Die Farbe Grün in Bayern

Das Gute an Wahlen ist: jeder kann danach seinen Sieg feiern. Demokratische Wahlen haben, so lehrt uns die jüngere Geschichte, fast nur Sieger. Nicht nur die Demokratie als solche, ganz klar – die siegt immer, außer irgendwas Alternatives geschieht –, sondern auch die Parteien.

Wer hat denn nun in Bayern gewonnen? Wohl doch die CSU, die mit Abstand die meisten Stimmen sammeln konnte. Liest man die Zeitung, dann könnte man hingegen meinen, die Grünen seien Sieger der Wahl, den sie sind zum ersten Mal zweistellig. Darüber kann die AfD nur lachen, denn sie schafft die Doppelziffer nicht nur aus dem Stand, sie hat auch den absolut größten Zuwachs – also Sieger! Und selbst die Freien Wähler – stabilisiert –, FDP – wieder drin – und Linke – tendenziell in 20 Jahren auch dabei – können sich als Sieger begreifen.

Nur für die SPD fällt mir nichts ein, außer vielleicht … nee, wird auch nichts.

Wenn man die Vogelperspektive einnimmt, dann hat sich so viel gar nicht geändert. Der mehr oder weniger konservative Block – CSU, FW, AfD, FDP – stellt fast zwei Drittel der Wähler (und ist also Sieger). Bayern ist und bleibt an der Oberfläche konservativ, von nun an aber in schöner Vielfalt. Mit anderen Worten: Fluktuation. In einem um sich kreisenden System mit zunehmenden Schwungkräften und schwindender Integrationskraft, wird es eine Flucht an die Ränder geben. Das Bayern der letzten fünf, sechs Jahrzehnte gibt es nicht mehr und wird es auch nie wieder geben. Das Land der stärksten Mitte ist der schnelle Brüter Deutschlands – an ihm kann man die Folgen des Sozialexperimentes (auch wenn es „uns allen gut geht“) exemplarisch aufzeigen.

Gerade haben „die Wähler“ die CSU als Partei und deren Politik in ihrer amateurhaften Buntheit[1], im Bundesland und im Landesbund, abgestraft. Von nun an wird sich der Frust aber auf die Politik als solches konzentrieren, denn so schön demokratisch das kommende Vorbei-Gerede aller an allen, so schön demokratisch die Konsensfindung – die es übrigens nur in der Theorie im herrschaftsfreien Diskurs gibt – ist, so vergleichsweise wenig kann sie leisten. Und das ist in einer Zeit, die schnelle und richtige Entscheidungen braucht, Gift. In fünf Jahren, so die Prognose, wird sich in Bayern nicht vieles verbessert haben und das wird sich in den landesweiten Prozeß des Politikfrustes und damit in die schleichende politische Destabilisierung einreihen. Nun ist also auch Bayern dort angelangt.

Daß eine scheinbar historisch überlebte, eine anachronistische Partei noch einmal ein Comeback feiert, muß niemanden beunruhigen. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Man sollte sie, wenn man sie wirklich loswerden will, regieren lassen.

Anachronistisch sind die Grünen übrigens nicht wegen ihrer ökologischen Agenda, sondern ihres Linksseins wegen. Die Umweltfrage wird weiterhin in tausendfacher Gestalt an Brisanz zunehmen, sie kann nur nicht ideologisch und restriktiv behandelt werden, nicht innerhalb demokratischer Regeln.

Tatsächlich hat dieser Erfolg viele verschiedene Voraussetzungen. Da ist zum einen die Unzufriedenheit mit der CSU – dafür können die Grünen nichts. „Protestwähler“ hieße es, wenn es moralisch rechtfertigungsbedürftig wäre. Zum zweiten haben der warme Sommer, die Dürre, die wasserarmen Flüsse, die Fehlernte, die Unwetterprobleme etc. die Klimafrage fühlbar ins Bewußtsein gerufen. Schließlich konnte man attraktive und sympathische Spitzenkandidaten aus dem Hut zaubern. Und das auch noch perfekt getimet. Mein Gott, was wäre aus diesem Lande geworden, wenn die SPD einen Martin Schulz ein halbes Jahr später präsentiert hätte? Sehr schlechtes Timing.

Daß die Frage der zeitlichen Koordinierung und des Kairos überhaupt erst entscheidend werden kann, zeigt den desolaten und volatilen Zustand unseres Landes. Sehr viele Menschen sind unglaublich verunsichert. Im Grunde genommen giert dieses Land nach einem „starken Mann“ oder einer „starken Frau“ – nur kann man sich nicht einigen auf wen und es hat auch keiner den Mumm in der Hose oder wo auch immer.

Und gerade die politische Linke leidet. Sie weiß, daß sie mit dem Herbst 2015 ein Großteil ihres ideologischen Kapitals verspielt hat. Da wurde offensichtlich, daß sie bereit ist, das ganze Land ihrer Ideologie und Utopie zu opfern. Die linke Wählerklientel ist stark verängstigt und nun sind es also die Grünen, die sich als Heilspartei, als Projektionsfläche anbieten und plötzlich massive Zugewinne einfahren. Weil es sich um eine Illusion handelt, muß und wird diese Blase bald wieder platzen.

Wie die heimatlose Linke dann reagieren wird, steht noch in den Sternen: Aggression wäre eine Möglichkeit, Depression und Resignation eine andere, Unterwerfung eine unwahrscheinliche dritte …

Sie kann sich nur an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, wenn sie das Migrationsproblem – die Mutter und so –  löst. Dazu müßte verstanden werden, daß es sich dabei unter allen Kardinalfragen um das archetypische Problem schlechthin handelt: der Andere, der Fremde und die tiefsitzende, biologisch und evolutionär in uns eingepflanzte Angst davor, die natürliche Distanzierung, die Sorge um das Eigene.

Die Linke, ob nun rot oder grün oder merkelschwarz, kämpft gegen die Anthropologie, die Rechte steht auf ihrer Seite. Sie, die Rechte, braucht eigentlich nur eines: Geduld – und ein bißchen Glück, daß es nicht schon vorher richtig kracht.

 

[1] Man denke nur an Kreuzeserlaß, Dieselverbot, Maut, Weltraumprogramm, Maaßen, Migrationskrise, Drehhofer und überhaupt die anziehenden Gesichter.
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Du, Ministerin!

Es ist nicht einfach, ein hämisches Grinsen zu vermeiden, wenn man manche Geschichte hört – man sollte es aber versuchen. Denn sie wissen (noch immer) nicht, was sie tun.

Da geht zum Beispiel Inger Støjberg, die „Taffe“ der dänischen Regierung, ihres Zeichens Ausländer- und Integrationsministerin, zusammen mit der Gleichstellungsministerin in einen islamischen Frauenverein und will ein bißchen aufklären. Gleichstellung und so. Die „Berlingske Tidende“ brachte die ganze Dramatik des Geschehens in einem Hinterzimmer in Bispebjerg, im nördlichen Kopenhagen, auf wunderbar naive Weise ans Tageslicht.

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Die Kunst des Wartens

In seinen Augen zerfiel das Leben in zwei Hälften: die eine bestand aus Arbeit und Langeweile – für ihn waren das synonyme Begriffe -, die andere aus Ruhe und heitrem Behagen. (Gontscharow: Oblomow)

Ein Mal am Tag – ich verrate nicht, wo – nehme ich mir die Zeit und ziehe ein paar Sprachkarten aus einem Stapel und versuche die Vokabeln zu lernen, die ungarischen Sätze zu verstehen. Heute lese ich den Satz: „A pénztáraknál gyakran kell sorban állni“. Die idiomatische Wendung „kell valakinek valamit“ – „etwas müssen“ –, die sich darin versteckt, stellt ein besonders schönes Beispiel der inneren Logik der ungarischen Sprache dar. Übersetzt lautet der Satz: „An den Kassen (Mz!) muß man oft Schlange stehen.“

Das ist die ganze Wahrheit.

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Tag der deutschen Vielfalt

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage: »Man hat mir Böses getan« ist das Böse selbst unterdrückt. (Mark Aurel)

Huch! Ist heute 3. Oktober? Hätte ich die Zeitung nicht aufgeschlagen, es wäre mir fast entgangen. So aber darf ich großartige Sätze wie diese lesen:

„Nicht länger zu ignorierende Teile der Gesellschaft wählen dort die AfD – ob aus Überzeugung oder Protest, ist erst einmal egal, denn das Signal, das sie senden, ist leider eindeutig: Sie stimmen und stemmen sich gegen unser Land, wie es ist, sein will, sein soll. Demokratisch, offen, im besten Falle wirklich plural.“ (Jana Hensel in „Zeit Online“)

Au Backe!

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Ein Wink aus der Zukunft

Wenn man sich Erdogans dreitägigen Deutschlandbesuch noch einmal vor Augen führt, nur gespeist aus den offiziellen Medienmitteilungen, dann kann es aus deutscher Sicht nur ein Wort, ein trumpeskes Wort geben: Desaster!

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Walser, Habermas, Höcke

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Vor 20 Jahren hielt Martin Walser seine legendäre Rede in der Frankfurter Paulskirche, deren Worte die deutsche Zivilgesellschaft bis heute ebenso erschüttern, wie die darin aufgezeigten und zu Bewußtsein gebrachten deutschen Idiosynkrasien. Stella Hindemith, eine Kulturwissenschaftlerin mit jüdischen Großeltern, hat dazu soeben einen aufschlußreichen und maßgebenden Artikel veröffentlicht, der den geistigen Zustand der „Eliten“ auf wunderbare Weise selbstkarikiert: „Im Umgang mit der deutschen Nazivergangenheit markierte Martin Walsers Rede in der Paulskirche eine Wende: Vor 20 Jahren verschob er die Grenzen des Sagbaren nach rechts.“

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