Marx, Engels und der kommende Faschismus

Das europäische und amerikanische Publikum hat in diesem Augenblick das Vergnügen, zuzusehen, wie Metternich und das ganze Haus Habsburg zwischen den Rädern der Dampfmaschine zerquetscht, wie die östreichische Monarchie von ihren eignen Lokomotiven in Stücke geschnitten wird. Es ist ein sehr erheiterndes Schauspiel. (Friedrich Engels)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Faschismus.

Glaubt man den zahlreichen Ideologen der Linken, dann stehen wir vor einem neuen Faschismus, einer neuen Diktatur. Wenn Trump gewinnt, dann gnade uns Gott, dann brauchen wir den Faschismustest …, wenn Hofer gewinnt, wird Österreich von einem Faschisten regiert, denn die FPÖ sei faschistisch, Marine Le Pen darf per Gesetz als Faschistin bezeichnet werden, Geert Wilders sollte man sogar so nennen, selbst Habermas glaubt an einen „Saatboden für einen neuen Faschismus“, führende Journalisten und Intellektuelle nennen rechte Parteien faschistisch und beschimpfen Wähler der AfD oder der FPÖ als Faschisten und Nazis, mehrfach werden die Wahlen mit Auschwitz und dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht …

Trump Wilders Le Pen Hofer Faschisten

Ich als Jude will nie wieder wo abgeholt werden. Wenn man die Menschen da abholt, wo sie sind, ist man selbst dort. Und wenn sie sagen: „Wir sind keine Faschisten, aber …“, dann sind sie Idioten, die auf eindeutige faschistische Symbole mit Beifall reagieren. … Den Leuten ist Faschismus egal, wenn ihnen der Faschismus eine Verbesserung verspricht. Mit reinem Antifaschismus kann ich sie nicht überzeugen.“ (Robert Menasse)

Droht ein neuer Faschismus?

Man kann die Frage im großen Stile aufziehen, die dutzenden Faschismus-Definitionen gegeneinander ausspielen, über die Entwertung der Parole sprechen etc. Hier dagegen soll ein früher Artikel Friedrich Engels‘ als Aufhänger dienen, das Argument marxistisch zu durchleuchten. Denn es ist doch eine seltsame Eigenart, daß ausgerechnet linke, also mutmaßlich marxistisch geschulte Meinungsmacher die Faschismuskeule gern hervorziehen.

Der Anfang des Endes in Österreich“ (MEW 4, 505ff.) lautet ein sechsseitiger Zeitungsartikel, den Engels Anfang 1848 in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ veröffentlichte. Ein geschichtsträchtiges Datum, nicht nur, weil Europa gerade im Revolutionsmodus war, sondern auch für Marxisten: es sind die Tage des Erscheinens des „Manifest der Kommunistischen Partei“ (MEW 4, 459-493), besagter Text stammt aus dem unmittelbaren Umfeld der paradigmatischen Schrift. Sie ist mithin eine am historischen Objekt durchgeführte Operation mit den manifestierten Mitteln und Messern.

Es ist kein Geheimnis mehr, daß das „Manifest“ wesentlich Engels zu verdanken ist1. Er hatte mit seinen „Grundsätzen des Kommunismus“ einen katechismusartigen Blueprint verfaßt, der dann in gemeinsamer Arbeit zum Manifest umgeschrieben wurde. Schon stilistisch deutet der Vergleich des „Manifestes“ mit „Der Anfang des Endes in Österreich“ auf seinen prägenden Einfluß hin.

Engels analysiert den kommenden Untergang der Habsburgermonarchie. „Die buntscheckige, zusammengeerbte und zusammengestohlene österreichische Monarchie, dieser organisierte Wirrwarr von zehn Sprachen und Nationen, dies planlose Kompositum der widersprechendsten Sitten und Gesetze, fängt endlich an, auseinanderzufallen.“ Man beachte das Wort „endlich“.

Aber warum? Warum muß, laut Engels, die Monarchie zusammenbrechen? Man könnte meinen, es liege am verbrauchten Personal. „Talleyrand, Louis-Philippe und Metternich, drei höchst mittelmäßige Köpfe, und darum höchst passend für unsere mittelmäßige Zeit, gelten dem deutschen Bürger für die drei Götter, die seit dreißig Jahren die Weltgeschichte wie eine Puppenkomödie am Drähtchen haben tanzen lassen.“ „Aber kann Metternich dafür?“, fügt er an. Den scheinbaren Ursachen – dem politischen Versagen – folgen nun die tatsächlichen.

Und da beginnt Engels historisch anzusetzen, erzählt er die Geschichte. Zuerst die Geschichte der Rückständigkeit Österreichs, das sich aufgrund seiner geographischen Lage lange der „sich entwickelnden Industrie“, dem sich „ausdehnenden Handel“, den „sich erhebenden Städten“, dem Aufstieg des Bürgertums widersetzen konnte. „Die bürgerliche Zivilisation konnte eine Zeitlang abgesperrt, sie konnte eine Zeitlang der östreichischen Barbarei angepaßt und untergeordnet werden. Früher oder später aber mußte sie die feudale Barbarei überwinden, und damit war das einzige Band zersprengt, das die verschiedensten Provinzen zusammengehalten hatte.“

So lange war das Land vor der Revolution sicher: „Wer aber sicherte die Ursachen der Revolution?“ Es ist Engels, der das Wort „Ursachen“ kursiv setzt. Er will sich noch immer nicht mit dem Scheinbaren abfinden, will zum Eigentlichen. Das sind die „Maschinen“. „Östreich verschanzte sich gegen die Maschinen hinter ein konsequentes Prohibitivsystem. Aber vergebens. Gerade das Prohibitivsystem brachte die Maschinen nach Östreich hinein.“

Ganz exemplarisch scheint hier die Denkfigur der Dialektik in einer noch etwas ungehobelten Form hervor. Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich nicht aufheben, im Gegenteil, seine Verhinderung wird zur Bedingung seines Einzugs, historisch gesetzmäßige Entwicklungen lassen sich nie verhindern, sondern immer nur modifizieren. Die Folgen waren umstürzend: „die Manufakturarbeiter wurden brotlos“, sie wurden „aus ihrer angestammten Lebensweise herausgerissen“, die Bourgoisie entstand und die Arbeiter, die Fronbauern verloren einerseits ihre Einkommen, entwickelten andererseits neue Bedürfnisse und lösten das feudale Verhältnis zum Gutsherrn auf, die Städte erhoben sich … kurz: „Die Stellung aller Klassen veränderte sich total.“ Mit den Eisenbahnen erreichen plötzlich „die Produkte der großen Industrie“ auch noch „die entferntesten Winkel der Monarchie.“

Selbst die Nationalitäten definieren sich neu, „aus dem wüsten Agglomerat einander fremder Provinzen sondern sich bestimmte, größere Gruppen mit gemeinsamen Tendenzen und Interessen heraus.“

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Alles hat das Reich der Habsburger ausgehalten: „Die französische Revolution, Napoleon und die Julistürme hat’s ausgehalten. Aber den Dampf hält’s nicht aus. Der Dampf hat sich durch die Alpen und den Böhmerwald Bahn gebrochen, der Dampf hat der Donau ihre Rolle eskamotiert, der Dampf hat die östreichische Barbarei zu Fetzen gerissen und damit dem Hause Habsburg den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der Dampf war’s! Schon im Manifest steht: „Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion“ und führt zu den berühmten kraft- und wundervollen Zeilen: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Mit nüchternen Augen – das heißt bei Marx und Engels, mit Blick auf die sozioökonomischen Zusammenhänge. Und damit zurück zur Ausgangsfrage, denn was für den Kommunismus gilt, gilt aus marxistischer Sicht auch für den Faschismus, gilt für jede gesellschaftliche Formation.

So wie ein Metternich – der tatsächlich mächtigste Mann seiner Zeit – den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, sowenig wird es, aus streng marxistischer Sicht, auch Trump nicht können. Die Frage, die sich marxistisch geschulte Geister stellen müssen, geht weit über die historische Persönlichkeit hinaus. Sie müßte statt: Kann Trump/Le Pen/Wilders/die AfD … zum Faschismus führen, lauten: Sind die historischen Bedingungen, die ökonomisch und sozial determiniert sind, sind die „Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse“, die materiellen Voraussetzungen reif für einen neuen Faschismus?

Weiter: Bedarf der Faschismus nicht einer aufgewühlten Menge? „Bedarf es tiefer Einsicht“, fragen die beiden Klassiker fast höhnisch im Manifest, „um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewußtsein sich ändert?“

Nicht ein „Führer“ macht den Faschismus, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das nennt man „materialistische Geschichtsauffassung“, „Historischen Materialismus“ und der scheint den heutigen Pseudomarxisten und Möchtegernlinken fremd zu sein.

Zur Erinnerung – Friedrich Engels klipp und klar im Anti-Dühring: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, 248f.)

Will man das Gespenst eines neuen Faschismus aufbauen, dann bitte nur von diesen Prämissen aus. Aber bietet die globalisierte Produktion, der globalisierte Austausch von Produkten, Informationen und Menschen – von der „Lehre aus der Geschichte“ ganz zu schweigen – wirklich einen Nährboden für einen Faschismus?

Glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, daß eine übersatte, adipöse, krankenversicherte, universalversicherte, vorm Bildschirm krummrückig gewordene, politisch desinteressierte, durchgegenderte, egozentrische, narzißtische, politisch korrekt, konsumnomadisch erzogene Generation auf eine Frage wie „Wollt ihr den totalen Krieg?“ euphorisch mit „Ja“ und „Hail Trump“ antworten könnte? Viel mehr muß man sich fragen, wem die Angstmacherei unmittelbar politisch nützen soll.

Realer Faschismus braucht Elend, Massenarbeitslosigkeit, braucht eine verzweifelte Menge, eine allumfassende Propaganda, Gleichschaltung, Militarisierung, eine große Armee, enorm zugespitzte „Klassengegensätze“ usw. und nicht zuletzt einen großen Jungmännerüberschuß.

Denn auch Gunnar Heinsohns Entdeckung des Kriegsindex ist reiner Materialismus, auch wenn er die ökonomische Auslegung nicht teilt. Sofern wir uns den Jungmännerüberschuß nicht importieren, ist in Deutschland und in Europa auf lange Sicht aus ganz objektiven Gründen eine streng diktatorische, kriegsbegeisterte Gesellschaft nahezu undenkbar.

Daß sie trotzdem zerfällt, ist nicht zu übersehen. Wozu sie es bringen wird im Zeitalter der Virtualität, Gleichzeitigkeit, des gnadenlosen Konsums, der unerfüllbaren Sinnsehnsucht etc. ist kaum zu prognostizieren, aber faschistisch – wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll – wird sie definitiv nicht. (Eher könnte es in die Richtung SamjatinOrwellHuxley gehen.)

Das zumindest lehren uns Marx, Engels und der Dampf.

1 Vgl. etwa: J.D.Hunley: The Life and Thought of Friedrich Engels. Yale University 1991, S. 65-79

SOS – Presse in Not!

Schöne Bredouille! Fast könnte einem unsere glorreiche Rotbannerpresseflotte leid tun. Durch einen überraschenden Einschlag von Realdialektik hat sie nun genau das erreicht, und in Potenz, was sie lange zu verhindern versuchte. Vom selbstverliebten Akteur ist sie ein gehetztes Medium geworden. Wegen Politischer Korrektheit, dem Flaggschiff des neudeutschen Journalismus, fährt sie nun mit Karacho an die Klippen.

Weiterlesen

Das Blame Game

Der Mord in Freiburg erschüttert die Nation. Auf diversen Seiten war man sich lange vor Veröffentlichung der Ermittlungsdaten sicher, daß der Tod der jungen Studentin in einer von Ausländerkriminalität gerade hart getroffenen Stadt nicht zufällig mit der verschärften Flüchtlingssituation zu tun hat. Sogar der Spiegel veröffentlichte eine Liste von Schwerverbrechen „mit Migrationshintergund“ allein in Freiburg innerhalb der letzten Wochen.

Weiterlesen

Lob der Torheit Trumps

Eine scheinbar abseitige Szene könnte neues Licht auf die Zukunft der Weltdiplomatie werfen. Donald Trump hatte die Glückwünsche der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-wen entgegengenommen. Sofort schwappt ein Empörungstsunami von China ausgehend über die USA bis nach Europa.

Weiterlesen