Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

Es bereitet Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen.

Kritisches Denken beinhaltet jedoch von je her eine permanente Verunsicherung, ein In-Frage-Stellen, und es hört dann auf, wenn es zur Sicherung einmal angenommener Positionen dient.

Einer dieser Begriffe, Ideale und Klassiker, die zu hinterfragen man aufgehört hat, ist der Humanismus. Ihn in Frage zu stellen gilt schon als inhuman.

Dabei wissen wir, daß der Humanismus spätestens seit dem Ende des II. Weltkrieges als unangefochtenes Ideal obsolet ist. Das war er allerdings schon zuvor, bei Hölderlin etwa, dem Marquis de Sade, bei Diderot, später bei Kafka, Spengler, Klages, definitiv schon bei Nietzsche, um nur einige zu nennen.

Das ist er ganz explizit in dem bahnbrechenden Werk von Horkheimer und Adorno, das wie kaum ein anderes das Denken unseres Jahrhunderts geprägt hat: „Die Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahre 1944. Es beginnt mit den programmatischen Zeilen: „Seit je hat die Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt“. (Im Begriff der „Entzauberung“ schwingt natürlich Max Weber mit, ein weiterer möglicher Kronzeuge gegen humanistische Verabsolutierungen.)

Ohne den Begriff der Aufklärung mit dem des Humanismus kurzzuschließen, dürfte es doch evident sein, daß letzterer Begriff, zumindest so wie er in der Goetheschen-Herderschen-Kantschen Tradition zu fassen ist, in ersterem aufgeht. Man sieht, die Argumentationsstruktur der beiden Philosophen ist neutestamentarisch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.

Die Dialektik daran meint, daß der Begriff des aufklärerischen Denkens „schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet“.

Natürlich rekurrieren Horkheimer und Adorno hier auf die unvorstellbaren Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus und des Krieges, die sich letztlich aus einer sich als humanistisch definierenden Gesellschaft herleiten. Humanismus und Aufklärung hatten es nicht verstanden, derartige Exzesse zu verhindern. Das wäre noch verzeihbar, wenn sie nicht genau unter diesem Anspruch angetreten wären.

Es ginge, so Horkheimer/Adorno, um „die Erkenntnis, warum die Menschlichkeit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“, und es war nicht der Humanismus, der Hitlers Armeen besiegte, sondern die irrationalen militärischen Kräfte, noch dazu unter Leitung des inkarnierten Terrors, unter Stalins Leitung. Daß „Aufklärung totalitär ist“ – man kann auch sagen „terroristisch“ –, wird anhand von Säkularisierung („Gott ist tot“ ist Nietzsches Befund, aber Aufklärungstat!), Mathematisierung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Formalisierung aufgezeigt. Nahezu visionären Charakter erhalten dann die eingangs zitierten Zeilen.

Aber nicht die „Dialektik der Aufklärung“ steht im Mittelpunkt der Humanismus-Debatte, sondern zwei Werke, die in der Philosophie- und Geistesgeschichte von fundamentaler Bedeutung sind und die beide den Humanismus ausdrücklich thematisieren. Auch diese beiden Schriften sind als Reaktion auf seinerzeit aktuelle politische Ereignisse lesbar.

So der 1945 erschienene Abdruck eines Vortrages von Jean-Paul Sartre mit dem aufschlußreichen Titel „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ und der ein Jahr später entstandene und durchaus als Erwiderung zu Sartre gedachte Aufsatz Heideggers „Brief über den Humanismus“.

Sartre beantwortet die Frage nach dem Humanismus zwar positiv, aber in einem Sinne, der die Setzung des Humanismus ad absurdum führt, denn derartige Werte gibt es für ihn nicht. Vielmehr müssen sie wieder neu erfunden, neu bestätigt werden und zwar in der schöpferischen Tat. Damit werde der Mensch in die Freiheit gesetzt, denn Sein heißt bei Sartre nichts anderes als Frei-Sein, wie er in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ schreibt. Allgemein bekannt ist seine Aussage, daß der Mensch zur Freiheit gezwungen sei. Das aber ist Existentialismus, und dieser ist deshalb ein – man beachte dieses „ein“, das kein „der“ ist –, Humanismus, weil „wir den Menschen daran erinnern, daß es außer ihm keinen anderen Gesetzgeber gibt und daß er in seiner Verlassenheit über sich selbst entscheidet…, daß dadurch der Mensch sich als humanes Wesen verwirklichen wird“.

Heidegger erhob selbst gegen diese, in orthodox-aufklärerisch geprägten Überzeugungen wahrscheinlich schon als blasphemisch empfundene Ansicht, Einwände und so einfach sein Argument auch zu sein scheint, so genial ist es.

Er antwortet damit auf eine ihm vorgelegte Frage, die an sich schon den Zweifel am Humanismus anzeigt und verdeutlicht, daß das, was blindes linkes Bekenntnis noch immer verteidigen will, schon vor 70 Jahren wie selbstverständlich in Frage gestellt wurde. Keineswegs also handelt es sich um Neuigkeiten oder gar postmoderne Beliebigkeiten.

Die Frage lautet: „Auf welche Weise läßt sich dem Wort Humanismus (noch) ein Sinn geben?“ Dazu Safranski in seiner großen Heidegger-Biographie: „Heidegger versucht nun darzutun, warum der Humanismus selbst das Problem ist, für dessen Lösung er sich hält, warum das Denken über den Humanismus hinausgehen muß, und  weshalb das Denken genug damit zu tun hat, sich für sich selbst, für die Sache des Denkens, zu engagieren“.

Heidegger geht, für ihn typisch, vom Denken aus. Gemeinhin mißt sich Denken an der Tat, wie bei Sartre gesehen, an der Praxis, wie bei Marx. Diese Grundfigur, daß Denken sich immer an der Praxis zu bewähren habe, existiert seit Menschen philosophisch-systematisch denken, seit Platon und ist bis zu Heidegger wohl nie ernstlich (vielleicht Nietzsche ausgenommen, bei ihm aber nicht ausdrücklich) hinterfragt worden. Dabei zeigt er, daß das Denken hierbei seine Würde verliert, insofern es sich auf etwas beziehen muß, das selbst nicht denkt, nämlich die Tat. Nur jenes Denken wäre demnach zu akzeptieren, das einen praktischen Nutzen vorzuweisen hätte, ein Handeln, eine Technik nach sich zieht. Das Denken wird davon legitimiert. Heidegger nennt das die „technische Interpretation des Denkens“. Dagegen empfiehlt er eine andere Instanz, die das Denken prüft und hinterfragt, und er findet sie sozusagen im Klügsten, was der Mensch vorweisen kann, dem Denken selbst.

Das Denken muß sich also selbst bedenken, beurteilen, legitimieren.

„Dieses Denken ist weder theoretisch noch praktisch. Es ereignet sich vor dieser Unterscheidung“, so Heidegger. Dieses Denken läßt das Sein sein. Unschwer ist darin ein Denken auszumachen, das, an Laotse, an Meister Eckehart u.a. sich annähernd, die ökologischen Probleme – Ökologie hier dem Wortsinn nach als ganzheitliches Denken begriffen und jenseits der modernen Verkürzung auf Beseitigungs-, Recyclings- und Vermeidungsdenken – einzugedenken beginnt.

Damit wird der Humanismus überboten, insofern Heidegger dem Menschen die eigentliche Würde seines Seins, in Form der Totalermächtigung des Denkens, zurückgibt. Heidegger denkt also gegen den Humanismus, indem er über ihn (hinaus) denkt, weil „der Humanismus die humanitas nicht hoch genug ansetzt“. Man beachte den quasi metahumanistischen Aspekt. (Und kontrastiere diesen etwa mit den Merkelschen Schwundstufen begrifflichen Denkens.)

Einen sich vermutlich anschließenden Vorwurf entkräftet er wie folgt: „Weil gegen den ‚Humanismus‘ gesprochen wird, befürchtet man eine Verteidigung des In-humanen und eine Verherrlichung der barbarischen Brutalität. Denn was ist ‚logischer‘ als dies, daß dem, der den Humanismus verneint, nur die Bejahung der Unmenschlichkeit bleibt?“

Dieser Trugschluß basiert auf der platonisch-cartesianischen Gewohnheit des dialektischen, dualistischen Denkens, nach dem Motto: Bist du nicht mein Freund, so bist du mein Feind oder: Wer nicht für mich ist, ist wider mich. Doch so einfach ist es nun mal nicht!

Heidegger: „Aber weist denn das ‚Gegen‘, das ein Denken gegenüber dem gewöhnlich Gemeinten vorbringt, notwendig in die bloße Negation und in das Negative? Das geschieht nur dann und dann allerdings unvermeidlich und endgültig, das heißt ohne einen freien Ausblick auf anderes, wenn man das Gemeinte zuvor als ‚das Positive‘ ansetzt und von diesem her über den Bezirk der möglichen Entgegensetzungen zu ihm absolut und zugleich negativ entscheidet.“ – und das ist nichts anderes als eine Immunisierung, ein Zirkelschluß.

Dieses Werten läßt das Seiende lediglich als das Objekt seines Tuns gelten, folglich wäre wieder das Tun, wieder die Praxis die autoritäre Instanz, wieder wäre das Denken entmächtigt.

Mithin muß es etwas anderes als den Humanismus geben; man könnte das A-Humanismus, Transhumanismus, Prähumanismus, Metahumanismus nennen.

Es ist ähnlich wie mit der Ethik. Diese tritt erst auf, kann erst auftreten in dem Moment, wo schon etwas schief läuft, etwas passiert ist, das es dann wieder in eine, wenn schon nicht in seine Bahn bringen muß. So auch der Humanismus. Das hat schon Laotse gesehen:

verloren ging das große Dau –
güte und rechtschaffenheit entstand
hervortrat die klugheit –
die große heuchelei entstand
zerrissen war die sippe –
der familiensinn entstand
in wirrnissen zerfiel der staat –
der treue minister entstand

Das gilt auch für Aufklärung und Moderne, deren katastrophale Folgen unübersehbar sind.

Darauf kann man – für oder wider – dreifach reagieren. Entweder, wie Habermas etwa, zu sagen, zu beteuern, daß die Moderne ein „unvollendetes Projekt“ sei und folglich erst beendet werden müsse, bevor darüber geurteilt werden könne, was die Gefahr birgt, alle in ihr enthaltenen destruktiven Gehalte vollends zum Blühen zu bringen, mithin die Apokalypse zu organisieren, oder aber, wie sein Gegenspieler Lyotard etwa, der hier fast die gesamte sogenannte postmoderne Philosophie repräsentiert, dieses Projekt, wegen Unbeendbarkeit, als beendet zu erklären und etwas Neues, noch Unbestimmtes, aber anderes zu wagen, das derartige Wagnisse nicht mehr birgt. Oder aber, drittens, den Weg der Besinnung zu gehen, der Gelassenheit, die die natürliche Veränderung in ihrer Trägheit annimmt, das Bewährte läßt und hegt und den langsamen Strom des Werdens mit seinem bedachtsamen Bedenken einspinnt.

Schließlich gilt, als große Warnung: Auch der Nationalsozialismus ist ein Humanismus!

Literatur:
Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Leipzig 1989
Heidegger, Martin: Brief über den Humanismus. in: Wegmarken. Frankfurt 1996
Laudse: Daudesching. Leipzig 1978
Lyotard, Jean-Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1986
Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München 1994
Sartre, Jean Paul: Der Existentialismus ist ein Humanismus. In: Gesammelte Werke/Philosophische Schriften. Band 4. Hamburg 1994
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4 Gedanken zu “Humanismus und kein Ende?

  1. Michael B. schreibt:

    Die Spaltung von Philosophie und (Natur-)Wissenschaft ist ja nichts Neues. Als Mathematiker faellt sie mir oft in Form von Naivitaet und Unkenntnis bezueglich Erkenntnissen harter Wissenschaften durch ‚hauptamtliche‘ Philosophen auf. Diese Art Unbildung herrscht seit spaetestens dem zweiten Teil des Neunzehnten Jahrhunderts vor. Obwohl ich persoenlich dahingehend eine Wertung pflege, soll das aber nicht der Kern meiner Antwort sein und ich wuerde mich nur ungern auf das Terrain eines Streitgespraeches um einen Schuldigen begeben. Ich schreibe das eher aus einem Gefuehl heraus, welches hier Vereinnahmenwollen spuert (ich mag mich irren):

    > Ist wahres Denken nicht immer Philosophie?

    Mir ist die Einordnung relativ egal. Wer aber eine solchen Anspruch hat, dessen Schuhe muessen auch gross genug sein. Das bedeutet, dass ihm die spezifischen Charakteristika naturwissenschaftlichen Denkens gelaeufig sein muessen. Diese beinhalten ein Messen an moeglichst objektiven Masstaeben, explizit ausserhalb willkuerlichen menschlichen Denkens angesiedelt und auch dort gesucht.

    Mein Punkt ist, dass man nicht JEDE Bewertung von Denken durch aussenliegende Dinge verwerfen sollte. Tun und Praxis sind per Definition immer noch sehr menschengebundene Begriffe in dem Sinn, dass dieser sie ausfuehrt/ausfuellt. Realitaet ist das nicht. Diese ist undenkbar groesser (und umfasst menschliches Denken ebenso wie sein Tun und Handeln als Bestandteil) und ein guter Massstab. Sie ist nicht Brauchbarkeit, sie ist halt Realitaet – unabhaengig von ein paar Bewohnern eines Planeten einer Sonne aus dem letzten Drittel des Spiralarms einer Galaxis mit wenigstens 100 Milliarden Sternen unter wohl Billionen anderer solcher Galaxien. Insofern auch eine Instanz von Wahrheit.

    Ich bin kein Philosoph, aber aus meinem nur punktuellen Wissen und den im Artikel gebrachten Beispielen meine ich herauszulesen, das es sowohl Heidegger als auch Ihnen u.a. um Deutungshoheit geht. Das liest sich immer etwas negativ, ist aber absolut nicht so gemeint. Man hat uns viele Begriffe weggenommen und durch scheinobjektive Totems ersetzt. Tun und Praxis als Vertreter sind auch fuer mich genau so zu sehen wie beschrieben. Naturgesetzartig proklamierte Oekonomisierungen aller Ausdruecke menschlichen Lebens waeren ein anderes Beispiel. Das muss man bekaempfen und das erfolgreich zu tun ist wichtig und natuerlich auch ein ganz vordringliches zeitgemaesses Anliegen.

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    • Bin mir nicht sicher, ob wir hier nicht aneinander vorbei reden. Nur eines möchte ich klarstellen: Es scheint, als argumentierten sie in Vertreterposition und teilen auch mir eine solche Vertretung zu. Aber ich gehöre nicht zur Mannschaft Philosophie!, habe das auch nie angestrebt und daher weder etwas zu verteidigen noch zu gewinnen (Deutungshoheit).

      Daß „wahres“ Denken stets Philosophie sei, war vorerst nur eine Hypothese, der ich zuneige, ohne sie gänzlich begründen zu können. Das äußerte sich (versuchsweise) doppelt.

      Den banaleren Teil möchte ich am Schach darstellen, weil es ein Denk-Sport ist, bei dem man wunderbar von allen Nebenwirkungen absehen kann. Es gibt Millionen Schachspieler, die sich stundenlang den Kopf zerbrechen, volksmündlich also „denken“. Tatsächlich führen sie ein Regelprogramm durch, das, wie uns Forschungen und Erfahrungsberichte der Profis lehren, viel mehr mit Pattern-Suche zu tun hat, mit Struktur-Wiedererkennung als mit eigentlichem Denken. Dennoch wird im Schach gedacht und zwar dort, wo es Philosophie ist und hier scheint es auch ein Korrelat zum Erfolg zu geben, zumindest so lange das Spiel noch nicht „ausgespielt“ war. Die meisten der großen Schachspieler der Vergangenheit waren genuine Schachphilosophen und Schachdenker und einige sogar Philosophen im eigentlichen Sinne: Steinitz, Tartakower, Tarrasch, Lasker, Reti, Nimzowitsch etc. bis hin, in Schwundstufen, zu Fischer und Kasparow (wohl der letzte) – in neuerer Zeit hat sich das phil. Schachdenken vom Spitzenspiel etwas entfernt: Silman, Rowson u.a. Diese Spieler sind die Erneuerer des Schachs, die neue Systeme einführten oder korrigierten und das konnten sie nur, weil sie philosophisch dachten, also die inneren Denkgrenzen des Spieles abstrahierten.

      Die zweite, grundsätzlichere Interpretation findet man bei Heidegger, wenn er sagt: „Alle Wissenschaft gründet sich in der Philosophie und nicht umgekehrt.“ („Was heißt denken?“). Die Bedeutung des Satzes: „Die Wissenschaft denkt nicht“ liegt in der Einsicht, daß sie ihre eigenen Grundlagen und ihre Koordinaten – als Seiendes und Sein – nicht ständig mitbedenkt (und auch nicht mitdenken kann), wie sie ja selber zugeben.

      Daß der Philosoph nun die „spezifischen Charakteristika naturwissenschaftlichen Denkens“ beherrschen müsse, ist eine Forderung, die das Ende der Philosophie durch Totalüberforderung verlangt, noch dazu in modernen ausdifferenzierten Zeiten. Nein, alles wissenschaftliche Fachdenken muß von Fachphilosophen auf eine höhere Stufe gehoben werden – möglicherweise in mehreren Schritten – und erst dann kann „der Philosoph“ in die Pflicht genommen werden. Verluste sind leider nicht zu vermeiden aber auch von Vorteil, denn sonst wäre Philosophie lediglich eine Art Seinsverdopplung, die dann auch wieder philosophisch bedacht werden müßte ad infinitum. Das entläßt „den Philosophen“ natürlich nicht aus der Informationspflicht auch bei den Naturwissenschaften. Wie schnell das aber schief gehen kann, hat das New-Age-Denken gezeigt, daß sich auf unverdaute, unverdaubare quantenphysikalische Erkenntnisse stützte.

      Der Philosoph steht am Delta des Wissens, er muß nicht jeden Seitenarm, jedes Bächlein hinaufkraxeln.

      Also: die Spaltung von Philosophie und Naturwissenschaft ist einerseits notwendig, wird andererseits aber im eigentlichen Denken der Natur aufgehoben – z.B. Goethe … (schönes Bsp. aus dem naturwiss. Bereich: https://www.amazon.de/S%C3%A4ugetiere-Mensch-Ihre-Gestaltbiologie-Raum/dp/3772511503/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1534672312&sr=8-1&keywords=wolfgang+schad

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  2. Michael B. schreibt:

    Denken hat sich vielleicht nicht an Praxis und Tat, aber wohl an Realitaet messen zu lassen. Z.B. ist einer DER Goldtests in Naturwissenschaften Vorhersagbarkeit (hier einmal fuer Einsteins RT: https://de.wikipedia.org/wiki/Tests_der_allgemeinen_Relativit%C3%A4tstheorie). Besonders schlagend ist dieses Guetekriterium, wenn wie bei obiger Theorie die Bestaetigungen in unerwarteten Gebieten und zeitlich nach Formulierung der in Frage stehenden These erfolgen.
    Auch das geht natuerlich ueber Humanismus hinaus und schert sich in dieser Form ueberhaupt nicht um diesen Begriff, im Gegenteil versucht es jeden Anthropozentrismus zu vermeiden. Als echte Wissenschaft wirkt ein solches Herangehen sowohl als notwendige Disziplinierung (ueber den staendigen Realitaetsabgleich) als auch als entwicklungsfoerderndes Agens (durch bewusstes Belohnen von vorurteilsfreiem Arbeiten).

    Nun ist mir klar, dass im Kontext des Artikels hauptsaechlich andere Gebiete als die Naturwissenschaften gemeint sind (die ja selbst heutzutage zunehmend verbogen werden – das ist aber nicht ein prinzipielles Problem ihres urspruenglichen Ansatzes, der weiterhin richtig bleibt).
    ‚Denken‘ umfasst als Gebiet allerdings einiges mehr als Philosophie. Fuer die erwaehnten Beispiele von Dualismus gibt es uebrigens auch helfende Haende aus harter Wissenschaft. Seien es aus der Mathematik mehrwertige Logiken, Aussagen zur Gueltigkeit von tertium non datur oder andere Themen.

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    • „‚Denken‘ umfasst als Gebiet allerdings einiges mehr als Philosophie.“

      Darüber muß ich nachdenken. Stimmt das? Wenn wir zwischen Denken (im Sinne Heideggers) und dem Denkvorgang differenzieren? Ist wahres Denken nicht immer Philosophie, egal ob beim Schach, der Mathematik, der Problemlösung, der Physik oder der Metaphysik? Wenn Sie mir eine schlüssige mathematische Formel für „Humanismus“ oder jedweden anderen abstrakten, also „konstruierten“ Begriff vorlegen, dann stelle ich Schreiben und Denken sofort ein – und mit Freude!

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