Der Meister

Eine Erzählung

Der Meister – Erzählung PDF-Format

So erwies sich denn mein erster Gedanke als treffend. Ein Mensch, der beim letzten Pfiff des Schaffners den Waggon betritt, ist entweder unter die Kategorie der Schludrigen zu rechnen, denen es nie gelingt, rechtzeitig und in aller Ruhe einen Termin einzuhalten, oder aber, was weit seltener anzutreffen sein wird, es handelt sich um einen Perfektionisten, um mehr als einen bloßen Menschen, um einen Charakter, eine Persönlichkeit. Die Art, wie die Tür sich im Rücken des Mannes schloß, diese entschiedene Sicherheit, deutete bereits die Wahrscheinlichkeit der zweiten These an und auch der dezente Duft eines Eau de Cologne, einer Marke von ausgewählter Delikatesse, der augenblicklich, aber auf angenehme Weise die Luft des Abteils schwängerte, bestätigt diese frühe Empfindung. Spätestens jedoch, als ich ihn zu Gesicht bekam, waren alle Zweifel endgültig und für immer aus dem Weg geräumt. Dies hier war ein Mann von Welt, ein Gentleman, mehr noch: ein Artefakt des Vollkommenen. Augenblicklich zog er mich in seinen Bann.

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100 Jahre Trianon

Der Abschluß dieses folgenschweren „Friedensvertrages“ jährt sich heute zum hundertsten Mal; er markiert zugleich das einschneidendste und tragischste historische Ereignis in einer für die Ungarn ereignisreichen und leidvollen Geschichte.

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Das letzte Gefecht

 

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world …
William Butler Yeats

Vor vielen vielen Jahren las ich Stephen Kings „The Stand“ ein Endlosroman mit mehr als 1000 Seiten[1]. In erster Linie wollte ich mich gruseln und wurde bitter enttäuscht. Kings Fama eilte ihm voraus, King-Fans hatten mir von durchängsteten Nächten berichtet und ihre blutigen Fingernägel als Beweis angeführt. Schon beim Aufschlagen des Buches überlief mich ein kalter Schauer und nach jedem Umblättern erwartete ich den Herzinfarkt. Aber es geschah nichts und allmählich wurde mir klar, was für ein mittelmäßiger Schreiber der Gefeierte eigentlich ist. Das bestätigte sich bei zwei, drei späteren Lektüren: King hat kein Gefühl für Tempo und für Brüche, er ist der Vorreiter jener Und-dann-Autoren, die heutigentags die Regale vermüllen.

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Die Budapester Burg

Budapester Impressionen VIII

Auch die Burg gehört zum Basisprogramm eines jeden Budapest-Reisenden. Vom Szell-Kalmán-Ter nehme ich den Bus, der den Anstieg bequem in drei Minuten schafft und steige gleich an der ersten Station innerhalb der Mauern aus. Wie der Zufall es will, stehe ich fast direkt vor dem Militärmuseum, das schon von Anfang an auf meiner Liste stand. Also wird der Burgspaziergang nach hinten verschoben, wohl wissend, daß sich das Gelände am Sonntagmittag bald zu einem Ameisenhaufen verwandeln wird.

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Offener Brief an Alan Posener

„Wenn man wirklich für Meinungsfreiheit ist, dann muß man auch für die Freiheit von Standpunkten eintreten, die man verachtet. Sonst ist man nicht für Meinungsfreiheit.“ (Noam Chomsky, zitiert in Baños: So beherrscht man die Welt)
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Sehr geehrter Herr Posener,

Sie haben meinen Artikel „Ich gebe zu Protokoll“, in dem ich auch Ihre Besprechung des Corpus Delicti – Pedro Baños Buch „So beherrscht man die Welt“ – aus offensichtlichen Gründen erwähne und bewerte, mit folgenden beiden Kommentaren bedacht:

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Die Liebe in einer zerbrochenen Welt

Es gibt keine Liebe, mein Freund, es gibt keine; Lüge ist jede Liebe. Es gibt nur eine einzige Liebe … Dies ist die einzige Liebe: Langeweile, Krankheit, Häßlichwerden, Sich-anderswohin-Träumen, tausendmal Ausreißen-, Fliehenwollen und doch immer bleiben müssen: sich gegenübersitzen und einander ins vergreisende Antlitz schauen und schließlich das Sterben des anderen mitansehen: das ist die Liebe. Ernő Szép

Wenn ich dieser Tage Ungarn lese, dann um Ungarn kennen zu lernen: das Land Ungarn in seiner historischen Entfaltung und die Ungarn als Volk und als Menschen in ihrer Verfaßtheit, in ihrer Denk-, Fühl- und Lebensweise – das Typische eben, sofern es Derartiges gibt.

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Was wäre wenn?

Ein bißchen Kaffeesatzleserei.

In der Geschichte ist diese Frage selten sinnvoll zu beantworten, zumindest im Sinn einer möglichen nachträglichen Vorhersage. Wir werden es nie wissen.

Aber lernen kann man hin und wieder vielleicht doch etwas. Sofern man „aus der Geschichte lernen“ nicht als Handlungsanweisung für ähnliche historische Konstellationen versteht, kann man aus der Geschichte etwas lernen.

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Wär ich ein Tor

Wer Ungarisch lernt, stößt vielleicht auf das Lied „Ha én rozsa volnék“. An ihm kann man nämlich wunderbar den Konditional lernen – ich hab´s gleich auswendig gelernt –, der ausnahmsweise sogar einfach zu bilden und zu begreifen ist. An das Verb wird die Endung -nék angehängt und die braucht dann nur noch konjugiert zu werden.

„Ha én rozsa volnék“ heißt also „wenn ich eine Rose wäre“.

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Pál Telekis historische Tat

„At the Conference table we shall place a chair for Count Paul Teleki. That empty chair will remind all who are there that the Hungarian nation had a Prime Minister who sacrificed himself for that very truth for which we too are fighting.“ Churchill

Vielleicht kann man Geschichte mit einem beweglichen Knoten vergleichen, der sich anhand des Zeitstrahls fortbewegt, in sich verschiedene Stränge vereint und immer neue aufnimmt, aber auch jederzeit geöffnet werden kann. Jeder historische Augenblick vereint dialektisch alle drei Elemente – Verstrickung, Bewegung, Lösung – in sich, aber es gibt Zeitpunkte, in denen ein Element für das Auge des historischen Betrachters dominant und sichtbar wird. Dort kann man viel über Geschichte lernen, über den Kairos und die Folgen, wenn er verpaßt wird, aber selbstverständlich auch über die Unmöglichkeit Geschichte im je eigenen Sinne erfolgreich schreiben zu können.

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Der lange Marsch in die Heimat

Als ich vier Wochen später bei Frau Schadt sitze, komme ich mir wie ein Medium vor, das die beiden Frauen, die beiden Schicksale (wieder) miteinander verbindet. Als Kinder wohnten sie nur ein paar Schritte voneinander entfernt, beide saßen im Herbst 47, bei der Vertreibung nach Deutschland, im selben Zug, im Viehwaggon und hatten anfangs vergleichbare Erfahrungen gemacht, aber die eine ist in Deutschland, der späteren DDR geblieben, ist auch nominell Deutsche geworden, die andere ist zurück nach Ungarn gelangt und hat eine Doppelexistenz geführt.

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Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Es gibt hier, im Süden Ungarns, eine kleine Quartalszeitschrift, die „Batschkaer Spuren”. Ein ungarndeutsches Magazin, von Ungarndeutschen für Ungarndeutsche, ein Traditionsblatt, das zwar keine lange Geschichte aufweisen kann, aber an der Aufarbeitung einer solchen und dem Kampf gegen das Vergessen arbeitet.

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Apokalyps mich!

Ein Freund der Familie hatte sich schon vor ein paar Jahren bis zur Überzeugung gelesen, daß die Welt im Jahre 2019 untergehen werde. Nicht die ganze natürlich, aber die größten Teile Europas seien dabei. Nur ein schmaler Streifen in den Alpen würde verschont. Dort hatte er sich schon 2017 einen Hotelplatz gesichert, den er – schwer mit eisernen Rationen und Trinkwasseraufbereitungsanlage bepackt – beziehen wird, wenn es soweit ist.

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Arnold Zweig Superstar!

Zweig, der „berühmte Schriftsteller“, das ergibt für uns fast immer: Stefan. Scheinbar vergessen ist sein Namensvetter Arnold. Doch dieser begnadete Erzähler, der heute vor 50 Jahren starb, hat ein maßgebliches Werk hinterlassen, das in deutscher Sprache kein Pendant kennt. Man liest ihn nicht mehr – und das hat Gründe.

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Ungarn 1956

„1956 ist auch für die Nachgeborenen eine unerschöpfliche Quelle geistiger, politischer und moralischer Kraft geblieben.“ Paul Lendvai

Erst in Ungarn wird einem bewußt, was der Herbst 1956 wirklich war und was er den Ungarn bedeutet. Selten wird Engels‘ Diktum[1] von den „sich mannigfaltig durchkreuzenden“ Interessen, die stets zu einem von keinem Teilnehmer gewollten historischen Ergebnis führen, den „verschiedenen Ständen“, einer „höchst verworrenen Masse mit den verschiedenartigen, sich nach allen Richtungen, durchkreuzenden Bedürfnissen“, „bald in offenem, bald in verstecktem Kampfe“ sich befindend, so klassisch bestätigt wie in diesen verwirrenden Herbstwochen.

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Der Gute

Hussain, das bedeutet „der Gute”. Gut worin, das sagt der Name nicht. Wohl eine gute Seele und diesbezüglich trägt „mein“ Hussain seinen Namen wohl zu Recht.

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Zwanghafte Flucht

Unsere Zeit hat aufgehört zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen. Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen. Diese Zeit lehnt Intelligenz ab und konzentriert sich stattdessen auf Leidenschaften, Pathos, Gefühle, Empfindungen und unmittelbare Eindrücke. (Michel Onfray)[1]

Es gibt Sätze, die sind so geläufig, daß man sie gar nicht mehr wahrnimmt, wenn man sie hört. Erst wenn man sie sich gezielt ins Bewußtsein ruft und darüber ein wenig nachdenkt, geht ihr wahrer Gehalt oder dessen Abwesenheit auf.

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Die ganze Geschichte

„Trotz aller traumatischen Ereignisse, die das Imperium erschüttert hatten, war die Integration der Barbaren in philanthropischer oder religiöser Absicht weiterhin das dominierende Motiv der offiziellen Diskurse.“(Alessandro Barbero)[1]

Möglicherweise erntete Barbero mit seiner im leicht zugänglichen Ton geschriebenen Aufarbeitung der Schlacht von Adrianopel, die aufgrund der nicht mehr zu beherrschenden Migration der Anfang des Endes Westroms war, Kritik unter Fachgenossen oder aber er wollte seine These auf breitere Füße stellen …, jedenfalls ließ er im Jahr darauf eine dreifach umfängliche Studie veröffentlichen, in der der Katastrophenkurs weit in die historische Vergangenheit zurück und die folgenden Jahrzehnte weiter entwickelt wird. Schon im Ton wirkt es akademisch, zudem ist es mit extensivem Apparat versehen und strahlt Kennerschaft aus – aber auch ein wenig Langeweile, wie sich das für einen akademischen Text gehört.

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