Precht und die Macht der Vierten Gewalt

Die Frage ist noch nicht endgültig entschieden: Schadet es einer Sache mehr, wenn sie aktiv bekämpft wird oder wenn man sie mit falschen Mitteln verteidigt? Ist also der Gegner der eigentliche Feind oder ist es doch eher der in der Sache Verbündete, der diese aber schlecht vorträgt und falsch begründet?

Man kann David Richard Prechts und Harald Welzers Mut, sich gegen die Fehlentwicklungen in der „Vierten Gewalt“ – und damit, wie die gestrige Sendung bei Lanz zeigt gegen diese selbst – zu stellen, begrüßen, man kann aber auch über die viel zu kurzen Sprünge der beiden entsetzt sein.

Vorab: das nun skandalisierte Buch habe ich nicht gelesen. Auch gehöre ich nicht zu den Precht-Verächtern, die es links und rechts und überall zu geben scheint. Sein Buch über die Liebe fand ich originell, seinen Mut, auch gegen den Mehrheitsmeinungen aufzustehen – denken wir an sein Plädoyer „Freiheit für alle“ oder seine tierethischen Überlegungen – beachtenswert.

Richard David Precht und Harald Welzer: Erregung über erregte Medien -  Medien - derStandard.at › Etat

Es ist vor allem in Twitteria längst zum Sport geworden, sich über Precht lustig zu machen. Bereits vor Erscheinen des jetzigen Buches lief vor allem die linke Twitter-Blase heiß und produzierte wohl zehntausende Tweets, von denen jeder einzelne eine schwache Seele in den Suizid hätte treiben können. Nach der gestrigen Sendung bei Lanz gab es substantiellen Zuwachs.

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Es saßen sich Precht/Welzer und Melanie Ammann/Robin Alexander gegenüber. Lanz verdächtig still, vielleicht aus Rücksicht auf seinen Freund Precht, vielleicht auch aus Einsicht, diese eine Sendung wenigstens nicht einseitig zu gestalten, vielleicht aber auch wissend, daß es hier keiner Moderation bedarf, um die Parteien in den Kampfmodus zu versetzen.

Wie meist erwies sich auch diesmal das Format als wenig ergiebig. Am Ende kommt fast immer heraus, mehr oder weniger deutlich: „Mit Ihnen kann man nicht reden“. Precht sprach es wortwörtlich so aus. Und er hatte recht. Die beiden Medienvertreter erwiesen sich als vollkommen aufnahmeresistent – aus selbstverschuldeter Unmündigkeit – auch nur das Grundproblem der Diskussion und wohl des Buches wahrzunehmen oder anzuerkennen. Sie verharrten in der Sicht: Diversität und Pluralität seien bei Spiegel und Welt garantiert, unsere Medienlandschaft blüht und gedeiht und wenn es hier und da Probleme gibt, dann sind es individuelle Aussetzer (Relotius etwa).

Umgekehrt waren Precht und Welzer fast ausschließlich damit beschäftigt, Aussagen, Zitate, Sachverhalte richtigzustellen, die so in ihrem Buch nicht stehen würden, von den beiden Berufsjournalisten jedoch behauptet wurden. Allein die Art und Weise, wie man mit den Kritikern umgeht – in der Sendung, auf Twitter, in den Redaktionen – ist der beste empirische Beweis ihres Standpunkts.

Am Ende arbeitete man sich an der These ab, ob es eine „Selbstangleichung“ von Medien und Staat gibt und wie diese funktionieren könnte. Eine befriedigende Antwort darauf gab es nicht. Man kann „geheime Treffen“, Absprachen oder Befehle und Anordnungen weitestgehend ausschließen und so blieb der Prozeß, die Ursache dieser Synchronisation im Geheimen. Die beiden Autoren scheinen bis zu diesem Punkt nicht vorgedrungen zu sein. Sie scheinen zu glauben, daß es an einer zu großen Nähe der beiden Sphären liege, daß Journalisten und Politiker also zu oft gemeinsam „an der Würstchenbude“ stehen.

So kann man das Phänomen, das mittlerweile statistisch vielfach aufgearbeitet wurde, natürlich nicht angehen und hier wird die Eingangsfrage virulent: Schaden Precht und Welzer ihrer Sache mehr als das sie ihr nutzen? Dabei stellt die Beantwortung der Frage keine großen denkerischen Anforderungen.

Warum Politik und Medienwelt weitgehend, d.h. in den Grundfragen, synchron laufen, läßt sich nicht in der direkten Konkurrenz erkennen, sondern im Blick auf ein gemeinsames Drittes und dies ist die Ideologie. Beide entstammen den selben geistigen Sphären und diese wiederum haben sich über sieben Jahrzehnte und länger systemisch herausgebildet und verfestigt, sie sind hegemonial geworden.

Will man es an einem Datum festmachen, so muß das Jahr 1968, vielleicht auch 1945 oder gar 1848 in den Blick geraten. Das soll jetzt hier nicht aufgefächert werden, aber daß der Sieg der postmarxistischen Ideologien in allen Institutionen, Akademien, Redaktionen, Regierungen die Grundlage der allgemeinen „Gleichschaltung“ ist, hat eine überwältigende Evidenz. Das ist der Grundsound der letzten Jahrzehnte, in ihn stimmen alle anderen mit ihren jeweiligen Einzelstimmen ein. Man singt in einem Chor, vielstimmig zwar und sicher auch im Kanon, aber man treibt das ganze Projekt voran.

Das ist auch der Grund, weshalb Stimmen, die einer ganz anderen Melodie und Harmonievorstellung folgen – etwa genuin rechte oder auch spirituelle – so gut wie nie Medienpräsenz erhalten und wenn doch, dann im Hochsicherheitstrakt gegen eine ganze Reihe an Orgelpfeifen.

Die Rechte nämlich ist nicht aufgrund ihres „Extremismus“ gefährlich, sondern weil sie sich gänzlich anderer, nichtmarxistischer Quellen, Narrative, Sprachspiele, Anthropologien und Epistemologien bedient, die zum einen auf der linken Seite gar nicht rezipiert und verstanden, zum anderen als gefährlich begriffen werden, ganz im Sinne Marxens: „Radikal sein ist die Sachen an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion.“ – Religion kann man in unserem Zusammenhang mit „Ideologie“ ersetzen.

Precht und Welzer können das nicht sehen, weil sie selbst bis zum Hals in der linken Suppe schwimmen.

An dieser Stelle offenbart sich – ganz nebenbei – auch ein Grund, warum rechts und links keine wirklich sinnvollen Distinktionen mehr sind: Links ist nämlich alles, fast alles: in der Politik von Linke bis CSU, in der Medienwelt von „Welt“ bis „TAZ“. Die Begriffe hätten nur dann einen Sinn, wenn es eine Parität gäbe.

Diese muß das strategische Ziel sein!

siehe auch: Das System Relotius

Die vierte Gewalt

Mainstream

Wie man Vertrauen verliert

Was auf uns zukommt III

Daß Geschichte unverfügbar ist, zeigen die Anschläge auf beide Nord Stream-Leitungen. Daß sie dennoch eine Tendenz hat, wird davon ebenso bestätigt. Der Niedergang Deutschlands (des Westens) in kurzer Zeit ist die nun unaufhaltbare Tendenz, das konkrete Wie und Wann bleibt offen. Weiterlesen

Der Polnisch-Deutsche Krieg

Polen hat uns mit seiner unsinnigen Reparationsforderung von 1,3 Billionen Euro offiziell den Krieg erklärt – dieser Satz stimmt natürlich nur unter der Annahme, daß es so etwas wie die Position Polens gibt; tatsächlich haben wir es mit Meinungen einzelner Politiker zu tun. (siehe dazu: Nationale Interessen)

Überhaupt geht die polnische Regierung zunehmend auf Konfrontationskurs mit seinem einst mächtigen Nachbarn. Das allein ist ein Hinweis darauf, wie man Deutschlands Stärke einschätzt. Weiterlesen

Der falsche Verzicht

Sparen ist der neue Luxus. Um sich gewisse Idiotien bewußt zu machen, hilft es manchmal, sich des Erstimpulses zu erinnern. Jeder kennt das: wenn man in eine neue Arbeitsstelle kommt, dann fallen einem schnell die Unsinnigkeiten im System auf, man wagt aber als Neuling und Machtloser nicht das kritische Wort, will es sich für später aufheben, hat sich dann aber schnell eingelebt und sich an die Schwachstellen gewöhnt, partizipiert möglicherweise an ihnen oder profitiert gar. Weiterlesen

Profitiert Ungarn vom deutschen Niedergang?

Da ich in freundschaftlicher Beziehung zu Ungarn des linken und des rechten Spektrums stehe, kommen auf meiner Facebook-Seite, die ansonsten ruht, immer wieder entsprechende Propagandawerke an. Dies hier ist von einem rechten Freund gepostet. Weiterlesen

Eine Reise in Deutschland

Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal mit dem Zug eine längere Reise gemacht habe. Nun geht es in die ungarische Provinz, wo man hoffen darf, nur wenige Deutschsprachige zu treffen. Die Verbindung schaut vernünftig aus. Es wird auch nichts Spektakuläres passieren – aber gerade in den kleinen Beobachtungen mag man das neue Deutschland erkennen und begreifen. Weiterlesen

Das Monster wächst

Martin Wagener – Politikwissenschaftler an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung – hatte es auf 500 ausladenden, aber sehr rationalen Seiten einer Untersuchung unterzogen. Das Buch wurde ein szeneinterner Bestseller, verdient aber eine weitere Lektüre; darin zeigt er u.a. die Kompetenzüberschreitungen des Verfassungsschutzes unter Haldenwang und zeichnet die inneren Denunziationsmechanismen nach. Der Versuch, damit eine sachbezogene und offene Diskussion anzufachen, wurde mit weiteren Restriktionen beantwortet. Darüber berichtet Wagener – noch immer sachlich-trocken –  in diesem Podcast: Haldenwangs Rache Weiterlesen

Wagt an den Kindern!

Wer wäre unser Goethe geworden, wenn Goethe 1758 im zarten Alter von 11 Jahren an den Blattern gestorben wäre. Wer wäre dann unser Dante, unser Cervantes, unser Shakespeare, Petőfi, Mickiewicz oder Hans Christian Andersen geworden? Schiller? – ist ohne Goethe kaum vorzustellen. Kleist? – zu dünn sein Werk. Wieland? – zu viel Zweitrangiges in seinem Oeuvre.

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Transversale Vernünfteleien

Ein jegliches Reich, so es mit sich selbst uneins wird, das wird wüst; und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit sich selbst uneins wird, kann’s nicht bestehen. (Matth. 12.25)

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, Jürgen Habermas recht zu geben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind im Reich des Transversalen angekommen. Auch allerletzte Gewißheiten verschwinden, Fronten lösen sich auf und immer mehr politisch-historische Tatsachen lassen sich immer weniger mit dem gewohnten Besteck sezieren. Selbst der Riß bekommt Risse.

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Widerstand und Verschwörung

Auf einer Austauschplattform übe ich gelegentlich das Fremdsprachvermögen mit Muttersprachlern. Ein junger Pole hat sich als besonders angenehm erwiesen – er spricht nicht nur beeindruckend gutes Deutsch, er spielt auch Schach auf meinem bescheidenen Niveau. Die erste Partie habe ich gewonnen, weil er in ein typisches Kombinationsmuster hineinlief, das ihm offenbar fremd, mir als Blackmar-Diemer-Aficionado aber in Fleisch und Blut übergegangen war. Ich mußte an alte Zeiten denken und plötzlich ging mir ein wichtiger Gedanke auf.

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Die Arroganz des Westens

Was ich im Folgenden sage, sage ich ohne Autorität und ohne tiefere Kenntnis der komplexen Zusammenhänge und ganz ausdrücklich nur auf der Spitze meines Nicht-Wissens – als Meinung, die man gern ignorieren kann.

Als Joe Biden zum Präsident gewählt worden war, da unkten einige Kommentatoren, daß man nun in kürzester Zeit mit Krieg rechnen könne. Sie sollten Recht behalten. Die Feststellung mag absurd erscheinen, denn immerhin sind nicht die Amerikaner die Aggressoren, sondern die Russen. So zumindest lesen wir es an allen Fronten und man müßte schon Arabisch beherrschen, Russisch oder Chinesisch, um etwas anderes lesen zu können. Dennoch ist die hypothetische Frage berechtigt: Hätte es zur jetzigen Eskalation kommen können, wenn Trump – der Vielgescholtene – eine zweite Regierungsperiode bekommen hätte? Man darf die Frage im vermutenden Gestus wohl mit „Nein“ beantworten und Trump selbst stellte diese These in „wirren Worten“ auf.

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Das Denunziationsparadox

Manche Menschen haben die Gabe, das unsichtbare Offensichtliche greifbar zu machen.

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, ein paar Worte mit Kubitschek zu wechseln. Da sprach er diesen Gedanken aus, der mich aufschrecken ließ. Alles war mit einem Male so evident – warum habe ich das bisher nicht gesehen? Für ihn war das ein Nebensatz, vielleicht nicht mal sonderlich betont, wahrscheinlich seit Langem eine Standarderkenntnis[1], für mich ein Augenöffner.

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Digitaler Waldgang

Beim Waldspaziergang begegnete mir heute gleich drei Mal ein junger Mann in immer gleicher Pose. Vögel zwitscherten (zu früh) ihr Liebeslied, ein Schwarzspecht hämmerte wie verrückt am Baum und flog immer wieder aufgeschreckt mit seinem typischen Flügelschlag weiter, der Wind wehte die letzten Blätter herab, … aber der junge Mann bekam davon nichts mit, denn er hatte weiße drahtlose Stöpsel in den Ohren und starrte myopisch und mit gekrümmtem Rücken auf sein Mobiltelefon.

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Heimo Schwilks weiches Herz

Tagebuchveröffentlichungen müssen sich rechtfertigen: der Verfasser sollte historisches Gewicht mitbringen, von Bedeutung sein und die von ihm notierten Ereignisse und Gedanken sollten selbstredend erzählens- und erhaltenswert sein.

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Der doppelte Ehrlich

Manche Leute kennen keine Grenzen. Wenn man sich einmal einem solchen Telegram- oder WhatsApp-Kreis anschließt – ich selbst tue das aus Mangel an entsprechender Technik nicht, beobachte es aber aus den Augenwinkeln –, dann wird man ununterbrochen mit Clips, Videos, Artikeln, Kopien, Hördateien und allem möglichen, also mit Meinung bombardiert. Und manchmal ist auch ein Fakt dabei – aber der ist meistens Fake. Wie überhaupt 90% dieses Erregungsdopings schlichtweg Unsinn oder in Ton und Methodik unerträglich sind.

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Sinnvoller Widerstand

Seid klug wie Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. (Mt 10,16)

Als 1956 die Rote Armee in Budapest eindrang, um den ungarischen Volksaufstand mit ihren Panzern niederzuwalzen, da gab es für viele Ungarn kein Zögern mehr: sie griffen zur Waffe und leisteten Widerstand, ganz gleich, welcher politischen Orientierung sie angehörten. Imre Nagy etwa war Kommunist und riskierte dennoch sein Leben. Solche klaren Linien gibt es in der Geschichte freilich nicht oft – Situationen, die das richtige Handeln zweifelsfrei definieren. Wer sich am Widerstand nicht beteiligt, ist ein Schuft oder Feigling.

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Viro-Logisches V

Nach wie vor bin ich der Meinung, daß man sich als Laie – und auch als Experte – in virologischen, also rein medizinischen, naturwissenschaftlichen Fragen zurückhalten sollte, weil wir einfach zu wenig wissen und verstehen. Das betrifft auch alle sich daraus ergebenden politischen Probleme. Nicht, daß man sie nicht thematisieren sollte, aber wer in diesen Punkten zu absoluten Urteilen kommt, erweist sich zumeist als nicht seriös. Daher gibt es hier, auf diesem Blog, auch weiterhin nur Stichpunkte, vage Überlegungen und Beobachtungen.

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Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise II

Fortsetzung von: Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise I

(von: Johannes Leitner)

PDF: Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise (komplett)

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In der Rücksichtslosigkeit gegen die Opfer zum Erreichen des guten Zwecks zeigt sich etwas, das Hannah Arendt die Banalität des Bösen genannt hat. Es gibt drei Stufen, wie wir das Böse und den, der Böses tut, verstehen und einordnen: a) die Lust am Bösen, von satanischer Qualität, uns mangels Einfühlung in diese Lust vollkommen unverständlich; b) die Banalität des Bösen, ein zwar nicht allgegenwärtiges Böses, das wir aber verstehen und für empörend halten; c) die Mitarbeit mit dem Bösen, die unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt, folglich normal und gewöhnlich ist.

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