Was man (nicht) darf und was man (nicht) sollte

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage „Man hat mir Böses getan“ ist das Böse selbst unterdrückt. Mark Aurel

Die Welt hat ein „neues“ Totschlagargument. Eine grüne Politikerin – ich kann mir ihren Namen nicht merken, vermutlich aufgrund der kognitiven Dissonanz – hat es dieser Tage wieder aktualisiert. Demnach warnt sie vor Vergleichen von „Aktivisten“ der „Letzten Generation“ mit der „RAF“. Das würde „den Terror verharmlosen und die Opfer verhöhnen“ und das sei unstatthaft, das darf man nicht. In letzter Zeit wird dieses Argument immer öfter benutzt, demnach dürfe man dieses mit jenem nicht vergleichen, weil es diesem nicht gerecht werde und die Opfer verhöhne. Weiterlesen

Dialektik der Natur

Ein Kennzeichen großer Literatur ist ihre Reaktualisierbarkeit – sie mag unter anderen Vorzeichen entstanden sein, enthält aber genügend Schichten, um auch später noch ausgrabbar zu sein. Große Literatur kann sich durchaus in der kleinen Form verstecken. Ein schönes feines Nugget wurde mir dieser Tage zugespült, eine Geschichte von überraschender Vollkommenheit und aktueller Brisanz. Weiterlesen

Das ist Fortschritt!

Während ich durch einen alten Band der Kant-Studien (Band XXIX, Heft 1/2) blättere, fällt mir eine kurze Bekanntmachung auf.

Wir befinden uns im Jahr 1924. Diese seinerzeit sehr verbreitete „Philosophische Zeitschrift“, begründet von Hans Vaihinger, bringt auf über 300 Seiten Abhandlungen zu Kant und die Psychologie, Kant und die Religion, die reine Rechtslehre, die deutsche Kultur, das Eherecht oder Kant als Naturwissenschaftler. Kant von vorn bis hinten und manch prominenter Name, wie Nicolai Hartmann oder Max Dessoir, arbeitet sich vor weitem Publikum an Kant ab. Weiterlesen

Linkes oder rechtes Ruder?

Schon vor drei oder vier Jahren, als die Grünen einen ersten und scheinbar irrationalen Höhenflug hatten, schrieb ich, daß man sie nur regieren lassen müsse, um sie langfristig zu erledigen. Zumindest als Partei, die Regierungsmacht zu übernehmen droht. Als Ideologie sind sie freilich längst ins Mark dieser Gesellschaft eingesickert. Das Problematische an diesem Gift ist die Mischung aus absolut notwendigen Grundeinsichten und Vorhaben, deren Essenz zu bewahren und zu nutzen ist, und einer hochtoxischen Ideologie, Aktionsextremismus gepaart mit politischer Selbstverdummung. Weiterlesen

Die Sache mit der Liebe

Schon als Kind fremdelte ich mit Konventionen. Mein Vater hielt uns Kinder an, immer schön „Guten Tag“ zu wünschen, wenn man jemanden traf. Mehr noch: das „Guten Tag“ war ihm nicht genug, man mußte auch noch den Namen dazu sagen: „Guten Tag, Herr Döhler“, Guten Tag, Frau Nürnberger“. Dabei durften auch die Hände nicht in der Hosentasche stecken – es war ein Graus. Umso mehr, als es sich bei einer Person um einen gefürchteten Russisch-Lehrer handelte, der auch schon meinen Vater unterrichtet und ihm wohl von daher diese Ehrfurcht eingeimpft hatte. Der Mann war gefürchtet wie kaum einer – allerdings war er auch der einzige Russisch-Lehrer in der Stadt, bei dem die meisten Schüler tatsächlich Russisch lernten, wenn auch aus falschen Motiven: aus Angst. Ich gehörte nicht zu diesen – was ich heute bedauere. Weiterlesen

Wagt an den Kindern!

Wer wäre unser Goethe geworden, wenn Goethe 1758 im zarten Alter von 11 Jahren an den Blattern gestorben wäre. Wer wäre dann unser Dante, unser Cervantes, unser Shakespeare, Petőfi, Mickiewicz oder Hans Christian Andersen geworden? Schiller? – ist ohne Goethe kaum vorzustellen. Kleist? – zu dünn sein Werk. Wieland? – zu viel Zweitrangiges in seinem Oeuvre.

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Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Weiterlesen

Auch Polen ist verloren

Institutionen können ihre Rollen nur erfüllen, wenn die Menschen, die ihre Seele sind, sich in allen Bereichen wieder aufraffen. Familie, Schule, Arbeit, Religion, Kultur, Staat und die verschiedenen konzentrischen Kreise der nationalen Assimilation. Diese Institutionen befinden sich in der Krise, denn statt dem Individuum nachahmenswerte Vorbilder zur Verfügung zu stellen, deklarieren sie das Individuum selbst zum Vorbild. Damit suggerieren sie, daß es nichts Nachahmenswertes finden könne und die eigene Identität aus sich selbst schöpfen müsse. Vincent Coussedière[1]

Eigentlich wollte ich jetzt ein Buch lesen – aber ich muß mir zuvor den Frust von der Seele schreiben. Weiterlesen

Menschlichkeit und Einsamkeit

„Menschlichkeit ist eine Tugend des Umgangs mit anderen Menschen“ – über diesen Satz Bollnows stolpere ich. Mehr noch: „Robinson hätte, solange er auf seiner einsamen Insel allein lebte, schlechthin keine Gelegenheit gehabt, die Tugend der Menschlichkeit zu üben“.

Stimmt das? Kann der Mensch nur im Angesicht des anderen Menschen menschlich – im Sinne der Menschlichkeit – sein?

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Historie und Geschichte

Nehmen wir die Schildkröten, um den Gedanken plastisch zu machen.

Jeder kennt die Bilder der nächtlich aus dem Wasser steigenden Meeresschildkröten, bei Vollmond, wie sie dann in unendlichen Scharen sich den Strand hinaufarbeiten, mit ihren Flossen mühsam tiefe Löcher graben, um dann ein Ei nach dem anderen darin abzulegen, alles mit Sand bedecken, und wieder in der Anonymität der Weltmeere verschwinden.

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Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

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Goethe in Zeiten der Pandemie

Ja, die Natur reagiert nicht bloß gegen die leibliche Krankheit, sondern auch gegen die geistigen Schwächen; sie sendet in der steigenden Gefahr stärkern Mut. (Goethe, Gespräch mit Lobe)
PDF:  Goethe in Zeiten der Pandemie

Es finden sich in Goethes Werken bemerkenswerte Überlegungen und Erfahrungen, die uns heute noch inspirieren können. Denn Goethe war mehr als ein großer Autor und Denker, er war auch ein großer Kranker! Immer wieder schlugen ihn schwere, zum Teil auch lebensbedrohliche Krankheiten nieder – lernen kann man vor allem aus seinen dazugehörigen Überlegungen und aus seinem persönlichen Umgang damit.

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Ennyi!

Das ist Ungarisch. Es ist eines jener schillernden Wörter, deren es in dieser zauberhaften Sprache so viele gibt. Schlägt man in einem Wörterbuch nach, wird man die Übersetzung „so viel“ finden, aber das ist weniger als die halbe Wahrheit. Das Wort kann situativ ganz verschiedene Bedeutungen annehmen; im Imperativ besagt es meist so viel (sic!) wie: „das war‘s!“, „Ende!“, „Feierabend!“, „genug!“, „finito!“, „es reicht!“, „Schluß!“, „Schicht!“, „Aus!“. „Vorbei!“ und dergleichen mehr.

In diesem Sinne wird es hier verwendet.

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Warum der Osten?

„Die Identität von Subjekten läßt sich also deswegen vollständig nur über deren Geschichten vergegenwärtigen, weil diese Identität in ihrer synchronen Präsenz stets mehr enthält als das, was aus gegenwärtigen Bedingungen verständlich gemacht werden könnte. Anders formuliert: das, was einer ist, verdankt sich nicht der Persistenz seines Willens, es zu sein. Identität ist kein Handlungsresultat. Sie ist das Resultat einer Geschichte, das heißt der Selbsterhaltung und Entwicklung eines Subjekts unter Bedingungen, die sich zur Raison seines jeweiligen Willens zufällig verhalten. Eben deswegen ist das Subjekt im Verhältnis zu der Geschichte, durch die es seine Identität hat, auch nicht deren Handlungssubjekt, sondern lediglich das Referenzsubjekt der Erzählung dieser Geschichte.“ Hermann Lübbe

Warum der Osten? – Das ist eine Frage jener Art, von der Hermann Lübbe nachwies, daß „sie sich nur historisch erklären” lasse. Weil sich in ihr ein Relikt verbirgt, ein scheinbar funktionsloses Überbleibsel, ein Rest aus einer vergangenen Zeit, den das Wort „Widerstand“ recht gut trifft. Denn ernsthafter politischer Widerstand ist eine Seltenheit und eine Sünde in Deutschland geworden.

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Das große Schlachten

Literatur vergangener Zeiten zeigt uns auch untergegangene reale Welten. So findet sich bei Pontoppidan ganz zum Schluß ein aufschlußreicher Satz. Pastor Gaardbo fährt mit dem Schiff über den Kattegat und gerade als man in den Randers-Fjord einbiegen will, bemerkt er „auf einer Sandbank eine Gruppe Seehunde, die im ersten Morgenschein ein Sonnenbad nahmen“.

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Das Orientbild der Digedags

Man kann die Bedeutung des „Mosaiks von Hannes Hegen“ für die vor allem männliche Jugend der DDR nicht überschätzen. Die 60er, 70er und 80er Jahre waren wesentlich geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Universum der drei Comic-Figuren Dig, Dag und Digedag. Jeden Monat stand man an den Zeitungskiosken Schlange, um das neue Heft zu erstehen. Meine früheste Erinnerung sieht mich mit meinem Vater am Kiosk warten, wo er das Heft 171 kauft: „Die Jagd nach dem Truthahn“. Ein Blick in die „Mosapedia“, ein eigens von Fans eingerichtetes Online-Lexikon, belehrt mich, daß das im Februar 1971 gewesen sein muß – damals war ich noch keine sechs Jahre alt.

Man darf die gewagte These aufstellen, daß die Pegida- und AfD-Generation durch das Mosaik geprägt wurde.

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Der Tod im Gedankenkarussell

In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. (Nietzsche)

Ununterbrochen – sofern man nicht gelernt hat, es durch gewisse Techniken abzustellen – dreht sich unser Gedankenkarussell. Meist sind es kurze Versatzstücke, die einem „in den Sinn kommen“, doch wenn man nicht aufpaßt oder – was heutzutage wahrscheinlicher ist – nicht durch neue Eindrücke – die andere Versatzstücke oder „Ideen“ verursachen – abgelenkt wird, dann kann es auch zu längeren Assoziationsketten kommen. Das meiste davon verschwindet schnell im Vergessen und ganz zurecht, denn oft ist es nur „Spinnerei“.

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