Goethe in Zeiten der Pandemie

Ja, die Natur reagiert nicht bloß gegen die leibliche Krankheit, sondern auch gegen die geistigen Schwächen; sie sendet in der steigenden Gefahr stärkern Mut. (Goethe, Gespräch mit Lobe)
PDF:  Goethe in Zeiten der Pandemie

Es finden sich in Goethes Werken bemerkenswerte Überlegungen und Erfahrungen, die uns heute noch inspirieren können. Denn Goethe war mehr als ein großer Autor und Denker, er war auch ein großer Kranker! Immer wieder schlugen ihn schwere, zum Teil auch lebensbedrohliche Krankheiten nieder – lernen kann man vor allem aus seinen dazugehörigen Überlegungen und aus seinem persönlichen Umgang damit.

In „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt er gleich zu Beginn, wie ihn just in einem glücklichen Kindheitsmoment „ein Mißbehagen und ein Fieber überfiel, wodurch die Pocken sich ankündigten.“

„Die Einimpfung derselben ward bei uns noch immer für sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populare Schriftsteller schon faßlich und eindringlich empfohlen, so zauderten doch die deutschen Ärzte mit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulierende Engländer kamen daher aufs feste Land und impften, gegen ein ansehnliches Honorar, die Kinder solcher Personen, die sie wohlhabend und frei von Vorurteil fanden. Die Mehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wütete durch die Familien, tötete und entstellte viele Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig bestätigt war. Das Übel betraf nun auch unser Haus, und überfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der ganze Körper war mit Blattern übersäet, das Gesicht zugedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden. Man suchte die möglichste Linderung, und versprach mir goldene Berge, wenn ich mich ruhig verhalten und das Übel nicht durch Reiben und Kratzen vermehren wollte. Ich gewann es über mich; indessen hielt man uns, nach herrschendem Vorurteil, so warm als möglich, und schärfte dadurch nur das Übel. Endlich, nach traurig verflossener Zeit, fiel es mir wie eine Maske vom Gesicht, ohne daß die Blattern eine sichtbare Spur auf der Haut zurückgelassen; aber die Bildung war merklich verändert.“[1]

Bei den Blattern handelt es sich um eine schwere Viruserkrankung, die zu Goethes Zeiten noch zahlreiche Opfer unter den Kindern forderte, jedes dritte bis fünfte Kind starb daran, die Überlebenden hatten oft mit fürchterlichen Entstellungen zu leben. Es war die erste Krankheit, die durch Impfung besiegt wurde. Im 16. Jahrhundert wurde in China bereits dagegen geimpft, oder besser: geritzt – Ende des 18. Jahrhunderts gelang es durch Kreuzimmunisierung mit Kuhpockenlymphe einen sicheren Impfstoff herzustellen. Goethes Bericht zeugt davon, daß schon Jahrzehnte zuvor durch „spekulierende Engländer“ damit experimentiert wurde, und das mit gutem Erfolg bei denen, die „wohlhabend und frei von Vorurteil“ waren.

Die Blattern (Pocken) @ Wikipedia

Goethes Eltern gehörten nicht dazu und so hatte der Knabe sein unbeschadetes Überleben sowohl dem Glück als auch seiner eigenen Disziplin zu verdanken. Blieb er auch ohne Narben, so schien sein Aussehen sich dennoch verändert zu haben, wie ihm eine geliebte Tante immer wieder mit dem Aufruf „Pfui Teufel! Vetter, wie garstig ist Er geworden!“ versichert hatte.

„Ich gewann es über mich.“ – dieser unscheinbare Satz ist der Schlüssel.

Krankheiten aber begleiteten den jungen Goethe sein ganzes junges Leben hindurch:

„Weder von Masern, noch Windblattern, und wie die Quälgeister der Jugend heißen mögen, blieb ich verschont, und jedesmal versicherte man mir, es wäre ein Glück, daß dieses Übel nun für immer vorüber sei; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und rückte heran. Alle diese Dinge vermehrten meinen Hang zum Nachdenken, und da ich, um das Peinliche der Ungeduld von mir zu entfernen, mich schon öfter im Ausdauern geübt hatte, so schienen mir die Tugenden, welche ich an den Stoikern hatte rühmen hören, höchst nachahmenswert, um so mehr, als durch die christliche Duldungslehre ein Ähnliches empfohlen wurde.“[2]

Zur „christlichen Duldungslehre“ ging Goethe später auf Distanz, aber der stoische Umgang blieb ihm und wurde – noch vor Kenntnis der eigentlichen Schriften – zur Grunderfahrung.

„Unter die Übungen des Stoizismus, den ich deshalb, so ernstlich als es einem Knaben möglich ist, bei mir ausbildete, gehörten auch die Duldungen körperlicher Leiden. Unsere Lehrer behandelten uns oft sehr unfreundlich und ungeschickt mit Schlägen und Püffen, gegen die wir uns um so mehr verhärteten, als Widersetzlichkeit oder Gegenwirkung aufs höchste verpönt war. Sehr viele Scherze der Jugend beruhen auf einem Wettstreit solcher Ertragungen: zum Beispiel, wenn man mit zwei Fingern oder der ganzen Hand sich wechselsweise bis zur Betäubung der Glieder schlägt, oder die bei gewissen Spielen verschuldeten Schläge mit mehr oder weniger Gesetztheit aushält; wenn man sich beim Ringen und Balgen durch die Kniffe der Halbüberwundenen nicht irre machen läßt; wenn man einen aus Neckerei zugefügten Schmerz unterdrückt, ja selbst das Zwicken und Kitzeln, womit junge Leute so geschäftig gegen einander sind, als etwas Gleichgültiges behandelt. Dadurch setzt man sich in einen großen Vorteil, der uns von andern so geschwind nicht abgewonnen wird.“[3]

Die bewußte Kultivierung des „Leidenstrotz“ dürfte ein wesentlicher Unterschied zu der heutigen Jugend sein. Sie dürfen und können sich auch nicht mehr – wie der junge Wolfgang – auf der Straße prügeln und wenn sie es dennoch tun, dann ist es oft enthemmt und ohne Begriffe und Gefühle, dann ist es kein Ringen, kein „Beißen, Kratzen und Treten“ mehr, kein „Kopf durch den Arm“, sondern schnell werden Messer gezückt, Kampfsporttechniken ausprobiert und der dauerhafte Schaden des Kontrahenten in Kauf genommen oder anvisiert.

Als junger Mann mußte Goethe erneut um sein Leben bangen – er selbst führte es diesmal auf eine falsche Diät zurück, der er sich „in Gefolg von mißverstandenen Anregungen Rousseau’s“ unterzogen hatte. Das aktuelle Äquivalent dürften zahlreiche esoterisch oder moralisch motivierte Diäten sein. Die Folge war ein „heftiger Blutsturz“, „und so schwankte ich mehrere Tage zwischen Leben und Tod, und selbst die Freude an einer erfolgenden Besserung wurde dadurch vergällt, daß sich, bei jener Eruption, zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses gebildet hatte, den man jetzt erst, nach vorübergegangner Gefahr, zu bemerken Zeit fand. Genesung ist jedoch immer angenehm und erfreulich, wenn sie auch langsam und kümmerlich von Statten geht, und da bei mir sich die Natur geholfen, so schien ich auch nunmehr ein anderer Mensch geworden zu sein: denn ich hatte eine größere Heiterkeit des Geistes gewonnen, als ich mir lange nicht gekannt, ich war froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich äußerlich ein langwieriges Leiden bedrohte.“[4]

Erneut sehen wir Goethe gestärkt aus der Misere hervorgehen: Nicht nur ein neuer Umgang mit anderen Menschen – „Was mich aber in dieser Zeit besonders aufrichtete, war zu sehen, wie viel vorzügliche Männer mir unverdient ihre Neigung zugewendet hatten“ – blieb als Gewinn zurück, sondern auch eine intensive Beschäftigung mit medizinischen, chemischen, mystischen und vor allem alchimistischen Werken setzte ein, deren Spur man bis in den „Faust“ hinein verfolgen kann. Es kommt im Zusammenhang mit dieser Geschwulst zu einem denkwürdigen Ereignis, denn Goethe wird durch einen ungenannten geheimnisvollen Arzt mit Hilfe eines „Universalmittels“ geheilt. Es gab Gerüchte um jenes „wichtige Salz, das nur in den größten Gefahren angewendet werden durfte“. Aber „in den letzten Nöten“ wurde der Arzt geholt und verabreichte die „Universalmedizin“: „Das Salz war kaum genommen, so zeigte sich eine Erleichterung des Zustandes, und von dem Augenblick an nahm die Krankheit eine Wendung, die stufenweise zur Besserung führte. Ich darf nicht sagen, wie sehr dieses den Glauben an unsern Arzt und den Fleiß, uns eines solchen Schatzes teilhaftig zu machen, stärkte und erhöhte.“[5] Worum es sich dabei gehandelt haben könnte, ist seither ein viel diskutiertes Rätsel.

Daß der junge Goethe nach all diesen Erlebnissen zu einer gewissen Hypochondrie neigte, ist wohl nicht überraschend. Es ging ihm nun der Zusammenhang zwischen Krankheit und Angst auf – wollte man gesund bleiben, mußte man seine Ängste besiegen lernen. Er tut das auf ganz eigene Weise, indem er sich in Straßburg eine selbstauferlegte Expositionstherapie auferlegt.

„Ein starker Schall war mir zuwider, krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu. Besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätten zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms, und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfiere in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des ältern Doktor Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohns, in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungen der Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahndungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen und was hiemit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war, ja daß, als in später Zeit mich die Lust ankam, wieder einmal in solcher Umgebung die angenehmen Schauer der Jugend zu fühlen, ich diese in mir kaum durch die seltsamsten und fürchterlichsten Bilder, die ich hervorrief, wieder einigermaßen erzwingen konnte.“[6]

Aus Goethescher Perspektive ist daher der immer wieder vorgebrachte Vorschlag, „Ungeimpfte“ den Alltag auf Intensivstationen vorzuführen und Menschen beim Sterben zusehen zu lassen, durchaus sinnvoll, denn dort könnten sie auch lernen, ihre Ängste – die nicht selten medieninduziert, zumindest aber verstärkt sind – zu überwinden und sich gegen die unleugbare Realität abzuhärten.

Wir wissen auch, daß sich Goethe mehrfach ganz bewußt in Lebensgefahr begeben hatte, um seiner Furcht Herr zu werden. Berühmt ist jene Schlachtszene, beschrieben in „Die Belagerung von Mainz“, in der sich Goethe ganz bewußt in der Schußlinie aufhielt, um die „Kugeln an sich vorbeisausen“ zu hören oder in der „Campagne in Frankreich“, als er das „Kanonenfieber“ erforschen wollte und sich dem Kanonenbeschuß, „wo die Kugeln herüber spielten“, aussetzte:

„Unter diesen Umständen konnt‘ ich jedoch bald bemerken, daß etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so daß man sich mit demselben Element, in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke, noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der den Zustand sowie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellet nun, in welchem Sinne man diesen Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, daß jenes gräßlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.“[7]

Schließlich denke man an jene amateurhafte Bergbesteigung zusammen mit Landesfürst Carl August, die Alfred Muschg in seiner Erzählung „Der weiße Freitag“ psychologisch durchleuchtete.

Sich der „Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien“ bedeutete also, seine Angst zu besiegen. Und das galt auch in Bezug auf jegliche Krankheit. In einem denkwürdigen Gespräch mit Eckermann am 8.4.1829 behauptet Goethe sogar, eine Infektion mit Fleckfieber durch reine Willensanstrengung besiegt zu haben. Das Gespräch ging über Napoleon, das „Angeborene des großen Talents“, das die „Welt behandelt, wie Hummel seinen Flügel“, also durch lange Übung erreichte Instinktsicherheit und Kunstfertigkeit. Einem solchen Menschen könne das Schicksal lange nichts anhaben:

Die Pestkranken aber hat er wirklich besucht, und zwar um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne, wenn man die Furcht zu überwinden fähig sei. Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.“[8]

Zwei Jahre darauf kamen erneut „ärztliche Dinge an die Reihe“. Noch einmal werden die Blattern diskutiert, mithin die Frage der Impfung. In Eisenach war geimpft worden und dennoch war die Krankheit ausgebrochen und hatte viele Menschen „hingerafft“. Die Impfung geriet in Verruf. Hofrat Vogel war zu Gast und vertrat folgende Position:

„Man hielt die Schutzblattern so sicher und so untrüglich, daß man ihre Einimpfung zum Gesetz machte; nun aber dieser Vorfall in Eisenach, wo die Geimpften von den natürlichen dennoch befallen worden, macht die Unfehlbarkeit der Schutzblattern verdächtig und schwächt die Motive für das Ansehen des Gesetzes.“ Doch Goethe bestand auf seinem alten Standpunkt und erwiderte: „Dennoch aber bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe, indem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohlthaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen.“ Daraufhin entspann sich ein kurzer Dialog: „Ich bin auch der Meinung,“ sagte Vogel, „und möchte sogar behaupten, daß in allen solchen Fällen, wo die Schutzblattern vor den natürlichen nicht gesichert, die Impfung mangelhaft gewesen ist. Soll nämlich die Impfung schützen, so muß sie so stark sein, daß Fieber entsteht; ein bloßer Hautreiz ohne Fieber schützt nicht. Ich habe daher heute in der Session den Vorschlag gethan, eine verstärkte Impfung der Schutzblattern allen im Lande damit Beauftragten zur Pflicht zu machen.“ – „Ich hoffe, daß Ihr Vorschlag durchgegangen ist,“ sagte Goethe, „sowie ich immer dafür bin, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgiebt als billig.“[9]

Goethe gibt sich hier als Verfechter der Stärke des Staates zu erkennen, der sich der zunehmenden „Schwäche und übertriebenen Liberalität“ entgegenstellt – er plädiert für eine Art Impfpflicht. Natürlich kann keine Parallele zu unserer Situation gezogen werden, die sich zweierlei von der Goetheschen unterscheidet: einer Todesrate von bis zu 30% plus Verstümmelungen vieler anderer. Zudem handelt es sich um einen vollkommen natürlich und mit einfacher Prozedur gewonnenen, über Jahrzehnte und Generationen erprobten Impfstoff.

Der Begriff der Stärke strahlt bei Goethe vor allem auch in eine andere Richtung aus. Man kann sich demnach auf Krankheiten vorbereiten und zwar durch stoische Gelassenheit, durch Abhärtung, durch Mäßigung und durch Übung. Ins heutige Vokabular übertragen können wir von einem „gesunden Lebensstil“ sprechen – es ist ganz sicher kein Zufall, daß die meisten fatalen Opfer des heutigen Virus zuvor Opfer des westlichen Lebensstils und seiner langjährigen Ernährung waren.

In einem früheren Gespräch mit Eckermann nannte Goethe Poeten, die schreiben, „als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett“, die immer nur „von den Leiden und dem Jammer der Erde“ sprechen, die „einer den anderen aufhetzen“, „Lazarett-Poeten“: „Ich habe ein gutes Wort gefunden, fuhr Goethe fort, um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Poesie die Lazarett-Poesie nennen; dagegen die echt tyrtäische diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.“[10] In einem Brief an Zelter zwei Jahre darauf beklagte er die „Tendenz der Zeit, alles ins Schwache und Jämmerliche herunterzuziehen.“[11]

Der wahre Grund der Misere – darauf hat Manfred Osten in mehreren Anläufen hingewiesen[12] – liegt für Goethe im „Veloziferischen“, im „Ultra“, im zu Schnellen und Heftigen und zu Vielen der Zeit, das des Teufels ist.  An Zelter schrieb er 1825 die paradigmatischen Zeilen:

„Alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht sein; einfältiges Zeug gibt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde, dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lankasterische Lehrmethode, und was nicht alles. Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten in der wir herankamen, wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche die sobald nicht wiederkehrt.“[13]

Sich enthalten, sich selbst üben, entsagen und verzichten lernen, sich abhärten und der Natur entsprechend leben, Angst und Furcht aktiv besiegen, das ist der Weg Goethes. Otto Friedrich Bollnow fand dafür das passende Wort: „Nur als ständiges Üben erfüllt sich das menschliche Leben.“[14]

Johann-Wolfgang-Goethe+J-W-Goethe-Sämtliche-Werke-nach-Epochen-seines-Schaffens-Münchner-Ausgabe

Das Nonplusultra der Goethe-Edition: die Münchner Ausgabe, nach Chronologie organisiert und daher ideal für Kontextstudien
[1] Dichtung und Wahrheit. In: Goethe Sämtliche Werke. Münchner Ausgabe Band 16, S. 39 – alle Zitate entstammen dieser Ausgabe. Hervorhebungen von mir.
[2] Ebda. 40
[3] Ebda. 72
[4] Ebda. 355
[5] Ebda. 367
[6] Ebda. 404f.
[7] Sämtliche Werke Band 14, S. 384
[8] J.P. Eckermanns Gespräche mit Goethe. In: Goethe Sämtliche Werke 19, Münchner Ausgabe S. 314
[9] Ebda. 412
[10] Ebda. 242
[11] Sämtliche Werke 20.2, S. 1198
[12] Denen ich die Anregung verdanke. Vor allem: Manfred Osten: Die Welt »ein großes Hospital« – Goethe und die Erziehung des Menschen zum »humanen Krankenwärter«, Wallstein-Verlag, Göttingen 2021; aber auch: Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert, Insel Verlag, Frankfurt am Main/ Leipzig 2003, sowie: Das geraubte Gedächtnis: digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur; eine kleine Geschichte des Vergessens. Insel-Verlag, Frankfurt am Main/ Leipzig 2004
[13] Sämtliche Werke 20.1, S. 850f.
[14] Otto Friedrich Bollnow: Vom Geist des Übens. Eine Rückbesinnung auf elementare didaktische Erfahrungen. Freiburg 1978, S. 68

Judäische Volksfront oder Volksfront von Judäa?

Wo wir stehen II

… in der Welt und speziell in Deutschland, das kann man oft am besten an Marginalien, Petitessen und Nebeninformationen sehen.

In der „Jungen Welt“ etwa war ein kleiner, aber aufschlußreicher und zugleich verstörender Artikel zu lesen. Darin war zu erfahren, daß im Studienrat der Universität Halle über den Arbeitskreis Antifaschismus gestritten wird. Es gebe dort demnach „drei Hochschulgruppen mit linkem Selbstverständnis – die Jusos, die Grüne Hochschulgruppe und die Offene Linke Liste“ und die versuchten den „Arbeitskreis Antifaschismus aufzulösen, können das auch, denn sie stellen die Mehrheit im „Studierendenrat“. Denn dieser hat gesündigt. Und das, obwohl er auf 27 verdienstvolle Jahre verweisen kann.

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Das Verschwinden des Weiblichen

Wo wir stehen I

… in der Welt und speziell in Deutschland, das kann man oft am besten an Marginalien, Petitessen und Nebeninformationen sehen.

In Ungarn etwa war die Möglichkeit, daß in Deutschland eine „schwarze Transfrau“ oder  ein „binäres Modell“  zur „Miss Germany“ gekrönt werden könnte, noch eine Nachricht wert. Man wunderte sich dort.

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Darüber, daß der Mensch ein Teil der Welt ist

Sándor Márai: Das Kräuterbuch (1943) IX

Der Mensch, in seiner unermeßlichen Hochmut und Eitelkeit, ist geneigt zu glauben, daß er auch wider die Gesetze der Welt leben, sie ändern und straflos gegen sie rebellieren kann. Als ob der Wassertropfen sagte: „Ich bin anders als das Meer.“ Oder der Funke: „Ich werde kein Feuer fangen“.

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Zeitschriften – anbruch

Bevor man „anbruch“ aufschlägt – so meine Empfehlung –, sollte man sich der kommenden Ruhe und Ungestörtheit gewiß sein, es empfiehlt sich ein gemütliches Plätzchen, vielleicht des Nachts unter dem Schein der Schirmlampe, und wer kultivierte Laster pflegt, dem sei geraten, die Cohiba oder den Glengoyne 21 oder den Sümegi Cabernet Sauvignon 2016 oder was auch immer die verfeinerten Sinne edel reizt, bereit zu stellen, denn im „Magazin für Kultur & Künftiges“ wird ästhetisiert und philosophiert – und zwar auf hohem Niveau.

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Über das menschliche Verhalten

Ich gebe zu, das übersteigt meine Kräfte – bitte daher als Versuch werten: für konstruktive Vorschläge bin ich dankbar!

Sándor Márai: Das Kräuterbuch VIII

Kein Verhalten, das außerhalb der menschlichen Ordnung eine Art Lebensordnung und Tagesordnung aufbauen will, ist berechtigt. Für den Menschen ergeben die Dinge der Welt und die Handlungen nur dann Sinn, solange sie auf die Menschen einwirken wollen und mit der menschlichen Welt kooperieren. Diese Kooperation kann unmittelbar oder mittelbar erfolgen. Aber aus Eigeninteresse zu leben, hat niemand das Recht, ja, er hat nicht einmal das Recht, zu schaffen.

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Die Sorge vor dem Bevölkerungsaustausch

von Karen Jespersen und Ralf Pittelkow, erschienen in „Den Korte Avis26.10.2021

Schockierende Umfrage: in Frankreich erwartet eine Mehrzahl der Befragten einen Bevölkerungsaustausch (befolkningsudskiftning), in dessen Verlauf muslimische Einwanderer die europäischen Franzosen verdrängen werden.

In Frankreich findet eine heftige Debatte um den Begriff des „Bevölkerungsaustausches” statt. Das meint, daß die europäische Bevölkerung des Landes besonders von der stark wachsenden muslimischen Bevölkerung verdrängt werden wird.

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Über die Sinne

Sándor Márai: Das Kräuterbuch VII

So meine ich: wir müssen unsere Stellung[1] auch gegen unsere Sinne verteidigen. Nur mit großer Vorsicht, Billigkeit[2] und Erfahrung können wir Meister unserer Sinne bleiben. Wer gegen sich selbst gewalttätig wird, fällt.

Eine wilde Horde ist sie, die Armee der Sinne. Mit allen verfügbaren Waffen kämpfen sie gegen den Menschen, wie die Ringer beim Catchen[3], sie respektieren keine Spielregeln, sie treten, sie kneifen und sie beißen. In ihrer Rebellion liegt etwas Beängstigendes und zugleich Großartiges. Der Mensch lebt, solange er Leidenschaften hat. Aber die Leidenschaften können  diszipliniert[4] werden. Der Egoismus, die Lüsternheit, der leibliche Hunger und Durst läßt sich ins Menschliche verwandeln.

Die Gier kann in nützlichen menschlichen Willen umgewandelt werden. So wie aus dem Wind, dem Feuer, dem Licht nützliche, dem Menschen zum Dienste geeignete Kräfte gezähmt werden können – auch wenn sie noch so mächtig in der Welt sind, das Meer peitschen und Wälder und Städte in Brand setzen; der Mensch ist stärker! – so lassen sich die Kräfte und die Affekte[5] bremsen, die den menschlichen Leib durchdringen, unser Herz und unsere Nerven beherrschen. Diese wilden Kräfte können zu menschlichem Dienst erzogen[6] werden.

Dazu bedarf es vieler Erfahrung, vieler Betrübnis, viel Willens und übermenschlicher Kraft.

@ Übersetzung: Seidwalk

 

[1] rang
[2] méltányosság
[3] kecseszkecskenbirkózók
[4] nevel
[5] indulatok
[6] nevel

Karlstadt – Luthers (ewiger) Widersacher

Jedes Jahr zum Reformationstag lese ich ein Buch zum Thema – diesmal: A.O.Schwede: Der Widersacher.
Ich will mein Archidiakonat und alle Güter, die ich habe, freiwillig aufgeben, auf Vater, Mutter, Bruder und Schwester verzichten, alles gelassen am Leib und Seele, das mich von göttlichen Zusagen zieht oder entfernt. Ich weiß, daß ich gelassen sein muß und alle Kreaturen gelassen muß. Ja, ich muß nicht allein euch, sondern mich selber gelassen, ich darf mich meines Leibes und Lebens nicht annehmen.“ Andreas Karlstadt

Gut zwei Jahre lang beschäftigte mich während des Studiums die Reformation, der Bauernkrieg, vor allem natürlich die übermächtige Gestalt Luthers. Bald aber kam eine historische Figur in den Fokus, deren Bedeutung für den frühreformatorischen Prozeß kaum zu überschätzen, die dennoch aber wenig bekannt ist und falls doch, dann zumeist unter falschen Zuschreibungen. Und diese stammten von Luther höchstpersönlich und hielten sich durch die Jahrhunderte.

Die Rede ist von Andreas Bodenstein, bekannt als Karlstadt.

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Über das Kennenlernen des Körpers

 

Sándor Márai: Das Kräuterbuch VI

Parallel zur Kenntnis unseres Charakters,  müssen wir auch die Natur unseres Körpers[1] kennenlernen. Aber nur wie[2] die Natur[3] eines schlechten und untreuen Dieners. Unser Charakter ist der Herr, unser Verstand befiehlt; der Körper ist nur Diener.

Man muß also vernünftig und gerecht mit ihm umgehen, unparteiisch und streng, wie mit einem Diener, der jederzeit zur Untreue neigt, zur Flucht und zur Rebellion. Wir müssen sein Wesen, seine Neigungen kennenlernen, und er muß sich so weit wie möglich mit der Welt, mit den Möglichkeiten, mit dem Takt der ewigen Lebensflut in Einklang bringen.[4] 

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Was erlauben Kimmich?

OMG! Da hat sich der Joshua Kimmich was Schönes eingebrockt – es gibt sogar schon einen ausführlichen Wikipedia-Vermerk „Kontroversen„.

Nicht impfen lassen, Bedenken haben, auf Totimpfstoff warten – und all das auch noch öffentlich zugeben. Das Sportliche hat keine Bedeutung mehr, schon nach dem letzten Bayern-Spiel gab es das erste Grundsatz-Verhör und seither prasseln die Belehrungen auf ihn – und uns – nieder. In allen Hauptmedien das gleiche Bild.

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Wahrheit oder Verleumdung?

Der ganze Hype um den Stand des „Jungeuropa“- und des „Oikos“-Verlages – letzterer veröffentlicht das Umweltmagazin „Die Kehre“ – ließe sich eigentlich in einem Satz entschärfen. Hat Jasmina Kuhnke – alias „Quattromilf“ – recht oder lügt sie? Ich selbst kann diese Frage nicht beantworten, wundere mich aber, daß es diejenigen, die sie beantworten könnten, es noch nicht getan haben.

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Sexualität und Wahrheit

Mal wieder der Zufall.

In einer Tageszeitung lese ich eine Hommage an Elfriede Jelinek – Nobelpreisträgerin! Sie ist klammheimlich 75 Jahre alt geworden.

Gleichentags die Nachricht, daß eine Antje Rávik Strubel – das „Rávik“ ist eine Art Blackfacing oder Migrationssimulation oder was weiß ich, jedenfalls ein Künstlername – den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und zwar mit einem Roman – laut Verlagstext –, der von einer jungen Tschechin handelt, die sich in die Ferne sehnt, nach Berlin geht, ein sexuelles Gewalterlebnis hat, sich in einen Plattenbau zurückzieht, dann nach Helsinki zieht, dort einen estnischen Professor kennenlernt, der Abgeordneter der EU ist, sich in sie verliebt und sich für Menschenrechte stark macht, während sie einen Ausweg aus ihrem inneren Exil sucht, verursacht durch die Vergewaltigung.

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Über das wahre Erlebnis des Lebens

Sándor Márai: Das Kräuterbuch V

Das wahre Erlebnis[1] für den Menschen ist in erster Linie nun dies: die Selbsterkenntnis. Die Welterkenntnis ist interessant, nützlich, ergötzlich, beängstigend oder belehrend; die Erkenntnis unseres Selbst ist die größte Reise, die am meisten beängstigende Entdeckung, die allerlehrreichste Begegnung.

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Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

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Über den menschlichen Charakter

Sándor Márai: Das Kräuterbuch IV

Das interessanteste Phänomen, das uns im menschlichen Leben begegnen kann, ist der menschliche Charakter. Nichts ist so interessant, überraschend, unberechenbar, wie der Prozeß, in dessen Verlauf der Mensch seine charakterlichen Eigenheiten offenbart.

Was auch immer die Welt zeigt: Landschaften und Naturwunder, der irdischen Flora und Fauna unübersehbare Vielfalt, nichts ist so eigenartig, wie der Charakter dieses oder jenes Menschen. Wenn unser Interesse an der Erkenntnis des menschlichen Charakters liegt, während wir die Dinge der Welt betrachten, empfinden wir zugleich, daß das unsere eigentliche Lebensaufgabe ist. Alles andere, was wir erkannt haben, hat unser Wissen nur bereichert. Aber unsere Seele wird nur durch die Kenntnis der Charaktere reicher. 

Denn dies ist die direkteste menschliche Erfahrung, jawohl, der Charakter ist der Mensch selbst. Und weil der Charakter der Mensch selbst ist, bemühen wir uns vergeblich, dies zu verbergen: seinen Charakter kann der Mensch ebensowenig verstecken, wie man auch das leibliche Wesen nicht mit irgendeinem Zaubermantel[1] verdecken kann. Für eine Weile können wir im Leben falsche Bärte und Verkleidung tragen, aber in einem bestimmten Augenblick fällt jedes Kostüm von uns ab und die Wahrheit wird enthüllt.

Eine Bewegung, ein Wort, eine Handlung offenbart letztlich unseren wahren Charakter: die Maskerade kann nur gelegentlich (alkalmi – evtl.: eine Ausnahme) sein. Und die Begegnung mit den wahren Eigenschaften eines Charakters, ist die größte menschliche Erfahrung, an der wir teilhaben können.

[1] Hier spricht Márai wörtlich von einer „Nebelkappe“ – wohl ein märchenhaftes Hilfsmittel, unsichtbar zu werden.
Übersetzung: © Seidwalk

Ungarns Opposition zerlegt sich

In Ungarn werden möglicherweise gerade entscheidende Weichen gestellt.

Seit sich die Sechsparteien-Opposition aus den denkbar heterogensten Parteien im letzten Jahr zusammengeschlossen hatte, war klar, daß ihr nur dann Erfolg gegen den Erzfeind Orbán beschieden sein wird, wenn sie ein allgemein anerkanntes und vertrauenswürdiges Gesicht präsentieren kann, das sowohl von potentiellen Jobbik-Wählern, Konservativen, Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen akzeptiert werden würde. Das einigende Ziel sollte der Sturz Orbáns sein und damit die Beendigung vor allem der Selbstherrlichkeit und der allgegenwärtigen Korruption. Das Konzept ging bei den Kommunalwahlen 2019 überraschend gut auf.

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Covid-Opfer und Covid-Impf-Opfer

Zwei Artikel mit scheinbar gegensätzlichen Botschaften kreuzten sich heute im Internet.

Zum einen hatte Martin Lichtmesz auf „Sezession im Netz“ den zweiten Teil seiner „Bilanz der Impfschäden“ vorgelegt, zum anderen zeigte sich Jan Josef Liefers, Initiator der #allesdichtmachen-Initiative, nach einem Besuch auf einer Intensivstation geläutert und plädiert nun offen für die Corona-Impfung. Sein Fazit: „Bei keinem der Patienten wäre eine Intensivbehandlung nötig gewesen, wenn sie geimpft gewesen wären.“

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Mein Corona-Tod

Im aktuellen „Focus“ kommt der Chefarzt der Intensivstation einer Münchener Klinik zu Wort und darf dort auch über seine Wut auf Ungeimpfte reden. Demnach arbeite man seit 19 Monaten bis zur Erschöpfung hauptsächlich wegen Corona-Patienten. Alle, zu 100%, der dort Behandelten seien Ungeimpfte gewesen, sagt der Mann. Die Opfer werden immer jünger, – meine Alterskohorte ist deutlich überrepräsentiert –, die Hälfte habe Vorbelastungen wie Diabetes oder Fettsucht, die andere Hälfte aber sei kerngesund. Ob er auch einen Groll auf Adipöse, Trinker, Raucher, Autofahrer, Suizidale – und was weiß ich, wer noch so statistisch überrepräsentiert auf der Intensivstation landet – hat, erfahren wir nicht.

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