Das Elfte Gebot der Traurigkeit

Das Denken bringt die Herrschaft des Menschen über die Natur mit sich und, mit gewissen Einschränkungen, wie etwa Gebrechlichkeit oder seelisches Leiden, auch jene über sein Wesen. Es ist Garant der Freiheit, sich das Leben zu nehmen, sich selbst aus freien Stücken und zu einem selbstgewählten Zeitpunkt ein Ende zu setzen. Warum dann diese unvermeidbare Traurigkeit? (George Steiner)

George Steiner ist ein wahrlich multikultureller Denker und ein lebendes Fossil europäischer Hochkultur. Die drei bedeutendsten Kultursprachen Europas sind seine Muttersprachen, tief in der englischen, französischen und deutschen Kultur verwurzelt, mit vielen freiwilligen Ausblicken ins Griechisch-Lateinische, ins Spanische, Italienische und Russische umfaßt sein Werk Arbeiten über die Antike Tragödie und über Dostojewski, reicht es vom Schach bis zu Heidegger, von Dante bis zur modernen Sprachphilosophie and beyond.

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Terror als Ausweg

Angesichts der Bilder (nur für Hartgesottene!), wie sich fünf junge Männer in Cambrils von der Polizei hinrichten lassen, indem sie sich verweigern, die Arme zu heben und ohne effektiv etwas ausrichten zu können – die Sprengstoffgürtel erweisen sich später als Attrappen –, darf man sich erneut fragen, welche Psycho-Logik hinter solch scheinbar absurden und aller menschlichen Natur widersprechenden Verhaltensweisen steckt. Ein Grund, ein starker, wenn auch nicht der einzige, dürfte sich im Religiösen verbergen. Daher noch einmal der Versuch, den „Terror als Ausweg“ zu beschreiben:

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

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Autoritäre Persönlichkeit von Jürgen Habermas

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier vor wenigen Tagen besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

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Terror als Ausweg

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

Der „schöne Tod“ war einst ein Ideal der stoischen Philosophie. Der Weise entschied nach langer Meditation und ohne äußeren Drang den Tod als natürlich und unabänderlich zu akzeptieren und bestimmte selbst den Zeitpunkt. Schon Sokrates machte es vor, als er das Ansinnen seiner Jünger, den Todestrakt zu fliehen, ablehnte und gleichgültig den Schierlingsbecher leerte. Der Stoiker Seneca war einer der großen Sterbemeister – er schnitt sich in aller Seelenruhe die Pulsadern auf. Es gab vor allem zwei Todesarten, die den Stoiker überzeugten: Verhungern und Verbluten – in beiden Fällen war die Irreversibilität aufgehoben, konnte die Entscheidung bis zuletzt freiheitlich bestimmt rückgängig gemacht werden, war Reue nach der Tat also ausgeschlossen. Freitod ist der treffende Begriff dafür.

Aber dieses Ideal wird selten erreicht. Selbstmord ist in den allermeisten Fällen eine Verzweiflungstat, die keiner wohlüberlegten und philosophisch durchdachten freien Entscheidung, sondern meist psychisch determinierten Zwängen folgt. Die moderne Gesellschaft bringt immer mehr Menschen an den Rand dieser Verzweiflung – die Ursachen sind komplex.

Muslimen allerdings – die statistisch gesehen vermutlich unter den gleichen Zwängen, Ängsten, Depressionen, Frustrationen und Sinnentleerungen leiden – steht dieser Weg nicht offen. Koran und Hadithe sind hier eindeutig: „Und tötet euch nicht selbst. Siehe, Allah ist barmherzig gegen euch. Und wer das in Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit tut, den werden Wir ins Feuer stoßen; und das ist Allah ein leichtes.“ (Sure 4.30f.) oder: „Jemand der sich erdrosselt, erdrosselt sich für die Hölle. Jemand der sich selber ersticht, der ersticht sich für die Hölle.“(Bukhari 2.23.446) u.a. Das Höllenfeuer droht und die meisten Muslime fürchten das Höllenfeuer mehr als irgend etwas, auch mehr als den Tod.

Turkmenistan und Mauretanien liegen als erste islamische Länder mit einer Quote von 8,5 Suiziden auf 100 000 Ew. weit abgeschlagen auf Rang 55 der Weltsuizidliste, andere arabische Länder geben sogar Null Prozent an.

Nur für den Märtyrer gilt das nicht unbedingt – so lehren es die heiligen Bücher und verschiedene Schulen: „Jeder, dessen Füße für die Sache Allahs mit Staub bedeckt werden, wird vom Fegefeuer unberührt bleiben.“ (Bukhari 4.52.66) oder: „‘O Prophet Allahs! Wer ist der Beste unter den Gläubigen?‘ Allahs Prophet antwortete: ‚Ein Gläubiger, welcher sein Äußerstes hergibt für die Sache Allahs mit seinem Leben und seinem Besitz.‘“ (Bukhari 4.52.45)

Wer, so glauben einige – ganz grob verallgemeinert –, für die Sache des Islam sein Leben gibt, kommt direkt ins Paradies. Damit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Höllenfurcht wird „besiegt“ und eine Abkürzung ins Paradies geboten und die eigene Lebenssattheit kann positiv instrumentalisiert werden.

Was also liegt näher, als immer öfter auf Menschen zu treffen, die diese Verbindung herstellen werden, die glauben und sich einreden – denn natürlich ist es gegen die koranische Urintention – als Märtyrer (sprich Selbstmordattentäter) im Glaubenskampf durchzugehen, wenn sie sich medienwirksam an Flughäfen in die Luft sprengen oder sich in Lastkraftwagen oder Nachtklubs oder an Badestränden erschießen lassen?

Wir werden vielleicht in Zukunft verstärkt mit diesen „Märtyrern“ zu tun zu haben, die weder im Solde des „Islamischen Staates“ stehen, noch durch Geheimdienstarbeit auffindbar sind. Es könnten ganz einfach irregeleitete Irre falsch verstandenen und instrumentalisierten – aber auch ermöglichenden! – muslimischen Glaubens sein.

Katastrophenerwartung

Es kommt in diesen Überlegungen der Topos ‚Aus Schaden wird man klug‘, makaber aufgebläht, ins Spiel, und ein apokalyptisch überhöhtes ‚Wer nicht hören will, muß fühlen‘ hat unverkennbar daran seinen Anteil.“ (Sloterdijk)

Geht es nur mir so? Seit Monaten stehe ich morgens auf und schaue als erstes in den Netz-Gazetten nach, ob über Nacht die große Katastrophe stattgefunden hat, ob es wirklich relevante Neuigkeiten gibt. Und die schöne neue Welt hat mich nicht enttäuscht: Paris, Köln, Brüssel, Brexit …, um nur die ikonischen Ereignisse zu nennen. (Nicht zufälligerweise muß ich heute Nizza einfügen – die Zeilen sind zwei Wochen alt.)

Was nur haben fast alle diese Supergaus gemeinsam, direkt oder indirekt?

Den Schock begleitet auch eine perverse Bestätigung, für die ich mich fast ein wenig schäme, eine heimliche Schadenfreude. Dann die unausgesprochene Frage: Wacht man nun endlich auf?

Und die Gewißheit, daß morgen wieder etwas passieren kann, etwas noch Größeres, noch Schrecklicheres, noch Schockierenderes und noch …

Die Botschaft des Terrors

„Terror“ heißt Schreckensbotschaft. Schrecken ist die menschliche psychische Reaktion auf erlebte Grausamkeit. Um sie haben zu können, bedarf es zweier Voraussetzungen: Empathie und Antizipation. Sie garantieren zum einen das Mitempfinden mit dem Leid der anderen, versetzen uns aber auch imaginär in die Lage des anderen. In der Konsequenz stellt man sich sich selbst in vergleichbarer Situation und „zeitnah“ vor. Dieser Schrecken muß dabei nicht unmittelbar erlebt werden – es genügt der glaubhafte Bericht darüber und je graphischer die Botschaft ausfällt, desto mehr versorgt sie uns mit Angst.

Terror ist also nicht primär die Gewalttat – auch wenn der Begriff oft synonym verwandt wird. Um Terror zu verbreiten, genügt es nicht gewaltsam zu sein, man muß die Tat als Botschaft auch weiterleiten können. Die sogenannten „Terroristen“ können sich dabei auf eine kongeniale Arbeitsteilung verlassen: Den eigentlichen Teil der Arbeit überlassen sie den modernen Medien.

Nur in Einzelfällen, etwa den für den westlichen Betrachter unerträglichen Enthauptungen, muß man selbst die Bilder aufnehmen, aber auch dies bliebe wirkungslos, wenn nicht soziale und klassische Medien eilfertig sekundierten. Letztere können ihrer inneren Logik nicht entkommen, sie müssen – bei Gefahr des eigenen Untergangs – die Schreckensbotschaft weiterleiten, sie berufen sich dabei nicht auf die eigentlichen genuin wirtschaftlichen Interessen (Verkaufszahlen, Werbeverträge etc.), sondern schützen Informationspflicht vor oder das Verhindern der Informationskaperung durch andere, moralisch anzweifelbarere Medien: Wenn wir es nicht bringen (im richtigen Kontext), dann bringen es die anderen (und schlagen ideologischen Nutzen daraus). Ein drittes Argument ist der unterstellte Voyeurismus: es gibt also ein Bedürfnis, einen Markt, eine Nachfrage und wir, die Journalisten, bedienen diese nur. Tatsächlich gibt es eine anthropologisch tief verwurzelte Faszination an Leben und Tod in seinen Extremen, an Sex, Gewalt, Schmerz, Blut und Sterben. Wir können – selbstverständlich individuell verschieden – unser Auge nicht davon lassen. Trotzdem zieht das Argument kaum, denn es setzt bereits das voraus, was hier problematisiert werden soll: das Wissen um das Ereignis.

Man kann diesen Gedanken auch umdrehen. Gäbe es die Beihilfe der Medien nicht, dann könnte man mutmaßlich einen großen Teil der Gewalt verhindern, den strategisch verübten zumindest, denn der taktische legitimiert sich am jeweiligen Ort.

Noch anders und prononcierter, provokativer ausgedrückt: Nicht die Täter sind die Terroristen – der Begriff „Verbrecher“ genügt hier vollkommen – die eigentlichen Terroristen sind die Verkünder der Schreckensbotschaft, sind die Journalisten, ganz unabhängig von echter oder zur Schau gestellter Betroffenheitsgeste.

Und sie sind noch nicht einmal kreativ! Oder bietet Paris im November 2015 etwas, was wir nicht schon im Januar oder 2013 in Nairobi oder 2008 in Indien oder 2005 in London, 2004 in Madrid, Bali 2002 … und 2001 bei der Mutter aller Terrorakte gesehen haben? Blaulichtkaskaden, zerschossene Scheiben, Blutflecken auf dem Trottoir, weinende Menschen, Plüschtiere – woher kenne ich die nur? –, ein Paar verlorener Schuhe, Blumenberge, Schildchen mit „R.I.P“ oder hilflosen „Why?“- Aufschriften, Kerzen … das ganze Bilderarsenal. Alles schon hundertmal durchgespielt, vorweggenommen, alles schon vorweggewesene Geschichte – Baudrillard hätte seine Freude dran gehabt. Die kommende Phantasie ist bereits besetzt, wir werden uns daran gewöhnen, wir haben uns schon daran gewöhnt. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen, unterbrochen nur durch eine neue Eskalationsstufe der perversen Gewaltphantasie. Osama Bin Ladens größter Fehler war, das Ende an den Anfang gesetzt zu haben, das größtmächtigste, archetypische apokalyptische Bild. Nur neue Verbrechenskategorien werden nun neue Bilder liefern: der fallende Eiffelturm, der Fernsehturm, Biowaffen, die schmutzige Nuklearwaffe, die „saubere“ umso mehr, einstürzende Kraftwerke (durch Tschernobyl und Fukushima schon teilverbraucht), gesprengte Staudämme oder Live-Explosionen in vollen Fußballstadien … wer schaut schon in diese Köpfe hinein? Mit Paris, den sieben Tätern, ganz unterschiedlichen Kulturen auf der Spur, dürfte sich das quantitative Konzept schon verausgabt haben. Wenn sie uns noch in Schrecken versetzen wollen – das ist die akzelerierende Logik der Journalismus-Terrorismus-Symbiose -, dann müssen sie uns mit neuen, noch unvorstellbar schrecklicheren Bildern versorgen. So treiben die wahren Terroristen die Verbrecher vor sich her.

Neuartige Schrecken braucht das Land!

PS: Um diese Logik zu verstehen, müssen die Verbrecher noch nicht einmal Fremdsprachenkenntnisse haben, denn das arabische Wort für Terror – إرهاب (Irhab) – ist ebenfalls jung und bedeutet ziemlich genau das Gleiche: Angst verbreiten.