Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben.

Denken beinhaltet von je her eine permanente Verunsicherung, ein In-Frage-Stellen, und es hört dann auf, wenn es zur Sicherung einmal angenommener Positionen dient.

Einer dieser Begriffe, Ideale und Klassiker ist der Humanismus.

Dabei wissen wir, daß der Humanismus spätestens seit dem Ende des II. Weltkrieges als unangefochtenes Ideal obsolet ist. Das war er allerdings schon zuvor, bei Hölderlin etwa, dem Marquis de Sade, bei Diderot, später bei Kafka, Spengler, Klages, definitiv aber bei Nietzsche, um nur einige zu nennen.

Das ist er ganz explizit in dem bahnbrechenden Werk von Horkheimer und Adorno, das wie kaum ein anderes das Denken unseres Jahrhunderts geprägt hat: „Die Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahre 1944. Es beginnt mit den programmatischen Zeilen: „Seit je hat die Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt“. (Im Begriff der „Entzauberung“ schwingt natürlich Max Weber mit, ein weiterer möglicher Kronzeuge gegen humanistische Verabsolutierungen.)

Ohne den Begriff der Aufklärung mit dem des Humanismus kurzzuschließen, dürfte es doch evident sein, daß letzterer Begriff, zumindest so wie er in der Goetheschen-Herderschen-Kantschen Tradition zu fassen ist, in ersterem aufgeht. Man sieht, die Argumentationsstruktur der beiden Philosophen ist neutestamentarisch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.

Die Dialektik daran meint, daß der Begriff des aufklärerischen Denkens „schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet“.

Natürlich rekurrieren Horkheimer und Adorno hier auf die unvorstellbaren Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus und des Krieges, die aber letztlich aus einer sich im allgemeinen als humanistisch definierenden Gesellschaft und im besonderen der Weimarer Republik ebenso herleitet, wie es Humanismus und Aufklärung nicht verstanden, derartige Exzesse zu verhindern. Das wäre noch verzeihbar, wenn sie nicht genau unter diesem Anspruch angetreten wären. Dies ist nun mal der Tatbestand, jenseits jeglicher Identifikationen.

Es ginge, so Horkheimer/Adorno, um „die Erkenntnis, warum die Menschlichkeit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“, und es war nicht der Humanismus, der Hitlers Armeen besiegte, sondern die irrationalen militärischen Kräfte, noch dazu unter Leitung des inkarnierten Terrors, unter Stalins Leitung. Daß „Aufklärung totalitär ist“ – man kann auch sagen „terroristisch“ – wird anhand von Säkularisierung („Gott ist tot“ ist Nietzsches Befund, aber Aufklärungstat!), Mathematisierung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Formalisierung aufgezeigt. Nahezu visionären Charakter erhalten dann die eingangs zitierten Zeilen.

Aber nicht die „Dialektik der Aufklärung“ steht im Mittelpunkt der Humanismus-Debatte, sondern zwei Werke, die in der Philosophie- und Geistesgeschichte von fundamentaler Bedeutung sind und die beide den Humanismus ausdrücklich thematisieren. Auch diese beiden Schriften sind als Reaktion auf seinerzeit aktuelle politische Ereignisse lesbar.

So der 1945 erschienene Abdruck eines Vortrages von Jean-Paul Sartre mit dem aufschlußreichen Titel „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ und der ein Jahr später entstandene und durchaus als Erwiderung zu Sartre gedachte Aufsatz Heideggers „Brief über den Humanismus“.

Sartre beantwortet die Frage nach dem Humanismus zwar positiv, aber in einem Sinne, der Setzung des Humanismus – und jede Satzung ist eine Setzung – ad absurdum führt, denn derartige Werte gibt es für ihn nicht, insofern sie in der Gesellschaft fest installiert sind. Vielmehr müssen sie wieder neu erfunden, neu bestätigt werden und zwar in der schöpferischen Tat. Damit werde der Mensch in die Freiheit gesetzt, denn Sein heißt bei Sartre nichts anderes als Frei-Sein, wie er in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ schreibt. Allgemein bekannt ist seine Aussage, daß der Mensch zur Freiheit gezwungen sei. Das aber ist Existentialismus, und dieser ist deshalb ein – man beachte dieses „ein“, das kein „der“ ist –, Humanismus, weil „wir den Menschen daran erinnern, daß es außer ihm keinen anderen Gesetzgeber gibt und daß er in seiner Verlassenheit über sich selbst entscheidet…, daß dadurch der Mensch sich als humanes Wesen verwirklichen wird“.

Heidegger erhob selbst gegen diese, in orthodox-aufklärerisch geprägten Überzeugungen wahrscheinlich schon als blasphemisch empfundene Ansicht, Einwände und so einfach sein Argument auch zu sein scheint, so genial ist es.

Er antwortet damit auf eine ihm vorgelegte Frage, die an sich schon den Zweifel am Humanismus anzeigt und verdeutlicht, daß das, was blindes linkes Bekenntnis noch immer verteidigen will, schon vor 70 Jahren wie selbstverständlich in Frage gestellt wurde. Keineswegs also handelt es sich um Neuigkeiten oder gar postmoderne Beliebigkeiten.

Die Frage lautet: „Auf welche Weise läßt sich dem Wort Humanismus (noch) ein Sinn geben?“ Dazu Safranski in seiner großen Heidegger-Biographie: „Heidegger versucht nun darzutun, warum der Humanismus selbst das Problem ist, für dessen Lösung er sich hält, warum das Denken über den Humanismus hinausgehen muß, und  weshalb das Denken genug damit zu tun hat, sich für sich selbst, für die Sache des Denkens, zu engagieren“.

Heidegger geht, für ihn typisch, vom Denken aus. Gemeinhin mißt sich Denken an der Tat, wie bei Sartre gesehen, an der Praxis, wie bei Marx. Diese Grundfigur, daß Denken sich immer an der Praxis zu bewähren habe, existiert seit Menschen philosophisch-systematisch denken, seit Platon und ist bis zu Heidegger wohl nie ernstlich (vielleicht Nietzsche ausgenommen, bei ihm aber nicht ausdrücklich) hinterfragt worden. Dabei zeigt er, daß das Denken hierbei seine Würde verliert, insofern es sich auf etwas beziehen muß, das selbst nicht denkt, nämlich die Tat. Nur jenes Denken wäre demnach zu akzeptieren, das einen praktischen Nutzen vorzuweisen hätte, ein Handeln, eine Technik nach sich zieht. Das Denken wird davon legitimiert. Heidegger nennt das die „technische Interpretation des Denkens“. Dagegen empfiehlt er eine andere Instanz, die das Denken prüft und hinterfragt, und er findet sie sozusagen im Klügsten, was der Mensch vorweisen kann, dem Denken selbst.

Das Denken muß sich also selbst bedenken, beurteilen, legitimieren.

„Dieses Denken ist weder theoretisch noch praktisch. Es ereignet sich vor dieser Unterscheidung“, so Heidegger. Dieses Denken läßt das Sein sein. Unschwer ist darin ein Denken auszumachen, das, an Laotse, an Meister Eckehart u.a. sich annähernd, die ökologischen Probleme – Ökologie hier dem Wortsinn nach als ganzheitliches Denken begriffen und jenseits der modernen Verkürzung auf Beseitigungs-, Recyclings- und Vermeidungsdenken – einzugedenken beginnt.

Damit wird der Humanismus überboten, insofern Heidegger dem Menschen die eigentliche Würde seines Seins, in Form der Totalermächtigung des Denkens, zurückgibt. Heidegger denkt also gegen den Humanismus, indem er über ihn (hinaus) denkt, weil „der Humanismus die humanitas nicht hoch genug ansetzt“. Man beachte den quasi metahumanistischen Aspekt.

Einen sich vermutlich anschließenden Vorwurf entkräftet er wie folgt: „Weil gegen den ‚Humanismus‘ gesprochen wird, befürchtet man eine Verteidigung des In-humanen und eine Verherrlichung der barbarischen Brutalität. Denn was ist ‚logischer‘ als dies, daß dem, der den Humanismus verneint, nur die Bejahung der Unmenschlichkeit bleibt?“

Dieser Trugschluß basiert auf der platonisch-cartesianischen Gewohnheit des dialektischen, dualistischen Denkens, nach dem Motto: Bist du nicht mein Freund, so bist du mein Feind oder: Wer nicht für mich ist, ist wider mich. Doch so einfach ist es nun mal nicht!

Heidegger: „Aber weist denn das ‚Gegen‘, das ein Denken gegenüber dem gewöhnlich Gemeinten vorbringt, notwendig in die bloße Negation und in das Negative? Das geschieht nur dann und dann allerdings unvermeidlich und endgültig, das heißt ohne einen freien Ausblick auf anderes, wenn man das Gemeinte zuvor als ‚das Positive‘ ansetzt und von diesem her über den Bezirk der möglichen Entgegensetzungen zu ihm absolut und zugleich negativ entscheidet.“ – und das ist nichts anderes als eine Immunisierung, ein Zirkelschluß.

Dieses Werten läßt das Seiende lediglich als das Objekt seines Tuns gelten, folglich wäre wieder das Tun, wieder die Praxis die autoritäre Instanz, wieder wäre das Denken entmächtigt.

Mithin muß es etwas anderes als den Humanismus geben; man könnte das A-Humanismus, Transhumanismus, Prähumanismus, Metahumanismus nennen. Es ist ähnlich wie mit der Ethik. Diese tritt erst auf, kann erst auftreten in dem Moment, wo schon etwas schief läuft, etwas passiert ist, das es dann wieder in eine, wenn schon nicht in seine Bahn bringen muß. So auch der Humanismus. Das hat schon Laotse gesehen:

verloren ging das große Dau –

güte und rechtschaffenheit entstand

hervortrat die klugheit –

die große heuchelei entstand

zerrissen war die sippe –

der familiensinn entstand

in wirrnissen zerfiel der staat –

der treue minister entstand

Das gilt auch für Aufklärung und Moderne, deren katastrophale Folgen unübersehbar sind.

Darauf kann man – für oder wider – dreifach reagieren. Entweder, wie Habermas etwa, zu sagen, zu beteuern, daß die Moderne ein „unvollendetes Projekt“ sei und folglich erst beendet werden müsse, bevor darüber geurteilt werden könne, was die Gefahr birgt, alle in ihr enthaltenen destruktiven Gehalte vollends zum Blühen zu bringen, mithin die Apokalypse zu organisieren, oder aber, wie sein Gegenspieler Lyotard etwa, der hier fast die gesamte sogenannte postmoderne Philosophie repräsentiert, dieses Projekt, wegen Unbeendbarkeit, als beendet zu erklären und etwas Neues, noch Unbestimmtes, aber anderes zu wagen, das derartige Wagnisse nicht mehr birgt. Oder aber, drittens, den Weg der Besinnung zu gehen, der Gelassenheit, die die natürliche Veränderung in ihrer Trägheit annimmt, das Bewährte läßt und hegt und den langsamen Strom des Werdens mit seinem bedachtsamen Bedenken einspinnt.

Wie auch immer, es dürfte deutlich geworden sein, daß der Humanismus-Begriff längst nicht mehr so unschuldig und unangreifbar ist, mehr noch, weshalb auf diesen Begriff verzichtet werden sollte.

Literatur:
Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Leipzig 1989
Heidegger, Martin: Brief über den Humanismus. in: Wegmarken. Frankfurt 1996
Laudse: Daudesching. Leipzig 1978
Lyotard, Jean-Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1986
Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München 1994
Sartre, Jean Paul: Der Existentialismus ist ein Humanismus. In: Gesammelte Werke/Philosophische Schriften. Band 4. Hamburg 1994
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s