Ennyi!

Das ist Ungarisch. Es ist eines jener schillernden Wörter, deren es in dieser zauberhaften Sprache so viele gibt. Schlägt man in einem Wörterbuch nach, wird man die Übersetzung „so viel“ finden, aber das ist weniger als die halbe Wahrheit. Das Wort kann situativ ganz verschiedene Bedeutungen annehmen; im Imperativ besagt es meist so viel (sic!) wie: „das war‘s!“, „Ende!“, „Feierabend!“, „genug!“, „finito!“, „es reicht!“, „Schluß!“, „Schicht!“, „Aus!“. „Vorbei!“ und dergleichen mehr.

In diesem Sinne wird es hier verwendet.

Dieser Blog kommt an ein Ende, an ein vorläufiges zumindest. Er wird ein Jahr pausieren und danach werde ich das Gelände neu rekognoszieren und entscheiden, ob und wie es weitergeht.

Der Gründe gibt es viele. Zum einen bin ich müde und trage seit langem schon das Empfinden mit mir herum, mich oft nur noch zu wiederholen. Seither geistert das „ennyi“ in meinem Kopf herum. Was gesagt werden mußte, was ich sagen kann, wurde gesagt – es braucht den Great Reset. Kommentariat und Zugriffszahlen weisen auf eine spiegelbildliche Ermattung hin. Größeres Leserinteresse scheint es nur noch bei scharfen Beiträgen zu geben, just bei jenen, die man so nebenbei hinrotzt, wohingegen das, was einem am Herzen liegt, weit weniger Interesse hervorruft.

Ich möchte nicht in die Skandalisierungsspirale eintreten.

Der Bedarf scheint also gedeckt und mein Motto – den Seidwalk zu gehen, „abseitig von der Hauptstraße“ – möchte ich nicht verletzen.

In den letzten fünf Jahren war der Blog ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens, in über 1000 eigenständigen Artikeln – Denkanstöße, Fundstücke u.ä. nicht mitgezählt – hatte ich dem dringenden inneren Bedürfnis nachgegeben, zur dramatischen Lage meine Sichtweise beizutragen. Der Urimpuls war der Herbst 2015, eine Zäsur, die mir – ich gebe es zu – Angst machte und die Luft zum Atmen nahm. Der Schock ist nun überwunden, die Therapie war erfolgreich, ich bin über die Stufe der Sorge hinaus und habe mein Gleichgewicht wiedergefunden; damit muß sich auch das Arbeitsfeld ändern.

Dahinter steht auch die Einsicht: Die tagtäglichen Politstreitigkeiten, die selten über die Diffamierungsebene hinausgehen, bringen niemanden voran, im Gegenteil, produzieren nur Galle und verstellen damit mehr und mehr den Weg zu einer möglichen Debatte.

Es ist den Lesern sicher aufgefallen, daß ich mich etwa zu den Corona-Fragen kaum geäußert habe. Hier gilt, was ich bereits im März ausdrückte: Bei aller kritischen Betrachtung, ist mir das Thema noch immer zu komplex und zu mysteriös, um feste Standpunkte wagen zu können, und mit großem Erstaunen sehe ich, daß zahlreiche geschätzte Köpfe sich just in diesen Malstrom stürzen, obwohl ihnen doch auch keine anderen Kompetenzen zugewachsen sind. Es gibt eine „transversale Unvernunft“, eine „Querfront“ der Torheit – untrennbar vermischt und vermodelt mit Intelligenz –, der ich wehrlos gegenüberstehe. An ihr teilnehmen kann ich nicht, gegen sie ankämpfen scheint sinnlos, mehr noch, gefährlich zu sein, denn ruck zuck wird man als Gegner markiert und niedergemacht, auch von einstigen Kampfgefährten –  absolute Sicherheiten führen zwangsläufig zu Intoleranz.

Es wird keine Diskussion über die Gräben geben – das ist die bittere Einsicht. Die Frage der Diskurshoheit wird und muß über die Macht entschieden werden. Wer sein Argument zu Gehör bringen will, muß zuvor um die Macht kämpfen und diese an sich reißen. Dafür braucht es Fundamente – Polemik, wenn sie das einzige Mittel bleibt, verhindert nur das Ringen um die Herrschaft. 

noch ein überzeugendes Argument

Statt sich in diesen Tageskämpfen aufzureiben und sich durch die Flut der Lügen und Gemeinheiten systematisch selbst zu vergiften – wenn es danach ginge, könnte ich am Tag 10 Artikel schreiben und mich jedes Mal aufregen –, werde ich versuchen, den Weg ins Grundsätzliche, ins Metapolitische zurückzufinden. Es gilt eine riesige Leseliste abzuarbeiten, ich werde mir den Genuß leisten, endlich wieder Belletristik um ihrer selbst willen zu lesen, und auch das Ringen, Herr der ungarischen Sprache zu werden, werde ich verstärken. Zudem möchte ich einen Einblick in eine weitere Fremdsprache erlangen. Die theoretische Arbeit wird sich um ein, zwei größere Projekte drehen – sollte daraus etwas werden, etwas Druckbares, so wird man das unter dieser URL erfahren können.

Hin und wieder wird wohl eine Rezension hier erscheinen, dann, wenn ein besonderes Leseerlebnis dies rechtfertigt, und ich werde zudem gelegentlich den einen oder anderen der substantielleren Artikel, der im Wust des Tagesgedröhns längst untergegangen ist, wieder an die Oberfläche zerren. Es ist auch nicht gänzlich ausgeschlossen, daß bestimmte politische oder gesellschaftliche Ereignisse der Zukunft einen Kommentar verursachen werden, sofern ich das Gefühl habe, daß es andernorts nicht getan wird.

Ich danke allen Lesern und Kommentatoren, besonders natürlich den langjährigen Beiträgern, die durch ihre meist fundierten und wahrhaft vielfältigen Meldungen ganz wesentlich zum insulären Charakter des Blogs beigetragen haben. Ich danke auch Herrn Johannes Leitner für seine tiefgründigen Beiträge – noch immer gilt das Angebot: die Seite steht auch anderen Autoren offen, Autoren jeglicher politischer, weltanschaulicher, religiöser Affiliation; Teilnahmebedingung ist ausschließlich ein gewisses inhaltliches Niveau und eine thematische Zugehörigkeit. 

Jetzt freue ich mich ganz unmittelbar auf Kittsteiner (danke, Helmut Lethen), Dilthey, Bollnow, Heidegger, Sieferle, auf Wass Albert, Heimito von Doderer und Pontoppidan … wer weiß, wohin der Weg führen wird.

Doch nun: Ennyi!

Warum der Osten?

„Die Identität von Subjekten läßt sich also deswegen vollständig nur über deren Geschichten vergegenwärtigen, weil diese Identität in ihrer synchronen Präsenz stets mehr enthält als das, was aus gegenwärtigen Bedingungen verständlich gemacht werden könnte. Anders formuliert: das, was einer ist, verdankt sich nicht der Persistenz seines Willens, es zu sein. Identität ist kein Handlungsresultat. Sie ist das Resultat einer Geschichte, das heißt der Selbsterhaltung und Entwicklung eines Subjekts unter Bedingungen, die sich zur Raison seines jeweiligen Willens zufällig verhalten. Eben deswegen ist das Subjekt im Verhältnis zu der Geschichte, durch die es seine Identität hat, auch nicht deren Handlungssubjekt, sondern lediglich das Referenzsubjekt der Erzählung dieser Geschichte.“ Hermann Lübbe

Warum der Osten? – Das ist eine Frage jener Art, von der Hermann Lübbe nachwies, daß „sie sich nur historisch erklären” lasse. Weil sich in ihr ein Relikt verbirgt, ein scheinbar funktionsloses Überbleibsel, ein Rest aus einer vergangenen Zeit, den das Wort „Widerstand“ recht gut trifft. Denn ernsthafter politischer Widerstand ist eine Seltenheit und eine Sünde in Deutschland geworden.

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Sloterdijk Backstage

Fortsetzung von: Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Nach jeder der drei Gesprächsrunden über die Begriffstrias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im November 2018 am Berliner „Volkstheater“, gab es die Gelegenheit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Sloterdijk machte aber keinen Hehl daraus, daß er diesen Teil der Veranstaltung gern kurz gehalten haben möchte. Die Uhr ging auf zehn, in der ersten Reihe saßen Freunde und Bekannte, z.T. Berliner Kunstgrößen, man wollte vermutlich noch irgendwo essen gehen …

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Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Man braucht sich nur drei jüngere Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, warum die namhaftesten Denker sehr vorsichtig geworden sind:

Alain Finkielkraut: Ich kann die Nase nicht mehr herausstrecken

Roger Scruton: Anatomy of a modern hit job

Susanne Schröter: Die Kopftuchdiskussion gehört an die Universität

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Die Galerie des Hasses

Wer nach dieser Meldung sein Vertrauen in die Presse nicht verliert, dem ist nicht mehr zu helfen. Ich bin sprachlos. Ich will auch gar nicht versuchen, mein Entsetzen – und meine Abscheu – in Worte zu fassen – es übersteigt meine Ausdrucksmöglichkeiten.

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Twitter und Trump

Let’s be clear about this – unter allen „historischen Momenten“ der letzten Tage, Wochen und Monate, ragt einer heraus; dieser wird unter der Masse tatsächlich Folgen haben, mag die Erinnerung an ihn auch verblassen. Ob das geschieht, liegt kaum in unserer Hand: wir sind ihnen nahezu wehrlos ausgesetzt: den Big-Tech-Konzernen, der Meinungseinheitspresse, dem politischen Establishment, letztlich dem Zeitgeist.

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Nietzsches Ungarn, Nietzsches Petőfi

PDF: Nietzsches Ungarn, Nietzsches Petőfi

Daß Nietzsche sich zu Ende seines schöpferischen Lebens gern als Nachfahre von polnischen Edelleuten ausgab, ist Nietzschelesern wohl bekannt. An der Geschichte ist nach allem Wissen nichts dran und man fand auch keinen genealogischen Grund, weshalb der Überphilosoph diese Selbstbeschreibung wählte.

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Petőfis Fluch

PDF: Petőfis Fluch

Ganz anders als Sándor Petőfis Leben begann das von Mór Jókai und es endete auch vollkommen ungleich, obwohl beide in der entscheidenden Phase ihres Lebens Seit an Seit standen.

Jókai wurde 1825 in eine adlige Familie hineingeboren, die seiner Bildung große Aufmerksamkeit widmete. Er starb 1904 als einer der größten und mit Sicherheit produktivsten Schriftsteller Ungarns in einer vollkommen anderen Welt. Petőfi war im Zuge der ersten großen gesellschaftlichen Umwälzung gefallen, Jókai durchlebte mehrere dramatische historische Wechsel und den Einzug der Moderne im Ungarnlande.

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Petőfi und die permanente Revolution

PDF: Petőfi und die permanente Rvolution

Am 31. Juli 1849 fiel Ungarns Nationaldichter Sándor Petőfi in der Schlacht von Segesvár. Das wird gemeinhin als ein trauriges Ereignis rezipiert, tatsächlich aber könnte es ein großes historisches Glück für beide gewesen sein: für Ungarn und für den Dichter.

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Helmut Lethens Raumfahrt durch die Zeit

Warum erzählt Helmut Lethen von jenem Werbeplakat aus den 70er Jahren im Utrechter Busbahnhof, das eine Kaffeewerbung mit dem Tod verbindet? Weil es ein Beispiel der Vagheit der eigenen Erinnerung ist, denn eine heute mögliche Internetrecherche belehrte ihn, daß die jahrzehntealte Reminiszenz in fast allen Details falsch war. Das ist ein Vorbehalt. Und noch so ein Satz: „Es ist nicht immer leicht, den Gedankengängen der Rechtsintellektuellen zu folgen.“ Nun, das gilt auch spiegelbildlich.

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Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.

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Denken und Sagen

Das deutlichste Kennzeichen von Dekadenz ist immer die Ausbreitung der Auffassung vom Nur-Leben als höchstem Wert; die letzten Menschen blinzeln und sagen „wir sind doch gleich, wir sind doch glücklich“. Alles andere – die Hochschätzung von Schlauheit und Feigheit, die Urteilsschwäche, der Geburtenschwund, die Ausbreitung der Homosexualität, der Egalitarismus, der Aufstieg der Mediokren – das sind nur Folgen. Im Kern geht es um eine Lebensform, die nicht mehr an sich glaubt, und die deshalb ihren Untergang will. (Karlheinz Weißmann)

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Das Märchen von der Prinzessin und dem Edelstein

Es war einmal eine kleine Prinzessin, die fand auf einem Spaziergang durch den Wald einen großen glänzenden Stein.

Der Stein war so schwarz wie ihr Haar, so schwarz, wie sie nie zuvor einen gesehen hatte. Er glitzerte und glänzte an einigen Ecken, war rauh und spitz an anderen. Als sie ihn aufheben wollte, riß sie sich an ihm die Hand und leise begann sie zu schimpfen. Doch im gleichen Moment fiel ein Sonnenstrahl auf den Stein und ließ ihn wie einen Spiegel erglänzen, in dem das schöne Gesicht der kleinen Prinzessin widerstrahlte. So griff sie noch einmal danach, überwand allen Schmerz und alle Anstrengung und schleppte den großen Stein nach Hause.

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Denkanstöße – Sloterdijk VI

Einige willkürliche und ganz subjektiv ausgewählte Beispiele von Sloterdijks aphoristischer, oft ironischer Prägnanz aus seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“. Selbstverständlich aus dem Kontext gerissen.

Götter sind Vagheiten, die durch Kult präzisiert werden.

Zu seinen (Jesu) Dichtern wurden die Evangelisten, die seine Geschichte vom Ende her erzählten. Sie zögerten nicht, ihren Lehrer, dessen Worte vor den fatalen Ereignissen nach seinem Einzug in Jerusalem bei ihnen nachhallten, sagen zu lassen, was er gesagt haben müßte, sollte seine irdische Erscheinung den Sinn haben, ohne den sie nur der Stoff zum Bericht eines Scheiterns wäre.

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Geständnis und Aufklärung

 Albert Wass: Die Landnahme der Ratten

Nun muß ich etwas gestehen – es handelte sich gestern nicht um eines meiner Märchen, der Text wurde von Albert Wass verfaßt. Daß ich diesem lange vergessenen und unterdrückten ungarischen Autor in Zukunft besondere Aufmerksamkeit widmen werde, hatte ich an anderer Stelle bekannt gegeben.

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Die Ratten

Ein Märchen

Das Haus des Mannes stand auf dem Berg und herrschte. Es herrschte über den Garten, die Bäume,  Büsche und über die Saat. Es herrschte über die Felder, Wiesen und Weiden, und herrschte auch über den Wald, der gleich hinter dem Hügel begann und bis in die Berge hineinragte. Die Bäume trugen Früchte, und der Mann, der in dem Haus lebte, pflückte die Früchte und lagerte sie für den Winter. Er sammelte die Saat zusammen und lagerte sie im Keller, daß sie nicht vom Frost vernichtet werde. Vom Feld holte er das Getreide, von den Wiesen das Heu und aus dem Wald das Feuerholz. Und alles lagerte er im Haus oder um das Haus herum, wie es am zweckmäßigsten war. Als der Winter kam, trieb er seine Tiere von der Weide, gab ihnen Unterschlupf in den warmen Ställen und sorgte sich um sie. So lebte der Mann.

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Alles gut?

Menschen, die ein gutes Gewissen haben, haben in der Regel auch ein schlechtes Erinnerungsvermögen. (Johannes Møllehave)

Was ist eigentlich aus Johannes Møllehave geworden? Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. Zuletzt – das war 2009 – las ich sein Buch „Det ender godt“ („Es endet gut. Über den Tod“). Damit hatte er eine der kommenden zeittypischen Leerparolen eingefangen und vorweggenommen: Man kann heute kaum noch ein Gespräch führen, ohne daß jemand die Floskel „alles gut“ einwirft.

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