Budapest – Geheimtipps

Budapester Impressionen IV

Es gibt jene Plätze, die man als Reisender in Budapest gesehen haben muß und die jeder Tourist anstrebt. Das Parlament, die Burg, die Kettenbrücke, das Gellért-Thermalbad … Andere Orte, meist stillere, werden oft vernachlässigt. Während meines dreiwöchigen Budapest-Aufenthalts habe ich bewußt solche Plätze aufgesucht.

Budapest ohne Badbesuch ist wie Liebe ohne Kuß. Die großen und bekannten Bäder sind durchweg als Einrichtung zu empfehlen. Das Gellért-Bad ist eine architektonische Augenweide, im Rudas kann man noch in original türkischem Ambiente baden, im Széchenyi ist die Auswahl an Becken überwältigend und im Palatinus auf der Margit-Insel hat man jede Menge Platz und Fun.

Was diese Bäder gemeinsam haben: sie sind erstens – für ungarische Verhältnisse – überhöht teuer und sie werden von Touristen überlaufen – mit allen Nebenwirkungen. Die auffälligste ist der Lärm, die vielsprachige Kakophonie. Viele davon sind junge Leute, die auch im Becken nicht auf ihr Handy verzichten können und die vor allem kein Gefühl für Entspannung haben.

Mit etwas Selbstgenügsamkeit kann man eines der weniger bekannten Bäder viel intensiver genießen. Meine Wahl fiel auf das Lukács-Bad im zweiten Bezirk. Unsereiner denkt dabei natürlich sofort an György bzw. Georg – vielleicht hat er hier ja gebadet? Tatsächlich zeigt eine lange Liste eingravierter Namen, daß es so manche Prominenz und verblaßten Glanz hier gegeben hat; sogar Nehru schwamm in diesen, dem Heiligen Lukas gewidmeten Wassern.

Diese sind stark und riechen schön nach faulen Eiern; man kann sie an einigen Quellen auch direkt trinken. Die Heilbecken sind übersichtlich, aber da das Haus an Wochentagen wohl nicht überlaufen ist, bleibt genügend Platz. Das Kleine zwingt bereits zur Ruhe, an die sich die Ungarn sowieso, die Ausländer aber durch Abgucken wie von selbst halten. Zwei große Bassins im Innenhof unter freiem Himmel mit glasklarem Wasser laden zum Schwimmen ein, in einer Saunalandschaft kann man zwischen verschiedensten Typen wählen – wenn sie denn funktionieren.

In der finnischen Sauna sitzen bereits zwei nackte Männer, als ich sie betrete. Beide auf der obersten Pritsche. Ich setze mich neben sie. Links ein junger Ungar mit halblangem Haar, der artig „Jo napot“ gegrüßt hatte, und rechts ein kleiner kaffeebrauner Mensch, der sich ununterbrochen seinen Schweiß am Körper verteilt oder sich durch die Haare fährt. Nachdem der Ungar – wieder sich nett verabschiedend – den Raum verlassen hatte, kann ich dem Nervenbündel, das zudem laut atmet und stöhnt, etwas entrücken. Dann steht auch er auf und steht nackt vor dem Ofen. Sofort wird er von der Saunaeuse – oder wie man das nennt –, die gerade Eis auflegen will, ermahnt – auf Englisch – doch bitte seine Scham zu bedecken.

She is very strict“, sagt er zu mir und so kommen wir ein wenig ins Gespräch. Es stellt sich heraus, daß der Mann Engländer, „indischer Engländer“, aus Birmingham gebürtig, ist und hier als Yoga-Lehrer Yoga-Lehrer ausbildet. Dieses Geschäft führt ihn um die halbe Welt und Budapest ist ein regelmäßiger Stopp. Seine Yoga-Schule in Birmingham werde nun von seinen Schülern geführt. Man spürt einen gewissen, ganz unyogistischen, Stolz – man könnte auch von Prahlerei sprechen. Ich stelle mir das kleine Männlein mit Bauch und Streichholzbeinen in diversen Yogastellungen vor: nackt und in der Sauna.

Die Gedanken vertreibe ich mit einigen Fragen. „How is life in Birmingham?” Und dann fängt er selber im typisch indischen Idiom an: Birmingham ist keine englische Stadt mehr. Drei Viertel der Menschen seien nicht Englisch, sondern sonst irgendwas, meist indisch oder pakistanisch. Aber das sei kein Problem. Alle seien nur geldorientiert und niemand tue dem anderen etwas zuleide. Und bald würde England sowieso verschwinden. Sie bräuchten die Migranten und die würden bald das Sagen haben. Schon jetzt – sagt er lachend – sei der Schatzkanzler ein Pakistani und der Home Secretary auch und selbst der …

Jetzt aber seien sie „crazy“, die Engländer, mit diesem Brexit. Ich sage, daß vielleicht gerade die von ihm beschriebene Tatsache eine wichtige Rolle dabei gespielt haben könnte? Ja, das sieht er auch so, aber das lasse sich nun nicht mehr ändern. Dann fängt er von Deutschland an – ich hatte meine Identität inzwischen preisgegeben –, das wird am Ende gewinnen, und diesmal ohne einen Schuß abzugeben. „I am afraid, you could be right here.“

Draußen im Schwimmbad sehe ich ihn noch einmal im Sessel lungern und mit offenem Mund Weintrauben kauen. Ich hatte derweil Nehrus Namen auf der Gedenktafel entdeckt und mache ihn spaßeshalber darauf aufmerksam. Da lacht er und sagt: „Ja, wir sind sowieso bald das größte Volk und werden überall sein.“

Noch ist Ungarn aber ungarisch, vor allem im 40-Grad-Becken. Dort wird noch geschwiegen oder geflüstert Da weiß ich, woran mich der Mann erinnert – an das Führermännlein der Armada bei Raspail.

Umso mehr mein Tipp: besuchen Sie Budapest und dort das Lukács-Bad, solange es noch steht.

Es könnte freilich auch aus ganz organischen Gründen bald verschwinden, denn die Fassade – einst pracht- und stilvoll – ist in fürchterlichem Zustand. Wenn die Inder es nicht erobern, dann vielleicht bald Wind, Regen, Moos und aus dem Gemäuer herausragende Birkenbäume.

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Ein spätsommerliches Wochenende nutzte ich zum bestmöglichen Zwecke. Direkt vor der Haustür fuhr ein Bus zum Zugliget. Von dort fährt eine Schwebebahn auf den János-Hegy, den höchsten Berg der Umgebung. Eine wundersam kontemplative zehnminütige Liftfahrt führt an den Fuß eines monumentalen Aussichtsturmes, der den Namen der verehrten Kaiserin Elisabeth trägt. Man muß noch ein paar steile Höhenmeter überwinden, um das imposante, neoklassizistische Bauwerk zu erreichen. Es wurde vor einigen Jahren renoviert und leuchtet nun in hellen gelben Sandsteinfarben. Es ist 120 Jahre alt und mußte in kommunistischen Zeiten 40 Jahre lang einen riesigen, leuchtenden roten Stern ertragen.

Der Turm ist wie eine Torte aufgebaut, in sich nach oben verjüngenden Ringen, auf denen jeweils eine Balustrade den Rundgang ermöglicht. Oben ist die Plattform dann so klein, daß nur noch fünf, sechs Leute darauf Platz haben. Man sollte durchaus darum streiten oder sich doch wenigstens mit nicht weniger als der vorletzten Plattform zufriedengeben, denn der Blick von da oben ist – unbeschreiblich.

Wie ein offenes Buch liegt diese wunderschöne Stadt vor einem. Wer ein Fernglas dabei hat, ist im Vorteil. Plötzlich werden Dimensionen, Perspektiven, Entfernungen ganz anders greifbar. Die wahre Größe der Margit-Insel ging mir erst dort auf; man sieht die Margit-Brücke und viel weiter links erst den Wasserturm, der noch immer nicht das Ende der Insel bezeichnet. Das ganze grandiose Donauufer enträtselt sich hier, weit dahinter steht das überdimensionale Puskás-Stadion wie ein UFO in der Landschaft, rechts schaut man auf den Gellért-Berg, der ganze Rosenhügel ist überblickt und auch die Burg liegt wie in einem Spielzeugland zum Spiel bereit. Nur der Flughafen ganz im Osten wird durch einen anderen Berg verdeckt – hinter ihm steigen regelmäßig die Flieger auf, aber nicht halb so oft wie etwa in Heathrow, Gatwick oder Frankfurt. Budapest ist, nach allen Großstadtregeln, noch immer einer überschaubare Stadt.

Man sollte eine Tour im Sessellift, die andere per pedes bewältigen, je nach Gusto. An der Kasse muß man ein wenig Zeit einplanen. Sie wird den beiden nagelneuen Automaten geopfert, die ganz sicher zehntausende Euro gekostet haben. Die Leute kommen damit nicht zurecht, immer wieder hängt sich die Technik auf. Daneben sitzt ein junger Mann und gibt Hinweise zur Bedienung. Säße er an einer Kasse, könnte der den Prozeß wohl doppelt so schnell wie die Apparate erledigen und es wäre ein Vielfaches billiger. Modernisierung erweist sich erneut als Hemmnis – in Ungarn scheint man ein Faible für sinnlose Technik zu haben.

Wer rutschfestes Schuhwerk und noch halbwegs gute Knie hat, der sollte aufwärts fahren, denn der kann den Abstieg zu Fuß wagen. Es gibt ganz verschiedene Wege. Ich habe mich für den direkten entschieden, der ohne Serpentinen stracks nach unten führt, dabei aber noch manches schöne Fleckchen und neue Durchsichten offenbart.

Hervorzuheben sind die Feen-Felsen, die ihre weißen verwitterten Spitzen in den Himmel recken. Regen und Wind haben diese bizarren Formen in den Kalkstein gefressen. Überall am Hang sieht man die Wasserrinnen, die sich unweigerlich bilden müssen, wenn es hier ernsthaft gießt. Die hohen Felsen verlocken zum Klettern, doch sei man vorsichtig, denn sie sind glatt wie Eis, hat man kein erstklassiges Profil unter den Sohlen.

Im Wald ist es – von den ersten und den letzten Metern abgesehen – still und ruhig, nachdem man das Stimmengewirr der Touristen (fast nur Ungarn) hinter sich und das Brausen der Straße da unten noch vor sich hat. Nur Vogelgesang, Wipfelrauschen und das Flitzen der Eidechsen, die sich auf den Steinen sonnen. Man steigt über freigelegte Wurzeln und durch Minitaturschluchten.

Ich muß an Heine denken: Was hätte ein Heine aus so einem Spaziergang nicht machen können. Oder Goethe – um einen Goethe von innen bittend … das bringt es auf den Nenner.

Fußball in Ungarn

Budapester Impressionen III

Seit langem hatte ich mir vorgenommen, in Ungarn ein Fußballspiel zu sehen. Zwei Jahre lang verfolgte ich die erste Liga im Fernsehen, zuerst der Sprache wegen, aber dann auch, um die Atmosphäre, die Stimmung – die uns ja immer in das Innere eines Volkes führt – kennen und verstehen zu lernen. Es gibt leider in unserer Gegend keine attraktive Mannschaft. Man könnte nach Paks fahren, das sind 50 Kilometer, aber diese Mannschaft strahlt den Charme des dortigen Atomkraftwerkes aus. Seit Jahren spielt man da grottigen Fußball vor leerer Kulisse in einem wenig einladenden Stadion.

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Budapester Innenstadt

Budapester Impressionen II

„Südliche Innenstadt“, so nennt mein Reiseführer jenen Teil der Metropole, den ich am ersten Tag erkunde. Das ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß die Sprachschule in der Váci Utca liegt. Zu meinem Erstaunen realisiere ich, daß dies die moderne Flaniermeile der Stadt ist.

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Rosenhügel

Budapester Impressionen I

7.9.2019: Drei Wochen werde ich nun in Budapest weilen mit dem Ziele, die Sprache zu lernen. Jeden Wochentag von 9 bis 12.15 Uhr wird es Unterricht geben, danach steht die Zeit zu meiner Verfügung. Sie soll vor allem dem Lernen dienen, dem direkten Lernen, aber auch dem Eintauchen in das ungarische Leben, das Hören, das Lauschen, das Sprechen, das Beobachten, das Fragen, das Wundern, das Urteilen, das Mögen und das Verachten … was immer kommen mag. Auch Geschichte und Kultur werden eine Rolle spielen.

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Die Liebe in einer zerbrochenen Welt

Es gibt keine Liebe, mein Freund, es gibt keine; Lüge ist jede Liebe. Es gibt nur eine einzige Liebe … Dies ist die einzige Liebe: Langeweile, Krankheit, Häßlichwerden, Sich-anderswohin-Träumen, tausendmal Ausreißen-, Fliehenwollen und doch immer bleiben müssen: sich gegenübersitzen und einander ins vergreisende Antlitz schauen und schließlich das Sterben des anderen mitansehen: das ist die Liebe. Ernő Szép

Wenn ich dieser Tage Ungarn lese, dann um Ungarn kennen zu lernen: das Land Ungarn in seiner historischen Entfaltung und die Ungarn als Volk und als Menschen in ihrer Verfaßtheit, in ihrer Denk-, Fühl- und Lebensweise – das Typische eben, sofern es Derartiges gibt.

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Das glückliche Volk

Ein Märchen

Es war einmal ein Volk, das hatte sieben Stämme und jeder Stamm hatte einen König und jeder König einen weisen Wesir und jeder weise Wesir hatte ein Geheimnis und jedes Geheimnis erklärte das Glück dieses Volkes und niemand kannte es, nur die weisen Wesire, aber die hatten keine Sprache, es zu sagen.

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Eines Mannes würdig

Wenn es sich ermöglichen läßt, besuche ich gern Vorträge im Ort. Davon gibt es eine ganze Reihe – es existiert hier in dieser ungarischen Kleinstadt eine ausgesprochene Vortragskultur. Die Bibliothek, die alte Synagoge, der Kulturpalast oder Schulen dienen als Austragungsorte. Und meistens sind die Vorträge über Geschichte, Traditionen, Projekte, Bücher oder Reiseerlebnisse auch gut besucht.

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