Orbáns Leseliste – Nationale Interessen

In seinem sehr lesenswerten großen Interview mit der “Budapester Zeitung” hatte Viktor Orbán auch einige Lesetipps verteilt, Bücher benannt, die ihn beeindruckt und beeinflußt haben. Der Zufall will es, daß ich die meisten davon im Hause habe. Es kann keine schlechte Idee sein, Orbáns Hinweis zu folgen, die Bücher zu lesen und vielleicht gelingt es uns dadurch sogar, seinem Denken, seiner politischen Grundüberzeugung näher zu kommen.
Heute: Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen

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Flaggschiff „Junge Freiheit“

Einer der spannendsten Thriller, den ich je gelesen habe, ist die 2006 erschienene 20-jährige Geschichte der „Jungen Freiheit“. Sie hat alles, was man von einem grandiosen Pageturner erhoffen kann: Spannung, perfektes Gespür für Geschwindigkeit und Rhythmus, faszinierende Figuren, komplexe Zusammenhänge und tiefsinnige Gedanken und Reflexionen. Allein, nichts, was dort steht, ist fiktiv, alles ist passiert und wird akribisch dokumentiert. Ich mußte dieses satte Buch in vielen kleinen Sitzungen lesen, immer wieder unterbrechen, bremsen, aufatmen, reflektieren, eruieren, voller Gedanken und Emotionen. Wem das nicht als Empfehlung genügt, der lese weiter. Weiterlesen

Helmut Lethens Großinquisitor

Legende oder Parabel? Helmut Lethen beharrt entgegen der literaturwissenschaftlichen Grundmeinung auf dem Begriff der Legende, wenn es um den Großinquisitor aus Dostojewskis “Die Brüder Karamasow” geht, und gibt dem unerhörten Vorfall im Sevilla des 16. Jahrhunderts damit einen ontologischen Status – sie ist mehr als Phantasie, mehr als ein Lehrstück, sie verführt zum Aufheben der Differenz, so als wäre Jesus tatsächlich erschienen. Daher ihre Brisanz. Weiterlesen

Der letzte Text – Blutbuch

1961 veröffentlichte Umberto Eco „Das offene Kunstwerk“[1], in dem er „das Akzeptieren des Unbestimmten und eine Ablehnung der einsinnigen Kausalität“ propagierte, 1967 schrieb Foucault in „Raymond Roussel“[2] über Sprache und Bilder, „die zugleich aussprechen und verbergen“ sollten, und erläuterte deren Mechanismen. Deleuze hatte schon Jahre zuvor die Art seines philosophischen Denkens „als eine Art Arschfick“, mit „Gleitbewegungen, Brüchen, geheimen Absonderungen“ beschrieben[3], später das „Es“ als etwas, das „funktioniert“, „es scheißt , es fickt“[4]. Weiterlesen

Hans im Glück

Endlich mal wieder etwas ohne Verwertungsabsicht lesen, das war die Idee, als ich erneut zu Henrik Pontoppidans „Lykke Per“ griff, zum dritten Mal im Leben, zum zweiten Mal auf Dänisch, die anderen Lektüren liegen 15, 16 Jahre zurück. Und selbst wenn man diesen gigantischen Roman in aller Kürze besprechen will, steht man vor schier unlösbaren Aufgaben, denn an Fülle der Gedanken und an Größe der Konstruktion kann man ihn mit den großen Werken Dostojewskis, Tolstois oder Thomas Manns etc. vergleichen. Weiterlesen

Führers Autobahn

Meine Weihnachtslektüre

Vermutlich lag es am Schutzumschlag, der von einer Grafik von Olaf Gulbrannson geschmückt wird, weshalb dieses Buch in meinem Regal landete. Gulbrannson hatte auch Hamsun oder Gudmundsson gestaltet – alles sehr positive Leseerlebnisse. Zufällig zog ich es vor ein paar Tagen heraus, um zu schauen, womit wir es hier zu tun haben. Wilhelm Utermann, der Autor, war mir kein Begriff. Interessanter schon die Widmung: „Ein kleiner Weihnachtsgruß 1940 von Deinem Horst“. Bei dem Beschenkten scheint es sich um einen Götz gehandelt zu haben – so lautet zumindest ein Namenseintrag. Vielleicht läßt der Ton der Widmung auf einen Jugendlichen schließen? Gut denkbar dann, daß er fünf Jahre später nicht mehr gelebt hat oder zumindest ein anderer Mensch geworden sein dürfte. Weiterlesen

Precht/Welzer – Die Vierte Gewalt

Precht und Welzer versuchen, einem mysteriösen Phänomen auf die Spur zu kommen und Abhilfe zu schaffen: der Selbstgleichschaltung und Kritikresistenz der Hauptmedien. Diese reagierten auf allen Kanälen fast unisono mit Leugnung, Verriß, Häme und Wut – eine bessere Bestätigung der These konnten sie kaum liefern. Daß dem so ist, weiß jeder, der nicht die Mainstream-Meinung in puncto Migration, Corona oder Ukraine-Krieg vertritt. Die Kritiker aber wollen Evidenz, Statistiken, Studien; Precht und Welzer bieten hingegen viel anekdotische Evidenz und gefühlte Eindrücke. So machen sie sich in einer wichtigen Sache angreifbar – die Relevanz ihrer Überlegungen wird davon nicht tangiert. Die eigentliche Schwäche ihrer Argumentation ist bisher – in den Hauptmedien – allerdings noch nicht ausgesprochen worden. Weiterlesen

Radikalisierter Konservatismus

Gegneranalyse V

Das Buch ist ein Skandal! Bisher hielt ich Natascha Strobl für eine der intelligenteren in der Phalanx der „Rechtsextremismusexpert:innen“ – warum nur? Weil sie eine Frau im Männergeschäft ist? Weil sie so nett lächeln kann? Oder ist es ihr Wiener Akzent? Nein, ich weiß es: ihr Buch mit dem gewichtigen Titel erschien in der Suhrkamp Edition. Weiterlesen

Tödliche Torheit

Es gibt negative und positive Lektüreweisen – die eine sucht nach Widersprüchen, Fehlern, Ungereimtheiten und reibt sich habituell an der eigenen festen Position, die zweite blendet diese Faktoren aus und will lernen, fahndet nach dem Neuen, Anderen der vorgestellten Denkart. Die letztere sollte immer primär sein, die negative hingegen als Korrektiv dienen.

Nachdem ich Manfred Kleine-Hartlages schmales Buch über den „Krieg in der Ukraine und das Desaster der deutschen Politik“ zur Hälfte gelesen hatte, legte ich es beiseite, nahm Stift und Zettel zur Hand und begann es von vorn, denn es war klar, daß man hier eine wesentliche Schrift in der Hand hat. Es geht ums Eingemachte. Weiterlesen

Tolkien und die Tradition

Unter den bisher vier Bänden der noch jungen Reihe „Fundamente“ des Dresdner Jungeuropa-Verlages ragt Armand Bergers Büchlein über „Tolkien, Europa und die Tradition“ wie ein Fremdkörper heraus, versuchen seine Geschwister sich doch auf dem theoretischen Terrain zu bewähren, während man es hier mit einer literarischen Werkvorstellung zu tun hat.

Tolkiens Ringe-Trilogie gehört mittlerweile zum geistigen Grundbestand der Welt, weniger vielleicht durch seine Bücher als durch die spektakulären Verfilmungen Peter Jacksons und der nun begonnenen achtteiligen freien Bearbeitung durch Amazon, sämtlich Bombastwerke, die von Milliarden von Menschen gesehen wurden. Dahinter haben es die literarischen Vorlagen vergleichsweise schwer, auch weil sich in ihnen eine ganz andere Komplexität und Tiefe ausdrückt. Weiterlesen

Zynische Theorien

Ein Buch, das durch alle Lager schneidet, links, rechts, liberal, geliebt und gehaßt wird, verspricht schon deshalb ein Ereignis zu sein. Man kann Konsens und Dissens rein argumentativ verstehen, noch vor aller ideologischen Zuordnung. So überwältigend seine Verdienste nämlich sind, so zahlreich sind auch seine inneren Widersprüche und Fehler. Während der erzlinke Micha Brumlik in der TAZ etwa ins Schwärmen gerät, hat der Experte fürs Absolute (Daniel-Pascal Zorn) einiges auszusetzen und während die einen den ruhigen, sachlichen Ton loben, sehen andere die Autoren mit „Schaum vor dem Mund“ (DLF). Es gibt aber bis dato wohl nichts Vergleichbares, weshalb es bis auf weiteres zum Kanon aller gehören sollte, die sich dem Themenkomplex kritisch nähern wollen. Weiterlesen

„Blutbuch“ von Kim de l‘Horizon

Es könnte alles so einfach sein. Da hat ein seltsamer Mensch, ein Mann, der sich als „Nonbinär“ definiert, ein Buch geschrieben und die Jury läßt ihn damit – ganz zeitgeistkonform und natürlich politisch motiviert – den renommierten „Deutschen Buchpreis“ gewinnen. Das bizarre Wesen, in billigen Flitter gekleidet, geschminkt und mit Schnauzbart hält eine alberne Rede, singt mit dünnem Stimmchen ein peinliches Lied auf offener Bühne und holt zum Schluß einen Rasierapparat hervor, um sich die Haare zu scheren – als Zeichen seiner Solidarität mit irgendwem. Es selbst, dieses Wesen, räumt ein, daß die Preisrichter wohl „ein politisches Zeichen“ setzen wollten, seine Redebeiträge strahlen eine umfassende Mittelmäßigkeit aus, selten entläßt sein Mund einen Gedanken von Bedeutung … das alles macht uns das Urteil leicht. Weiterlesen

Baños: So beherrscht man die Welt

 Rezension von: Pedro Baños: So beherrscht man die Welt. Heyne 2019
Es gab in den letzten Wochen ein verstärktes Interesse für Baños‘ Buch. Woher es kommt, darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht war Erik Lehnerts Vortrag zur Geopolitik der Auslöser oder sein entsprechender Beitrag in der „Sezession“ Heft 110. Dort findet sich auch eine sehr kurze Vorstellung des Buches. Aufgrund des Interesses stelle ich meine sehr ausführliche Rezension des Werkes erneut ein. Sie entstand vor drei Jahren und ist noch immer weit und breit die umfassendste und neutralste. Das Buch ist auf dem deutschen Markt weiterhin „verschwunden“, das spanische Original, eine italienische oder polnische Übersetzung kann man erwerben.
Druckfassung PDF

Dank des Angebotes des „Antaios”-Verlages und meines schnellen Entschlusses, kam ich in die Lage, jenes Buch lesen zu können, das den meisten Menschen in diesem Land verwehrt bleiben wird, weil ein Journalist – Alan Posener – dieses Buch als antisemitisch bezeichnete. Daraufhin nahm der namhafte Heyne-Verlag es aus dem Programm und ihm folgten in einer seltsam konzertierten Aktion alle – alle! – kommerziellen Anbieter auf dem Fuß. Ich versprach daraufhin, das Buch hier öffentlich zu besprechen.

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Nietzsche der Zeitgemäße

… Und mitten hinein, akademisch ungeschützt, stürzt sich Julien Rochedy. Der Leser schaut in die Pistolenmündung eines comicartigen gezeichneten Nietzsche im Hawaii-Hemd vor grellgelbem Hintergrund. Wo Felsch seine Fußnoten bündeln muß, um sie nicht übermächtig werden zu lassen, da verzichtet Rochedy auf jeglichen Nachweis. Mit entschiedener Geste wischt er zweierlei ohne Begründung beiseite: alle bisherigen philosophischen Abarbeitungen an Nietzsches Werk, ganz ausdrücklich den gesamten postmodernen Diskurs, und die Frage nach der Authentizität der Texte. Was gedruckt wurde, nimmt Rochedy wortwörtlich, inklusive des umstrittenen „Der Wille zur Macht“, alles intellektuelle Feilschen habe nur vom Wesentlichen abgelenkt, hier wird der Anspruch gestellt, den eigentlichen Nietzsche wieder freizuhauen. Weiterlesen

Reise ins verlorene Europa

Ein Kommentator bringt in Anlehnung an meine Siebenbürgen-Reise den Klassiker Fermor ins Gespräch. Darin durchwandert 1934 ein junger Engländer, noch keine 20 Jahre alt, entlang der großen Flüsse Rhein und Donau den halben Kontinent und beschreibt diese unglaubliche Reise ein halbes Jahrhundert später. Weiterlesen

Der Aufmarsch – Das Buch zum Krieg

Daß der russische Angriff auf die Ukraine nicht aus dem Nichts kam, sondern eine lange Vorgeschichte hat und also Verantwortlichkeiten verteilt, ist in unseren Lesezirkeln Konsens. Gemeinhin wird dann das eine oder andere Ereignis, die eine oder andere Konferenz oder Konvention angeführt, um beispielhaft zu beweisen. Dabei hat Jörg Kronauer den gesamten Vorlauf akribisch aufgearbeitet und in ein Buch gepreßt. Er kann sich dabei auf jahrelange Vorstudien beziehen, denn mit seinen Arbeiten  „Ukraine über alles“ (2014) und „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ (2018) hatte er das komplexe Terrain bereits abgeschritten.

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Edzard Schapers Wiedererweckung

Gesamtauflage sechs Millionen und heute dennoch nahezu unbekannt – wie ist das möglich? Dies ist nur eine von vielen Fragen, denen Uwe Wolff in seiner bedeutenden Edzard-Schaper-Biographie nachgeht. Bedeutend ist sie nicht nur für Wolff, den Angelologen, den Schüler Blumenbergs, den Autor bei „Tumult“, der „Tagespost“ und „NZZ“, der in Schaper eine verwandte Seele mit ähnlichen inneren Wandlungen entdeckt, bedeutend ist sie vor allem, weil sie zum einen genuine Archivarchäologie betreibt und seltene Funde hervorbringt und zum anderen in eine aus deutscher Sicht wenig beachtete historische Komplexität einführt: in das gesellschaftliche und politische Leben des Baltikums und Skandinaviens, das vom deutschen Schicksal nicht zu trennen ist.

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Klimawandel neu gedacht

Follow the science” skandieren die Thunberg-Jünger. Täten sie es, müßten sie ganz andere Forderungen aufstellen. Das zumindest behauptet Bjørn Lomborg in seinem vor zwei Jahren erschienenen und hier in wunderbar flüssiger Übersetzung endlich auf Deutsch vorliegenden Buch. In seiner Muttersprache nennt man Typen wie Lomborg „tryllemand“, das sind Menschen, die scheinbar zaubern können, die bezaubern und bannen. Atemlos folgt man seinem Wortstrom. Weiterlesen

Heimo Schwilks weiches Herz

Tagebuchveröffentlichungen müssen sich rechtfertigen: der Verfasser sollte historisches Gewicht mitbringen, von Bedeutung sein und die von ihm notierten Ereignisse und Gedanken sollten selbstredend erzählens- und erhaltenswert sein.

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Das Phänomen Zeller

Ein Phänomen ist im Alltagsgebrauch zweierlei: eine Ausnahmeerscheinung und ein Rätsel – und in diesem Verständnis ist Bernd Zellers karikaturistische Arbeit ein Phänomen!

Wie es funktioniert, was sein „Trick“ ist, darüber sinne ich seit Jahren nach und habe noch keine Antwort gefunden, die sein Schaffen begrifflich festnageln könnte. Am Grunde seines Wesens – so eine Arbeitshypothese – ist er gar kein Karikaturist, sondern ein begnadeter Aphoristiker, der zudem die seltene Gabe besitzt, den satirischen Zeichenstift punktgenau zu setzen.

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