Linkes Demokratieverständnis

Vom 16.9. bis 18.9. findet auf dem Rittergut in Schnellroda die Sommerakademie statt. Bei dieser teils akademischen, teils sozialen Veranstaltung des „Instituts für Staatspolitik“ werden Vorträge gehört, Diskussionsrunden veranstaltet, Bücher verkauft, Beziehungen geknüpft.

Man spricht über die „Lage 2016“, es werden Beiträge zur „Flüchtlingskrise“, zur Landwirtschaft, zum Brexit und TTIP, zu Rußland, zur US-Wahl, zu AfD und Pegida und zur Finanzkrise zu hören sein.

Der kleine Ort Schnellroda mit seinen 150 Einwohnern kennt derartige Termine und es hat ihn bisher noch nie aus dem Schlaf gerissen.

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Ratzinger – Prophet oder Brandstifter?

Die Islamisierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. (Georg Gänswein, Privatsekretär Benedikts XVI.)

Heute vor 10 Jahren hielt Papst Benedikt XVI. eine denkwürdige akademische Rede an der Uni Regensburg, die von kaum jemandem bemerkt worden wäre, wenn nicht wenige Tage später – die angsterregenden Erinnerungen an die tollwütigen Szenen nach der sogenannten Mohammed-Krise waren noch ganz frisch – erneut Teile der islamischen Welt am Aufruhr fast erstickt wären. Alles lief nach bereits eingefahrenen Ritualen ab: Massen strömten auf die Straßen, verlangten den Tod des Papstes und aller Christen, wollten am liebsten gleich das Abendland erobern, Fahnen brannten, Papst-Strohpuppen, Fatwas wurden ausgesprochen, Christen am falschen Ort zur falschen Zeit gelyncht … Die „Rushdie-Affäre“ galt als blueprint, seither wird das Programm nach Bedarf abgespult.

Auslöser war ein einziger Satz:

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

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Rechne mit deinen Beständen

„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

Rechne mit den Beständen.

Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.

Das rote Mehr

Jeder kennt das: Da redet man auf einen anderen ein, weiß die Lösung seines Problems und erntet nichts als Ignoranz. Irgendwann später – das Gespräch ist längst verjährt – kommt der- oder meist diejenige und präsentiert dir ein Wundermittel, das nun alle bekannten Sorgen beseitigt habe. Es ist exakt jenes einst von dir empfohlene Mittel! Und fragt man nach, bekommt man die Antwort – meist im schwärmerischen Ton – das hat mir X oder Y empfohlen, das habe ich da oder dort gelesen, das hat mir mein Heilpraktiker gegeben usw.

Wir lernen daraus: die Botschaft allein genügt nicht. Es kommt auch auf den Botschafter und auf die richtige Zeit an. Je näher sich Menschen stehen, umso weniger hören sie oft aufeinander.

Ein bißchen beschreibt das auch das Sarrazin-Dilemma. Sarrazin sagt der deutschen Gesellschaft seit sechs Jahren eine unangenehme Wahrheit nach der anderen und keiner will sie offiziell hören, denn Sarrazin argumentiere „biologisch“, sei fremdenfeindlich und arbeitet ohnehin zu viel mit Zahlen und zu wenig mit Gefühlen. Vor allem aber ist Sarrazin trotz seiner sozialdemokratischen Parteizugehörigkeit nicht rot.

Aber rot sind die Medien und genau darauf hatte er in seinem Buch „Der neue Tugendterror“ ausgiebig hingewiesen, mit zahlreichen Fakten belegt, und vergleicht man die politische Position der Journalisten mit der der Durchschnittsbevölkerung, dann muß man eine dramatische Rotverschiebung feststellen. Hören wollte das niemand, weil: von Sarrazin.

In Norwegen wurde auf den „Nordischen Medientagen“ nun ein Untersuchungsbericht vorgelegt, der aufhorchen läßt. Würden norwegische Journalisten den Storting unter sich wählen können, dann gäbe es 119 Mandate für den roten und 49 Mandate für den blauen Block. 65 Stimmen gingen an die „Arbeiterpartei“ (Sozialdemokraten), 24 Stimmen an die „Sozialistische Linkspartei“, 12 Stimmen an die noch linkeren „Roten“ und 18 an die „Umweltpartei“ (Grün). Die beiden letztgenannten sind im Moment noch nicht einmal im Parlament vertreten, decken aber 30% der journalistischen Meinung ab, die SV („Sozialistische Linkspartei“) kommt im wirklichen Leben gerade mal auf 7 Mandate.

Spiegelbildlich der blaue Block. Die „Fortschrittspartei“ (in der deutschen Presse die „Rechtspopulisten“) hat von der Wählerschaft 29 Mandate erhalten, unter der Schreiberzunft null!

Traum und Wirklichkeit

Traum und Wirklichkeit, Welt der Blätter und wirkliche Welt

Ist Norwegen ein Einzelfall? Laut ”Den korte avis” keinesfalls. Auch in Dänemark (und Schweden) zeigen sich ähnliche Verhältnisse. 2012 brachte dort eine Untersuchung vergleichbare Ergebnisse. Hätten Journalisten zu bestimmen, dann wäre die „Radikale Venstre“ (Radikale Linke) auf 30% gekommen, die „Sozialdemokraten“ auf 20% , die „Einheitsliste“ auf 17% und die „Sozialistische Volkspartei“ auf 13%. Vielen gilt die „Einheitsliste“ als wirklich linksradikal und gesinnungsethisch. Sie würde deutlich mehr Stimmen bekommen als etwa die „Venstre“ (Liberale Partei, 11%), die „Liberale Allianz“ (5%) und die „Konservativen“ (2%). Alles in allem gingen 80% der journalistischen Wählerstimmen an den roten Block! Tatsächlich wurde im letzten Jahr die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt abgewählt und Lars Løkke Rasmussen (Venstre, 19%) mit Duldung der „Rechtspopulisten“ der „Dansk Folkeparti“ (21%), die 9% zulegten, zum Ministerpräsidenten gewählt. Eine Rotverschiebung um mehr als 30%, die noch gravierender wird, wenn man die nahezu vollkommene Absenz der konservativen Stimmen im Blätterwald bedenkt – lediglich „Berlingske Tidende“ kann als linksdrallig bis ausgewogen gelten; „Politiken“, „Jyllands-Posten“, „Information“ sind alle stramm links.

Kein denkender Mensch zweifelt daran, daß in Deutschland und wahrscheinlich in ganz Europa – ich kann es gefühlt zumindest aus England und Italien bestätigen – ähnliche Verhältnisse herrschen. Und das alles wäre kein Problem, wenn man es nicht merken würde. Aber leider sind ganze Hauptmedien wie „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Zeit“ und „Focus“ spürbar in linker und linkspopulistischer (Diez, Augstein, Assheuer etc.) oder linksliberaler (Prantl) Hand und einige Blätter, wie die „Huffington Post“ oder die „TAZ“, betreiben offen linksradikale Propaganda. Auch wenn „Welt“ und „FAZ“ immer wieder versuchen, die eine oder andere kritische Stimme zu Wort kommen zu lassen, sind sie doch noch immer stark linkslastig (geworden). CSU- und AfD-Wähler dürften augenblicklich gar kein Meinungsblatt zur Verfügung haben, große Teile der CDU- und FDP-Klientel vermutlich ebenso wenig, wohingegen die wenigen Grünen und Linken allüberall ihre Meinung bestätigt finden.

Diese Diskrepanzen – man kann das alles bei Sarrazin nachlesen – sind in höchstem Grade demokratiegefährdend und zeitigen im Übrigen einen seltsamen Effekt: je mehr die Presse nach links rückt, umso mehr wird sich die Leserschaft nach rechts bewegen, sich von den Großmedien abwenden und sich entweder gänzlich abkoppeln oder Alternativen im „rechten“ Bereich suchen. Nicht umsonst sinken alle Verkaufszahlen – allein die „Junge Freiheit“ verzeichnet zweistellige Zuwächse. Letztlich ist es eine Frage der Intelligenz. Und die wird systemisch verhindert.

Die Erklärung findet man bei Jürgen Habermas, dem sich die Journalistik direkt oder indirekt verpflichtet fühlt. Als sich immer mehr die Einsicht des Scheiterns des „Projektes der Moderne“ abzeichnete und sich viele Intellektuelle vom systemtragenden Habermasianismus abwandten, veröffentlichte dieser sein Buch „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Es enthält zwei Grundargumentationen, die sich fast eins zu eins noch immer in der linken Presse wiederfinden: es denunziert und kategorisiert im abwertenden Gestus alle Gegenmeinungen und es vertritt die Argumentationsvolte: Wenn etwas nicht klappt, dann nur, weil wir noch nicht genug davon haben. Das Gutgemeinte verkommt zum Schlechten, also brauchen wir mehr vom Gutgemeinten …, mehr Fortschritt, mehr Diskurs, mehr Multikulti, mehr Gender …

Erst wenn Habermas auf den Scherbenhaufen der Geschichte geworfen und ins philosophiehistorische Seminar umverlegt wird, kann sich die journalistische Welt von ihrem akademischen Boden her erholen.

Katastrophendidaktik – Brüssel 1

Man versteht den Terrorismus nur, wenn man ihn als eine Form der Erforschung der Umwelt unter dem Blickwinkel der Zerstörbarkeit auffaßt. (Peter Sloterdijk: „Luftbeben“)

Am 13. November letzten Jahres saß ich die ganze Nacht vor dem Bildschirm und saugte geschockt jede neue Zahl und jedes neue Bild auf. Mir schien der 13.11. der 11.9. Europas zu sein – trotz London, Madrid, Paris und Oslo, trotz der schon lange eingeübten Bilder. Wie schwarzer Rauch lag der Verdacht in der Luft, daß Paris II unmittelbar mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Zusammenhang stehen könnte.

Heute Morgen schalte ich den Computer ein, nehme die Explosionen zur Kenntnis, lese im Überblick die ersten eingeschliffenen Sprachspiele – der deutschen Regierung fällt keine bessere Vokabel als „widerwärtig“ ein; muß ich nicht lesen – und schalte ab, um in drei, vier Stunden das Ergebnis der Zählung einzuholen. Es begann, wie in Paris, mit einigen Verletzten, dann einem Toten und ich bin auf alles gefaßt, auch auf dreistellige Zahlen.

Stattdessen greife ich mir einen alten luziden präapokalyptischen Sloterdijk-Text: „Wieviel Katastrophe braucht der Mensch?“. Vor 30 Jahren wurde er in einer Zeitschrift veröffentlicht, drei Jahre später dann in leicht veränderter Form in „Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik“ aufgenommen. Darin versuchte Sloterdijk einer historischen Singularität – die längst keine mehr ist, was den Text noch bedrückender macht – Herr zu werden: Tschernobyl. Ist die Menschheit lernfähig? Und welche psychosozialen Vorgänge bestimmen unseren Umgang mit Katastrophen, die aus der Moderne nicht mehr wegzudenken, die konstitutiv in ihr verankert sind?

Der moderne Mensch befindet sich, so schreibt Sloterdijk, in einem permanenten Panikmodus: „Panik wird die Seinsweise des restlos in die Zeit geschleuderten Bewußtseins.“ Kein Wunder, denn: „Das Katastrophale ist eine Kategorie geworden, die heute nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört“.

2015 ist, wie 1986, ein „Lehrjahr der Katastrophendidaktik“. Die archetypischen Bilder endloser Menschenschlangen mit vornehmlich jungen Männern und bedeckten, kindertragenden Frauen erweckten ebenso Panikzustände wie die Anschläge von Paris. Einige versuchten ihre Angst in rituellen Gesängen, rhythmischen Beifallsbekundungen und magischen Formeln (Say it loud, say it clear …) auf zugigen Bahnhöfen herunterzuwürgen und trugen sowohl dazu bei, das Katastrophische zu vermehren als auch zu verdrängen.

Eine der Ängste, die sich früh Ausdruck verschafften, war die vor dem Terror, denn simpelste Logik ließ schließen, daß unter den bärtigen Männern auch jene sein werden, die man bis vor kurzem nur mit schwarzer Flagge und einseitiger Rhetorik vom anderen kulturellen Ende der Welt her kannte. Arabisch hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Zweitsprache in deutschen Haushalten etabliert – „Allahu Akbar“ ist schon ironischer Street-Slang und dürfte bald in Duden und Oxford Dictionary Aufnahme finden.

Tschernobyl ging wenige Jahre das Unglück von Harrisburg voraus. Gebannt starrte die Welt aus sicherer Entfernung auf die Reaktorgebäude, in denen sich gerade eine partielle Kernschmelze abspielte, und wartete auf die Explosion. „Im Blick auf die mögliche Explosion des Reaktors war mit einem Mal die Zeit des Noch-Zeit-Habens vorüber, über der Erde schwebte ein fataler Schimmer, der Welt ging ihre Zeit aus.“ Nun war das Ende des unvollendeten „Projektes der Moderne“ offensichtlich. Aber die Bilder enthielten, neben der „autodidaktischen Dimension“ auch eine „heterodidaktische“, die ein seltsames psychosoziales Phänomen erklärbar machte: es war ein Schlag gegen „die Anderen, die verfluchten Optimisten in den Medien, die unbelehrbaren Nuklearagenten“ und die heimliche Freude am: „Das geschieht euch recht!“. Es wird nicht wenige geben, die heute an den Bildschirmen kleben und wütend ähnliche Sätze vor sich hersagen und gen Berlin channeln werden.

Harrisburg hat Tschernobyl nicht verhindert und Tschernobyl nicht Fukushima … „Zugleich haben die mächtigsten Gruppen der Gesellschaft unternehmerisch, politisch, vital und ideologisch, so viel in fatale Praktiken investiert, daß Unfälle noch so großen Formats von vornherein das Recht abgesprochen wird, prinzipielle Zweifel an den Verfahren auszulösen. Es gibt massenhaft irreversibel geprägte Mentalitäten, die gewissermaßen katastrophenfest sind, und die im Bunker ihrer Überzeugung jeder Erschütterung gewachsen bleiben. An solchen Strukturen prallt die apokalyptische Evidenz ab, letztlich sind Bewußtseine härter als Tatsachen.“ Heute scheinen die geistig Eingemauerten in architektonisch interessanten Glashäusern zu sitzen.

Sloterdijk fragt sich nun, ob es eine „Pädagogisierung der Katastrophe“ geben könne, ob die Menschheit also in der Lage sein kann, aus Katastrophen zu lernen oder anders: „Wann ist die Katastrophe im didaktischen Sinn schlimm genug?“. Die Antwort ist wenig ermutigend. Weder gibt es ein „quantitatives Maß“ – „Menschliche Bewußtseine besitzen auf vielfache Weise die Fähigkeit, gegen katastrophische Evidenz immun zu sein“ –, noch läßt sich in Zeiten des „Gott ist tot“, aus ihnen ein handlungsleitender „göttlicher Wink“ ableiten. Vor allem aber gibt es „die Menschheit“ nicht. „Die Menschheit ist a priori lernbehindert, weil sie eben kein Subjekt ist“, sie hat keine „intellektuelle Kohärenz“, keine „lernfähige Reflexivität“, sie hat letztlich „keinen Leib“, an dem sie das Lernen aus schmerzlicher Erfahrung exerzieren könnte. In diesem Moment liegen vermutlich dutzende Menschen blutend und jammernd auf den Fliesen und sind mit ihrem Schmerz allein.

Aber auch die Katastrophe ist subjektlos, „die Katastrophe als Ereignis hat nicht die gleiche Grammatik wie die Katastrophe als Handlung“ und an diesen „Übertragungsproblemen“ wird alle Politik scheitern.

Eines freilich konnte vor 30 Jahren noch kaum jemand ahnen. Dem Panikmodus hat sich ein natürlicher Bruder zugesellt: Der Lethargiemodus. Wir betreten eine Zeit, in der die geschichtliche Akzeleration die mnemonische Leistungsgrenze überschreitet. Bald wird es Gespräche wie diese geben: „Wann war noch mal Paris VII? Vor Berlin III oder nach Brüssel V?“ Wann und nicht wo! Paris VII wird nicht mehr das siebente Arrondissement meinen, sondern den siebenten Anschlag 100 plus und so kreuz und quer über Europa.

Doch gerade in dieser zwangsläufigen Gewöhnung liegt auch eine Hoffnung, denn je weniger Interesse wir zeigen, desto unsinniger werden die Terrorattacken, die das Medium, the weapons of mass distraction, brauchen, um ihr Ziel – die Panik – zu erreichen. Es liegt freilich auch eine Gefahr darin: Je weniger Panik erzeugt wird, desto größer muß das „Event“ werden, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken und Angst zu schüren. Sollten die lebensverachtenden Islamisten je Zugang zu weapons of mass destruction erhalten, so darf man gespannt bleiben. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses dürfte zudem steigen, wenn mit the weapon of mass migration weiterhin gezündelt wird.

22.März, 13.11 Uhr – kurzer Blick auf die Zahl: 26 hier, 28 dort, nach oben offen.

Zur Sloterdijk-Debatte II

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte I

Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk

Wie hätte Sloterdijk reagieren können? Vielleicht gar nicht! Wer ihn allerdings kennt, der weiß, daß er auf bösartige Fehlinterpretationen – nur so kann er es empfinden – und geistige Unterbietungen oft allergisch reagiert. Legendär sein Auftritt bei Gertrud Höhler und „den drittklassigen Figuren“.

Sloterdijk: Primitive Reflexe

Liest man nun Sloterdijks Apologie in eigener Sache – „Primitive Reflexe“ –, so fällt bei aller Schärfe der versöhnende Grundton gerade gegenüber Münkler auf. Es ist ein Aufruf an die Intelligenz, sich von der rasanten sprachlichen und denkerischen Nivellierung der letzten Monate, von der „Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land“, die „auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“, nicht mitreißen zu lassen. Daran ändert auch das scharfe Vokabular nichts. Im Gegenteil, wenn sich ein Teil der Akteure erneut reflexartig an Begrifflichkeiten ereifert, so wird die These des Pawlowschen Reflexes nur noch unterstrichen.

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Zur Sloterdijk-Debatte I

Wir haben mal wieder eine Sloterdijk-Affäre. Die dritte, wenn ich richtig mitgezählt habe. Um die Jahrtausendwende lösten die „Regeln für den Menschenpark“ die klassischen Konditionierungsmechanismen der Kulturbehavioristen aus – großer Aufschrei auf allen Kanälen, der mittlerweile auf 650 Seiten aufbereitet wurde. Immerhin auf noch 250 Seiten brachte es die Debatte um den Text „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ vor sechs Jahren. Viele, die den Vorschlag, die Steuerpflicht durch ein Recht auf Gabe zu ersetzen, nicht mitdenken wollten, zogen die Wahnsinnskarte und sprachen dem Denker den klaren Verstand ab.

Nun also gilt es, ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingsdebatte zu verdauen, und wenig überraschend wird der Ton noch einmal verschärft: Gegenwärtig verortet man Sloterdijk in den linksdralligen Gazetten unisono rechts bis neurechts und David Precht hört sogar den Auschwitzkommandanten Höß durch. Lassen wir diese Verfehlungen der Prechts, Nassehis, Schamis und No-names vorerst links liegen und kümmern uns um die Kerndebatte zwischen Sloterdijk und Münkler. Da durchaus Typisches zum Vorschein kommen wird, sei die Ausführlichkeit entschuldigt.

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Konditionierungen – Heidegger

Weimarer Impressionen

„Nietzsche ist der erste Denker, der im Hinblick auf die zum ersten Male heraufkommende Weltgeschichte die entscheidende Frage stellt und sie in ihrer metaphysischen Tragweite durchdenkt. Die Frage lautet: Ist der Mensch als Mensch in seinem bisherigen Wesen für die Übernahme der Erdherrschaft vorbereitet?“
Martin Heidegger

Höhepunkt unseres Besuches, der diesmal Nietzsche gewidmet war (Goethe, Schiller und Steiner sind bereits „abgearbeitete“ Fälle), ist der Besuch des Nietzsche-Archives gewesen. Ein großartiger Bau, ein ähnlich mystischer Ort wie das Nietzsche-Haus in Naumburg. Wenn man Glück hat und ein wenig allein ist, dann kann es passieren, daß der genius loci zu einem spricht. In diesem Falle ist es eher der Geist van de Veldes, denn Nietzsche dämmerte seine letzten drei Lebensjahre wohl nur noch vor sich hin. Das Eingangsportal und das Bibliothekszimmer sind eine Augenweide. Da stimmt einfach alles. Henry van de Velde hatte die Innenausstattung übernommen, auf Anraten Harry Graf Kesslers, der Elisabeth Förster-Nietzsche davon überzeugen konnte, das von ihr mit allerlei kunterbuntem Nippes zugestellte Haus dem Obermieter würdig und stilvoll zu gestalten. Aber das ist eine andere Geschichte …

Van de Velde zieht jedenfalls auch holländisches und flämisches Publikum an. Ein solches Paar stolzierte selbstsicher durch die Ausstellungsräume, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hin und wieder die Brille aus der Jack-Wolfskin-Innentasche zückend, immer dann, wenn das Gesicht einer Persönlichkeit unbekannt war: Spengler, Burckhardt, Rietschel, Kessler … alle unbekannt. Aber da: ein bekanntes Gesicht! Heidegger! Sofort beginnt der Herr zu dozieren und zwar ein einziges Wort: Nationalsozialismus!

Da war sie wieder, die tief verinnerlichte Konditionierung. Blaues Licht = Speichelfluß, Heidegger = Hitler. Losgetreten von der Primärgröße Lukács, gern aufgenommen von Habermas und Frankfurtern, vertieft von Farias, Faye und zahllosen anderen Tertiärgrößen, verbreitet von skandalisierenden und in der Regel wenig differenzierenden Medien und endgültig ins allgemeine Bewußtsein gehämmert mit der großen PR-Maschine nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ – ein hundertbändiges, noch längst nicht ausgeschöpftes Werk, auch eine bahnbrechende Nietzsche-Interpretation, auf ein einziges Wort zusammengestampft.

Dagegen hilft nur eines: Heidegger lesen! Von mir aus auch gerne mit dem Willen, die faschistischen Denkfiguren in der Philosophie aufzufinden. Hauptsache lesen! Und wer dann mit Vollmacht die alte Rechnung sich noch aufzumachen wagt, dem höre ich gerne zu.

Der schwarze Schwan

Noch sind die Informationen mit Vorsicht zu genießen, doch scheint es sich zu bestätigen: Mindestens einer der Pariser Attentäter ist als Flüchtling getarnt, mit gefälschtem Paß, über Griechenland nach Europa eingereist. Am 3.10. diesen Jahres. Ein brisantes Datum, denn just am Vortage wurde aus allen Rohren in die Ohren geblasen: keine erhöhte Terrorgefahr gehe von den Flüchtlingen aus. Zumindest habe man keine nachrichtendienstlichen Hinweise darauf. Innenminister de Maizière höchstpersönlich stellte sich mit der Frohen Botschaft vor die Presse.

Gipfelpunkt der Narretei waren dann „argumentative“ Artikel wie dieser, von denen es freilich in verschiedenen Gazetten mehrere Beispiele gab, die in den Wirren des Netzes leider nicht mehr auffindbar sind. Einige davon hatten bis zu einem halben Dutzend verantwortliche Autoren, vermutlich um sich vor der Verantwortung zu drücken, denn daß es sich um eine Lotterie, mehr noch um eine Wette, um ein reines Hoffen handeln mußte, dürfte auch der größten Blockflöte bewußt gewesen sein.

Damit schien ein medialer Dauerbeschuß seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Aus einer perversen Konsequenz heraus waren die Aktionen durchaus verständlich, gerade weil sie jedweder Logik entbehrten. Je mehr Menschen unregistriert das Land erreichten, umso größer wurden konsequenterweise Sorge und Angst unter der Bevölkerung und umso umfänglicherer Propagandaaufwand mußte betrieben werden.

Den wahren Irrsinn dieser Argumentationskette zeigen sowohl Geschichte (1) als auch Logik (2) der „Debatte“.

(1) Verfolgt man nämlich das Argument zurück, dann fallen bis in den Hochsommer hinein ganz andere Töne auf. Damals wagte der Innenminister noch, sich vor Terroristen unter den Flüchtlingen zu fürchten, und auch die Journaille schrieb das zu Erwartende: Der IS drängt nach Europa, Europa gar als nächstes Schlachtfeld und dergleichen.

Solche Stimmen der Vernunft verstummten urplötzlich, nachdem die Kanzlerin die totale Einwanderung verkündet hatte, nachdem im apodiktischen, aber emotional verbrämten Ton eine Obergrenze alternativ- und diskussionslos verunmöglicht wurde, nachdem Ungarn als Unrechtsstaat aller aufgestauten Flüchtlinge befreit, nachdem allen Syrern – und damit allen, die sich für solche halten wollten – freies Durchwinken angeboten, nachdem die „Willkommenskultur“ quasi per Dekret zur neuen Leitkultur gekürt und Kritiker aller Couleur über einen Kamm geschoren und rechts in die braune Kloake abgeschüttelt wurden. Da hatten dann plötzlich Salafisten keinen Erfolg mehr unter den Flüchtlingen, da meldeten sich mit einem Male Chargen, Schergen, Ministerien, Publizisten und Blätter unisono mit der Entwarnung: Non abbiate paura – fürchtet euch nicht, es gibt weder Hinweise, noch auf Terroristen, noch unter den Flüchtlingen, noch sonst „irgendwie“.

Und wem das die wohlverdiente Nachtruhe noch nicht bescherte, der durfte in die treuen Augen der Frau Führer schauen und an ihren Lippen hängen: „Wir schaffen das“, „Ich habe einen Plan“, „Ich habe das im Griff“, „Ich bin überzeugt“, „Ich bin bei euch, alle Tage“ und was man noch so aus pseudoreligiösen Zeiten diverser Generalissimi kennt.

Leider, leider gibt es so etwas wie die Realität. Und Logik.

(2) Denn gerade logisch überrascht diese Argumentation … Neben Habermas dürfte es vor allem ein Denker sein, der mit seinem ikonischen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das ideologische Fundament der westlichen Demokratien begründete. Es ist – aber das bleibt unter uns – das deutlich schwächere seiner beiden Hauptwerke. In „Logik der Forschung“ entwarf Sir Karl Popper ein tatsächlich machtvolles Instrument, das der Falsifikation. Allereinfachst dargestellt, besagt es, daß man ein Argument nicht durch Verifikation, also Bewahrheitung, letztgültig beweisen könne – aus der Tatsache, tausend weiße Schwäne zu sehen, kann ich nicht schließen, daß alle Schwäne weiß seien, es mithin keine schwarzen (oder grünen) gebe –, sondern durch eine Art negativer Beweisführung, der Falsifikation (Widerlegung) müsse man aktiv nach Gegenbeispielen suchen und nur solange ich kein Gegenbeispiel habe, nur so lange könne meine Prämisse (und auch nur unter Vorbehalt) gelten. Wahr ist sie deswegen noch lange nicht. Und daß es nicht wahr sein mußte, nicht wahr sein konnte, daß es keine potentiellen Terroristen unter den Flüchtlingen gibt – man könnte auch eine Flashmob-Party ins weit geöffnete Haus mit offenem Tresor einladen und vermuten, es gebe keine Diebe darunter –, das, mit Verlaub, hätte jedem Menschen bei Troste zumindest dämmern müssen.

Selbst wenn der Pariser Mörder kein Flüchtling gewesen sein sollte: ich setze bei dieser Wette all mein Vermögen auf den schwarzen Schwan!

Stimmungen, Verstimmungen

Eine Studentin – Abschlußzeugnis 1,0 – betritt das Büro einer Professorin. Beide haben ein gutes Verhältnis, man mag sich, die Studentin zeichnete sich fünf Jahre lang durch eigenständiges Denken aus. Man möchte auch über Promotionspläne sprechen. Herzlicher Empfang. Die Professorin bittet die Studentin, ein Exposé einzureichen. Die Studentin gesteht, im Moment gerade wenig Muße für Akademisches zu haben – die Flüchtlingskrise mache ihr Sorgen, sie lese viel zum Thema, könne sich nur schwer auf anderes konzentrieren. Die Professorin zeigt Verständnis für die Sorgen um die Demokratie im Land, teile diese auch, verweist auf die Medien, die eine Stimmung der Angst erzeugten. Die Studentin solle, um das zu durchschauen, Luhmann lesen. Die Professorin erwähnt PEGIDA als Beweis. Man erfahre nur von diesen fürchterlichen Aufmärschen, aber nichts von den Gegendemonstrationen. Die Studentin schaut skeptisch – und hier beginnt der Dialog wohl zu entgleisen.

Nun beginnt die Professorin eine Eloge auf Angela Merkel zu halten. Sie sei nie ein Fan dieser Frau gewesen, aber die jetzige Politik begeistere sie hellauf. Das Wort „Humanität“ fällt mehrere Male. Jede/r Schutzbedürftige müsse Schutz in Deutschland beanspruchen dürfen – das sei nicht diskutierbar. Die Studentin gibt die hohe Zahl an Menschen zu bedenken. Die Professorin fragt daraufhin: „Wie viele Einwohner hat Syrien?“ – „22 Millionen“ – „Na bitte!“

Die Studentin verweist auf die Studien Gunnar Heinsohns, in der Hoffnung eine wissenschaftliche Autorität könne das Niveau des Gespräches heben, spricht vom „youth bulge“ und von Demographie. Die Professorin hört den Namen zum ersten Mal, antwortet aber schon in forschem Ton: „Alles Quatsch!“ Die Studentin insistiert, verweist auf die Korrelationen zwischen „youth bulges“, Kriegsindex und Auswanderung. Es gebe auch eine Korrelation zwischen Kaninchen und anderen Tieren, schleudert ihr die Professorin entgegen. Das seien alles Konstruktionen. Die Studentin solle sich besser mit „ihrer eigenen konstruierten Weiblichkeit“ beschäftigen. Das, sagt die Studentin, habe sie schon getan und legt die Grundzüge des Konstruktivismus und der Gendertheorie vor. Aber das helfe alles nichts, wenn man seit einiger Zeit bestimmte Wege in der Stadt nicht mehr gehen könne, ohne von Männern fremder Herkunft angesprochen, belästigt oder gar bedroht zu werden. Gerade wenige Tage zuvor machte die Studentin auf einem Weg von 100 Metern drei Mal diese Erfahrung – seither trägt sie Pfefferspray bei sich. Auch die Professorin gesteht, bereits ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben, schlußfolgert dennoch: „Aber wissen wir überhaupt, was diese Männer wollen?“

Die Studentin fragt, ob es nicht generell an mangelndem Respekt dieser Männer gegenüber Frauen liege? Die Professorin, sichtlich genervt, fragt nun: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Sie sei eigentlich gekommen, um sich zu verabschieden, antwortet die junge Frau, und über das Thema der Promotion zu sprechen, aber nun sei man auf das Flüchtlingsthema gekommen und nun sei sie überrascht, daß ausgerechnet von der hochgeschätzten Professorin alle Argumente als Quatsch oder Konstrukt abgetan werden, was umso erstaunlicher sei, als sie sich auf einen angesehenen akademischen Kollegen (Heinsohn) berufe. Das sei nicht ihr Kollege, ruft die Professorin nun schon sehr erregt. Diese Theorie sei Schwachsinn. Ob die Studentin denn nie bemerkt habe, daß es bis in die 70er Jahre hinein an den Universitäten nur männliche Professoren gegeben habe „und die hätten sich auch nicht die Köpfe eingeschlagen“. Ob dieses wirren Arguments begriff die Studentin und wagte zu sagen: „Aber Sie kennen Heinsohn doch gar nicht!“

Da rief die Professorin: „Verlassen Sie mein Büro! Und tun Sie mir den Gefallen, Ihre Doktorarbeit bei jemand anderem zu schreiben!“

Verdutzt schaute die Studentin die geschätzte Professorin an. Sie überlegte kurz, ob sie dennoch das mitgebrachte Geschenk überreichen solle. Stattdessen aber sprach sie: „Das ist in Ordnung so. Ich möchte mich nicht zu den Leuten zählen, die anderen einfach nach dem Mund reden“, und verließ das Zimmer.

So geschehen an einer deutschen Universität am 27.10.2015

Dummheit und Macht

Diesmal fasse ich mich kurz, auch wenn Thomas Assheuers Leitartikel in der „Zeit“ eine ähnlich umfassende Auseinandersetzung verdiente wie Etienne Balibars Pamphlet die Woche zuvor. Nur um ein kleines erhellendes Schlaglicht in Assheuers Vergangenheit zu werfen, sei daran erinnert, daß er es war, der im Jahre 1999 auf Anraten eines Habermas den zu populär gewordenen Philosophen Peter Sloterdijk durch intellektuelle Denunziation mundtot zu machen versuchte.

Assheuer nimmt noch immer eine Schlüsselstellung im medial-politischen Komplex ein und daß er die „;Flüchtlings‘-‚Politik‘“ der Klasse, die er eifrig vertritt, auch unterstützt, kann niemanden überraschen.

Ich empfehle, den Artikel, der das Lied: „Es ist nun also wie es ist und Gegenwehr ist sinnlos“ singt, genau zu studieren, will selbst aber nur auf ein klitzekleines – unter Myriaden – Beispiel systemimmanenter Dummheit und Abgehobenheit hinweisen. Der an unfreiwilliger Komik kaum zu übertreffende Satz lautet: „Vielleicht muß man die Panikmacher und Einpeitscher einfach ertragen, genauso wie den Dresdner Villenbewohner und Pegida-Fan, dem es übel wird bei der Vorstellung, er müsse beim Toleranzsingen in der Semperoper neben einem Asylbewerber mit Freikarte sitzen.“

Ich fürchte, Herr Assheuer, mit dem beängstigend-verdächtigen „vielleicht“, ich fürchte, Sie müssen das tatsächlich ertragen und Sie müssen viel mehr ertragen, denn der „Panikmacher und Einpeitscher“ gibt es Millionen und wohl auch zehntausende Villenbewohner und Pegida-Fans, die schließlich auch etwas – wenn auch nur eine Singularität – ertragen müßten, nämlich den Asylbewerber in der Semperoper.

Als ob der operngehende Asylbewerber unser Problem wäre und als ob wir regelrecht von theateraffinen und kulturhungrigen Menschen überflutet würden. Das ist der Kosmos des Parallelwelten- und „Villenbewohners“ Assheuer, dem es offenbar und umfassend an Realkontakt mangelt – und solche Leute sind unsere Meinungsmacher …

Auch das hier ansässige Theater, das im Übrigen seit vielen Jahren um die blanke Existenz kämpft und dem nun im Zuge von Sparmaßnahmen die nächste Sparte gestrichen wurde, vergibt Freikarten an Asylbewerber. Daraufhin empfahl ich meinen 20 Eritreern, diese Gelegenheit zu nutzen. Den Gedanken mußte ich mehrfach drehen und wenden, bevor sie ihn überhaupt fassen konnten. Mit großen, ungläubigen Augen schauten sie mich an – Theater? Was ist das? Sie wußten damit gar nichts anzufangen, sie haben noch nie von einem Theater gehört und selbst wenn dem nicht so wäre, sie haben weder die kulturellen noch sprachlichen Fähigkeiten und wollen auch gar keine Toleranzlieder, geschweige denn Goethe oder Shakespeare hören – die sie – ich muß es ja kaum noch betonen – beide nicht kennen. Die wissen noch nicht mal wer Hitler war, Herr Assheuer. Ist Ihnen überhaupt klar, was das bedeutet?!

Gestern rief ich im Theater an und fragte nach den Freikarten, wie rege denn das Angebot genutzt würde: Guess what!