Völkerpsychologie

Ob ich diesen Artikel schreiben sollte, darüber habe ich lange nachgedacht. Man will ja schließlich nicht als Rassist verdächtigt werden. Und nach neuerem Verständnis dürften die folgenden Gedanken rassistisch sein. Das macht sie aber weder wahr noch falsch. Und ihre Wahr- oder Falschheit sollte auch niemanden automatisch zum Rassisten machen.

Überzeugt, den Artikel nun doch anzugehen, hat mich Novak Đoković, der serbische Tenniskünstler, der soeben in einem epischen Match in Wimbledon Roger Federer niedergerungen hatte. Es war nicht zu überhören, die Sympathien des Publikums lagen auf der Seite des Schweizers und das mag an Federers Gentleman- und Darling-Image liegen oder auch ein Altersbonus sein. Aber das erklärt nicht die Antipathien gegen den Serben, die selbst im gepflegten englischen Publikum nicht zu überhören waren. Woran liegt das?

Ich versuche hier die These – ganz unter dem Vorzeichen meiner Vorurteile und Privaterfahrungen –, dies ethnisch zu erklären und schließe sie mit meinen eigenen Erfahrungen aus Serbien und Bosnien-Herzegowina kurz.

Es gibt bekanntlich jede Art von negativen – positive gibt es auch – nationalen Vorurteilen: die Engländer sind oberflächlich und prüde, die Franzosen arrogant und ignorant, die Italiener sind schludrig und langsam, die Polen klauen, die Balkanvölker sind notorische Fleischfresser, gewalttätig und unzivilisiert, die Skandinavier gefühlskalt und schweigsam usw. und die Deutschen sind wie Maschinen.

Der Rassismusvorwurf entsteht immer dann, wenn man diese stark verallgemeinerten Charakterzüge auf die Individuen, auf alle Individuen überträgt. Er ist deswegen meist unsinnig, weil kaum ein vernünftiger Mensch dies tun würde. Im je individuellen Umgang kann man komplett gegenteilige Erfahrungen machen. Trotzdem dürften diese Gruppencharaktersierungen einen Wahrheitskern enthalten, der sich aus der Summe unzähliger individueller Erfahrungen ergibt, die dann eine gewisse Tendenz annehmen.

Mir scheint, Đoković hatte auch als Serbe einen schweren Stand in London. Nicht an sich, sondern weil er sich immer wieder nach dem Klischee des Serben oder anderer südslawischer Balkanvölker verhielt[1]. Es gibt bei ihm immer wieder diese kleinen Unsportlichkeiten, es gibt dieses zynische Lächeln, ein gewisses Herabsehen auf Publikum, Gegenspieler und Schiedsrichter, eine feine Arroganz … viele kleine Dinge, die das englische Publikum vor den Kopf stoßen und ihn in der Summe oft ablehnen lassen. Dabei wird er selbstverständlich – das ist durch und durch englisch – als Sportsmann akzeptiert und auch honoriert.

Dieses Lächeln kenne ich genau – zumindest bilde ich es mir ein. Schon in Subotica, einer offiziell zweisprachigen Stadt, war uns aufgefallen, daß die dortigen Ungarn alle Serbisch sprachen, aber die drei, vier Serben, mit denen wir zu tun hatten, sprachen kein Wort Ungarisch. Sie machten sich einfach nicht die Mühe und diese Tatsache wurde uns auch von einem albanischen Kellner bestätigt. In Slowenien hielt uns unser Vermieter einen langen Vortrag mit ähnlichem Grundton. Auch ein junger Bekannter, der jeden Tag von Serbien nach Ungarn pendeln muß, traut seinen Nachbarn nicht über den Weg, und ein junger polnischer Tennisfan, mit dem ich gerade über das Match sprach, erzählt von seinen serbischen Arbeitskollegen, die durch besondere Arroganz auffielen …

Ich glaube, es ist vor allem ein Männerding. „Mensplaining“, etymologisch untersucht, würde vielleicht Balkanwurzeln offenlegen. Die Männer sitzen in den Kaffees und spielen Krösus und Macho; sie sind laut, sie dulden da keine Frauen und sie beäugen jeden fremden Mann mit bösem Blick und man tut gut daran, diesen Blick nicht zu erwidern. Vermutlich gibt es einen starken sozialpsychologisch erklärbaren Druck: vor allem die Männer untereinander konkurrieren in seltsam verstandener „Männlichkeit“, Härte, Coolness.

In Sarajevo und Mostar hatten wir gleich mehrere derartige Begegnungen. Ganz unabhängig von meinen Eindrücken, haben mir andere Reiseteilnehmer – Deutsche und Ungarn – den Eindruck bestätigt.

In der Tankstelle bestelle ich einen Kaffee und ein mir neues Gebäck. Da gibt es kein Lächeln, kein „danke“ oder „bitte“, meine Neugier wird kalt abgewiesen, lieblos wird die Tasse hingestellt und das Wechselgeld förmlich hingepfeffert.

Schon beim Einchecken machte die Rezeptionstante Streß, weil es ein paar kleine Dinge umzuorganisieren gab. Am Frühstücksbüfett im Hotel stehen zwei Angestellte mit verschränkten Armen und schaffen es nicht, mein „Dobro utro“ – ich hatte es sogar auf Landessprache versucht – zu erwidern oder auch nur zu lächeln. Sobald man seinen Teller leer hat, kommen sie und räumen ab, als wollten sie signalisieren, daß es nun an der Zeit sei, sie nicht länger zu belästigen. Alles wortlos ohne eine Miene zu verziehen. In der Altstadt kommt uns ein Kehrwagen in die Quere und wir wissen für einen Moment nicht, wer „Vorfahrt“ hat. Überall hätte der Fahrer mit einer Handbewegung und einem Lächeln die Situation geklärt, nur hier zeigt er uns mit einem kurzen, fast unmerklichen, aber unsäglich herablassenden Kopfnicken an, daß wir gehen sollten. Usw.

Es ist die Summe dieser Erfahrungen. Nur ein einziges Mal wurden wir in einem Kaffee freundlich bedient und das auch nur, weil wir den Kellner etwas fragten und der sich freute, ein paar Deutsche sprechen zu können, denn er hatte in Deutschland gearbeitet. Vielleicht würden sie einen sogar in Gastfreundschaft ertränken, spräche man sie alle einzeln an.

Wahrlich, ich kann nicht behaupten, daß ich die Serben oder Bosnier oder Kroaten sonderlich mag und das aus einem einfachen Grund: sie geben mir als Mann und als Deutschem und als Fremdem oder als wer weiß was, nicht das Gefühl, daß sie mich mögen würden. Aber natürlich würde ich nicht ausschließen, daß Serbe A oder B mein bester Freund werden könnte.

Anders gefragt: wie viele negative Erfahrungen braucht ein genetisch rassismusfreier politisch Korrekter, um zu einem ähnlichen Schluß zu kommen?

Noch was anderes: Die Serben – um das Thema weiterzuspinnen – haben auch unter den Bosniern und Kroaten nicht den besten Ruf, zumindest wenn es um die jüngere Geschichte geht. Selbst „die Europäer“ erschraken vor der Gewalt und den zum Teil unvorstellbaren Grausamkeiten serbischer Kriegsverbrecher. Zugegeben, auch die anderen Kriegsparteien haben sich durch Kriegsverbrechen schuldig gemacht – das ist nun mal die Definition des Krieges, aber die Serben offenbar besonders. Sie sind, könnte man sagen, die Deutschen des Balkans und es wäre interessant zu erfahren, wozu sie es gebracht hätten, hätten sie so viel Zeit, Mann und Möglichkeiten gehabt wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Warum immer wieder die Serben?, frage ich eine Ungarin, als wir uns in Vukovar, unserer letzten Station, erneut eine fast dreitausend Namen umfassende Liste von Toten angeschaut haben. Sie erschrickt, weiß erst nichts auf diese direkte Frage zu antworten und sagt dann doch: „Mein Vater lebte in einem serbisch-ungarischen Dorf. Der sagte immer: Die Serben, die sind fanatisch.“ Vorurteile gibt es wohl überall.

Und wer jetzt aus seiner bayrischen Gartenidylle oder seiner Berliner Penthouse-Wohnung heraus den Kopf schüttelt, der sollte seine eigenen Gedanken etwa über die Sachsen aktualisieren.

[1] Wer anzweifelt, daß es diese historisch, lebensweltlich, religiös, natürlich, vom Aufklärungszustand abhängige  … bedingte Psyche gibt, dem empfehle ich den klassischen Sardinien-Roman „Padre, Padrone“ von Gavino Ledda.
Dieser Beitrag ist exklusiv für Seidwalk.

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