Was ist Europa?

Was ist Europa, wie wurde es, woran krankt es, was könnte es retten?

von Johannes Leitner

Heute, da Europa wieder einmal in seinem Dasein gefährdet scheint, beherrscht die Frage nach dem Wesen Europas erneut das öffentliche Gespräch: Wer sind wir, wie wurden wir, woran leiden wir, wie wollen wir sein und wie nicht sein? – Wo man dieses Wesen, das es gar gegen seine innere Schwäche zu erhalten und gegen seine Feinde zu verteidigen gälte, nicht überhaupt leugnet, da greift man gerne zu dem Gemeinplatz von den drei Hügeln, auf denen Europa erbaut sei (der als Gemeinplatz wenigstens hinreichend stimmig ist): Golgotha, das für das Christentum steht, die Akropolis für die griechische Philosophie, das Kapitol für römisches Recht und römische Verwaltung.

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Wer sind „WIR“?

Tristan Garcia gehört zu jenen Autoren, die das klare Wort, die Entscheidung, das Ja oder Nein scheuen. Das hat Methode, das ist poetologische Aussage – Form und Inhalt sollen eine Einheit bilden und wenn jemand nichts Konkretes mehr zu sagen hat, dann kann er das auch nicht konkret ausdrücken. Daher ist es auch kein Zufall, daß Garcia sein Buch über das „Wir“ in der der ersten Person Mehrzahl hält.

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Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

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Was ist Geschichte?

Ich prophezeie der Philosophie eine andere Vergangenheit. (Peter Sloterdijk)[1]

Wenn es einen gefährlicheren Job als den des Philosophen gibt – „Der Philosoph ist nicht Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche“[2] – dann ist es der des Historikers.

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Über-Setzen nach Hamsun

Ich begriff schon als Heranwachsender, daß diese Sprache sich einfach eignet für die ganz großen Fragen. Bildung – den Begriff kann man nicht übersetzen. Der „Sinn des Lebens“, das klingt auf Italienisch fast lächerlich. Aber auf Deutsch weist einen die Sprache mitten in die organische Einheit des Lebens. Dieses Bohrende, Systematische hat mich ungemein fasziniert. (Claudio Magris)

Hamsuns Jahrhundertroman „Segen der Erde“ gibt uns Gelegenheit an einem Beispiel, die Schwierigkeit des Übersetzens zu verdeutlichen. Wir werden sehen, daß norwegische Leser, die das Buch in der Originalsprache lesen können, ein anderes lesen als deutsche, englische oder italienische.

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Nietzsche und Deleuze

(Fortsetzung und Grundlegung von „Das dritte Geschlecht„)

Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives.      (Gilles Deleuze)

Die gesamte Frage der Affirmation zielt ab auf das Philosophieren Nietzsches[1].

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