Idiotie und Intriganz

Nicht die Politiker sind beschränkt, sondern die Beschränkten werden Politiker. (Günther Anders)

Ja, man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man liest, daß nun Ursula von der Leyen, die siebenfache Mutter und Verteidigungsministerin, als neue NATO-Generalsekretärin im Gespräch sei.

Die Kommentare der Leser sind eindeutig: hier wird Inkompetenz nach oben delegiert. Die Bilanz der Frau ist verheerend – wenn man so sagen darf. Aber wenn nicht hier, wo sonst? Ein bereits marodes und bis zur Unsichtbarkeit herunter gerüstetes Heer wurde unter von der Leyen vollständig in die Kampfunfähigkeit geführt. Würde uns Dänemark morgen angreifen … aber nein, bei den Dänen sieht es nicht anders aus. Würden uns die Tschechen morgen angreifen, oder die Polen gar, wir müßten wohl bald die weiße Flagge hissen

Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands: „Dann schlage ich die Auflösung der Bundeswehr vor

Das Problem liegt aber tiefer – es ist systemisch. Schon ein Blick in die Biographie der Frau zeigt uns Bedenkliches. Sie ist die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten und mächtigen CDU-Politikers Ernst Carl Julius Albrecht und sie wuchs in Brüssel auf. NATO oder EU-Posten sind für von der Leyen wie eine Rückkehr in die Heimat. Daß sie es leichter als andere haben würde, die keine Lobby im System haben, ist anzunehmen.

Und so sieht ihr beeindruckender Gang durch die höchsten Institutionen aus, seit 15 Jahren gehört sie zum ganz engen Kreis der politischen Macht:  „Von 2003 bis 2005 war von der Leyen niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, von 2005 bis 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales, seit dem 17. Dezember 2013 Bundesministerin der Verteidigung im Kabinett Merkel III.”

An dieser Stelle erregen sich die Stammtische in der Regel an der Frage der Kompetenz. Wie kann eine Familienministerin – man setzt hier Fachkompetenz voraus und die sieben Kinder gelten als Argument – Ahnung vom Militär haben usw.? Aber das ist falsch gedacht. Minister müssen keine Fachexperten sein, sie müssen oder sollten doch ministeriale Kompetenzen haben und die bestehen in der Leitung, Organisation, Delegierung von Aufgaben und in der Besetzung und Ersetzung von Posten. Schafft man sich ein kompetentes Team, dann kann Politik auch dann funktionieren, wenn an der Spitze ein Versager sitzt. Die jüngere Geschichte kennt dutzende Fälle, die ältere tausende.

Aber man muß noch eine andere Qualität mitbringen, die der Rücksichtslosigkeit. Man muß – und hier gibt es kein sollen mehr – eiskalt sein, Konkurrenten und Alternativen wegbeißen und auch ruinieren können: ein Politiker ohne Zynismus ist eine contradictio in adjecto; die Partei der sozialen Gerechtigkeit führte dieses alte Stück gerade prototypisch auf öffentlicher Bühne vor.

Und schließlich muß man Spinne sein, Netzwerker – Politik lebt nur über Beziehungen und Lobby-Arbeit. Der Politiker ist die Fläche der Politik, die Tiefe bleibt lieber unsichtbar.

Um das noch einmal zu verdeutlichen, nehmen wir den gerade viel diskutierten Fall des ARD-Propaganda-Films „Aufbruch ins Ungewisse“ – „Der Film schildert das Schicksal einer Familie, die unter lebensbedrohlichen Umständen vor der Verfolgung durch ein totalitäres System flieht, aus einer ungewöhnlichen Perspektive: In naher Zukunft sind es die Europäer, die Asyl begehren.“ Das ist himmelschreiende Propaganda jenseits aller kunstfreiheitlichen Legitimation. „Produziert wurde das Agitprop-Stück vom WDR und der Degeto (Deutsche Gesellschaft für Ton und Film), einer hundertprozentigen Tochter der ARD“ und deren Chefin ist Christine Strobl. Frau Strobl ist die Gattin des baden-württembergischen Innenministers Thomas Strobl, dessen AfD-Aversionen gut belegt sind, und Tochter Wolfgang Schäubles, der seit 1972 im Bundestag sitzt und zuletzt die wichtigsten Posten in verschiedenen Regierungen innehatte, nämlich das Innen- und das Finanzministerium. Das sind zumindest seltsame Fäden …

Doch zurück zur Frage der Kompetenz. Die reicht nämlich wesentlich tiefer. Ich kann nicht mit Statistiken und verallgemeinerungswürdigem empirischem Material dienen, aber die kurzen Einblicke in verschiedene Sektoren des gesellschaftlichen Lebens, lassen doch einen Verdacht aufsteigen.

Wegdelegierung von Inkompetenz nach oben ist weit verbreitet und durchsäuert unser gesamtes politisches, bürokratisches und Beamten-System. Weniger das wirtschaftliche, denn in der funktionierenden Konkurrenz würde Inkompetenz zum Niedergang führen.

Zum Beispiel in der Pädagogik. In den regionalen Bildungsagenturen, Landesbehörden und Kultusministerien sitzen sehr oft ehemalige Lehrer, die entweder im Beruf gescheitert sind oder wegen Untauglichkeit ausgesondert worden. Ein Lehrer, der „umfassende Berufserfahrung an verschiedenen Einrichtungen“ mitbringt, ist nicht selten entweder ein „Störenfried“ oder (öfter) ein Versager, den man von einer Schule in die andere weitersendet, bis er irgendwann einen Rektorenposten oder besser noch, einen im Ministerium oder bei einem Schulbuchverlag oder ähnlichem ergattert. Nun bestimmt er, der von gelebter Pädagogik oft keine Ahnung und dafür kein Gespür hat, was andere Lehrer an der Basis tun und lassen sollten …

Ein Fall hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ein weitestgehend unfähiger Lehrer wurde aus dem Schuldienst entfernt, indem man ihn auf den Ko-Rektorenposten einer großen europäischen Schuleinrichtung setzte, wo er ebenfalls nur zur nuisance taugte. Also delegierte man ihn an eine andere europäische Einrichtung – das heißt, es wurde von der EU (sehr üppig!) finanziert – in einem anderen Land als Rektor. Da es keine Wunderheilungen gibt, erfuhr man auch von dort nur Trauriges. Es blieb also nur der Weg in die übergeordnete europäische Behörde in Brüssel, wo sich seine Spur verlor. Es versteht sich von selbst, daß die Person neben fachlicher Idiotie eine Hochbegabung für Intriganz mitbrachte – und für beides belohnt wurde.

Jeder kennt solche Fälle! Sie sind nicht die Ausnahme! Und sie können es auch nicht sein!

Massengesellschaften tendieren – das weiß man seit Nietzsche – stets zur Mediokratie.

Verschreiben sie sich ein Gleichheitsideal, werden individuelle, aber auch gruppenbezogene Differenzen nivelliert, gibt es daraus kein Entkommen mehr. Das Niveau muß sinken.

Führt die Nivellierung zur Politischen Korrektheit, also Rederestriktionen im Kontakt mit der Realität, wird den Menschen die Möglichkeit genommen, Mißstände auch nur anzusprechen. Man will und kann auch niemandem mehr weh tun.

Man erträgt den raumfüllenden Mundgeruch mit Würgereiz anstatt dem armen Menschen zu helfen – was für einen Moment schmerzhaft sein kann, zugegeben. Man läßt ihn lieber an Magenkrebs sterben, als ihm die eine Wahrheit zu sagen. Umgekehrt muß ein Betroffener in einer solchen Gesellschaft tendenziell tatsächlich an der Wahrheit zugrunde gehen, wenn sie ihm denn mitgeteilt würde, denn bevor man ein Tabu bricht – das weiß er ja – müssen zuvor alle Stränge schon gerissen sein.

Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess – der mittlerweile durch sogenannten Feminismus, Genderismus, PC, gleichgeschaltete Medien, Kanzlerinnenkult und dergleichen propagandistisch abgefedert ist und sich selbst aufklärungsresistent gemacht hat.

Kritiken wie diese gelten dann als „unmenschlich“ bis „Hetze“.

 

PS:

links: die vier Power-Mädchen (Verteidigungsminister N, S, NL, D) rechts. russischer Verteidigungsminister mit Orden @Twitter CBildt @ Wiki.Ru

 

 

siehe auch: Die Naivität politischer Parteilichkeit

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Die Luft wird dünner

Die Vorstellung, nach Deutschland oder in die „freie Welt“ zurückzukehren, löst Beklemmungserscheinungen aus. Wird man dort noch die Luft zum freien Atmen haben? Die Zeichen stehen schlecht und jeden Tag lese ich aus der Ferne von beängstigenden Symptomen zunehmenden Sauerstoffmangels – Oxygen übersetzt sich für den „Intellektuellen“ in Parrhesia oder: Redefreiheit.

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Kuczynski kommt!

Genau wie Marx und Engels vorausgesehen, geht die kapitalistische Gesellschaft bei dauernd steigernder Produktivität ihrem Untergang entgegen – ganz gleich, wie lange sich der Weg in den Untergang hinzieht. (Kuczynski)

Jürgen Kuczynskis Buch „Probleme der Selbstkritik“ hat Erinnerungen geweckt, an eine Lebensphase, die heute nahezu unwirklich erscheint. Vermutlich werden die westdeutschen Leser ratlos über den folgenden Zeilen sitzen, während mancher Ostdeutscher mich vielleicht begleitet bei diesem Abstecher in eine – ja, absurde Zeit.

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Naivität politischer Parteilichkeit

Nobody can deny that Orbán is a political talent but personally he is a coward, a sneaky bar fighter. He’s like North Korean software running on Japanese hardware. The base is good but the end result is bad. Gábor Vona 

Eine Frau wird von zwei „Typen“ belästigt. Ein junger Mann kommt hinzu und schreitet ein, verteidigt die Frau. Sympathisch! Wir fragen ihn, woher er komme. Er weist auf einen Raum in der Nähe. Dort finden wir vier Leichen.

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Alles muß weg!

Jacques Schuster trägt einen Namen, der wie für die Guillotine gemacht zu sein scheint. Man sollte vermuten, daß so ein Mensch besonders vorsichtig mit seinen Forderungen ist. Aber nein, in der „Welt am Sonntag“, dem konservativen (hahahaha) Blatt im rasanten Abwärtstrend posaunt er in übergroßen Lettern aus: „Weg mit Hindenburg und Thälmann!

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Die Neue Rechte ist ein Konstrukt

Viel Lob bekam und viel Kontroverse initiierte Thomas Wagners – bekennender Linker – Buch „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten“. Mittlerweile hat er es damit auch in fast alle großen Gazetten geschafft. Man goutiert seinen „Mut“, sich in die Höhlen der Löwen gewagt, den Aussätzigen und Gefährlichen zugehört und mit ihnen diskutiert zu haben und fragt sich, ob das nicht borderline sei. Wie einem Extremsportler schaut man ihm fasziniert zu, genießt den Nervenkitzel, weil man weiß, daß man selber nie den Schneid hätte …

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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