100 Jahre Trianon

Der Abschluß dieses folgenschweren „Friedensvertrages“ jährt sich heute zum hundertsten Mal; er markiert zugleich das einschneidendste und tragischste historische Ereignis in einer für die Ungarn ereignisreichen und leidvollen Geschichte.

Das Virus hat auch meine Pläne verändert – es war mir nicht möglich, wie geplant, die notwendige Aufmerksamkeit aufzubringen, um den hyperkomplexen Vorgang und seine Auswirkungen adäquat zu beschreiben.

Ähnlich erging es auch den staatlichen Feierlichkeiten, die ganz sicher pompös geworden wären, nun aber auf ein Minimum reduziert wurden.

Im Fernsehen laufen kurze Spots wie diese, die offensichtlich ambivalent und interpretationsoffen gehalten wurden, denn sie zeigen Vereinigungsszenen, von denen man nicht weiß, ob sie nur die Ungarn oder auch die Nachbarvölker umfassen.

Das Thema aber beschäftigt das Land noch nachhaltig. Zwar mehren sich die Stimmen, die nach Vergebung und Vergessen rufen – vor allem unter den jüngeren Generationen – aber noch immer gibt es auch die generationsübergreifende Trauer. Kaum ein Ort, in dem man keinen Gedenkplatz findet.

© E. Linda – Dieses überdimensionierte Trianon-Denkmal befindet sich im Tausend-Seelen-Ort Csátalja.

Wer das als abartig empfindet, der muß sich fragen lassen, weshalb deutsche Erinnerungskultur institutionell und medial am Leben erhalten werden soll, während man den Ungarn das Recht abspricht oder dieses als „rückwärtsgewandt“ abkanzelt.

Sogar die Populärkultur nimmt sich des Ereignisses, des Gedenkens an.

Allein im Bereich der Rockmusik gibt es dutzende Songs, deren Grundton stets der gleiche ist. Meist geht es dabei um den Verlust und den Schmerz, pathetisch vorgetragen, wie bei „Ossian“, einer der ganz großen ungarischen Rockbands.

In Trauer lag das Land,
Blutrot wurde alles Grün,
Die weiße Farbe ging auch verloren,
Die Flagge wurde langsam rot …

Schau, die Geier fliegen,
Der verwundete Krieger sank zu Boden
Immer stärker pocht das Herz
Sie warten auf unser Verderben

Es wird keine Gnade geben,
Die Vergangenheit verfolgt uns
Es quält, aber es bricht uns nicht,
Ich fühle, einmal wird die Sonne aufgehen.

Weit fliegt der wilde Vogel,
Seinen Traum schützt jeder Gefangene
Mit ins Blut getauchten Federn,
Mit Fluch beladenen Worten. Usw.

Deutlicher werden jene Bands, die zur Nemzeti-Szene, zur nationalen Szene gehören. Die Rockballade „Nélküled“ („Ohne dich“) wurde innerhalb kurzer Zeit zu einer Art nationaler Hymne, bei der man sich erhebt und mitsingt[1].

Die Gruppe „Historica“ deutet in ihren Songs meist bedeutende historische Ereignisse aus, Schlachten, Kriege, Helden. Der Refrain ihres Liedes „Egyszer volt“ („Es war einmal“) lautet ein bißchen zynisch:

„Es bricht das Herz, es grollt der Himmel, vielen Dank für diesen Frieden. Die Postkarte von Verwandten trägt nun den Stempel eines fremden Landes.“

Und setzt – musikalisch abgesetzt – fort:

„Viele Millionen Menschen, die ein normales Leben geführt haben, viele Millionen Träume, die an einem Tag zerbrochen wurden. Ein verlorener Hirte, auf der anderen Seite der neuen Grenze, versuchte es ein paar Mal. Aber es war immer ein Schütze im Baum.“

Es gibt freilich auch die revisionistischen Töne und die können in Ungarn ganz offen vorgetragen werden. Im Refrain dieses sehr eingängigen Liedes der äußerst populären Gruppe „Kárpátia“ werden mantraartig „Mindent Vissza!“ (Alles zurück!) und „Reviziot“ gefordert oder die klassischen Anti-Trianon-Parolen „Nem, nem, soha“ (Nein, nein, niemals) und „Így volt! Így lesz!” (So war es! So wird es sein!) gesungen, um schließlich im Aufruf „Feltámadunk! Feltámadunk!” (Wir stehen auf!) zu gipfeln.

Man darf derartige Übungen jedoch nicht zu wörtlich nehmen, muß sie nicht fürchten. Es ist eine ritualisierte Katharsisroutine, nicht selten bei Bier und Tanz durchexerziert – darauf weist bereits die Musik hin.

Diese drastischen “Forderungen” übersehen freilich, daß der Vertrag auch etwas Wesentliches leistete, nämlich die weitgehende Trennung der Völker und Ethnien im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, deren Bruchlinien früher oder später zu Konflikten führen mußten.

Das große Unrecht der Siegermächte besteht in der Mißachtung dieses Prinzips den Ungarn gegenüber. Dabei wäre es – von Siebenbürgen abgesehen – ein Leichtes gewesen, die neue Grenzziehung stärker an den ethnischen Grenzen zu orientieren. Demnach wären zumindest die slowakischen, ukrainischen, serbischen, kroatischen und österreichischen Ungarn beim Mutterstaat geblieben, das heutige Ungarn geringfügig größer – und innerlich wohl befriedet.

[1] Siehe: Neue ungarische Vignetten

Siehe auch:

Das tausendjährige Reich

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