Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Drei auf einen Schlag

Besser kann man die Differenz der Welten nicht auf den Punkt bringen: „Forscher brauen Bier aus Urin“. So die Botschaft einer kleinen Zeitungsnotiz, die man früher überlesen hätte, bei der man heute sofort einhakt. Eine Zeile, die den Westen – man mag von ihm halten, was man will – positiv definiert, wie sie den islamischen Osten  negativ kennzeichnet.

img287Bier – Alkohol ist natürlich verboten im Islam, harām und unrein. In sehr seltenen Auslegungen wird das Verbot nur für Alkohol aus Trauben in Anspruch genommen. So hat ein Gelehrter der Al-Azhar Universität Kairo kürzlich das Brauen und den Genuß von Bier erlaubt, wenn es nicht zur Bewußtseinstrübung genutzt wird.

Urin – Während man vor ein paar Jahren in Deutschland den Urin als Heilmittel wiederentdeckte – Titel wie „Urin, ein ganz besonderer Saft“ oder „Lebenssaft Urin“ waren Bestseller, Hunderttausende versuchten sich daran, ihren eigenen Morgenurin zu trinken – gelten die Körperausscheidungen im Islam traditionell als unrein, najāsa. Laut Bukhari wählte Mohammed folgendes Beispiel, als er über die Peinigung der Sünder in den Gräbern befragt wurde: „Als der Prophet an zwei Gräbern vorbeiging, sagte er: ,sie werden gepeinigt! Aber sie werden nicht wegen schwerwiegender Verfehlungen gepeinigt.‘ Dann sagte er: ‚Doch, sicher! Der eine der beiden hat üble Nachrede (namiimah نميمة) verbreitet, während der andere sich von seinem Urin-Rest nicht gereinigt hat.‘“

Forscher – laut dem Arab Human Developement Report von 2002 exportierte die gesamte arabische Welt weniger Industrieprodukte als die Philippinen, lag die Zahl der angemeldeten Patente bei 2% deren von Südkorea, und die Zahl der ins Arabische übersetzten Bücher entsprach einem Fünftel der ins Griechische übersetzten (Pinker). In einem Jahr werden mehr Titel ins Spanische übertragen als in den letzten 1000 Jahren ins Arabische (Steyn). Das Trinity-College in Oxford hat drei Mal mehr Nobelpreisträger hervorgebracht als die gesamte arabische Welt (Dawkins). Der britische Historiker David Starkey faßte das so zusammen: „Nothing has been written in Arabic that matters for at least the last five centuries.”

Man kann es drehen und wenden wie man will und es mag viele Ursachen haben, aber die islamische Welt ist bis heute wesenhaft bildungs- und forschungsfeindlich, von punktuellen militärischen Interessen abgesehen. Der Großteil der geistigen Energie wird in Koran- und Schariaexegese investiert. Ein Interesse am internationalen Forschungsstand in Natur- und Geisteswissenschaften ist weitgehend absent.

PS: Das alles nur idealiter – realiter gibt es selbstverständlich auch in arabischen Ländern Kläranlagen, die menschliche Ausscheidungen zu frischem Trinkwasser recyceln.

Parallelgesellschaften

„Parallelgesellschaften“ ist auch so ein Euphemismus, ein hegemonialer Begriff, der durch eine Fehlbeschreibung sedieren soll.

Disco laserWissenschaft und Empirie, Erfahrung und Prognosen, gesunder Menschenverstand und Alpträume weisen darauf hin: diese Gesellschaften bewegen sich nicht parallel zur Hauptgesellschaft. Täten sie es, wir könnten beruhigter zu Bette gehen.

Die Wahrheit ist: die sogenannten Parallelgesellschaften sind Schnittgesellschaften, sind Konfrontationsgesellschaften.

Und sie sind vielfältig. Sie sind nicht gebündelt wie ein Laserstrahl, sondern zerschießen in alle Richtungen wie ein Disco-Laser – früher oder später treffen sie in verschiedenen Winkeln auf die hauptgesellschaftliche Divergente.

Na so ein Zufall!

Dieser Blog ist nur ein klitzekleines Licht – oder Schatten, je nach Sichtweise – im unendlichen Universum des Internets.

Aber gerade dadurch läßt sich manchmal etwas erahnen, was bei Seiten mit massenhaftem Zugriff kaum mehr zu erkennen sein dürfte. Zum Beispiel lassen sich die Klicks nach Ländern sortieren. Ganz jeder vernünftigen Prognose folgend – Kulturnähe und Bevölkerungsgröße in Betracht ziehend –, werden die mit Abstand meisten Zugriffe aus Deutschland registriert, es folgen mit gehörigem Abstand Österreich und die Schweiz, gefolgt von den USA und den EU-Ländern.

Gestört wird diese schöne Regelmäßigkeit nur durch ein paar Leser aus Thailand – auch nicht überraschend, wenn man mal darüber nachdenkt.

Ansonsten ist mittlerweile fast die ganze Welt vertreten, auch die islamische. Kürzlich konnte sogar ein Leser aus Brunei begrüßt werden, einem Zwergstaat auf Borneo mit gerade mal einer halben Million Einwohner, die fast alle in der wunderschön klingenden Hauptstadt Bandar Seri Begawan wohnen. Brunei ist eine absolute Monarchie, ein Sultanat, und gilt als einer der restriktivsten Staaten der Welt. Aufgrund (noch) reicher Erdölvorkommen stört das bisher nur wenige. Außer in der kleinen deutschen Vertretung würde man dort kaum einen deutschkundigen Leser vermuten. Willkommen!

Auch im Irak, so darf man annehmen, halten sich im Moment nur wenige Deutsche auf – offiziell. Kaum ein Land dieser Erde dürfte weniger einladend sein als der Irak. Liest man die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, dann bekommt man in etwa eine Vorstellung, wie es um den Irak steht. Der Satz „Die Sicherheitslage im gesamten Irak bleibt volatil“, wird dort in eine Phänomenologie des Grauens aufgeblättert. Krieg, Krankheit, Kriminalität – eine Trias des Chaos. Nur wer dieses schaffen will, das Chaos und den Krieg, kann sich dort wohl fühlen.

Kein Wunder, daß eine große Zahl Iraker das Weite sucht. Daß sie nicht nur fliehen, sondern auch suchen, beweist eine lange Liste an Richtigstellungen, die die Bagdader Botschaft ins Netz stellt, um „Gerüchte“ über das Paradies Deutschland aus der Welt zu schaffen. Etwa: „Stimmt es, daß die deutsche Regierung Flüchtlingen 2.200 € für die Rückkehr bezahlt? –
Es trifft nicht zu, daß Flüchtlinge von der deutschen Regierung 2.200 € für die Rückkehr erhalten.
Stimmt es, daß Deutschland den Flüchtlingen ein Gehalt bezahlen wird? –
Nein, es stimmt nicht, daß Deutschland den Flüchtlingen Arbeitsstellen oder Gehälter anbietet. Was stimmt, ist aber, dass Deutschland beschloss, Regeln für die Aufnahme von Flüchtlingen erneut zu verschärfen.“ Usw.

Doch erwähne ich den Irak aus einem anderen Grund: dem Zufall. Vor wenigen Tagen erschienen hier die beiden Artikel „ISIS verstehen I“ und „ISIS verstehen II“. In ihnen wurde versucht, die letzte Nummer des Hochglanzmagazins der „Terrororganisation“, das „Dabiq“, vorzustellen und zu analysieren. Und just an diesen Tagen verzeichnete die Webseite Zugriffe aus dem Irak – bei insgesamt geringerem Interesse aus Europa.

Ein Zufall? Vielleicht. Möglicherweise war es einer der 60 deutschfreundlichen „Alumni“, die vor wenigen Wochen zum Empfang beim Botschafter waren? Oder ein Botschaftsangehöriger stieß zufällig beim Surfen auf die Seite? Oder irgendein anderer deutschsprachiger Aufbauhelfer, Militärberater, Tourist …? Viele dürfte es davon nicht geben. Warum sollten sie gerade hier landen?

Mir kam ein anderes Szenario in den Sinn. Was, wenn der IS hier mitliest, oder ein Sympathisant? Nun ist die Vorstellung, daß sich ein irakischer Surfer auf diese Seite verläuft, ziemlich unrealistisch und sicher kümmert man sich im IS-Hauptquartier nicht systematisch um eine Privatmeinung. Wie also könnte so etwas ablaufen?

Ist es nicht wahrscheinlicher, daß deutsche Sympathisanten – daß deutsche Muslime hier (meist wohlgesonnen) mitlesen, weiß ich aus mehreren Kontakten – die Seite abgespeichert haben, allein um zu sehen, was man in Deutschland so denkt, und daß dann im Falle der ISIS-Artikel eine Mail in den Nahen Osten oder direkt in den Irak ging – vielleicht sogar zu den Machern des „Dabiq“ –, mit der Information: Hier, noch so einer. Oder soll man sich vorstellen, die IS-Journalisten googeln sich selber fleißig in allen Sprachen Europas, um Reaktionen auf ihre Arbeit zu sammeln?

Wir werden es wohl nie erfahren. Sicher dürfte sein: ein Großteil der Deutschen im Irak steht auf der anderen Seite der Demarkationslinie, genau dort, wo das Auswärtige Amt „dringend die Ausreise empfiehlt.“

Dank sei Allah!

Eine feine Seele bedrückt es, sich jemandem zum Dank verpflichtet zu wissen, eine grobe, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. (Nietzsche)

Man kann sich auf Jahre mit islamkritischen Schriften eindecken und sich so sein Islambild formen. Aber ich empfehle, sich daneben auch an die islamischen Quellen, die proislamische Literatur zu wagen. Das ist nicht immer eine angenehme Lektüre – das sprachliche und intellektuelle Niveau ist mitunter erschreckend niedrig –, schließt aber das apriorische Haßargument aus und gestattet einen ungefilterten Blick in die Köpfe der jeweiligen Muslime.

Ein Zentralwerk – im Übrigen auf hohem Niveau –, das ich jedermann wärmstens ans Herz lege, ist das „Handbuch Islam“ von Ahmad A. Reidegeld. Es wird in der muslimischen community einhellig gelobt, es vertritt den Mainstream in seiner Vielfalt und es ist umfassend: es behandelt die „Glaubens- und Rechtslehre der Muslime“ auf 800 Seiten aus allen Gesichtspunkten. Man findet dort eine Perle nach der anderen. Manches Geheimnis läßt sich dadurch lüften. Vielleicht auch das der Dankbarkeit.

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Nichts Neues unter der Sonne

Daß man sich mit der Übernahme von Verantwortung auch übernehmen kann, zeigt das deutsche Asylrecht. Die Zahl der Menschen auf der Welt, die aufgrund echter Gefahr für Leib und Leben dieses Recht in Anspruch nehmen könnten, ist so groß, daß dies den Zusammenbruch unseres Staatswesens zur Folge haben könnte, wenn auch nur ein erheblicher Prozentsatz von ihnen dies täte. Hier gilt zweifellos der Satz des Evangeliums, daß der, der einen Turm bauen will, gut daran tut, zuvor die Kosten zu berechnen. Menschenrechte auf bestimmte Leistungen anderer Menschen können immer nur bedingte Rechte sein, denn die Erfüllung setzt erstens immer voraus, daß es Subjekte entsprechender Pflichten gibt, die diese Leistungen zu erbringen auch imstande sind, und es setzt voraus, daß diese Subjekte nicht vielleicht durch vordringlichere Pflichten an der Erfüllung dieser Ansprüche gehindert sind. Abwehrrechte hingegen, die andere nur dazu verpflichten, bestimmte Handlungen zu unterlassen, sind jederzeit erfüllbar. Sie sind daher strikter als jene. Es ist sehr folgenreich, wenn man – wie es die Marxisten tun – diese Rangordnung umkehrt und die elementaren Freiheitsrechte des Menschen seinen Ansprüchen auf soziale Leistungsgarantien unterordnet.“

Robert Spaemann: Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns. Stuttgart 2001

geklaut bei (und hiermit empfohlen): Acta diurna – Michael Klonovsky

Transaktionen

Viele Syrer in Deutschland haben Schulden. Im August 2015 war die „Reise“, all inclusive, von Syrien nach Europa für knapp 3000 Euro zu haben. Oft waren es die Mitglieder ausgedehnter Familien und Clans, die die Summe vorschossen. Doch Schulden müssen beglichen werden.

Wie läuft das ab? Zum Beispiel so: ein junger Mann möchte an seine Familie 1600 Euro überweisen. Der normale Bankweg ist ihm versperrt, allein schon, weil es in Syrien kaum noch arbeitende Banken gibt. Er ruft in Berlin einen „Geldkurier“, einen Vermittler an. Sie vereinbaren einen Termin an einem bestimmten Vormittag in einem bestimmten Cafè am Schumacher-Damm. Die Zugfahrt kostet ihn 40 Euro und einen ganzen Tag hin und zurück.  Im Cafè übergibt er dem Mann, den er nicht kennt, aber an einer vereinbarten Äußerlichkeit erkennt, die 1600 Euro in bar. Sein Vertrauen muß groß sein.

Am Abend, zurück in seiner Unterkunft, telefoniert er mit seiner Familie in Kafarya, einem kleinen Örtchen, nördlich von Idlib. Das Geld ist der Familie bereits ausgehändigt worden, in US-Dollar. Der örtliche Geldwechsler hatte, während unser Syrer noch im Zug saß, aus Berlin einen Anruf bekommen, der den Erhalt der Summe bestätigte. Der Geldwechsler in Kafarya kontaktiert daraufhin die Familie, die sich den Betrag sofort in bar bei ihm abholen kann. 1530 Euro, es wurden 70 Euro für die Dienste abgezogen, die sich der Geldkurier in Berlin, der Geldwechsler in Kafarya und möglicherweise noch andere Zwischenmänner teilen.

Natürlich weiß auch der junge Syrer nicht, wie das Geschäft exakt funktioniert. Die Existenz eines mitarbeitenden Geldwechslers in einem Dorf läßt auf die Existenz eines ausgedehnten Netzwerkes schließen. Im Telefon des Geldkuriers in Berlin dürften hunderte syrische Nummern gespeichert sein.

Ist sich der junge Mann darüber im Klaren, daß derartige Transaktionen nach deutschem Recht illegal sein könnten? Er reagiert erstaunt. Nein! Warum?

Was könne er denn tun? Es gibt keine Möglichkeit mehr, Geld nach Syrien zu überweisen. Das stimmt – nur noch drei Anbieter standen zuletzt überhaupt noch zur Verfügung. Die Prozedur ist langwierig, das Geld kann nur in syrischen Großstädten abgeholt werden, was längere Reisen durch potentielle Gefahrengebiete bedeuten würde, und eine Verlustversicherung gibt es auch nicht.

Eine Hand wäscht die andere. Die Macht der Banken gebrochen.