Politische Kultur und nationale Identität

Die dänische Folketingswahl 2019 ist Geschichte. Und sie wird Geschichte machen. Unter Führung der Sozialdemokraten hat der linke Block wieder die Zügel übernommen. Er konnte das nur, weil die Sozialdemokratie unter Mette Frederiksen die straffe Einwanderungspolitik der „Dänischen Volkspartei“ in ihre eigene implementiert hat und weil einige ihrer potentiellen Koalitionspartner wie die „Radikale Venstre“ oder die „Sozialistisk Folkeparti“ für ihre Verhältnisse deutlich zulegen konnten.

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Klopps Liverpool als Vorreiter

Spiele dieses Kalibers, wie das CL-Finale, enthalten immer wichtige Lehren, wie wir bereits letztes Jahr gesehen haben. Auch dieses ebenfalls denkwürdige Endspiel, wenn auch aus ganz anderen Gründen, verdient ein paar Zeilen.

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Was ist Europa?

Was ist Europa, wie wurde es, woran krankt es, was könnte es retten?

von Johannes Leitner

Heute, da Europa wieder einmal in seinem Dasein gefährdet scheint, beherrscht die Frage nach dem Wesen Europas erneut das öffentliche Gespräch: Wer sind wir, wie wurden wir, woran leiden wir, wie wollen wir sein und wie nicht sein? – Wo man dieses Wesen, das es gar gegen seine innere Schwäche zu erhalten und gegen seine Feinde zu verteidigen gälte, nicht überhaupt leugnet, da greift man gerne zu dem Gemeinplatz von den drei Hügeln, auf denen Europa erbaut sei (der als Gemeinplatz wenigstens hinreichend stimmig ist): Golgotha, das für das Christentum steht, die Akropolis für die griechische Philosophie, das Kapitol für römisches Recht und römische Verwaltung.

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Neue ungarische Vignetten

Arztbesuch in Ungarn. Beim Spezialisten. Freie Sprechstunde von 17 bis 18 Uhr – wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ich finde mich dreiviertel sechs ein und drehe sofort um. Der Warteraum übervoll, die Schlange bis auf die Straße. Eine einfache Rechnung: jeder Patient mindestens fünf Minuten, mal 30 … Komme kurz nach acht wieder und kurz vor neun endlich dran. Die anderen saßen dort, oft noch in Arbeitsklamotten, direkt nach der Arbeit, manche mit Kleinkindern. Ein fünfjähriger Junge ist nur noch mit Ballerspielen auf dem Handy seines Vaters ruhigzustellen. Vollkommen emotionslos knallt er einen Soldaten nach dem anderen ab. Die Behandlung kostet 8000 Forint, auf die Hand. Eine Quittung – so sagt mir der Arzt und wird etwas rot dabei – könne er nicht ausstellen, da es keine Verträge zwischen den Kassen gebe. Er selbst dürfte den ganzen Tag bereits im Krankenhaus gearbeitet haben. Die Sonderschicht, die er zwei Mal pro Woche einlegt, dürfte sich aber lohnen. Wenn nur 25 Patienten jeweils 8000 (oder bei Nachbesuchen 5000) Forint bezahlen, dann verdient er in den vier Stunden mehr als 40% der normalen Menschen, die nach einer Monatsarbeit mit Mindestlohn nach Hause gehen: 149000 Forint (ca. 460 Euro).

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Das Elfte Gebot der Traurigkeit

Das Denken bringt die Herrschaft des Menschen über die Natur mit sich und, mit gewissen Einschränkungen, wie etwa Gebrechlichkeit oder seelisches Leiden, auch jene über sein Wesen. Es ist Garant der Freiheit, sich das Leben zu nehmen, sich selbst aus freien Stücken und zu einem selbstgewählten Zeitpunkt ein Ende zu setzen. Warum dann diese unvermeidbare Traurigkeit? (George Steiner)

George Steiner ist ein wahrlich multikultureller Denker und ein lebendes Fossil europäischer Hochkultur. Die drei bedeutendsten Kultursprachen Europas sind seine Muttersprachen, tief in der englischen, französischen und deutschen Kultur verwurzelt, mit vielen freiwilligen Ausblicken ins Griechisch-Lateinische, ins Spanische, Italienische und Russische umfaßt sein Werk Arbeiten über die Antike Tragödie und über Dostojewski, reicht es vom Schach bis zu Heidegger, von Dante bis zur modernen Sprachphilosophie and beyond.

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Pál Telekis historische Tat

„At the Conference table we shall place a chair for Count Paul Teleki. That empty chair will remind all who are there that the Hungarian nation had a Prime Minister who sacrificed himself for that very truth for which we too are fighting.“ Churchill

Vielleicht kann man Geschichte mit einem beweglichen Knoten vergleichen, der sich anhand des Zeitstrahls fortbewegt, in sich verschiedene Stränge vereint und immer neue aufnimmt, aber auch jederzeit geöffnet werden kann. Jeder historische Augenblick vereint dialektisch alle drei Elemente – Verstrickung, Bewegung, Lösung – in sich, aber es gibt Zeitpunkte, in denen ein Element für das Auge des historischen Betrachters dominant und sichtbar wird. Dort kann man viel über Geschichte lernen, über den Kairos und die Folgen, wenn er verpaßt wird, aber selbstverständlich auch über die Unmöglichkeit Geschichte im je eigenen Sinne erfolgreich schreiben zu können.

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