Nathan Never

Es gibt in Italien eine ausgesprochen vielfältige Comic-Kultur, die weit in die Geschichte zurückreicht. Es begann bereits 1948 mit dem legendären Tex Willer, einer Cowboy-Figur, die 20 Jahre später von anderen Wildwest-Erscheinungen, einem „Mister No“ und einer neuen Serie namens „Zagor“ ergänzt wurde. Treibende Kraft war Gian Luigi Bonelli, der sich ein kleines „Fumetti“-Imperium aufbaute, das später von seinem Sohn Sergio Bonelli ins Gigantische ausgebaut wurde. Die Hefte von „Sergio Bonelli Editore“ liegen bis heute in jedem „Edicola“ an der Ecke aus.

Spätestens mit den Serien „Martin Mystere“ und „Dylan Dog“, die 1982 bzw. 1986 starteten, hatte das Haus Bonelli den einfachen Superheld-Amerikanimus verlassen und sich in quasi-philosophische Regionen begeben. Mystere – Detective dell‘ Impossibile – und Dylan Dog – L’indagatore dell’Incubo – begannen das Mysteriöse, das Übersinnliche, auch das Historische zu ergründen, Martin Mystere auf mehr wissenschaftlichem Weg, Dylan Dog hingegen ins Grusel- und Horror-Genre reichend. Beide Protagonisten hatten einen stilbildenden Begleiter, sie waren Vorbild für ein Personen-Set, das seither mehrfach wiederholt wurde. Der Historiker wird fast immer von Java, einem in die Neuzeit geretteten Neanderthaler begleitet, der Erforscher des Unheimlichen hingegen weiß eine Groucho-Gestalt neben sich die auch in den schrecklichsten Situationen einen zündenden und typisch Marxschen Witz auf den Lippen hat und damit die Spannung kongenial ableitet.

Auch „Magico Vento“, ein indianischer Krieger und Schamane hat einen Kompagnon der ganz unmittelbar an Edgar Allen Poe orientiert ist. Kurz und gut, seit Mitte der 80er Jahre versuchten viele der Comics aus der Pop- in die Hochkultur überzugreifen und sehr oft gelang das auch.

Erwähnenswert – zwei meiner Favoriten – sind auch „Nick Raider“ und „Julia“, beides Detektive. Raider ist ein klassischer Polizeidetektiv mit schnellem Griff zur Pistole. Die gesamte Serie ist an Ed McBains „87th Precinct“ orientiert und leistet wie McBain selbst, in der Gesamtheit eine Art Entzauberung des multikulturellen Melting-Pots aus kriminalistischer Sicht. Julia hingegen ist eine zarte Frau, die optisch ganz frappierend an Kathrin Hepburn erinnert; sie lehnt Waffen komplett ab und löst ihre Fälle durch psychologische Feinfühligkeit und nicht selten werden hierzu neuere wissenschaftliche Erkenntnisse eingearbeitet. Bonelli-Comics sind mehr als Action und Fun, sie sind für kleines Geld echtes Bildungsgut.

Ich entdeckte sie Mitte der 90er Jahre, als ich noch Italienisch lernte. Sie haben mir dabei viel geholfen. Als dann Ebay aufkam, gelang es mir ganze Komplettserien zu erwerben. Jedes Jahr nutzten wir unseren Italienurlaub, um irgendwo eine Sammlung aufzuladen. Heute stehen der komplette Nick Raider in meinem Regal, 150 Hefte Julia, 100 Martin Mystere, 50 Magico Vento, einige Dutzend Dylan Dog und noch eine ganze Reihe kleinerer Bestände mit anderen Helden.

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meine kleine Fumetti-Sammlung

Für unseren Kontext aber am wichtigsten ist „Nathan Never“, dessen erste 130 Hefte nebst aller Sondereditionen ich einst in Mailand abholte. Das was ein echter Ebay-Coup und es muß 2003 gewesen sein, denn bis 2002 ist die Serie komplett und schön säuberlich in Folie eingeschlagen.

Sie wird heuer, im Juni, exakt 30 Jahre alt. Nathan Never – Agente Speciale Alfa – ist auch aus anderer Sicht noch interessant, denn hier handelt es ich um „Fantascienza“, also um utopische Literatur. Voraussagen haben immer den Vorteil, daß man sie nach einer längeren Weile mit der Realität vergleichen kann. Wer sich einmal die Zukunftsvorstellungen der – sagen wir – 30er oder 50er Jahre angeschaut hat; auch die Digedags machen da keine Ausnahme –, der wird erstaunt feststellen, wie naiv und fortschrittsgläubig unsere Vorväter waren. Sie träumten von fliegenden Autos und langen Glasröhren, in denen man mit fast Lichtgeschwindigkeit reiste, von rein artifizieller Nahrung und von Marsurlauben und nur ganz selten schien jemand auf die Idee zu kommen, daß dieser kleine Planet dazu gar nicht die Ressourcen hat. Sie stellten sich meist eine viel bessere, gerechtere, friedlichere Welt vor, in der die Menschen kaum noch arbeiten, in der Roboter alles übernehmen … aber Natur ist selten zu sehen und fast nie als zerstörte.

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Das erste Heft – Juni 1991© Bonelli Editore

Nathan Never ist ganz anders. Seine Welt ist bereits eine post- oder quasi-apokalyptische. Die Autoren der Serie orientieren sich sehr häufig an utopischer Literatur oder am Kino und viele dieser Schöpfer waren ernsthafte Denker. Man kann bei Arthur C. Clark, Lem, Strugatzki, A.E.van Vogt, Fritz Leiber, Poul Anderson und vielen anderen noch immer sehr viel über den Menschen und die Technik lernen. Es gibt Stimmen, die behaupten, daß technisch und gesellschaftlich nur das möglich ist, was zuvor im Science Fiction und im Comic entworfen wurde und diese These kann man leicht empirisch belegen, man darf nur nicht den Fehler machen, alles, was dort kreiert wurde, tatsächlich auch verwirklicht zu sehen. So oft diese Autoren auch richtig lagen, viel öfter liegen sie falsch.

Nathan Never nun ist ein Spezialagent aus der Zukunft. In seinem Leben hat er bereits schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen, weshalb sein Haar früh ergraute. Jahrelang verlebte er in einem Shaolin-Kloster und brachte es dort zur vollkommenen, weil aus innerer Erleuchtung erwachsenden, Kampfkunst, so wie das Herriegel für die Kunst des Bogenschießens[1] beschrieben hatte – und wenn man heutzutage etwa die unglaublichen Leistungen eines Lars Andersen oder Lajos Kassai sieht, dann ahnt man, wozu übende und fokussierte Menschen in der Lage sein können.

Sein Leben und das seiner Agentur wird über hunderte Hefte sukzessive zu einer wahren Saga ausgebaut, die eine Vielzahl an Figuren einschließt, mit zahlreichen Geschehnissen, die auch historisch aufeinander Bezug nehmen, auch wenn man jedes Heft für sich lesen und verstehen kann.

So phantastisch und realitätsfern die Welt des Nathan Never auch oft erscheint, unter der Oberfläche kann man doch eine ganze Reihe an gut gesehenen Entwicklungen betrachten. So wird uns mit dem Polen Sigmund Baginov – nationale Identität gibt es vereinzelt also noch – der frühe Protoptyp eines Menschenschlages vorgestellt, der seit zwei Jahrzehnten etwa zum Alltagsbild gehört: der Nerd, ein oft genialischer aber vollkommen in die computertechnische und virtuelle Welt versunkener Mensch, körperlich deformiert und emotional geschädigt, „seltsam“ in Habitus und im Sozialverhalten, aber quasi mitfühlend mit dem Gefühllosen lebend.

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Sigmund – il polacco – der Nerd © Bonelli Editore

Das gesamte Ökosystem der Erde wurde im 22. Jahrhundert durch ein größenwahnsinniges Projekt des Geoengineering aus der Balance gebracht, weite Teile der terrestrischen Welt versinken im Meer, andere veröden – dort leben extrem mutierte Bestien – und menschliches Leben ist nur an wenigen Flecken möglich, wo sich undurchdringliche Megalopolen bilden.

Die Gesellschaft dieser Zukunft ist eine komplett durchmischte, nicht nur leben alle Kulturen und Ethnien nebeneinander, nein, es haben sich auch alle möglichen Kombinationen ergeben, übrigens nicht nur durch Sex generierte, sondern auch Vermischungen mit der Technik. Teile der „Mensch“heit sind längst transhumanisiert, oft sind die Grenzen gar nicht mehr wahrnehmbar, unter der Haut stecken oft Drähte und Schaltkreise, Geist und Seele sind mit einem ins Monströse gewachsenen Internet direkt verbunden und können Hirne und Träume manipulieren. Das soziale Leben ist nicht mehr gewachsen – es ist designt. Gerade eben hatte Michael Esders in einem erhellenden Beitrag[2] und im Anschluß an einem Gedanken des Philosophen Byung-Chul Han die dystopische Vision einer „digitalen Sozialtechnologie“ entworfen, in der „gewachsene Vertrauensverhältnisse“ schlicht und einfach obsolet werden, weil Zusammenleben nur noch monadisch funktioniert und artifiziell organsiert werden kann.

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il primo livello: hier leben die Unantastbaren © Bonelli Editore

In dieser Welt lebt Nathan Never längst. Denn wenn sich der Multikulti-Traum vollkommen durchgesetzt haben wird, dann leben wir nicht im neuen Arkadien sondern das Armageddon steht vor der Tür. Menschen und Halbmenschen wechseln ihre Identitäten nach Belieben, ohne je zur inneren Ruhe kommen zu können. Während die Protagonisten meist mit überdeutlichen Geschlechtsmerkmalen gezeichnet sind, wirkt die Restkommune oft sehr androgynisiert. Die Gesellschaft – eine riesige Mega-City – ist in verschiedene „Levels“ aufgeteilt: unten leben die Gescheiterten und die zum Krüppel geimpft und gechippten, die „Nigger of the World[3], die „Mutanten“ und Experimentopfer, nur wer im obersten Level lebt, sieht auch die Sonne und hat noch ein Empfinden für freie Luft. Wer nicht auf der Erde lebt, der verbringt sein Dasein auf fernen Raumstationen, Mega-Ausgaben der MIR, auf die Millionen emigrierten – Asimovs „Foundation“-Serie stand hier Pate. Statt mit Menschenliebe, umgeben sie sich mit aus der Genretorte kreierten Haustieren, halten Videokonferenzen ab, trinken Energytrinks, öffnen Türen via Retina-Scan, und führen einen Alltag in der Komplettüberwachung, der vom Bildschirm diktiert wird. Neue brutale Sportarten begeistern die Massen, aber nicht mehr Nationen oder Klubs sind die Identifikationsgrößen, sondern Marken oder soziale Gruppen. Das weltumspannende Internet hat längst die Hirne infiltriert und umgekehrt werden zerebrale Aktivitäten unmittelbar ins Netz eingespeist, wo man sich permanent auch mit Schad- und Spionageprogrammen auseinanderzusetzen hat usw. Fast komisch wirkt es dann, daß Macher der Serie vor dreißig Jahren nicht sehen konnten, daß die alten Röhrenmattscheiben bald ausgedient haben würden.

Auch „das Virus“ wird immer wieder zum Thema. Daß es in einer durchglobalisierten Welt zur universellen Bedrohung werden würde – daß Computervirus ebenso wie der RNA-Träger – war den Autoren vollkommen bewußt, umso erstaunlicher das Erschrecken der Welt, wenn es nun übernimmt.

Nathan Never hat es nun auf 360 Ausgaben gebracht, es wurde ein ganzes Erzähluniversum geschaffen. Die letzten 20 Jahre habe ich verpaßt, aber ich bin sicher, daß es noch immer lohnen kann, Nathan Never und seine Inspirationsquellen zu konsultieren, will man die heutige und die morgige Welt verstehen.

[1] Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens. Bern 1948
[2] Michael Esders: Auf dem Rückzug. In: Tumult  1/2021
[3] Copyright: John Lennon

Drei Zeitschriften – Hohe Luft

Die „Hohe Luft“ – ein vielversprechender Titel –, die als „Philosophie-Zeitschrift“ vertrieben wird, „für alle, die Lust am Denken haben“, kam ganz zufällig in meinen Blick. Daniel-Pascal Zorn hatte via Twitter auf einen seiner Artikel in diesem Blatt und damit auf ein überhohes Niveau verwiesen – Zorn sieht sich quasi als letzten streng denkenden Philosophen der Gegenwart, der gern fast allen anderen Zeitgenossen das Philosoph-Sein abspricht. Exakt, was meine dürstende Seele suchte.

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Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

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Drei Zeitschriften – Die Kehre

 Man sollte immer wieder versuchen, seinen Horizont zu erweitern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. In diesem Monat habe ich zwei mir neue Zeitschriften bestellt, drei andere habe ich bereits im Abo und eine der beiden neuen wird nun hinzukommen. Drei davon möchte ich nachfolgend kurz vorstellen.
  1. Die Kehre

Die habe ich seit Beginn ihres Erscheinens abonniert, sie nennt sich „Zeitschrift für Naturschutz“, ist geistig im neurechten Milieu verwurzelt und sieht sich – wie der Name bereits verrät – im gründenden und hegenden Denken Heideggers verwurzelt. Treibende Kraft ist Jonas Schick, ein junger studierter Politologe, der auch auf „Sezession im Netz“ veröffentlicht. Mit seinen 30 Jahren hat er sich offenbar schon recht tief in die wissenschaftliche Öko-Debatte eingearbeitet. Das Ziel der Zeitschrift ist es wohl, das Ökologie-Thema dem linken Diskurs streitig zu machen und es dorthin zurückzuholen, wo es genetisch hingehört: nicht in die progressistische – denn blinder Fortschrittswille ist das Entree Billet in die Umweltkatastrophe –, sondern in die konservative Ecke, aus der es auch geboren wurde. Auch wenn Heidegger, die beiden Jünger und nun noch Sieferle zu den wesentlichen geistigen Inspirationsquellen gehören, befleißigt man sich doch auffallend, die ganze Breite, vor allem auch die aktuelle Diskussion und gänzlich ohne ideologische Scheuklappen, einzubeziehen, also weg von den grauen Klassikern – die im Hintergrund weiter wirken – hin an den Puls der Zeit.

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Guardiolas Titanic-Fahrt

Verlieren gehört dazu! Wer nicht verlieren kann, der sollte kein Fußball-Fan sein. Manche – wie z.B. Schalke oder HSV-Fans – kennen gar nichts anderes mehr. Auch bei Manchester City weiß man ein Lied davon zu singen. Jahrzehntelang war man eine unberechenbare Fahrstuhlmannschaft, deren offizieller Slogan zwar „Superbia in Proelia“ lautete, inoffiziell erkannte man den wahren Fan aber an seinem „typical City“, was so viel hieß wie: nie Vorfreude riskieren, sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf tragische Weise bitter bestraft werden.

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Die Ordnung der Dinge

Betrachtet man den dünnen, ununterbrochen fließenden Faden, konnte man in ihm eine große Ordnung erkennen, denn er lief herab ohne dicker oder dünner zu werden, und dasselbe fehlerfreie Maß, das den Lauf der Gestirne bestimmt, zeigt sich auch in den Fingern der Spinnerinnen.

Im Berliner Guggolz-Verlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, lang vergessene Meisterwerke der baltischen, nordischen und osteuropäischen Literatur zurück in den Strom der Leseflüsse zu führen, erschien nun unter den zahlreichen Preziosen ein gar wundersames, man darf sagen, einmaliges Buch: Straumēni.

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Sloterdijks Samthandschuhe

Bewahrung läßt sich nur durch Modernisierung verwirklichen. Die echten Konservativen sind progressiv, weil sie etwas haben, wovon sie überzeugt sind, es verdiene Bewahrung. Leerer Progressismus führt zu nichts. Nur wer etwas hat, wofür er die Hand ins Feuer legt, betreibt Bewahrungspolitik authentisch. Peter Sloterdijk

Diese kleine Sammlung später, vor allem coronaler Interviews ist zuvörderst ein Beweis des vitalen und virulenten vierzigjährigen Denkens Sloterdijks. Es stellt ihm ein ganzes, längst erarbeitetes Arsenal an Begriffen und Denkbewegungen zur Verfügung, die jetzige Ausnahmesituation ansatzweise zu erfassen.

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Das Paradox der Politischen Korrektheit

Die weitgehende hegemoniale Macht der links-grünen Ideologie – die eine lange Geschichte hat -, ist offensichtlich. Daran ändert auch die seltsame Wahrnehmung vieler linker Meinungsprotagonisten nichts, die exakt das Gegenteilige wahrnehmen wollen: eine Diskursverschiebung nach rechts. Anlaß für solche Bilder sind in der Regel Einzelerscheinungen, mehr oder weniger fragliche Äußerungen von Individuen, die dann unter dem Label „den Raum des Sagbaren ausweiten“ verarbeitet werden.

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Johannes Møllehave ist tot.

Menschen, die ein gutes Gewissen haben, haben in der Regel auch ein schlechtes Erinnerungsvermögen. (Johannes Møllehave)

Møllehave ist tot – heute am 10. Mai ist er in einem Altersheim gestorben. Aus diesem Anlaß stelle ich noch einmal meinen Artikel über ihn ins Netz.

Für die Dänen war Møllehave eine wichtige Persönlichkeit, eine Ausnahmeerscheinung. Hunderttausende waren zu seinen Vorträgen gekommen, Millionen haben seine Bücher gelesen, seine dauerhafte Beschäftigung mit Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Grundtvig und überhaupt allen großen Dichtern und Denkern der Dänen, war ein wesentlicher Beitrag, die kulturelle und historische Identität dieses kleinen Volkes zu stärken – jenseits eines primitiven Nationalismus.

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Die Deutungshoheit über das Lachen

Viele dürfte die unglaubliche Vehemenz überrascht haben, mit der die eine Meinungsseite auf die gut 50 Corona-Clips reagiert hat, während die andere sogleich in Begeisterung fiel. Die Filmchen wirkten wie Marmite – You either love it or hate it. Man kann an der Reaktion grob die Linie zwischen rechts und links ziehen.

Die Empörung hat Geschichte – wir sprechen über die zweite subtextuelle, meta-mediale Frage des Medienereignisses. Denn es ist bei weitem nicht der erste Fall medial generierter Entrüstung über den Humor, es ist der bisherige Höhepunkt einer längeren Reihe an „Skandalen“: Uwe Steimle oder Kay Ray wurden entlassen, Andreas Thiel gilt ob seiner Islamwitze als fragwürdig, Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart sind rote Tücher für das linke Feuilleton …, um nur einige Namen zu nennen.

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Die ewige Rechte

Die mediale Aufarbeitung einiger ironischer Videos bekannter Kulturschaffender wirft mindestens zwei subtextuelle oder meta-mediale Fragen auf. Die eine ist die Frage nach Rechts.

Nur wenige der Delinquenten hatten bisher den Mut, für ihr eigenes Handeln offensiv einzustehen, dazu gehören ein Schauspieler namens Liefers und ein Regisseur Brüggemann. Viele andere haben den Schwanz eingezogen oder das schon längst eingeübte Reueritual vollzogen, das alten DDR-Zeitzeugen so unangenehm bekannt vorkommen sollte, müßte man darüber nicht jedes Mal laut lachen.

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Islam als positive Herausforderung

Gastbeitrag von: Tarik

JULIAN: „Say it then. Who shall conquer? The Emperor or the Galilean?

MAXIMUS: „Both Emperor and Galilean shall go down…If in our time of hundreds of years hence, I know not; but it shall happen when the right man comes…O thou fool, who hast drawn thy sword against the future – against that third empire – WHERE THE TWO-SIDED WILL REIGN.

JULIAN: „The third Empire? Messiah? Not the kingdom of the Jewish people but of the spirit, and the Messiah of the kingdom of the world.

MAXIMUS: „Logos in Pan – Pan in Logos.“

(Henrik Ibsen – Emperor and Galelean, 1873)

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Ramadan als Wehrübung

Gerade begehen Millionen unserer Mitmenschen den Ramadan. Mittlerweile wird das in der Presse gefeiert, mittlerweile klären die Medien flächendeckend auf, mittlerweile wünschen staatliche Stellen einen „Gesegneten Ramadan“, mittlerweile haben wir uns an den Mundgeruch in der Straßenbahn gewöhnt – als Ausdruck des Rechtes auf freie Religionsausübung.

Alle Religionen kennen Fastenzeiten und asketische Exerzitien. Wenn man den Begriff der Religion – religio: Rückbindung – aber modifiziert oder ihn durch einen anderen ersetzt, dann werden neue Perspektiven sichtbar, dann wird auch verständlich, weshalb der Islam – die theologisch wohl schwächste aller Weltreligionen – eine solche Ausdauer haben konnte und weshalb er gerade jetzt, verbunden mit einer demographischen Explosion, sich anschickt, die Welt ein zweites Mal zu erobern.

Der Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“:

  1. Das Glaubensbekenntnis, die Schahada
  2. Das fünfmalige tägliche Gebet
  3. Das einmonatige Fasten während des Ramadans
  4. Die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka
  5. Der Zakad, die Spende an die Bedürftigen

Peter Sloterdijk hatte in seinem fulminanten Großessay „Du mußt dein Leben ändern“, den umstürzenden Gedanken geäußert, den Begriff der Religion abzulegen. Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“ … „Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdient, hat eher eine anthropologische als eine ,religiöse‘ Spitze.“ Darüber hinaus sei der Begriff kulturimperialistisch, da er nur im Westen verstanden würde und Hindus und Buddhisten schon Jahrhunderte zuvor „Religion“ ausübten, ohne diesen Begriff zu benötigen, der ihnen erst durch „Religionswissenschaftler“ aufgedrängt wurde.

Mohammeds Genie liegt in der Vorwegnahme dieses Gedankens und in der Installation eines entsprechenden Regulariums. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die fünf Säulen des Islam – andere Pflichten, wie der kleine und der große Djihad, die Koranlektüre, das Auswendiglernen … kommen hinzu –, so erkennen wir ein ausgeklügeltes Hochintensivtrainingsprogramm. Bis auf die Schahada, die theoretisch nur ein Mal, bei der Annahme der Religion, gesprochen werden muß, die in der Realität aber tagtäglicher innerer Begleiter der meisten Muslime ist – etwa beim Bismillah vor jeder Mahlzeit, vor dem Geschlechtsverkehr etc. –, bis auf die Schahada also und die Hadsch, handelt es sich um Permanenzübungen.

Vor allem das Gebet entfaltet eine enorme Macht. Alle drei Stunden circa ist der Muslim angehalten innezuhalten, sich aus der realen in die spirituelle Welt zu begeben, eine „Vertikalspannung“ zu seinem Gott aufzubauen, und dabei immer wieder die gleichen Formeln zu beten und sich mindestens 17 Mal vor dem Gott in den Staub zu werfen. Die psychomotorische Ausrichtung eines Hirns, das sich diesem Exerzitium unterwirft, ist sehr wahrscheinlich. Der physische Akt des Niederwerfens – hier erkennt man, daß Mohammed ein kluger Intuitivpsychologe war – verbindet beide Ebenen und vertieft die geistige Gravur durch körperliche Repetition. Heute ist das neuester Stand der Wissenschaft, heute nutzt man das Verfahren im Profisport, bei Rehabilitation oder bei der Gehirnwäsche.

Die Hadsch war einst ein enormer Kraftakt. Sich in einen Jet zu setzen, in Mekka zu landen, sich ein Tuch umzuwerfen, ein Selfie zu machen, dieses bei Instagramm einstellen und zwei Tage später schon wieder im Trainingslager der Nationalmannschaft zu sein, dürfte an der Paradiespforte eher wenig goutiert werden. Die Hadsch war als asketisches Exerzitium gedacht, als Leidenszeit, als Zeit des Selbstrisikos. Wer einmal durch die Wüste zog, um die Kaaba zu umrunden, und dabei Hitze und Entbehrung erleiden mußte, den Tod riskierte oder den Überfall durch marodierende Banden, die gnadenlose Sonne ertrug … für den ist die Ankunft, ist das Gemeinschaftserlebnis, ist das Erreichen des Ziels wie eine Offenbarung. Man muß als moderner Mensch schon Reinhold Messner lauschen, um eine Ahnung davon zu bekommen.

Selbst der Zakad ist als Übung zu beschreiben. Es geht darum, 2,5 bis 10 Prozent seines Einkommens an die Armen abzugeben. Die christlichen Konfessionen kennen das als Zehnt oder Kollekte. Aber das Opfer, die Spende, das Almosen ist seit je ein stark wirkendes Gottes-Aphrodisiakum, eine Wohlfühlmaschine und eine Verbindung zum Transzendenten. Wird sie regelmäßig eingeübt, entfaltet sie ihre abhängig machende Glückswirkung.

Unter diesen Vorzeichen ist die Funktion des Ramadan evident. Sein jährlicher Wiederholungscharakter zeichnet ihn als Exerzitium par excellence aus. Der Hadsch vergleichbar, konnte Mohammed nicht ahnen, daß seine Jünger einst in allen Weltteilen sich umtreiben, bzw. war es Mohammed nicht bewußt gewesen, wie groß die Welt eigentlich ist. Es gibt Indizien dafür, daß er vom Scheibencharakter der Erde und damit ihrer Endlichkeit, überzeugt war. Seine Religion ist eine Wüstenreligion, seine Welt reichte bis an den Rand der Dürre, bis an die Berge, er konnte also nicht ahnen, daß es für einen Muslim in Norwegen Probleme geben könnte, die Mekkawanderung zu leisten oder den Ramadan ohne Kompromisse zu überleben. Man hätte von Al Alim, dem Allwissenden, möglicherweise eine konkrete Anweisung für diesen Fall erwarten können …

Auf der arabischen Halbinsel teilen sich Tag und Nacht in schöner Gleichmäßigkeit von ca. 12 Stunden (± zwei) die Zeit, sommers wie winters. Trotzdem ist der Übungserfolg bedeutend. Es ist eine 30-malige Übung zur Abwehr des Zweifels, eine Überwindung des inneren Schweinehundes (pardon), ein zwar überschaubares Leid, durch seine Wiederholung aber ein sehr wirksames. Zudem führen die Intensivierung des Gebets, die größere Offenheit für Spiritualität während des Fastens, die Freude über die Überwindung zu einer gefühlten Gottesnähe, das täglich gemeinsame Fastenbrechen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Umma, die Distinktion zwischen „Wir“ und „die anderen“, zwischen mumin und kuffar, und damit die Sicherheit des Dazugehörens.

Vermutlich ist der Islam das am meisten durchorganisierte – man kann von Psychodesign sprechen – „religiöse“ System. Seine Anhänger sind – das muß die Intention des Gründers gewesen sein – mehr oder weniger durchtrainierte potentielle Glaubenssoldaten. Lediglich der Buddhismus kennt in einigen Spielarten ein ähnlich starkes Training, die Meditation, deren Energie freilich komplett nach innen geleitet wird, wohingegen der Islam eine extrovertierte Religion darstellt. Seine hohe Repetitivität verleiht ihm seine Macht, die er seit 1400 Jahren, trotz weitgehend kultureller Rückständigkeit, beeindruckend unter Beweis stellt. Wer all diese Entbehrungen auf sich genommen hat, für den ist es mit jedem Male schwerer, den zurückgelegten Weg kritisch zu betrachten. Es wäre dann alles umsonst gewesen …

In diesem Sinne: Gesegneter Ramadan!

Pierre Vogel: „Der Ramadan ist ein Trainingslager, eine Schule für dich.“

Siehe auch: Allahu Akbar – eine Klarstellung

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Pál Telekis historische Tat

„At the Conference table we shall place a chair for Count Paul Teleki. That empty chair will remind all who are there that the Hungarian nation had a Prime Minister who sacrificed himself for that very truth for which we too are fighting.“ Churchill

Vielleicht kann man Geschichte mit einem beweglichen Knoten vergleichen, der sich anhand des Zeitstrahls fortbewegt, in sich verschiedene Stränge vereint und immer neue aufnimmt, aber auch jederzeit geöffnet werden kann. Jeder historische Augenblick vereint dialektisch alle drei Elemente – Verstrickung, Bewegung, Lösung – in sich, aber es gibt Zeitpunkte, in denen ein Element für das Auge des historischen Betrachters dominant und sichtbar wird. Dort kann man viel über Geschichte lernen, über den Kairos und die Folgen, wenn er verpaßt wird, aber selbstverständlich auch über die Unmöglichkeit Geschichte im je eigenen Sinne erfolgreich schreiben zu können.

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Habeck und das Ende der Metapher

Hier stehe ich und kann nicht anders und muß es sagen: Da beißt die Maus keinen Faden ab, die Grünen werden wohl die Wahl gewinnen und dann ist Polen offen. Aber Wahltag ist auch Zahltag und noch sind die Würfel nicht gefallen, noch haben die Deutschen den Rubikon nicht überschritten. Denn fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit und hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gefangen.

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Lichtmesz und der rettende Gott

Es scheint zusammenzupassen: Götter sterben, Völker sterben, Wälder sterben, Tiere sterben und es bleibt kein Trost, denn nirgendwo ist „ein Unsterbliches mehr zu sehn“. (Martin Lichtmesz)

Zum ersten Mal las ich Martin Lichtmesz‘ Buch „Kann nur ein Gott uns retten?“ im Frühjahr 2015. Da war es noch ganz frisch, gerade erst erschienen – es hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Nun, sechs Jahre danach und in einer deutlich anderen historischen Situation, las ich es noch einmal, ganz klar unter der Vorgabe, zu erkunden, ob und wie es jetzt auf mich wirken würde.

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Rassismus geht immer

Nur eine flüchtige Beobachtung, weil man an ihr ganz exemplarisch den 180-Grad-Wandel des Anstandes, also der Ethik, der letzten Jahrzehnte verdeutlichen kann.

In Meghan Markles Geständnis, am englischen Hof „rassistisch“ „beleidigt“ worden zu sein, bündeln sich zahllose Konfliktstränge.

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Das Licht geht aus

Auf der linken Seite meines Desktops findet sich eine kleinere Liste ausgewählter Twitter-Links ganz verschiedener politischer Orientierungen, die ich in unterschiedlichen Frequenzen durchklicke, um zu sehen, was in den jeweiligen Blasen die Gemüter gerade erregt.

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