Die linke Psyche

Für Menschen, die das differenzierte und ausgewälzte distinguierte Gespräch lieben und meist auch für notwendig erachten, ist Twitter ein Graus.

Trotzdem folge ich einer ganzen Reihe an Accounts aus allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen, überall dort, wo hin und wieder neue Gedanken zu erwarten sind oder doch zumindest Verweise auf bislang übersehene relevante Quellen.

Eines ist klar: Es haben sich auch auf diesem jungen Medium wahre Meister etabliert, Twitter hat eine ganz neue Art des Humors und der Ironie hervorgebracht. Die Beherrschung der Kunst der Verkürzung und der Prägnanz ist so selten wie jede Exzellenz, aber sie lebt und gedeiht unter dem Zwang der 280 Zeichen. Das ist ungefähr die Hälfte dieser geschwätzigen Einleitung.

Und selbst wenn der Witz fehlt, zwingt es Menschen, sich auf das Wesentliche zu beschränken, alle Herleitungen und Relativierungen wegzulassen: ihr Denken steht nackt und ungeschönt vor aller Angesicht. Linkes Denken umso mehr, da es von der einfachen Dichotomie lebt.

Ein entsprechendes Beispiel hat uns dieser Tage Stephan Anpalagan geliefert. In zwei eng beieinander liegenden Tweets hat er ein Betriebsgeheimnis des linken Antriebs ausgeplaudert – auch wenn er einen ganzen Thread braucht, um sein Herz auszuschütten. Er beginnt:

„Manchmal stolpert man über einen Tweet und von einem Moment auf den anderen zerreisst es einem das Herz. Das verdammte Herz. Und alles ist so unendlich schwer. Die Wut, der Frust, die Hoffnungslosigkeit, wohin damit?“

Das ist eine urlinke Geste, die keinem fühlenden Menschen fremd sein kann. Man sieht Leid, will helfen und kann es doch nicht.

Was den Rechten vom Linken unterscheidet, ist die Einsicht in die Unmöglichkeit, die ihm letztlich das Weiterleben gestattet. Der Rechte weiß: die Mächte sind zu stark, das Leid zu weit weg, er kann es nicht ändern, und wenn er es täte, würde dies nur noch mehr Leid erzeugen, also versucht er es erst gar nicht und wendet sich wieder den vor ihm liegenden Aufgaben zu, die ihn wirklich angehen. Der Rechte tendiert zur Abstraktion, versucht die Draufsicht, wägt Folgen ab, das linke Denken hingegen neigt zur Immersion.

Der Linke aber kultiviert dieses Leid, er nimmt es unter das Mikroskop, er versorgt sich tagtäglich und ununterbrochen damit, so lange, bis er meint, von ihm umgeben zu sein, wie der Schiffbrüchige vom weiten Meer – er leidet mit. Es wird sein Leid.

Und weil er es trotzdem nicht ändern kann – je weniger, je mehr er darin versinkt – wird ihm das Leben schwer, flieht er in Frust und Wut und Haß. Haß auf diejenigen, die nicht helfen oder die Einsicht in die Unmöglichkeit – also die Rechten – haben und dann auch Haß auf alle, die nicht wie er selbst leiden.

Ein ganz einfach zu sehendes Paradox wird dabei geflissentlich übersehen, denn wenn man schon am Leid des anderen verzagt, warum dann gerade an diesem und keinem anderen? Während diese Menschen ertrinken, verbrennen anderswo welche, werden gefoltert, ermordet, vergewaltigt und vieles davon könnte man wissen. Wenn es das Leid an sich ist, wieso gibt es dann die Hierarchie der Opfer? Warum weint man über ertrinkende Migranten aus Afrika, ignoriert aber grausam verstümmelte Buren aus Afrika.

Zugleich schwelgt man im fernen Leid – mitunter sogar im historisch fernen, längst ausgestandenen – verhält sich gegenüber den unmittelbar vor einem liegenden Mißständen jedoch oft indifferent. Jenes ist angereichertes Projektionsmatierial, dieses verlangt hingegen konkrete Arbeit, Kontakt mit der widersprüchlichen Realität und wirkt somit utopietötend.

Es gibt neben der ideologisch motivierten Auswahl noch einen anderen Grund: Die Seele des Menschen ist nicht unendlich leidfähig, es überschreitet unsere psychische Kapazität, alles Trübsal der Welt mit Trauer zu bedenken, deshalb sucht sich die Linke eine Leid(t)form und eine Klasse von Leidenden heraus, als Symbol, und projiziert den Weltschmerz auf diese. Sie krankt am Christophorus-Syndrom, ist tatsächlich aber unfähig, das Leid der Welt zu tragen. Sie will an allem leiden, kann es aber schon aus biologischen Gründen nicht, und leidet also symbolisch am selbstgewählten Beispiel. Sie verhält sich dauermasochistisch, verfügt aber auch nur über den einen Orgasmus.

Um die Frage nach der Eigenverantwortung der Opfer nicht stellen zu müssen, werden diese moralisch überhöht, werden auch die Folgen ihres Handelns auf den Linken selbst und seine nähere Umgebung ausgeblendet: „An Menschen, die Folter und Tod in Kauf nehmen, um hierher zu kommen. Für ihre Familie, die sie so sehr lieben, dass sie bereit sind Wüsten und Meere zu überqueren.“

Und schließlich kommt er in seiner selbsterzeugten Verzweiflung an den Punkt, an dem er zu platzen droht: „Ich versuche meine persönlichen Befindlichkeiten zurückzustellen. Aber es geht nicht. Ich nähere mich einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiter weiß. An dem alle Tränen ausgeweint sind, an dem die Wut in Hass und der Hass in Zerstörung umzuschlagen droht. Was macht man da?”

Das ist nun freilich genau der Moment, den jeder politisch Engagierte perfekt kennt. Im rechten Meinungsspektrum wird er vor allem durch die fehlende Repräsentanz in den großen Medien erzeugt, durch Diskursverweigerung der Machthabenden, deren Diffamierungen und Fehlbeschreibungen, deren Unterstellungen und Verallgemeinerungen und letztlich auch durch das Klarbewußtsein, daß dieses Land, diese Gesellschaft mit Volldampf an die Wand gefahren wird und alle mahnenden Stimmen – statt aufzuwachen – mundtot gemacht werden oder doch zumindest kein Gehör finden.

In der Verzweiflung treffen sich links und rechts, im ganz menschlichen Impuls der Zerstörung, des „mach-kaputt-was-dich-kaputt-macht“.

Das eigentliche Problem – und hier tangieren wir die Gerechtigkeitsfrage, die Linke wie dieser permanent auf den Lippen tragen, ist nun: Anpalagan ist, neben vielem anderen,  Kolumnist und Journalist, er schreibt für mehrere Blätter, darunter das „Neue Deutschland“, arbeitete mit verschiedenen Sendeanstalten bei Rundfunk und Television zusammen, wird zum Presseclub eingeladen usw., kurz: hat Zugang zu den Medien und kann dort seine Meinung – die sich von der gängigen wohl nur durch einen Schuß überschießenden Radikalismus unterscheidet – unters Volk bringen. Anpalagan genießt die Vorzüge der Meinungsfreiheit. Schriebe er ein Buch, er fände sofort einen großen Verlag …

Die Kehrseite der Medaille – und auch das ist ganz typisch für die Linke: wird dieses Recht seinen politischen Gegnern zuteil, meist nur als Ausnahme, jedenfalls weit unterrepräsentiert, dann ist man schnell dabei nach Verboten zu rufen: „Sommerinterviews mit Kalbitz, Meuthen, Gauland und Weidel. Spiegel-Waldspaziergänge mit Höcke und Attila Hildmann. Ein fester Kolumnenplatz für Don Alphonso. Aber ja, lasst uns über „Cancel Culture“ reden.”

Die andere Meinung darf gar nicht gehört werden, man muß sie zum Schweigen bringen – Twitter haben wir es zu verdanken, daß hier Klartext gesprochen wird.

Beides aber gehört zusammen wie eineiige Zwillinge – die linke Psyche in a nutshell: die Lust am Leid und die Gier nach Verbot.

wird fortgesetzt

siehe auch: Das Christophorus-Syndrom

Die Sprache der Trikots

Die letzten Spieltage der großen europäischen Ligen gaben uns die Möglichkeit, einen ersten Blick auf die Trikots der kommenden Saison zu werfen. Es ist fester Bestandteil der Merchandising-Industrie, jedes Jahr neue Designs einzuführen und die Fans zum Kauf derselben zu animieren. Ein Shirt wird mittlerweile von 70 bis 120 Euro gehandelt – die weltweiten Umsätze dürften enorm sein, bei den großen Klubs macht das Merchandising zwischen 25 und 50% der Gesamteinnahmen aus – wir sprechen hier von hunderten Millionen. Ein neues, hochwertiges und attraktives Trikot anzubieten – genau genommen sind es drei verschiedene: Heim, Auswärts und drittes – ist ein wesentliches Ereignis, Star-Designer werden engagiert, Ausstatter gewechselt, um immer nahe am Bedarf zu sein.

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Das Dilemma der AfD

Ganz persönlich: in der Führungsriege der AfD gibt es nur einen Politiker, den ich als komplett integer und als Sympathieträger empfinde: Alexander Gauland. Alle anderen sind mir auf die eine oder andere Art suspekt, haben sich durch Wort und Tat diskreditiert oder zeigen einen Habitus, der wenig vertrauenserweckend war. Die derzeitigen innerparteilichen Kämpfe bringen diese Eigenschaften verstärkt hervor.

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*innen

Nur mal so im Vorbeifahren: Las diesen Satz im Parteiorgan „Frankfurter Rundschau“ über „Rassistische Polizeigewalt“:

„Trotz der Polizeiaktion harrten rund 50 Demonstrierende weiter aus. Sie riefen den Polizist*innen Begriffe wie „Mörder“ zu und forderten sie auf, ihren Dienst zu quittieren.“

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Immobilienkäufe in Sachsen

Innerhalb weniger Stunden werde ich über zwei Arten von Immobilienkäufen aufgeklärt.

In der FAZ unterrichtet uns der Sächsische Verfassungsschutz, daß es in Deutschland sage und schreibe 146 Immobilien gibt, die Rechtsextremen gehören. Institution und Organ nehmen das zum Anlaß, zu erhöhter Wachsamkeit aufzurufen. Demnach müsse also die Gesinnung eines Käufers eruiert werden, bevor man sich auf den Verkauf eines Hauses oder Hofes einläßt. „Es ist aber auch Aufgabe der Gesellschaft, der Wirtschaftsverbände und der Kreditinstitute, einen genauen Blick auf die Käufer von Immobilien zu haben. Es darf da nicht länger weggeschaut werden.“

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Härte und Vernunft

Wir sind doch alle schon längst infiziert. Vom Humanitarismus und vom strukturell linken Denken, also jenem Konstrukt, daß von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen ausgeht und daraus eine apriorische Gerechtigkeit ableitet und althergebrachte Regeln und Normen durch „fortschrittlichere“ ersetzen will. Das ist sogar als Zivilisationsfortschritt beschreibbar. Dabei spielen richtige und falsche Überlegungen ein verwirrendes Spiel – man kann das an Kleinigkeiten gut illustrieren.

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Wie man Vertrauen verliert

In meinem erweiterten Freundeskreis gibt es gleich zwei Abonnenten und bekennende Leser der „Süddeutschen Zeitung“. Es ist noch gar nicht lange her, da bekannte ich, just dieses Blatt kaum noch lesen zu können, so groß seien mittlerweile die Aversionen gegen ein stromlinienförmiges Propagandaorgan. Ich erntete beide Male entsetzte Blicke, die ein fundamentales Erstaunen signalisierten und beide Male vehemente Verteidigungen dieses Flaggschiffes des offenen Meinungsaustausches und der objektiven Information.

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Die Hildmann-Show

Seit Wochen werden wir nun mit der Attila-Hildmann-Show bespaßt. Seine zweite Karriere als Verschwörungsfuzzi hat seine erste als Vegankoch längst übertrumpft.

Weshalb aber informiert man das deutsche Fernsehvolk so ausführlich? Und wozu?

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Die tägliche Dosis

„Komm, wir schalten das Radio an“, sage ich zu meiner Frau, „mal hören, wie lange es dauert bis zur ersten Propagandasendung“. Es ist kurz nach 15 Uhr, wir haben soeben die deutsche Grenze – unkontrolliert – überfahren. Ich wähle den Deutschlandfunk, kann das allgemeine Gedudel nicht ertragen. Und – ungelogen – es dauert ganze drei Minuten bis wir auf diesen Satz stoßen: „Auch wenn es häufig zutrifft, Pop-Musik ist nicht zwingend progressiv und links.“

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Der Meister

Eine Erzählung

Der Meister – Erzählung PDF-Format

So erwies sich denn mein erster Gedanke als treffend. Ein Mensch, der beim letzten Pfiff des Schaffners den Waggon betritt, ist entweder unter die Kategorie der Schludrigen zu rechnen, denen es nie gelingt, rechtzeitig und in aller Ruhe einen Termin einzuhalten, oder aber, was weit seltener anzutreffen sein wird, es handelt sich um einen Perfektionisten, um mehr als einen bloßen Menschen, um einen Charakter, eine Persönlichkeit. Die Art, wie die Tür sich im Rücken des Mannes schloß, diese entschiedene Sicherheit, deutete bereits die Wahrscheinlichkeit der zweiten These an und auch der dezente Duft eines Eau de Cologne, einer Marke von ausgewählter Delikatesse, der augenblicklich, aber auf angenehme Weise die Luft des Abteils schwängerte, bestätigt diese frühe Empfindung. Spätestens jedoch, als ich ihn zu Gesicht bekam, waren alle Zweifel endgültig und für immer aus dem Weg geräumt. Dies hier war ein Mann von Welt, ein Gentleman, mehr noch: ein Artefakt des Vollkommenen. Augenblicklich zog er mich in seinen Bann.

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Intoleranztoleranz

Die Klappe zu halten, ist gar nicht so einfach. Jeden Tag werden wir Zeugen neuen Unsinns, neuer Lügen, Verdrehungen, Windungen, überall werden die Dinge von den Füßen auf den Kopf gestellt, uns aber das Gegenteil versichert.

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Blind gegen sich selbst

Ich sage es gleich vorweg und entschuldige mich bei der Leserschaft: der Informationsgehalt der kommenden Zeilen ist gering, sie unterbieten den eigenen Anspruch, wenigstens ein bißchen anders, um die Ecke zu denken – sie sind reine Empörung!

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Die Empörungsmaschine

Zufällig stolpere ich über einen Denkautomatismus, der vielen sogenannten Verschwörungstheorien zugrunde liegt. Gänzlich zufällig ist er nun nicht, denn ich war an diesem Tag bereits vorgewärmt, las nämlich auf dem Twitter-Konto von Ellen Kositza folgendes:

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Das vernichtende Wort

Wenn ich Ungarn erzähle, daß ich mich hier viel freier fühle als in Deutschland, dann schauen sie mich meist verdutzt an, denken sich wohl im Stillen ihren Teil. Klar, die ungarische Gesellschaft ist keine freie mehr, zumindest nicht, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Aber die deutsche und westeuropäische, ja die ganze westliche, die „freie Welt“ ist es eben auch nicht mehr. Wir haben keinen Grund, mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen.

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Argumentum ad lapidem

Eine schöne Legende berichtet, daß Samuel Johnson den Solipsismus Berkeleys, sein esse est percipi – Sein ist Wahrgenommenwerden –, also den Gedanken, es gebe keine materiellen Dinge, sondern immer nur Ideen und Vorstellungen von ihnen, mit einem beherzten Tritt gegen einen Stein widerlegte oder zu widerlegen glaubte.

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Die Vielfalt der Menschen

Dieser Tage fragte ich einen Bekannten, wie er sich hier in Ungarn denn so fühle, nach einem Jahr etwa.

Ja, es sei ganz nett und interessant. Nur der Mangel an Demokratie störe ihn. Immer nur Orbán und keine Gegenstimme, keine Meinungsfreiheit.

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