Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen! Sehr wohl aber den Leerstellen dieser euphemistischen Rezeption.

Mir persönlich stößt bereits der Titel unangenehm auf – er paßt auch nur schwer zu Scrutons Gesamtwerk und zu seiner gepflegten Attitüde. Wer so in die Debatte einsteigt, der muß sich seiner Sache sehr sicher sein, der will auch keine Vermittlung mehr.

Niemand wird Scrutons Kompetenz in Frage stellen, der Mann war ein polyglottes Multitalent, einer jener seltenen Menschen, die die Reinkarnationstheorie zu bestätigen scheinen, denn was er in diesem Leben geleistet hat, ist in einer Karussellrunde menschlich eigentlich nicht machbar.

Hier nun nimmt er es gleich mit einer ganzen Phalanx an namhaften mehr oder weniger  linken Denkern auf, namentlich: Hobsbawm, Thompson, Galbraith, Dworkin, Sartre, Foucault, Adorno, Horkheimer, Habermas, Lukács, Althusser, Lacan, Deleuze, Gramcsi, Said, Badiou und Zizek und natürlich auch mit Marx, Engels, Lenin und Mao.

Jeder Denker wird einzeln, zumeist am Leitfaden der Hauptwerke seziert und filetiert und am Ende verzehrbereit präsentiert – und zwar als im Wesentlichen ungenießbar. Was nach feinem Besteck aussieht und sogar poetische Momente enthält, entpuppt sich in Wahrheit, bei genauer Lektüre, als Rundumschlag, als Guillotine. Klar löst das Begeisterung bei denen aus, die sich die Arbeit der Auseinandersetzung ersparen wollen, zumal Scruton – daher kann man das Buch partiell auch als Einführung in das Denken der Füsilierten empfehlen – uns zu Beginn jeder Hinrichtung eine Zusammenfassung liefert.

Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Weckung der Aufmerksamkeit gegenüber philosophischem Wortgeklingel. Dieses hat zweifellos dramatische Züge angenommen und beherrscht weite Teile der akademischen Welt, allerdings vornehmlich in den hinteren Reihen, im akademischen Unterbau. Wollte man auch die erste Reihe diesem Dauerverdacht a priori aussetzen – wie es Scruton hier vorexerziert –, dann wäre das philosophische Gespräch beendet, was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.

Ein recht guter Indikator ist in der Regel das Gespräch unter Gleichwertigen – wenn diese aufeinander sinnvoll antworten können, dann hat man gute Chancen, einem sinnhaften Gespräch beizuwohnen, selbst wenn es die eigene Auffassungsgabe übersteigen sollte. Daher sei dieses Buch ganz besonders Studenten und Interessierten empfohlen, jenen also, die den Schritt zum eigenständigen originellen Denken nie schaffen werden, aber im Weinberg mitarbeiten wollen. Sie sind am ehesten gefährdet, Opfer von Veneration und ideologischer Selbsteinmauerung zu werden.

Und Scruton kennt keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen, sogar Marx‘ Theorie des Warenfetischismus hält er für – nichtssagend …

Das alles heißt nun aber nicht, daß Nähe zu weltanschaulichen Überzeugungen die kritische Lektüre ersetzen kann. Nein, an diesem Buch gibt es sehr viel auszusetzen!

Seine größte Gefahr – als Gegengewicht zur obigen Habenseite – besteht darin, daß es dazu verleitet, sich die theoretische Arbeit zu ersparen, denn es suggeriert, daß linkes Denken, zumindest dieser Autoren, fast immer und wesentlich „Neusprech“, „Nonsens“, „ritueller Nonsens“, „Nonseme“, „klebrige Prosa“, „Zaubergesänge“, „unentwirrbares Geschwafel“, „Betrug“ oder „Alchimie“ sei, um nur einige diskreditierende Zuschreibungen dieses darin übersatten Buches zu erwähnen. Demnach habe – nur drei Beispiele – Lukács der Haß angetrieben, sei Habermas nur ein Bürokrat und Adorno ein intellektueller Taschenspieler gewesen, das meiste sei der Lektüre nicht wert. Vor Sartre etwa bliebe nur „Die Wörter“.

Natürlich sind das nicht alles Unwahrheiten, aber es sind nur Aspekte, nicht das Wesentliche. Und überhaupt kann man Althusser[2] und Lacan[3] etwa – für die der Scharlatanerievorwurf eher zutrifft – nicht in eine Reihe mit Foucault, Deleuze oder Adorno stellen, die ganz ernsthafte Philosophen waren. Scruton nimmt es, der Pointe wegen, selbst nicht immer mit der Wahrheit sehr genau, oder hat schon mal jemand eine „Luxusedition“ der Schriften Habermas‘ gesehen, oder glaubt wirklich jemand, daß der Fidesz in Ungarn aus Lukács-Aversion immer wieder gewählt wird oder daß das „Rätsel des Eins-Seins der ultimativen Realität“ im europäischen Denken tatsächlich vom Islam und nicht von der Scholastik oder von Giordano Bruno übernommen wurde?

Bei aller Scharfsinnigkeit leistet sich Scruton doch auch eine Reihe denkerischer Tiefflüge, etwa wenn er den HIV-kranken Foucault genüßlich in der Salpêtrière enden läßt, also jener Klinik, die er in seiner bahnbrechenden Studie als Machtinstrument aufzeigte, wenn er die rhetorische Frage stellt, wo Marx, Engels, Lenin, die Theoretiker des Proletariats, der Arbeit, der Klasse jemals die Hände schmutzig gemacht hätten, oder wenn er Lukács‘ Literaturkritik per se als wertlos bezeichnet. Und wenn Lenin en passant als „zweitrangiger Denker“ bezeichnet wird, dann hätte man doch gern auch ein Argument dazu.

Fast alle kontinentalen Autoren empfindet Scruton als unverständlich und unklar in ihren Aussagen, aber das ist ein sehr schlüpfriges Argument, denn erstens sollten die Grenzen des eigenen Verständnisses nie – auch nicht für einen Scruton – zum Kriterium eines Urteil werden und zweitens ließen sich damit auch Kant, Hegel, Heidegger, Nietzsche etc. erledigen und tatsächlich gibt es bereits eine breite diffamatorische Literatur, die zumeist von sehr linken und oft sichtbar haßbesetzten Autoren stammt, eine Ahnenreihe, in die Scruton sicher nicht gestellt werden will. Aufschlußreich in diesem Kontext ist auch das Fehlen namhafter linker Denker: Walter Benjamin, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch sind nicht mal namentlich erwähnt, Derrida, Lyotard, Baudrillard werden kaum bedacht und Judith Butler, Merleau-Ponty oder Henry Lefebvre wären doch gefundenes Fressen gewesen. Schon daher stehen die Verabsolutierungen auf schwachen Beinen.

Umgekehrt widmet sich Scruton im Falle Lukács recht ausführlich „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – ein wahrlich epochemachendes Werk –, übersieht aber das für sein Vorhaben viel besser geeignete „Die Zerstörung der Vernunft“.

Es stellt sich schließlich der Verdacht ein, daß am Grunde seiner Arbeit eine tiefsitzende Aversion der kontinentalen Philosophie gegenüber liegt, das mangelnde Verständnis substantialistischer Philosophie, der Metaphysik, den Versuchen, Realität in ihrem An-Sich zu erfassen, den deutschen Ausflügen in die Tiefen und Höhen, der Sehnsucht nach dem Wesen der Dinge und der Bewegungsfragen, wie sie die Franzosen antreibt und das ist bei einem analytisch geschulten Kopf auch nicht verwunderlich. Unübersehbar bleibt, daß die englischen und amerikanischen Kritisierten weitaus besser wegkommen als die europäischen.

Diese Perspektive ist es wohl, die ihn dazu verführt, die kontinentale Philosophie als eine präskriptive überzubewerten und den deskriptiven Urimpuls zu übersehen, zumindest bei den Linken. Philosophie aber bedenkt zuvörderst das, was ist, sie ist somit primär Symptom, „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ (Hegel), und erst dann Regel und wird letzteres sehr oft erst im Vollzug der Rezeption.

So ist etwa das Konzept des „Rhizoms“, an dem sich Scruton abarbeitet, Zustandsbeschreibung einer sich immer mehr rhizomatisch organisierenden Welt. Deleuze und Guattari konnten damit etwa das Internet antizipieren oder verschiedene Ausformungen des Globalismus, neuer liquider Lebensformen, und die damit verbundenen Probleme der Identitätsfindung – insofern kann man Foucaults These, daß das „Jahrhundert vielleicht ein deleuzianisches sein wird“ auch als bestätigt betrachten. Deleuze wollte der Verflüssigung der Welt, der Gesellschaft, der Sprache, der sozialen Verhältnisse, der Geschichte, der Moral, der Kunst, der Philosophie … habhaft werden – affirmativ, das ist richtig –; man kann diesen Versuch als gelungen oder gescheitert betrachten, aber man sollte wenigstens die Intention erkennen, wenn man bewerten will. Foucault konnte in der Sichtbarmachung der diskursiven Auflösung der Wahrheit einen objektiv ablaufenden Prozeß aufzeigen; Habermas‘ Beschreibungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“, die Einsichten im „Positivismustreit“ („Erkenntnis und Interesse“) oder seine Reflexionen in „Faktizität und Geltung“ haben Wert, wohingegen sich das Ideal des kommunikativen Handelns auf der Basis des herrschaftsfreien Diskurses als Schimäre erwiesen hat usw. Scruton übersieht all dies, weil er auf Nonsenssuche geht. Die wahre Crux linken Denkens sind Prämisse und Synthese und nicht die Analyse, die mitunter genial sein kann.

So entgeht es Scruton in seinem Rundumschlag, daß der französische Postmodernismus gerade nicht in der Kontinuität zu Sartre steht, sondern eine Abwendung von ihm ist, als Reaktion, insbesondere auf den Begriff des „Absurden“, der bei Sartre und Camus zentral ist, in Scrutons Buch aber gar nicht auftaucht, oder aber er verkennt die produktive Potenz eines zentralen Werkes wie „Die Dialektik der Aufklärung“ auch für die Rechte.

Vielleicht ist all das auch nicht überraschend für einen Autor, der meint, „daß nämlich nicht die Macht, sondern die Liebe die Welt bewegt“ und der den „Kapitalismus“ für die ultimo ratio hält und offensichtlich kein Sensorium für die Beschreibung der kapitalistischen Epoche als „Anthropozän“, also als erdgeschichtlich bedeutsames Zeitalter im Hinblick auf die Natur, hat.

Bei aller Kritik gibt es natürlich auch einen positiven Ertrag und den wiederholt Scruton viele Male. Er findet ihn bei allen behandelten Vertretern – trotz ganz differenzierter Ansätze – kranken sie alle an den selben Symptomen: die Linke wolle den Kantischen Imperativ umkehren und eine „Welt der Zwecke“ errichten; es wird ihnen Absolution erteilt, wenn sie die Verbrechen des Kommunismus relativieren, womit kein Rechter rechnen darf; die Theoretiker setzten (marxistische) Begriffe, die oft leer seien (Kapitalismus, Bourgeois, Produktionsverhältnisse, Ideologie etc.); das erste Zielobjekt ihrer Vereinnahmung sei stets die Sprache; die materiellen Verhältnisse der Theoretiker widersprächen notorisch ihrem Gegenstand; ihre Anziehungskraft resultiere nicht aus dem Intellekt, sondern aus den Emotionen; das rationale Argument werde erst durch Verhandlung und dann durch Zwang ersetzt und dergleichen – das sind die Konklusionen Scrutons und sie stehen da meist zu recht.

Und dann gibt es auch wahre Erhellungsmomente – bei mir zumindest, beim unbedarften Leser –, etwa wenn er verdeutlicht, daß die wahren Erben linken Denkens die sogenannten Verschwörungstheoretiker sind, die von „irgendeinem herrschenden Akteur“ ausgehen, oder wenn er erklärt, daß linkes Denken stets Zerstörungswerk sei. Fast alle Zentralbegriffe der linken Theorie sind Spaltbegriffe, von Bourgeoisie, Proletariat, Klasse, Entfremdung bis hin zum Anderen (Levinas) und zur Differenz. Hingegen: „Nation, Recht, Glaube, Tradition, Souveränität – all diese Begriffe bezeichnen etwas Verbindendes.“ Die Aufgabe der Rechten sei es, ein flexibles, bewahrendes konservatives Denken dem Mainstream entgegen zu setzen. Diesen Gedanken entwickelt er in seinem Schlußwort, dem stärksten Teil des Buches, dort also, wo die „Narren, Schwindler und Unruhestifter“ nicht mehr Thema sind, dort, wo er sein eigenes Zerstörungswerk beendet hat.

Das Schlußkapitel rechtfertigt den Kauf des Buches!

Quelle: Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. FinanzBuch Verlag 2021. 410 Seiten. 25 €. Lesezeit: ca. 20 Stunden

Narren, Schwindler, Unruhestifter

PS: Und noch etwas stimmt hier nicht. Immer wieder stieß ich auf neblige Stellen, die nicht recht klar werden wollten. Irgendwann – besonders beim poststrukturalistischen und etwas abstrakteren Mittelteil – kam mir der Verdacht, daß es an der Übersetzung[4] liegen könnte – siehe auch das Eingangszitat. Dabei meine ich nicht mal solche Fehler wie die falsche Übersetzung von „Différence et répétition“ mit „Unterschied und Wiederholung“.
Es sind Stellen wie diese: „Die linke Begeisterung, die in den 1960er Jahren durch die Bildungseinrichtungen fegte, war eine der wirkmächtigsten intellektuellen Revolutionen der jüngeren Geschichte und wurde von ihren Anhängern in einem Maße unterstützt, wie es selten zuvor während einer politischen Revolution der Fall war.“ (229)
Das Original lautet; „The left-wing enthusiasm that swept through institutions of learning in the 1960s was one of the most efficacious intellectual revolutions in recent history, and commanded a support among those affected by it that has seldom been matched by any revolution the world of politics” – es ist von “verlangen”, “fordern” die Rede und nicht von “unterstützen” und auch die “Anhänger” sind im Original eher “die Betroffenen“.
Oder: “Der jubelnde Ton, den man auch als ein Zeichen von Geisteskrankheit interpretieren könnte, zeugt von der totalen Zuversicht über die bevorstehende Offenbarung, und so erinnert das Ganze an entzückende Fesseln, die unter einer Burka hervorblitzen“. (265)
Das Original lautet: „The exultant tone, which one might read as a sign of mental disorder, shows total confidence in the revelation, displayed like a tantalizing ankle beneath a burqa.” – “ankle” wird hier mit “Fessel” übersetzt, poetisch zwar, aber irreführend; wohl ein typischer Nachschlaglapsus.
Oder: “Was ist die Alternative? Und wie kann eine Politik aussehen, die diese respektiert und unterstützt? Mir scheint, daß es drei Ideen gibt, die die Grundlage jeder substantiellen Antwort auf die Argumentation sein müssen, die ich in diesem Buch untersucht habe: die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen und die Persönlichkeit.“ (387)
Das Original lautet: „What is the alternative, and how do we frame a politics that respects and applies it? Three ideas, it seems to me, are fundamental to any substantial answer to the arguments I have examined in this book: civil society, institutions and personality.” – “civil society” wird mit “bürgerliche Gesellschaft” übersetzt; passender wäre wohl “Zivilgesellschaft” … und diese Übersetzung zieht sich durch das gesamte Buch.
 
[1] Deutsche Übersetzung: „Unser Anliegen als politische Wesen sollte sein, die Mächte, die die Gesellschaft zusammenhalten, nicht zu zerstören, sondern ihre Wirkung zu mäßigen. Wir sollten keine Welt ohne Macht anstreben, sondern eine, in der die Macht auf Konsens beruht und in der Konflikte aufgrund einer gemeinschaftlichen Vorstellung von Gerechtigkeit gelöst werden.“
[2] Althusser – Autor „bahnbrechender“ Marx-Studien, bekannte in seinen autobiographischen Schriften posthum, daß er selbst Marx nur sehr kursorisch kannte, von der Geschichte der Philosophie ganz zu schweigen.
[3] Das Lacan-Kapitel stimmt im Wesentlichen mit meinen Lektüreerfahrungen überein.
[4] Übersetzt hat das Werk Krisztina Koenen. Sie ist gebürtige Ungarin und auch wenn ihr Deutsch hervorragend ist, so ist sie wohl doch keine Muttersprachlerin. Englisch aber – das glauben viele Menschen nicht – ist eine der am schwersten zu übersetzenden Sprachen. Der enorme Reichtum an Vokabular und idiomatischen Wendungen ist nur eine Ursache. Vieles, was man als Fremdsprachler intuitiv sehr wohl verstehen kann, ist enorm schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Koenen hatte etwa auch Ryszard Legutkos „Der Dämon der Demokratie“ übersetzt und dieses Buch wird hier wegen seiner klaren Sprache hervorgehoben – allerdings übersetzte sie wohl aus dem Polnischen!

Hasnain Kazim: Mein Kalifat

„Demokratie? Ich bin hier, um die Demokratie zu verteidigen! Nicht, um sie zu praktizieren.“  (Der Kalif)

Hasnain Niels Kazim liebt seine deutsche Heimat! Das meint das Dorf Hollern-Twielenfleth und das Alte Land und das liegt irgendwo da oben. Er liebt die Landschaft, den Dialekt, die Leute, das Essen, alles. Aber er liebt auch Österreich, Wien und die Wiener, oder Pakistan, wo seine Familie herstammt, und überhaupt kann der Weitgereiste jeder Gegend, in der er gelebt hat, etwas abgewinnen, nur Sachsen nicht, denn dort gibt es Pegida. Von dort her wird – so empfindet er ganz aufrichtig – seine geliebte Heimat bedroht. Der sächsische Dialekt ist ihm ein Graus – man kann das verstehen –, die Teilnahme an einer Pegida-Demonstration war ihm Schlüsselerlebnis.

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Aus der Zeit gefallen – Nadolny

VesaasJüngerNadolny

Nadolny, der Erzähler, fällt gleich mit der Tür ins Haus. Schon der Titel seines Romans – „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – ist programmatisch und sein erster Satz ringt alle Ambiguität nieder: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.“ Stattdessen hielt er stundenlang das Seil und blickte durch die Aktivitäten der anderen Kinder hindurch in eine andere Zeitdimension.

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Aus der Zeit gefallen – Jünger

VesaasJüngerNadolny

Es fällt dem Leser Vesaas‘ mitunter schwer, sich seinen Helden Matti als erwachsenen Mann vorzustellen, so „kindlich“ sind seine Gedankengänge, seine Handlungen, seine Sprache. Dieses Problem hat Ernst Jüngers Figur aus „Die Zwille“  nicht, denn Clamor Ebling ist gerade – zu Beginn der Handlung – Schüler eines Gymnasiums geworden. Sein Lebensweg wurde von einem Vormund umgelenkt, er wurde „verpflanzt“, aus seiner dörflichen Heimat, aus seinem Horizont herausgerissen und ins Stadtleben geworfen. Für Clamor beginnt eine Schreckenszeit, in der ihn die Angst regiert. Jünger macht aus dem Leid kein Hehl, immer wieder benennt er die Defizite des Jungen mit aller Klarheit – „das Tier“ Angst „lag immer auf der Lauer“:

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Aus der Zeit gefallen – Vesaas

VesaasJüngerNadolny

Johannes Møllehave hatte irgendwo geschrieben, er halte Tarjej Vesaas‘ Roman „Fuglane“ – „Die Vögel“ – für die wichtigste Lektüre seines Lebens und Ove Knausgård adelte den Roman als den besten norwegischen aller Zeiten. Der verdienstvolle Guggolz-Verlag, dem wir auch das wundersame „Straumeni“ verdanken, hatte letztes Jahr nun auch Vesaas dem deutschen Publikum in neuer Übersetzung ins Gedächtnis gerufen. Allerdings war Vesaas nie – wie im Feuilleton immer wieder betont wird – ein „wiederentdeckter“ oder „vergessener“ Autor, weder in Deutschland noch in Skandinavien. Erstens hatten Benziger und Hinstorff in den 60er Jahren hüben wie drüben Vesaas verlegt und zweitens war der Autor in der skandinavischen Literatur stetig präsent und diskutiert. Da wurde eigene Unkenntnis zu schnell verallgemeinert.

Das ist deswegen erwähnenswert, weil das unisono überschwengliche Urteil im Feuilleton dadurch relativiert wird und man sich folglich fragen muß, weshalb der fast 65 Jahre alte Roman nun Begeisterungsstürme provoziert.

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Textkritisch übersetzen

Fortsetzung von: Sándor Márai und die Russen und: Meditationen über das Fremde

Man kann die Frage ganz prinzipiell stellen: ab wann darf man einen Klassiker überhaupt kritisieren in Form des Weglassens, Korrigierens oder Übersetzens? Ein systemisches Problem des Lektorats ist es, daß der Autor den Lektoren oder Übersetzer in der Regel überragen sollte. Dem Lektor obliegt es, stilistische, sprachliche, grammatische und auch sachliche Fehler eines Textes ausfindig zu machen, selbstverständlich kann er auch seine Sicht zur Konstruktion eines Kunstwerkes äußern, aber der Autor sollte dennoch die Hoheit über sein Werk nie abgeben müssen. Solange er lebt, kann er seine Interessen und Ansichten vertreten – nach seinem Tode ist sein Text wehrlos.

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Meditationen über das Fremde


Diese Fremdheit dem Russen, dem Sowjetmenschen, dem Kommunisten, dem Slawen oder „dem Asiaten“ gegenüber schien Márai vollkommen überrumpelt zu haben, die Intensität der Auseinandersetzung deutet auf einen genuinen Schock hin. Es gelingt ihm noch nicht mal, den Fremden, den Anderen begrifflich zu fixieren, weswegen er immer wieder zwischen den Zuschreibungen wechselt und sich ständig fragt, welches der Attribute nun das dominante sei.

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Sándor Márai und die Russen

Niemand, der auch nur ein wenig Ahnung hat, wird bezweifeln, daß Sándor Márai ein großer Romanautor war – und wer es bezweifelt, hat keine Ahnung.

Weit weniger bekannt ist freilich, daß der Mann ein noch besserer Tagebuch- und Erinnerungsschreiber war und hier, in diesem Metier, gehört er zum Besten, was uns die Schriftkultur  zu bieten hat.

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Zeitschriften – Greenpeace Magazin

Seit vielen Jahren liegt diese Zeitschrift alle zwei Monate in unserem Briefkasten – ich habe sie meist nur nebenbei durchgeblättert, so wie man das in einem Wartezimmer etwa tut, die neueste Nummer habe ich mir nun zwecks Vorstellung, etwas genauer angeschaut.

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Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

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Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Die Ordnung der Dinge

Betrachtet man den dünnen, ununterbrochen fließenden Faden, konnte man in ihm eine große Ordnung erkennen, denn er lief herab ohne dicker oder dünner zu werden, und dasselbe fehlerfreie Maß, das den Lauf der Gestirne bestimmt, zeigt sich auch in den Fingern der Spinnerinnen.

Im Berliner Guggolz-Verlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, lang vergessene Meisterwerke der baltischen, nordischen und osteuropäischen Literatur zurück in den Strom der Leseflüsse zu führen, erschien nun unter den zahlreichen Preziosen ein gar wundersames, man darf sagen, einmaliges Buch: Straumēni.

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Sloterdijks Samthandschuhe

Bewahrung läßt sich nur durch Modernisierung verwirklichen. Die echten Konservativen sind progressiv, weil sie etwas haben, wovon sie überzeugt sind, es verdiene Bewahrung. Leerer Progressismus führt zu nichts. Nur wer etwas hat, wofür er die Hand ins Feuer legt, betreibt Bewahrungspolitik authentisch. Peter Sloterdijk

Diese kleine Sammlung später, vor allem coronaler Interviews ist zuvörderst ein Beweis des vitalen und virulenten vierzigjährigen Denkens Sloterdijks. Es stellt ihm ein ganzes, längst erarbeitetes Arsenal an Begriffen und Denkbewegungen zur Verfügung, die jetzige Ausnahmesituation ansatzweise zu erfassen.

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Helmut Lethens Raumfahrt durch die Zeit

Warum erzählt Helmut Lethen von jenem Werbeplakat aus den 70er Jahren im Utrechter Busbahnhof, das eine Kaffeewerbung mit dem Tod verbindet? Weil es ein Beispiel der Vagheit der eigenen Erinnerung ist, denn eine heute mögliche Internetrecherche belehrte ihn, daß die jahrzehntealte Reminiszenz in fast allen Details falsch war. Das ist ein Vorbehalt. Und noch so ein Satz: „Es ist nicht immer leicht, den Gedankengängen der Rechtsintellektuellen zu folgen.“ Nun, das gilt auch spiegelbildlich.

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Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.

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Das gespaltene Land

Maaz‘ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.

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Das Orientbild der Digedags

Man kann die Bedeutung des „Mosaiks von Hannes Hegen“ für die vor allem männliche Jugend der DDR nicht überschätzen. Die 60er, 70er und 80er Jahre waren wesentlich geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Universum der drei Comic-Figuren Dig, Dag und Digedag. Jeden Monat stand man an den Zeitungskiosken Schlange, um das neue Heft zu erstehen. Meine früheste Erinnerung sieht mich mit meinem Vater am Kiosk warten, wo er das Heft 171 kauft: „Die Jagd nach dem Truthahn“. Ein Blick in die „Mosapedia“, ein eigens von Fans eingerichtetes Online-Lexikon, belehrt mich, daß das im Februar 1971 gewesen sein muß – damals war ich noch keine sechs Jahre alt.

Man darf die gewagte These aufstellen, daß die Pegida- und AfD-Generation durch das Mosaik geprägt wurde.

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Luther – Prophet der Deutschen

Niemand, der über Luther schreibt – sei es in historischer Absicht, mit politischen Zielen oder theologischen Deutungen – wird heutzutage unwidersprochen bleiben. Zu komplex ist diese Figur und zu viele Interessen verbauen den objektiven Zugang. Und Luthers eigene eklatante Widersprüchlichkeit, vor allem seinen Charakter betreffend, tut ein Übriges.

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Politik als Überforderung

Wenn mich jemand nach Tips beim Fremdsprachenlernen fragt, so ist meine erste Antwort stets: Grundlagen erarbeiten, und sobald man Texte verstehen kann, lesen und hören zugleich. Im Idealfall einem professionell eingelesenen Hörbuch lauschen – besseres Aussprachetraining gibt es nicht – und den Text dazu vor Augen haben.

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