Ein feministischer Denkfehler

Die Weigerung der spanischen Wirtschaftsministerin Nadia Calviño, sich fortan nicht mehr mit reinen Männergruppen photographieren zu lassen, wurde in der Presse zwar interessiert vorgestellt, enthält meines Erachtens aber einen typischen Denkfehler des Feminismus und überhaupt jeder Gleichberechtigungsideologie, die auf Repräsentation als Machtmittel setzt. Calviño wolle auch nicht mehr an Konferenzen teilnehmen, in denen sie die einzige anwesende Frau sei. Man fand beim Phototermin schnell die einleuchtende Lösung und stellte ihr eine andere Frau dekorativ an die Seite.

Darin erkennt man das erste Problem: derart absolutistische Forderungen lassen sich formal, durch Staffage befriedigen, auch wenn sie damit der Sache kaum dienen, mehr noch ihr schaden, denn „die Frau“ wird erneut exakt das, was sie nicht mehr sein will, nämlich Accessoire.

Das größere Problem deckt Calviños Argumentation in der Causa auf: „Wir können es nicht länger als normal ansehen, daß 50 Prozent der Bevölkerung bei solchen Events nicht anwesend sind“, führt sie begründend an. Und dieser Gedanke ist fatal und zeigt einmal mehr exemplarisch das entdifferenzierende Denken des Differenzdenkens, sobald es absolut wird.

Ihr Denkfehler besteht darin, daß sie nicht mehr zwischen ihrer weiblichen Identität und ihrer Rolle und Funktion als Ministerin unterscheiden kann. Tatsächlich sitzt sie als Wirtschaftsministerin – hier wäre es sogar adäquat, von „Wirtschaftsminister“ zu sprechen – in den Foren und nicht als Frau, tatsächlich vertritt sie dort – oder hat zumindest zu vertreten – die Interessen ihres Landes oder dessen Wirtschaft und nicht die Interessen der Frauen.

Selbstverständlich können diese nationalen Interessen ebenso von Frauen wie von Männern vertreten werden und es ist gut möglich, daß die jeweiligen Taktiken differieren, sogar, daß die weiblichen Wege erfolgreicher sind – das alles ist möglich, wenn auch nicht gottgegeben –, aber es gibt keine apriorische Begründung, daß dies so sein müsse. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ihre männlichen Kollegen in den Männerrunden in Politik und Wirtschaft auch nur einen Gedanken daran verschwenden, die Interessen ihres Geschlechts zu vertreten, wenn sie über Wirtschaftsfragen verhandeln, sondern vermutlich jene ihrer Auftraggeber und vielleicht sogar ihre privaten … Geschlechtszugehörigkeit spielt jedenfalls wohl kaum eine Rolle.

Das Fragliche solcher Argumentationen basiert also auf dem Verlust der Abstraktionsfähigkeit. Diese Menschen können nicht mehr anders, als sich permanent in ihrer ersten Haut wahrzunehmen, als das, was sie sind: Frau. Sie perpetuieren damit exakt jenen vermeintlichen Mißstand, gegen den sie anzutreten vorgeben, nämlich als Nur-Frau, also als Trägerin ihres Geschlechtes, reduziert zu werden. Frau Calviño möchte die Quadratur des Kreises: Sie will als Frau den Männern, den anderen, gleichgestellt werden, kann das aber nur durch die Betonung ihrer Weiblichkeit und sei es durch das Verschwinden dieser auf Bildern und in Konferenzen.

Darüber hinaus haben wir es mit einem gefährlichen slippery-slope-Argument zu tun, denn wenn Macht sich über die erste Identität entscheiden soll, dann können alle identitären Gruppen diesen Anspruch stellen, was schnell zum Chaos und zur Dysfunktionalität führen müßte. Würde Frau Calviño sich etwa zuvörderst als lesbische Frau identifizieren und die Forderung nach lesbischer Genossenschaft auf Bildmaterial oder in Konferenzrunden stellen, dann wäre am Argument strukturell nichts geändert – nur die Büchse der Pandora wäre weiter geöffnet, und ist es bereits mit dem ersten Schritt, denn von nun an kann jede erste Identität entsprechende Forderungen stellen und die Hautfarbe etwa hat diesen Schritt längst getan. Inhalte, Kompetenz, Tauglichkeit spielen nur noch sekundäre Rollen, Erscheinung wird zur Königskategorie.

Was wäre nun der Ausweg aus diesem Dilemma? Ihrer Sache wirklich geholfen hätte Frau Calviño, wenn sie statt auf Weiblichkeit auf Kompetenz abgesetzt und sich geweigert hätte, sich mit mehr oder weniger inkompetenten Verhandlungspartnern ablichten zu lassen. Sollten die kompetenteren Rockträger – also Frauen mit entsprechender Organausstattung – sein, dann umso besser. Frau Calviños Kompetenz kann jedenfalls begründet bezweifelt werden.

Maß und Takt in der Erziehung

Denkanstöße – Herman Nohl

Schiller ist der erste gewesen, der diese polare Erfahrung formulierte: Leben und Form, Neigung und Gesetz, Hingabe an die freie Mannigfaltigkeit und Gestaltwillen – sie sind untrennbar voneinander und jede einseitige Entscheidung bedeutet eine Abstraktion. …

Das souveräne Wissen um die Polarität aller unserer Aufgaben, insbesondere aller pädagogischen Aufgaben und die Freiheit, die daraus entsteht, das ist das erste Geheimnis aller Bildung des Erziehers. Eine solche Grundantinomie unseres pädagogischen Lebens ist, daß wir uns selbst leben, jede Seele für sich, und zugleich den objektiven Werten und Gemeinschaften verbunden sind, daß wir unsere Gegenwart genießen wollen und doch zugleich für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen, zugleich aber zur Freiheit erziehen, daß wir die Vergangenheit tradieren und zugleich an einer neuen Welt bauen, daß wir in dieser Welt und ihren säkularen Aufgaben leben und doch immer um eine Transzendenz wissen, aus der uns die Ehrfurcht für unser ganzes Dasein kommt. …

… jede Einseitigkeit ist ungebildet, weil sie nicht über dem psychologischen Zwang steht und immer in einem Extrem endet, das die Lebendigkeit verloren hat. Neben diesem ersten Grundzug der Bildung des Erziehers, dem klaren freien Wissen um die Polarität, tritt aber gleich als zweiter die Einsicht, daß jede Formung, Anspannung oder Festigung immer erst beginnen kann, wenn die Bewegung, das freie Erleben und Spielen, die lebendige Erfahrung vorangegangen ist, und daß der Prozeß der Gestaltung sich immer offen halten muß für ein neues Sichhingeben. Das gilt schon für die körperliche Haltung und Bewegungsform. Sie setzen genügende Bewegungserfahrungen der Kinder voraus. Es muß Leben der Bewegung da sein, ehe ich anfangen kann, an seiner Form zu bessern, und jede Festigung muß immer wieder dem freien Spiel der Bewegung ausgesetzt werden, wenn sie nicht starr werden soll. Was so vom Körperlichen gesagt wird, reicht nun auch in alle Geistigkeit hinein: Abstraktion und Stil, Dogma und Gesetz sind pädagogisch angesehen immer das zweite und setzen das Leben voraus. Unsere abstrakte Kunst heute ist ein gutes Beispiel. Es war ein notwendiger Schritt, der die Gesetzlichkeit von Form und Farbe aus der Erscheinung heraushob, aber wenn das Verhältnis zur Natur darüber aufgegeben wird, aus dem allein alles Leben kommt, dann ist das eigentliche Geheimnis der Kunst verloren und nur ein abstraktes Formenspiel übriggeblieben. Der Instinkt für das Leben im Kind als der Quelle seiner Kraft und der Bedingung seiner Form ist also der zweite Grundzug in der Bildung des Erziehers. Wer diesen Instinkt für das Leben nicht hat, wird nie ein guter Pädagoge, nur ein Dresseur oder ein Pauker sein. …

Alle Wirkung des Erziehers setzt aber voraus, daß in ihm selbst lebendig ist, was er in seinen Zöglingen wecken soll, das Leben und seine Gestalt. Die Wirklichkeit seiner eigenen Existenz und Bildung ist wichtiger als alles Reden und alle Theorie, sie inspiriert und formt schweigsam ohne alle Worte durch ihr bloßes Dasein mit einer wunderbaren Gewalt. …

Es fehlt aber immer noch ein letzter Zug in der Bildung des Erziehers, vielleicht der feinste, nämlich sein Takt für das richtige Maß. Das Ideal des Maßes ist bei uns verlorengegangen. Unsere Schulethik hat uns seit der Reformation und vor allem seit Kant vor allem die Pflicht verkündet. Ihre Notwendigkeit und Größe soll wahrhaftig nicht verkannt werden, aber darüber ist ein anderes Ideal, wie es die Antike und noch der Humanismus kannte, das Ideal des Maßes vergessen worden. Wegen des Vergessens dieses Ideals ist unser Volk und seine Führung immer schneller bergab gegangen und schließlich grausam gestürzt. …

Und so überall: es gilt das reine Maß zu finden, das nicht bloß Grenze der Kraft ist, sondern wie Schiller sagt, ,der Kelch, worin uns Freiheit rinnt‘, nicht bloß Mangel, sondern das positive Gewissen der schöpferischen Kraft. Jede Meisterschaft gelingt nur, wo das Maß streng gewahrt bleibt. Das gilt vor allem für die Kunst und ist recht eigentlich ihr ethisches Gesetz, Proportion, Harmonie, Rhythmus – ist darüber hinaus aber das Geheimnis jeder klassischen Erscheinung und jeder klassischen Leistung.

Das gilt nun auch vor allem für das pädagogische Sein und Handeln. Jede pädagogische Maßnahme steht vor dieser Gefahr des Zuviel oder Zuwenig. …

Jeder erzieherischen Handlung stehen die beiden falschen Wege offen, und in der pädagogischen Theorie werden sie auch immer wieder besprochen, ohne daß doch die Lehre von der Mitte als dem allgemeinen Grundgesetz des erzieherischen Denkens und Tuns erkannt ist. Das beginnt beim Säugling, wo Rousseau und Pestalozzi schon die Gefahr der Verwöhnung oder der Vernachlässigung, des Schonens oder Abhärtens sahen. Behüten und Wagen, Freiheit und Disziplin, Zärtlichkeit und Lieblosigkeit, Überanstrengung und Faulheit, Pedanterie und Sorglosigkeit, Anspannen und Laufenlassen, Hemmen oder Lösen, Initiative wecken oder Üben, freie Bewegung oder Präzision – das sind solche dauernden Möglichkeiten. Wenn ich strafe, soll ich es mit Kälte tun oder mit Zorn? Die Jugend verlangt heute Nüchternheit und will doch die Wärme nicht vermissen usw. Und darüber hinaus gehen die großen polaren Antinomien … , daß wir uns selbst leben und doch der Gemeinschaft verpflichtet sind, daß wir heute leben wollen und zugleich doch für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen und doch zur Freiheit erziehen, der Vergangenheit verpflichtet sind und doch an einer neuen Welt bauen, in der Welt leben und doch von der Transzendenz wissen. Überall steht das Maß in Frage, und es gibt kein objektives Kriterium, um hier rational zu entscheiden, sondern der Erzieher ist überall angewiesen auf den Takt als sein feinstes Werkzeug. In ihm vollendet sich die Bildung des Erziehers. …

Der Takt steht zwischen Theorie und Praxis als das entscheidende Mittelglied, als das kluge Gefühl für das Richtige des Augenblicks, für die fremde Lebendigkeit und das ihr gemäße. Er transformiert die erzieherischen Absichten unter dem Eindruck der Persönlichkeit des Kindes, seines augenblicklichen Zustandes mit allen Unwägbarkeiten, und ist der eigentliche Ort der Produktivität des Erziehers. Der gute Erzieher ohne viel zu überlegen, was zu tun ist und wie es zu tun ist. Wie solche Taktbildung des Erziehers erreicht werden kann, ist ein Problem für sich.

Herman Nohl: Die Bildung des Erziehers. In: Die Sammlung. Zeitschrift für Kultur und Erziehung. 5. Jahrgang. 1950 Seiten 705 – 712; wieder abgedruckt in: Nohl: Erziehergestalten. Göttingen 1958

siehe auch: Wahre Inklusion

Zeitschriften – Der Freitag

Schon das Motto gibt die Richtung vor: „Wir wollen bloß die Welt verändern“. Bescheidenheit sieht anders aus und das nonchalante „bloß“ darf als zielgruppenführend interpretiert werden, denn wo man den Freitag liest und abonniert, dort geht man die Revolution am besten nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit an, dort trägt man Cordhosen und Leinenhemden, der durchschnittliche Freitag-Leser dürfte mehr als tausend Bücher sein Eigen nennen und das allerneueste Elektrogefährt, sei es als Veloziped oder SUV. Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfte es Tiefe, Weite und eines Alleinstellungsmerkmals.

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Im Fußball sterben

Der „Focus“ treibt es auf die Spitze, wenn er schreibt: „Als Streich am DFB-Pokal vorbeiläuft, stirbt etwas in jedem Fußball-Fan“. Was für eine Anmaßung! Und welche Lüge! In mir ist jedenfalls gar nichts gestorben, als ich gestern diese Bilder sah – ganz im Gegenteil: ich habe innerlich gejubelt! Weiterlesen

Klimawandel neu gedacht

Follow the science” skandieren die Thunberg-Jünger. Täten sie es, müßten sie ganz andere Forderungen aufstellen. Das zumindest behauptet Bjørn Lomborg in seinem vor zwei Jahren erschienenen und hier in wunderbar flüssiger Übersetzung endlich auf Deutsch vorliegenden Buch. In seiner Muttersprache nennt man Typen wie Lomborg „tryllemand“, das sind Menschen, die scheinbar zaubern können, die bezaubern und bannen. Atemlos folgt man seinem Wortstrom. Weiterlesen

Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit. Weiterlesen

Den Arzt betrügen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXV

Darüber, daß wir den Arzt betrügen

Jedes Mal, wenn ich zum Arzt ging, konnte ich mich nicht von dem peinlichen und erniedrigenden Gefühl befreien, daß ich den guten Mann betrog, der mich seiner Meisterschaft und Menschenkenntnis entsprechend mit Sorge und Fürsorge behandelte, aber sich völlig hoffnungslos mit mir beschäftigte. Weiterlesen

Leben im geborgten Licht

Denkanstoß – Sloterdijk XI

An der Vegetationsgrenze begegnen sich das aufsteigende Leben, das am Felsigen endet, und das Felsige, das zum Leben herabgeht. Nietzsche wagt sich in seinen Randgängen der Lebendigkeit bis an die Grenze der absoluten Mineralogie heran, indem er die „wirkliche Wahrheit“ fast ganz aus der Sphäre der organischen Empfindlichkeit hinausverlegt. Wie, wenn Empfindung, Nervlichkeit, Störbarkeit, Subjektivität und alles, was daraus folgt, nur ein „Versehen des Seins“ wäre?[1] Wenn das, was wir das Innere nennen, nur ein Epiphänomen wäre, das auf dem Mineralischen aufsitzt, ein Spiel von Botenstoffen in organischen Hypothesen namens Körpern? Indes das sachlich Wahre das Tote wäre, das sich den Luxus des irrenden, überempfindlichen, onto-allergischen Lebens leistet?

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Der kindliche Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Weiterlesen

Graue Eminenzen

Der Begriff „Graue Eminenz“ läßt an Strippenzieher im Schatten politischer Galionsfiguren denken, an „Netzwerker“ im Halbdunkeln ohne feste Kontur und auffallende Farben, aber Peter Sloterdijks soeben erschienene Langmeditation über die Farbe Grau in Kunst, Denken und Politik[1], bringt uns in Erinnerung, daß der Terminus auf Pére Joseph zurückgeht, jenen Kapuzinermönch in grauer Tracht, der den im öffentlichen Bewußtsein stets grellrot gekleideten Kardinal Richelieu „beriet“ und also führte. Da er seinen offiziell Vorgesetzten dennoch stets mit „Eminenz“ ansprach, bekam er am Hof bald den heimlichen Titel der „Grauen Eminenz“ verliehen, womit die neidischen Schranzen mit ironischem Augenzwinkern die wahren Machtverhältnisse benannten, ohne sie explizit auszusprechen.

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Über die Krankheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIV

Über die Krankheit, im allgemeinen

Die Krankheit muß man mit jener Demut entgegennehmen, mit der der Sünder sein verdientes und gerechtes Urteil empfängt. Denn immer entstammt sie aus dem Zusammenstoß unseres Charakters, unserer Natur, unserer Affekte mit unseren Leidenschaften, unseren Schwächen und sündhaften Neigungen. Weiterlesen

Transversale Vernünfteleien

Ein jegliches Reich, so es mit sich selbst uneins wird, das wird wüst; und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit sich selbst uneins wird, kann’s nicht bestehen. (Matth. 12.25)

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, Jürgen Habermas recht zu geben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind im Reich des Transversalen angekommen. Auch allerletzte Gewißheiten verschwinden, Fronten lösen sich auf und immer mehr politisch-historische Tatsachen lassen sich immer weniger mit dem gewohnten Besteck sezieren. Selbst der Riß bekommt Risse.

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Flüchtige Schönheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIII

Darüber, daß die Schönheit flüchtig ist.

Du bist beunruhigt, weil diese schöne, junge Frau deine Sinne erregt und stört, und du hast zu befürchten, daß sie ihre Schönheit und Jugendlichkeit mit anderen teilt? Aber was hast du denn von ihr erwartet? Eine Art Klostergelübde, vergrämte[1] Treue?

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Russen und Ukrainer

Zwei Fragen zuvor: Darf man aus verschiedenen Nationalliteraturen auf so etwas wie einen „Volkscharakter“ schließen? Und darf man über etwas schreiben, von dem man eigentlich keine Ahnung hat? Beide Fragen werden hier mit „ja“ beantwortet, nicht weil die Antwort als unbedingt richtig angesehen wird, sondern nur, weil ich sonst diesen Text nicht schreiben dürfte.

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Wer stiftet, was bleibet?

Vom ungarischen Revolutionär und Politiker Gyula Andrássi (1823-1890) geht folgende Legende um: Auf einem Herrenabend wurde er von einem Magnaten nach seiner seltsamen und gänzlich unstandesgemäßen Freundschaft zum Maler Mihály Munkácsy (1844-1900) befragt, über die man in den höheren Kreisen die Nase rümpfte. Darauf fragte Andrássi den Magnaten, ob er denn den Außenminister zu Rafaels Zeiten kenne, worauf dieser überrascht antwortete: „Woher soll ich das wissen?“ – „Sehen Sie“, kam die Riposte, aber wer Rafael war, das wissen Sie doch sicherlich?“

So war das in den alten Zeiten.

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Auch Polen ist verloren

Institutionen können ihre Rollen nur erfüllen, wenn die Menschen, die ihre Seele sind, sich in allen Bereichen wieder aufraffen. Familie, Schule, Arbeit, Religion, Kultur, Staat und die verschiedenen konzentrischen Kreise der nationalen Assimilation. Diese Institutionen befinden sich in der Krise, denn statt dem Individuum nachahmenswerte Vorbilder zur Verfügung zu stellen, deklarieren sie das Individuum selbst zum Vorbild. Damit suggerieren sie, daß es nichts Nachahmenswertes finden könne und die eigene Identität aus sich selbst schöpfen müsse. Vincent Coussedière[1]

Eigentlich wollte ich jetzt ein Buch lesen – aber ich muß mir zuvor den Frust von der Seele schreiben. Weiterlesen

Denkanstöße – Sloterdijk X

Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

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Menschlichkeit und Einsamkeit

„Menschlichkeit ist eine Tugend des Umgangs mit anderen Menschen“ – über diesen Satz Bollnows stolpere ich. Mehr noch: „Robinson hätte, solange er auf seiner einsamen Insel allein lebte, schlechthin keine Gelegenheit gehabt, die Tugend der Menschlichkeit zu üben“.

Stimmt das? Kann der Mensch nur im Angesicht des anderen Menschen menschlich – im Sinne der Menschlichkeit – sein?

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