hatte sowieso dort zu tun, er müsse seine Klamotten aus Syrien abholen. Wie? Was? Die Geschichte ist so:

Er hat einen guten Freund in Istanbul, ein Syrer, der dort ein Lampengeschäft betreibt und offenbar recht erfolg- und reich. Von ihm erfährt Khaled in Sachsen – alles über Mobiltelephon natürlich –, daß eine Familie aus Daraa nach Deutschland fliehen will. Könnte die nicht gleich seine Klamotten mitbringen, die noch irgendwo im Süden Syriens lagern? Ein Anruf  aus Istanbul genügt, die Sache ist gebongt.

Wochen später kommt die Familie, nebst Khaleds Kleidungsstücken, in München an. Kontakte in die sächsische Provinz gibt es keine, aber man kennt jemanden in Dresden. Beim nächsten Besuch nimmt dieser Dresdner Syrer Khaleds Kleidung aus Daraa mit zu sich nach Hause. Khaled kennt ihn nicht, das spielt keine Rolle, Syrer zu sein, verbindet genügend. Noch einmal organisiert die Istanbuler Zentrale alles. Der letzte Schritt ist einfach: Khaled muß nach Dresden, verabredet sich dort mit dem Mann, man trifft sich am Bahnhof und voilà, mein syrischer Freund steht plötzlich mit Rucksack da. Alles zum Nulltarif.

Abends schlendern wir noch die Prager Straße entlang. Zum ersten Mal esse ich Shawarma. Khaled bestellt auf Arabisch. Wir bummeln weiter. Ein junges sehr hübsches Mädchen im blauen Kopftuch kommt uns entgegen. Khaled strahlt plötzlich über beide Wangen, wird ein bißchen rot und schreitet freudig auf sie zu. Sie plauschen ein paar Minuten, verabschieden sich artig.

Woher kennst du die? Aus Daraa!