Deutschland, Deutschland über Rumänien

Rumänisches Tagebuch III

Wir besuchen in Temeswar Bekannte ehefraulicherseits. Die Bekanntschaft reicht weit in die Vergangenheit, in DDR-Zeiten, zurück. Anfang der 80er Jahre wagte ein rumänisches Paar im Dacia 1300 die Tour in den Osten Deutschlands. Sie blieben auf der Straße liegen, ein Trabant-Fahrer hielt und half bei der Reparatur, so kam man sich nahe, lud sich gegenseitig ein und pflegte den Kontakt seither, wenn auch in großen Abständen. Meist in Form eines Weihnachtspaketes gen Süden und einer Weihnachtskarte nordwärts. Das berühmte Westpaket kam für die Rumänen aus dem Osten.

Die Ostfamilie fuhr mit dem Trabi ans Schwarze Meer und machte einen Abstecher nach Temeswar. Meine Frau, die damals noch ein Kind war, sitzt nun auf demselben Stuhl, am selben Tisch.

Die Leute gehen nun auf die 90 zu. Ich sehe sie zum ersten Mal. Wir waren zum Kaffee eingeladen – auf dem Tisch stehen Ziegenkäse, Zervelatwurst – „Ceausescu-Wurst“, flüstere ich meiner Frau zu – frische Zwiebel. Wir dürfen wählen zwischen Wein, Schnaps oder Bier. Ich nehme Wasser, was mit „Wasser trinken nur die Tiere“ beantwortet wird, aber ich bleibe dabei und das war auch gut so, denn die aggressive Gastfreundschaft wurde so gleich in die rechten Bahnen gelenkt. Tatsächlich werde vor allem ich, als Mann, immer wieder zum Essen genötigt, aber erstens entsprach das nicht meiner Vorstellung eines Kaffeetrinkens, zweitens schmeckte es auch nicht sonderlich gut und drittens wollte ich den „armen Leuten“ nicht auch noch alles wegessen.

Zum ersten Mal bedienen die Alten ein I-Phone und wischen verstört-begeistert über den Bildschirm. Dies ist das Ergebnis eines ersten Photographierversuches: „Wo muß man durchschauen?“.

Armut ist natürlich relativ. In der Wohnung stehen stilvolle Möbel, alles wie vor 40 Jahren, über und über mit blauen Kristallvasen und Geschirr dekoriert, Couch und Stühle wurden mit glänzend blauen Bezügen bezogen (um das Abgewetzte zu verdecken?) und sogar ein Flügel steht in der Ecke. „Sie spielen Klavier?“ – „Ich habe es in der Schule gelernt, seither nicht mehr. Wir haben es nur behalten und es ist auch kaputt.“ Das heißt, daß dieses Klavier mehr als fünf Jahrzehnte herumstand? Vielleicht wurde es zum letzten Mal genutzt, als die beiden einen kleinen Nachbarsjungen bei sich aufnahmen, der später nach Deutschland ging und dort ein bekannter Countertenor wurde? Vermutlich ist es einfach ein Wertgegenstand, von dem man sich in Rumänien besser nicht trennt.

Man merkt den beiden Alten an, daß es kultivierte Leute sind. Trotz gebeugter Rücken sieht man ihnen Rückgrat an. Sie waren Ingenieure, haben im Bergbau und im Kraftwerk gearbeitet und beziehen eine satte Rente von je 450 Euro. Das  entspricht etwa dem Durchschnittslohn eines Lehrers und ist deutlich mehr, als man in Landwirtschaft, Hotel oder Transport verdienen kann. Die Wohnung in unmittelbarer Zentrumsnähe haben sie sich vor langer Zeit für umgerechnet 9000 Euro gekauft – heute ist sie das 15-fache wert.

Bei aller Dekorierkunst sieht man die Armut der Gesellschaft trotzdem durch. Im Sicherungskasten dürften noch die Original Porzellan-Sicherungen stecken und auch die Lichtschalter ähneln denen der Puppenstube meiner Schwester von vor 50 Jahren. Man sieht, wo Hände seit Jahrzehnten hin griffen oder der Wind durch Ritzen pfeift. An meiner Tasse ist das Mundstück deutlich sichtbar.

Die alten Zeiten werden aufgefrischt. Ihr Deutsch ist etwas wacklig, aber noch immer beeindruckend, wenn man bedenkt, daß sie es kaum nutzen und die Frau es überhaupt nur als Kind auf der Straße gelernt hat, als sie von deutschen Kindern umgeben war.

Er wuchs in Czernowitz auf, „in drei Staaten“, wie er sagte. 1918 wurde die Bukowina rumänisch, 1940 kamen die Sowjetrussen und 41 die Deutschen mit den Rumänen. Es gab massenweise Deportationen der jüdischen Bevölkerung. Als die Stadt 1944 von der Roten Armee rückerobert wurde, wurde sie der Ukraine zugeschlagen. Deutsche und Rumänen verließen sie Stadt nun in Scharen. Cioran ist ihr bekanntester Sohn und der unvergleichliche Gregor von Rezzori, der Autor der unbeschreiblich lustigen „Maghrebinischen Geschichten“, hat ihr in seiner Autobiographie „Mir auf der Spur“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Seine, des alten Mannes Vorfahren waren Russen oder Ukrainer oder Polen – ich habe es vergessen –, stark gemischt jedenfalls, während sie einer rein rumänischen Familie entstammte. Das habe anfangs Probleme gegeben mit der Familie. Sein Deutsch stammte noch vom Gymnasium und war wohl einer gewissen Faszination am Deutschen zu verdanken, die sich auch 80 Jahre später immer wieder ausdrückte: „Die Deutschen“ – so beginnen hier viele Sätze. Ich weiß nicht, ob uns das mitmeint oder ob von einem „ewigen Deutschen“, von einem mythischen Deutschland die Rede ist, in dem alles klappt, alles modern ist, alle reich sind, alle korrekt, überall Ordnung herrscht, es nur starke Führer gibt – „Frau Merkel ist auch ein starker Führer“ – und nie der Strom ausfällt …, also das Gegenteil von Rumänien ist. Auch die „deutschen Soldaten waren große und schöne Kämpfer“, sagt er. Einer habe ihm damals eine Münze geschenkt, die er noch immer in Ehren bewahrt und ein anderer lag nach einem Beschuß im Straßengraben „mit alles weg ab Hüfte“ und trotzdem muß er noch eine gute Figur gemacht haben.

Auch die Frau hat Schlimmes gesehen. Ein Verletztentransport machte am örtlichen Bahnhof halt und hunderte verstümmelte oder schon tote deutsche Soldaten wurden umgeladen. „Das was schlimm.“ Und dann kommt der Satz, den man – in Variationen – auf der ganzen Welt zu hören bekommt, nur in Deutschland nicht, zumindest nicht von Deutschen: „Hitler war ein großer Mann! Er hat viel Schlechtes getan, aber auch viel Gutes. Er hat für die Deutschen gekämpft!“ Wer bin ich, um einem alten lebenssatten Mann kurz vor dem Ende zu widersprechen?

Wir fragen nach den Ungarn im Land, um das peinliche Schweigen zu unterbrechen. Gibt es Konflikte? Nein, Konflikte gebe es keine (was nicht stimmt), aber man verstehe sie nicht. „Sie haben anderes Blut, ihnen bedeutet die Nation viel mehr. Sie haben die alte österreichisch-habsburgische Kultur geschenkt bekommen und sie angenommen und verinnerlicht und erhalten. Wir Rumänen sind dagegen schwach und haben überhaupt erst seit 300 Jahren eine Kultur, Schriftsteller, Musiker“, sagt der alte Rumäne und die Frau nickt. Auch der Norden Rumäniens war habsburgisch, aber man merke nichts mehr davon. Alle schönen Häuser, das ganze Zentrum wurde von Deutschen oder Ungarn gebaut und bewohnt und das sehe man bis heute. „Wir Rumänen sind ein primitives Volk“, sagt er, „wir stammen von den Dakern ab“ … und schon sind wir wieder bei den Deutschen.

Er zeigt uns sein Telefunken-Radio aus dem Jahr 1990, das noch immer geht, aber er hört nichts mehr, dann das „Nordmende“ Röhrenradio, das eine Weile braucht, bis es warm ist, aber dann funktioniert, und seinen Staßfurt-Fernseher (so einer stand auch in unserer Wohnstube), der auch noch geht, aber jetzt hat man einen bunten, und selbst die Uhr auf dem Schrank ist eine Weimar-Uhr und ein Mitbringsel von der Leipziger Messe 1960, und sie geht natürlich auch noch …

Wieder stehe ich vor der Wahl: soll ich das Weltbild dieses alten Mannes zerstören, soll ich vom gespaltenen Deutschland, vom Niveau- und Kulturverlust reden? Vom Schund, den auch Deutschland heute produziert? Nein, Deutschland, Deutschland über alles … soll er damit ins Grab gehen.

Staßfurt TV – Modell „Sibylle“ – ostdeutsche Wertarbeit

Derweil werde ich, als Mann, immer wieder zum Essen gedrängelt. Nun steht die alte Frau sogar neben mir und zeigt, was ich zu essen habe. Wir drängeln nach drei Stunden etwas auf den Abschied, wollen uns die Stadt noch bei Tageslicht anschauen, werden aber für den nächsten Tag zum Frühstück und Mittag eingeladen. Schon fragt die alte Frau, ob wir Zwiebel zum Frühstück mögen.

Am nächsten Morgen gibt es Weißbrot und Zervelatwurst, Ziegenkäse und ein gekochtes Ei und Instant-Kaffee aus einer brasilianischen Büchse, die scheinbar auch schon ein, zwei Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Sie selber trinken gar keinen Kaffee, sagen sie, aber ich schlucke meinen tapfer herunter.

Eigentlich wollte uns der alte Mann mit seinem Dacia durch die Stadt fahren – derselbe Dacia 1300, der schon in den 80er Jahren im Vogtland eine Panne hatte und übrigens ebenfalls noch geht …, aber das wird verwundert hingenommen und nicht bewundert. Fahren noch, beide: alter Mann und Auto. Damit war er auf der Wartburg und bei Goethe in Weimar und in Potsdam beim alten Fritz und sogar bis ans Meer. Aber es geht ihm heute nicht so gut, sagt er, die Hände und Füße schmerzen und aus der Fahrt wird leider nichts. Wir sind erleichtert und nutzen die Gelegenheit, uns nach langer Abschiedszeremonie für alles zu bedanken und unserer Wege zu gehen und noch lange über diese beiden beeindruckenden Menschen nachzudenken.

siehe auch:

Mein Rumänisches Tagebuch

Rumänien: Glanz und Elend

Advertisements

There’s a thought

The laws against incest are typical examples of gross intolerance. Most of us feel a sharp physical reaction – something like a shudder – at the idea of connections of this sort; and these reactions we are apt to mistake for profound ethical judgements.

I know all this feeling of disgust and disapprobation because I feel it, not only for incest and things of that sort, but for cheese.

To me the sight of cheese is offensive, the smell shocking, the mere thought disturbing and vexatious: to see people eating it revolts my whole being to its depths and undermines my sense of human dignity.

Yet reason tells me that the eating of cheese is no sin. Reason forbids me to mistake a physical reaction for a moral judgement, which is what every other part of my nature longs to do. Reason overrides prejudice.

The essence of intolerance is the exalting of prejudices into principles, and the imposing of them on other people.

Clive Bell: Civilization. London 1928, Seite 124

Der Auschwitz-Rap

Vom Rap verstehe ich so viel wie mein Großvater vom I-Phone – trotzdem würde ich mein Leben dafür einsetzen, daß er seine Meinung dazu frei äußern kann.

Gerade lese ich Stefan George. Vielleicht verzeiht man vor diesem Hintergrund eher die leicht aggressive Stimmung, in die mich die mediale Beschallung mit einem Thema versetzt, von dessen Existenz ich bisher – glücklicherweise – noch nicht einmal wußte. Weder kannte ich Kollegah und Farid Bang noch ahnte ich, daß es eine Echo-Verleihung gibt. Allerdings war mir bekannt, daß die Künstlerszene in ihren ausgezeichnetsten Exemplaren zum Moralismus neigt.

Weiterlesen

Mehr zum Thema

Die Besessenheit einiger rechter Portale, jede öffentlich gewordene Straftat eines Ausländers oder Migranten zu einem gruppentypischen ethnischen Problem zu machen, ist ein großer Fehler, der von der wahren Dimension der Migrationskrise, die vor allem im unaufhaltsamen Kulturwandel und Kulturverlust zu sehen ist, ablenkt. Menschen sterben und werden geboren – Kulturen verschwinden für immer und nehmen dabei nicht selten Millionen mit einer Kelle mit.

Weiterlesen

Rumänien: Glanz und Elend

Rumänisches Tagebuch II

Rumänien empfängt uns mit allen Klischees. Hinter der Grenze wollen wir die Vignette kaufen, der Schalter ist offen, der Angestellte sitzt drin, tut nichts, schaut aus dem Fenster und bedient uns trotzdem nicht, weil er – wie er sagt – gerade Pause macht.

Weiterlesen

Der Riß

Wer begreifen will, wie tief der Riß im Lande ist, der muß nur acht Minuten „Titel, Thesen Temperamente“ schauen und nicht nur auf die unfaßbaren Botschaften, sondern auch auf Mimik, Gestik, Tonfall achten. Es ist, als stünden sich fremdsprachige Völker gegenüber.

Weiterlesen