Zynische Theorien

Ein Buch, das durch alle Lager schneidet, links, rechts, liberal, geliebt und gehaßt wird, verspricht schon deshalb ein Ereignis zu sein. Man kann Konsens und Dissens rein argumentativ verstehen, noch vor aller ideologischen Zuordnung. So überwältigend seine Verdienste nämlich sind, so zahlreich sind auch seine inneren Widersprüche und Fehler. Während der erzlinke Micha Brumlik in der TAZ etwa ins Schwärmen gerät, hat der Experte fürs Absolute (Daniel-Pascal Zorn) einiges auszusetzen und während die einen den ruhigen, sachlichen Ton loben, sehen andere die Autoren mit „Schaum vor dem Mund“ (DLF). Es gibt aber bis dato wohl nichts Vergleichbares, weshalb es bis auf weiteres zum Kanon aller gehören sollte, die sich dem Themenkomplex kritisch nähern wollen. Weiterlesen

Beschreibung der Braut

Wilhelm Diltheys frühe Briefe kann man in zweierlei Gestalt lesen. Man entscheidet sich entweder für das Antiquariat und legt sich den von Diltheys Tochter Clara  Misch– sie heiratete den eifrigsten Schüler des Meisters, Georg Misch, und trug daher dessen Namen – herausgegebenen Band „Der junge Dilthey. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern“ aus dem Jahre 1933 zu, kauft ein bißchen vom Flair, muß aber mit der Auswahl vorlieb nehmen, oder aber man greift tief in die Tasche und entscheidet sich für den vollständigen ersten Band der vierbändigen Briefausgabe aus dem Jahre 2011. Weiterlesen

Bombenmeditation

“If you have sacrificed my nation to preserve the peace of the world, I will be the first to applaud you. But if not, gentlemen, God help your souls.“ Masaryk 1938

Neulich schrieb mir jemand – ein habituell unentschiedener, offener Mensch –, und endete mit der Frage: Schwere Waffen ja/nein? Die Antwort ließ er natürlich offen.

Aber exakt das ist die Antwort, die einzig vernünftige oder doch zumindest zwangsläufige, die man auf diese Frage geben kann: Ich weiß es nicht! Niemand weiß es! Und niemand kann es wissen! Die einzig konzise Antwort auf die Frage ist, die Antwort zu verweigern oder offen zu halten. Weiterlesen

Nietzsche der Zeitgemäße

… Und mitten hinein, akademisch ungeschützt, stürzt sich Julien Rochedy. Der Leser schaut in die Pistolenmündung eines comicartigen gezeichneten Nietzsche im Hawaii-Hemd vor grellgelbem Hintergrund. Wo Felsch seine Fußnoten bündeln muß, um sie nicht übermächtig werden zu lassen, da verzichtet Rochedy auf jeglichen Nachweis. Mit entschiedener Geste wischt er zweierlei ohne Begründung beiseite: alle bisherigen philosophischen Abarbeitungen an Nietzsches Werk, ganz ausdrücklich den gesamten postmodernen Diskurs, und die Frage nach der Authentizität der Texte. Was gedruckt wurde, nimmt Rochedy wortwörtlich, inklusive des umstrittenen „Der Wille zur Macht“, alles intellektuelle Feilschen habe nur vom Wesentlichen abgelenkt, hier wird der Anspruch gestellt, den eigentlichen Nietzsche wieder freizuhauen. Weiterlesen

Bollnow lesen!

Bollnows Pädagogische Anthropologie – die Erziehbarkeit des Menschen

Die Erziehbarkeit des Menschen – PDF

Pädagogik läßt sich weder von einem Ziel (Ethos) noch einem transzendentalen Grund oder einer weltanschaulichen Prädisposition als Wissenschaft herleiten, sondern nur aus der Konkretion, der historischen und der anthropologischen, auf dem Feld der Empirie. Es war die geisteswissenschaftliche Pädagogik (Schleiermacher und Dilthey), die diesen Begründungszusammenhang erkannte und ein methodisches Besteck zur Verfügung stellte, ihn produktiv zu bearbeiten. Weiterlesen

Die Maßlosigkeit im Leben der Gegenwart

Denkanstöße – Bollnow (1962)

Wir brauchen uns nicht damit aufzuhalten, den Geist dieser Maßlosigkeit in unserer Gegenwart im einzelnen sichtbar zu machen. Die Maßlosigkeit schon unserer äußeren Lebensansprüche ist oft genug, wenn auch vergeblich angeprangert worden. Ob es nun der Fernsehapparat ist, das eigene Auto oder die Ferienreise nach Mallorca: in allem strebt der Mensch über seine vernünftigen Grenzen hinaus. Dabei wendet sich die Kritik nicht gegen die Bedürfnisse als solche, deren Erfüllung gewiß das menschliche Leben in einer schönen Weise zu bereichern vermag, sondern dagegen, daß diese Bedürfnisse den Menschen versklaven und daß er in der Ruhelosigkeit der immer erneuten Anstrengung gar nicht dazu kommt, das Gewonnene auch zu genießen. Kaum ist das eine Ziel erreicht, so treibt das neue Bedürfnis den Menschen zu neuer Anstrengung weiter. Darum ist es auch hier die Frage des rechten Maßes; denn das übersteigerte Verlangen nach Lebensgenuß untergräbt notwendig die Voraussetzungen des Lebensgenusses selbst und hebt sich also selber auf. Maßlosigkeit heißt hier Ruhelosigkeit und ewige Hast. Weiterlesen

Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit. Weiterlesen

Leben im geborgten Licht

Denkanstoß – Sloterdijk XI

An der Vegetationsgrenze begegnen sich das aufsteigende Leben, das am Felsigen endet, und das Felsige, das zum Leben herabgeht. Nietzsche wagt sich in seinen Randgängen der Lebendigkeit bis an die Grenze der absoluten Mineralogie heran, indem er die „wirkliche Wahrheit“ fast ganz aus der Sphäre der organischen Empfindlichkeit hinausverlegt. Wie, wenn Empfindung, Nervlichkeit, Störbarkeit, Subjektivität und alles, was daraus folgt, nur ein „Versehen des Seins“ wäre?[1] Wenn das, was wir das Innere nennen, nur ein Epiphänomen wäre, das auf dem Mineralischen aufsitzt, ein Spiel von Botenstoffen in organischen Hypothesen namens Körpern? Indes das sachlich Wahre das Tote wäre, das sich den Luxus des irrenden, überempfindlichen, onto-allergischen Lebens leistet?

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Menschlichkeit und Einsamkeit

„Menschlichkeit ist eine Tugend des Umgangs mit anderen Menschen“ – über diesen Satz Bollnows stolpere ich. Mehr noch: „Robinson hätte, solange er auf seiner einsamen Insel allein lebte, schlechthin keine Gelegenheit gehabt, die Tugend der Menschlichkeit zu üben“.

Stimmt das? Kann der Mensch nur im Angesicht des anderen Menschen menschlich – im Sinne der Menschlichkeit – sein?

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Die Wahrheit der Gazelle

Youtube spielt mir dieses faszinierende Video ins Haus. Eine Gruppe von Antilopen, Klippspringer, werden von einer Horde hungriger Afrikanischer Wildhunde  umlagert. Die Antilopen haben sich auf einen Fels gerettet und stehen – man weiß nicht, wie sie das mit ihren Hufen hinbekommen – an einer nahezu senkrechten Wand auf winzigen Vorsprüngen und Felsritzen. Von unten und oben versuchen die Räuber an die Beute heranzukommen. Durch trial und error wagen sie sich immer weiter nach vorn, in einem Moment trennen Jäger und Opfer nur noch wenige Millimeter, gierig saugt der Hund den Geruch der potentiellen Mahlzeit ein.

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Historie und Geschichte

Nehmen wir die Schildkröten, um den Gedanken plastisch zu machen.

Jeder kennt die Bilder der nächtlich aus dem Wasser steigenden Meeresschildkröten, bei Vollmond, wie sie dann in unendlichen Scharen sich den Strand hinaufarbeiten, mit ihren Flossen mühsam tiefe Löcher graben, um dann ein Ei nach dem anderen darin abzulegen, alles mit Sand bedecken, und wieder in der Anonymität der Weltmeere verschwinden.

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Nationale Interessen

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir von nationalen oder geostrategischen Interessen sprechen, die wir einzelnen Ländern oder Verbünden zuerkennen? So liege es etwa im geopolitischen Interesse Rußlands, eine Pufferzone zu den NATO-Grenzen zu haben, oder im nationalen Interesse der Ukraine, der EU anzugehören usw.

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Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

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Am Ende der Ära Habermas

Zeitschriften – H wie Habermas

Es ist nicht zu übersehen – je älter Habermas wird, umso auffälliger wird sein Autoritätsverlust und der ist umso signifikanter, als die Seitenhiebe oftmals aus verwandten Ecken kommen.

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Faschismus-DNA – der Fall Bollnow

PDF: Faschismus DNA – Bollnow

Man kann nur spekulieren, was die Bollnow-Gesellschaft geritten hat, auf ihrer Jahrestagung Frau Dr. Bazinek zum Thema „Aufrechter Gang, aufrechte Haltung. Versuch einer Analyse von Bollnows Umgang mit Sprache“ referieren zu lassen. Der Vorfall scheint mir aber signifikant und lehrreich, da verallgemeinerbar – er ist ein gut verstecktes Beispiel für die allgemeine Vergiftung des geistigen und akademischen Gesprächs in unseren Zeiten.

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Wahre Inklusion

In der Zeitschrift „Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben“, sechster Jahrgang, aus dem Jahre 1931 las ich dieser Tage einen Artikel über „Die Widersprüche im Charakter und ihre pädagogische Bedeutung“.

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Zeit, „Neger“ zu sagen

Wozu braucht man eigentlich Philosophie, wenn man Annalena Baerbock hat?

Mit ihrer neuesten Volte – nämlich das Wort „Neger“ aus ihrem Munde zu „muten“ – hat sie ein bedeutsames philosophisches Problem aufgerissen und zugleich eine Lösung vorgeschlagen.

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Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

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Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Drei Zeitschriften – Die Kehre

 Man sollte immer wieder versuchen, seinen Horizont zu erweitern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. In diesem Monat habe ich zwei mir neue Zeitschriften bestellt, drei andere habe ich bereits im Abo und eine der beiden neuen wird nun hinzukommen. Drei davon möchte ich nachfolgend kurz vorstellen.
  1. Die Kehre

Die habe ich seit Beginn ihres Erscheinens abonniert, sie nennt sich „Zeitschrift für Naturschutz“, ist geistig im neurechten Milieu verwurzelt und sieht sich – wie der Name bereits verrät – im gründenden und hegenden Denken Heideggers verwurzelt. Treibende Kraft ist Jonas Schick, ein junger studierter Politologe, der auch auf „Sezession im Netz“ veröffentlicht. Mit seinen 30 Jahren hat er sich offenbar schon recht tief in die wissenschaftliche Öko-Debatte eingearbeitet. Das Ziel der Zeitschrift ist es wohl, das Ökologie-Thema dem linken Diskurs streitig zu machen und es dorthin zurückzuholen, wo es genetisch hingehört: nicht in die progressistische – denn blinder Fortschrittswille ist das Entree Billet in die Umweltkatastrophe –, sondern in die konservative Ecke, aus der es auch geboren wurde. Auch wenn Heidegger, die beiden Jünger und nun noch Sieferle zu den wesentlichen geistigen Inspirationsquellen gehören, befleißigt man sich doch auffallend, die ganze Breite, vor allem auch die aktuelle Diskussion und gänzlich ohne ideologische Scheuklappen, einzubeziehen, also weg von den grauen Klassikern – die im Hintergrund weiter wirken – hin an den Puls der Zeit.

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