Die tiefe Ordnung der Aufgaben

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LVIII

Über die Ordnung der Bewegungen

Achte darauf, daß du nichts überstürzt und in deiner Arbeit, deinem Gesellschaftsleben, ja, in deinen tagtäglichen Handlungen die strenge Folgerichtigkeit der Tatsachen und Umstände befolgst. Weiterlesen

Das ist Fortschritt!

Während ich durch einen alten Band der Kant-Studien (Band XXIX, Heft 1/2) blättere, fällt mir eine kurze Bekanntmachung auf.

Wir befinden uns im Jahr 1924. Diese seinerzeit sehr verbreitete „Philosophische Zeitschrift“, begründet von Hans Vaihinger, bringt auf über 300 Seiten Abhandlungen zu Kant und die Psychologie, Kant und die Religion, die reine Rechtslehre, die deutsche Kultur, das Eherecht oder Kant als Naturwissenschaftler. Kant von vorn bis hinten und manch prominenter Name, wie Nicolai Hartmann oder Max Dessoir, arbeitet sich vor weitem Publikum an Kant ab. Weiterlesen

Ein altes Soldatenlied

Soldatenlied

Ungarische Rock-Kultur Teil II

Dieses Lied berührt mich immer wieder aufs Neue. Vielleicht, weil die Geschichte auch Teil meiner Familienhistorie ist. Mein Großvater war sechs Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft und kam erst fünf Jahre nach Kriegsende nach Hause. Und auch das stimmt nicht, denn seine Heimat gehörte nun nicht mehr zu Deutschland. Die Großmutter mußte 1944 allein mit drei Kindern fliehen, sie landete schließlich – wohl zufällig – in einem vogtländischen Dorf … das später meine Heimat werden sollte. Als der Großvater zurückkam, betrat er also eine fremde Gegend, die nun Heimat sein mußte. Meine Mutter lernte ihren Vater erst mit neun Jahren bewußt kennen … Weiterlesen

Bären und Salamander

Fortsetzung von: Der Gottesstuhl

Am nächsten Morgen gibt es im Haus kein fließendes Wasser. Der Herbergsvater entschuldigt sich, spricht von einem schweren Sturm, den es kurz vor unserer Anreise gegeben habe, seither sei das Wasser braun und nicht mehr trinkbar, jetzt würde wohl repariert, aber wenn alle Stränge reißen, dann stünde noch ein Brunnen zur Verfügung und vorerst sollten wir mit Regenwasser spülen. „Das ist Rumänien“, sagt er dann noch resigniert und so etwas passiere hier ständig. Weiterlesen

Freiheit und Liebe

Freiheit, Liebe!
Wenn mir nur beides bliebe.
Der Liebe gebe ich
Das Leben,
Der Freiheit gebe ich
Das Lieben.

Diese ikonischen Zeilen stammen von Ungarns Nationalschriftsteller Petőfi. Eine feine versteckte und verwirrende Dialektik zeichnet ihren Gedankengang aus. Schwer zu übersetzen ist ihr Klang. Oben, das ist mein Versuch. Weiterlesen

Fürchte dich nicht!

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXII

Darüber, daß man sich vor nichts fürchten soll

Wenn du eine gute Sache verteidigst, was kannst du dann fürchten? Was kann dir geschehen?

Schlagen sie dich nieder, verleumden sie dich, rauben sie dich aus, entehren sie dich? Erheben sie Anklage gegen dich, wirst du falsch beurteilt? Weiterlesen

Ungarisch sprechen

Im Laufe der Jahre habe ich den Satz „Ich spreche Ungarisch“, meist von Deutschen ausgesprochen,  einige Male gehört oder sogar in der Zeitung gelesen. Selbst die „Paprikantin“[1] behauptete nach einigen Monaten Praktikum, Ungarisch gesprochen zu haben. Was aber bedeutet das? Es gibt offenbar ganz unterschiedliche Vorstellungen. Weiterlesen

Mit dem Herzen leben

Darüber, daß man auch mit dem Herzen leben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVII

Aber wir sollen zugleich mit unserem Herzen leben, mit jenem anderen Lebenstakt, der geheimnisvoller, verhüllter, schwieriger zu erkennen ist als die Ordnung des Weltenflusses.

Wessen Herz, mit bereitwilligem Puls, achtzig schlägt, der sollte nicht nach der Art eines Marathonläufers leben.

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Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Weiterlesen

Flüchtige Schönheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIII

Darüber, daß die Schönheit flüchtig ist.

Du bist beunruhigt, weil diese schöne, junge Frau deine Sinne erregt und stört, und du hast zu befürchten, daß sie ihre Schönheit und Jugendlichkeit mit anderen teilt? Aber was hast du denn von ihr erwartet? Eine Art Klostergelübde, vergrämte[1] Treue?

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Wahrheit des Krieges

Bedeutende Werke der Weltliteratur haben es an sich, ihre Aktualität, d.i. ihre Relevanz für spätere oder gar alle Zeiten immer wieder nachweisen zu können. Das gilt im Allgemeinen grundsätzlich und sehr oft auch im ganz Spezifischen. Klassiker sind Werke, die ihre Interpretation überstehen[1].

So findet man in Albert Wass‘ besten Romanen immer wieder ewiggültige Wahrheiten ausgesprochen, ganz grundsätzliche, menschliche Konflikte in archaischen Umgebungen mit klarer, allen zugänglicher Sprache und literarischen Mitteln derart aus dem „krummen Holz“ herausgeschnitzt, daß diese Bücher überzeitlich und überräumlich wirken und folglich immer wieder gelesen werden sollten.

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Erfahrung und Gleichmut

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XIX

Darüber, wie derjenige, der etwas erfahren hat, gleichmütig wird.

Hinter dem Wissen steht die Gleichmütigkeit. Wenn du etwas Wahres über das Leben lernst, wirst du ruhig und gleichmütig.

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Versuchung und Erfahrung

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XIII

Über die Versuchung und die Erfahrung

Die Frage, ob die Erfahrungen gegen die billigen oder gefährlichen, mit großer Kraft auftretenden Versuchungen des Lebens wappnen, muß man negativ beantworten.

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Das Pálinka-Lied

Ein altes ungarisches Sprichwort sagt, daß alle Ungarn immer betrunken sind. Warum? Wegen Trianon.

Keine andere Band trifft diese Mischung aus Freude und Schwere, aus Ironie und Melancholie so sicher wie Kárpátia, Ungarns Hauptvertreter des Nemzeti Rock. Ihre Lieder sind so mitreißend, daß man ihnen manche deftige Aussage einfach verzeihen muß. Hier feiern sie das Hungaricum Nummer 1, den Pálinka. Ein besseres Silvestergetränk gibt es an der Wegscheide zum neuen Jahr nicht, ein Jahr, das noch mehr Absurdität als die vorangegangen verspricht und das man wohl nur mit viel Witz und Pálinka überstehen können wird.

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Pandemie ohne Ende

Gerade macht ein Artikel aus „La Razón” die Runde in den Chats und Netzwerken. Wohl aus zwei Gründen: zum einen findet sich dieser kritische Rundumschlag in einem spanischen Hauptmedium – „La Razón“ hat eine Auflage von 150000 Exemplaren, ist damit die fünftstärkste Tageszeitung in Spanien, ist konservativ und wesenhaft katholisch; in Deutschland gibt es nichts Entsprechendes – vielleicht kann man sie am ehesten mit „Die Welt“ vergleichen. Zum anderen schlägt der Autor einen Ton an, den man in Europa dieser Tage selten zu hören bekommt und in Deutschland schon gar nicht.
Allerdings geistern – soweit ich sehe – nur Zitatfetzen durchs deutsche Netz. Immer ein schlechtes Fundament. Daher zitiere ich hier etwas ausführlicher – der Leser soll entscheiden, ob sich die Aufregung lohnt oder nicht:

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Der Engel vom Himmel

An einer zentralen Stelle in Albert Wass‘ wohl bekanntestem Roman “Adjátok vissza a hegyeimet“ („Gebt mir meine Berge zurück“), wird der Leser Zeuge einer berührenden Szene. In einer Höhle tief in den siebenbürgischen Wäldern haben sich nach der Niederlage gegen die Sowjetunion zwei Dutzend Menschen versteckt, Ausgestoßene, Räuber, politisch Verfolgte, Partisanen, Irre und Heilige, und führen verzweifelt den Kampf gegen die Besetzer fort. Aber das Leben in der Wildnis, mitten im Winter, läßt die Leute verrohen und vertieren. Gerade war es einigen von ihnen gelungen, ein Militärfahrzeug zu plündern, die geraubten Wodkaflaschen machen am Lagerfeuer die Runde, als  tief aus der Höhle eine singende Frauenstimme erklingt.

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Aus der Zeit gefallen – Vesaas

VesaasJüngerNadolny

Johannes Møllehave hatte irgendwo geschrieben, er halte Tarjej Vesaas‘ Roman „Fuglane“ – „Die Vögel“ – für die wichtigste Lektüre seines Lebens und Ove Knausgård adelte den Roman als den besten norwegischen aller Zeiten. Der verdienstvolle Guggolz-Verlag, dem wir auch das wundersame „Straumeni“ verdanken, hatte letztes Jahr nun auch Vesaas dem deutschen Publikum in neuer Übersetzung ins Gedächtnis gerufen. Allerdings war Vesaas nie – wie im Feuilleton immer wieder betont wird – ein „wiederentdeckter“ oder „vergessener“ Autor, weder in Deutschland noch in Skandinavien. Erstens hatten Benziger und Hinstorff in den 60er Jahren hüben wie drüben Vesaas verlegt und zweitens war der Autor in der skandinavischen Literatur stetig präsent und diskutiert. Da wurde eigene Unkenntnis zu schnell verallgemeinert.

Das ist deswegen erwähnenswert, weil das unisono überschwengliche Urteil im Feuilleton dadurch relativiert wird und man sich folglich fragen muß, weshalb der fast 65 Jahre alte Roman nun Begeisterungsstürme provoziert.

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Über das Ziel dieses Buches

Sándor Márai: Das Kräuterbuch I

Vermutlich war es ein Fehler – wie die Diskussion zuletzt zeigte -, Teile des „Füves Könyv“ in loser Reihenfolge zu bringen. Daher der neue Entschluß: das Buch wird hier sukzessive Seite für Seite übersetzt werden, erstmals in die deutsche Sprache. Im ersten Teil gibt Márai das Ziel seines Buches bekannt, er folgt unmittelbar der „Zueignung“ und wird wiederum von „Über den Wert des Lebens“ fortgesetzt. Findet jemand übersetzerische oder andere Mängel, so bitte ich, dies mitzuteilen.

Über das Ziel dieses Buches

Leser, dieses Buch möchte ehrlich sein. Es wurde von einem Manne geschrieben, dessen Wissen bescheiden und endlich ist. Nichts anderes will dieses Buch, wie all die unzähligen Bücher, die in lang vergangener und noch halb vergangener Zeit über das Schicksal der Menschen in der Welt sprechen wollten.

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Textkritisch übersetzen

Fortsetzung von: Sándor Márai und die Russen und: Meditationen über das Fremde

Man kann die Frage ganz prinzipiell stellen: ab wann darf man einen Klassiker überhaupt kritisieren in Form des Weglassens, Korrigierens oder Übersetzens? Ein systemisches Problem des Lektorats ist es, daß der Autor den Lektoren oder Übersetzer in der Regel überragen sollte. Dem Lektor obliegt es, stilistische, sprachliche, grammatische und auch sachliche Fehler eines Textes ausfindig zu machen, selbstverständlich kann er auch seine Sicht zur Konstruktion eines Kunstwerkes äußern, aber der Autor sollte dennoch die Hoheit über sein Werk nie abgeben müssen. Solange er lebt, kann er seine Interessen und Ansichten vertreten – nach seinem Tode ist sein Text wehrlos.

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