Ein Brief an den Feind

Es dürfte im Umkreis dieses Blogs ein mehrfaches Interesse an Helmut Lethens neuem Buch „Die Staatsräte“ geben. Das Zeitsujet, die Jahre des Nationalsozialismus und ihre Verwindung, gehören seit je zum engeren Aufmerksamkeitsspektrum, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn zählen zum spezifischen Kanon, aber es kommt nun ein dritter wesentlicher Punkt hinzu: Lethen, Jahrgang 39, 68er, emeritierter Professor, Literaturwissenschaftler, einst in KPD-Kreisen aktiv und noch immer bekennender Linker, ist mit Caroline Sommerfeld verheiratet, die seit zweieinhalb Jahren einen kometenhaften Aufstieg im Sezessions-Milieu feierte. Das führte zu Verunsicherungen, hüben wie drüben.

Tatsächlich lautet der vorletzte Satz des Textes: „Auseinandersetzungen mit Caroline Sommerfeld setzten das Buch unter Strom“. Aber wie?

Helmut Lethen ist Monothematiker oder – positiv gewendet – Modifikationist. Seit 25 Jahren schreibt er dasselbe Buch in Variationen, ist er von einem Thema besessen und durchdenkt immer wieder die gleichen Autoren. Das hat Vor- und Nachteile. Man kann Kennerschaft voraussetzen und Entwicklungen im Denken und Schreiben werden exemplarisch sichtbar, andererseits verstecken sich hinter den meisten Fällen von thematischer Besessenheit individuelle Kränkungen oder Ängste – Lethen war immerhin so frei und offen, uns in seiner autobiographischen Schrift, dem „Handorakel“, Einblick in das gemeinhin Verheimlichte zu gewähren. Fortschritt in der Monothematik muß allerdings meist mit Radikalisierung erkauft werden, denn das Neue im Alten braucht die Sensation, sofern man nicht den Weg in die akademische kapillare Verästelung und damit die langweilige Versandung des Gegenstands geht.

Sein Lebensthema ist: Wie fühlt es sich an, in anderen Zeiten zu leben, speziell in der Zeit zwischen den großen Kriegen der weißen Männer. Und wie gerät man in gewisse Rollen, für die man sich im Nachhinein zu rechtfertigen hat, hinein. Hier dürfte – wenn man die links-rechts-Verdrehung wahrnimmt – auch Lethens persönliches Problem liegen.

Er exemplifiziert es an der Geschichte der „Staatsräte“ Carl Schmitt, Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler und Ferdinand Sauerbruch. Die Institution des Preußischen Staatsrates wurde 1933 seiner historischen Kontinuität beraubt und ihr unter Görings Führung eine mehrfache „symbolische Funktion“ übergestülpt. Sie sollte nach außen den „Erhalt eines preußischen Staatsgedankens“ und „Staatsnormalität“ simulieren, führende Vertreter der künstlerischen und intellektuellen Elite an die Macht binden und diente zugleich als Schutzschild unter Görings besonderer Aufmerksamkeit gegen zu erwartende Anfeindungen – was einigen Staatsräten später wohl das Leben gerettet hat. Mit diesen Konstellationen macht uns der Autor im ersten Abschnitt bekannt.

Der Clou seines Buches besteht jedoch im halbfiktionalen Mittelteil. Dort läßt er in „Geistergesprächen“ – eine literarische Gattung in lukianischer, also ironisch-zynischer Linie; per se eine heikle Angelegenheit – die vier Protagonisten in verschiedenen historischen Phasen der 12 Jahre aufeinander treffen und jeweils fachspezifische, aber philosophisch aufgeladene, mit zahlreichen Originalaussagen versehenene Gespräche führen, die gedankenprall, beobachtungsreich und manchmal tatsächlich auch humorvoll um die Fragen des Mitläufertums, der Verantwortung und der Scham kreisen. Das zumindest sind die Matrizen, die unter den thematischen Abenden über den „Schein“, über „Prothesen“, den „Schmerz“, den „Feind“, die „Gemeinschaft“ und die „Entscheidung“ liegen. Mit der verengten Fachoptik, dem musikalischen Gehör, dem theatralischen Talent, der chirurgischen Schärfe, der philosophischen Eristik und einer leider sehr einseitigen Boshaftigkeit und Zänkigkeit, werden die Absurditäten der jeweiligen anderen Perspektive aufgedeckt.

Schon am Vokabular ersieht man, daß Lethen sich ganz besonders Carl Schmitt vorknöpft – ihm gebührt der Großteil der Aufmerksamkeit und das erklärt sich recht einfach. Schmitt ist nicht nur die intellektuell komplexeste und bedeutendste Figur, deren Werke noch immer weitflächig rezipiert werden, er dient auch als Signalflagge nach rechts. Denn Lethen imaginiert sich ein neues Lesepublikum. Bisher schielte der Autor immer nach links – das ist bei seinem Klassiker „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994), aber auch in seinem Benn-Buch „Der Sound der Väter“ unübersehbar. Diesmal aber will er den Rechten was erzählen.

Dafür ändert er sogar seine Sprache. Aus den verschwörungs-theoretischen Morsesignalen, mit denen sich Gleichgesinnte noch bis zur Jahrtausendwende aus der Ferne heimlich zuwinken und -zwinkern konnten, der hermetischen Soziologensprache, für die Habermas und Theweleit die blue prints schrieben, wird seltsam plattes Deutsch, von dem der Verfasser offenbar annimmt, daß es auch in den unterbelichteten Kreisen des politischen Gegners am rechten Rand noch verstanden werden kann. Das ist jetzt seine neue Zielgruppe, ihnen, den Rechten, hat er was ins Stammbuch zu schreiben und wenn sich die alten Genossen dennoch zuwinken, dann nur noch in dieser hämischen Geste. Die Gängelung führt beim andersdenkenden Leser freilich auch zu Aversionen.

Die Botschaft nach rechts ist folgende: Zum einen werden Parallelisierungen geschaffen, die historisches mit jetztzeitigem Geschehen kurzschließen, also „ernste Konsequenzen“ anmahnen wollen, desweiteren werden Signalvokabeln wie „Identität“, „Volk“, „das Fremde“, „das Nationale“ etc. eingestreut und schließlich will Lethen seine Leser davon überzeugen, daß die behandelten historischen Figuren tatsächlich tot sind und uns kaum noch etwas zu sagen haben. Insbesondere an Schmitt läßt er kein gutes Haar, ihn will er moralisch-menschlich und sachlich-thematisch beerdigen und er nutzt dazu auch einen kleinen Trick: Er kategorisiert die Protagonisten nach den Konstitutionstypen Kretschmers: Leptosom, Pykniker, Athlet. Sie sollen keine Köpfe, keine Geister mehr sein, sondern lächerliche Körper, die längst schon unter der Erde verrotten.

Bei allem Furor entgeht dem Autor die Dialektik der Situation, daß mancher Vorwurf – sofern man den hohen realhistorischen Einsatz zu relativieren bereit ist – heute auf die moralistische Linke zurückfällt. Etwa wenn „Reinigungen“ Ähnlichkeiten zur Politischen Korrektheit aufzeigen. Das Totalitäre, das der Text zu bekämpfen sich anschickt, ist tief in ihm versenkt.

Daß das Genie auf der falschen Seite der Lethe stehen kann – man könnte hier ein paar ironische Meditationen über den Namensgegensatz des ungleichen Paares anfügen –, das will Lethen nicht akzeptieren, das scheint ihm ein unbegreiflicher Insult zu sein. „Wie ist der Riß im mentalen Körper des Nationalkonservativen zu erklären?“ Aber während seine früheren Arbeiten von einem angenehmen Pathos der Vornehmheit und der Distanz und also auch Empathie getragen waren, scheint letztere nun aufgebraucht und das läßt sich nur durch eine gewisse Panik erklären, die in der linken Intelligenz Einzug hält. Aus dem subtilen Rechtenversteher, der mit Demut und Wärme Kälte wahrnahm, ist selbst eine „kalte persona“ geworden.

Intellektuelle wie Lethen werden von einer Frage getrieben und einer Sorge gezogen und beides prägt das Lebenswerk. „Wie konnte das passieren?“ und: „Kann es wieder passieren?“ Letzteres bejahen sie entgegen aller soziologischen und gesellschaftsanalytischen Evidenz, die in der materialistischen und marxistischen Spielart – wo das gesellschaftliche Bewußtsein vom gesellschaftlichen Sein dominiert wird – ganz besonders die Unmöglichkeit der Wiederholung unter gegebenen Umständen nachweisen müßte. Sie agieren angstgetrieben. Diese Philosophen haben die Welt nur verschieden angstbesetzt, es kömmt darauf an, sie davon zu befreien.

Aber darin liegt der tiefste Wert dieses gehaltvollen Buches! Es ermöglicht uns, eine ganze Generation zu verstehen. In Lethens Geste, auf hermetische Sprachspiele zu verzichten und die ureigenen Texte der Konservativen Revolution zu problematisieren, liegt ein stilles Gesprächsangebot, das man unbedingt annehmen sollte.

„Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde“, hatte Jean Paul gesagt. In Schmitts Nachfolge muß man diesen Gedanken nun umformulieren: Sie können auch dickere Briefe an Feinde und Feindin sein.

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich. Berlin 2018
zuerst erschienen in „Sezession

siehe auch: Lektüren Februar

Helmut Lethen – 80 Jahre

2 Gedanken zu “Ein Brief an den Feind

  1. Michael B. schreibt:

    > „Sein Lebensthema ist: Wie fühlt es sich an, in anderen Zeiten zu leben, speziell in der Zeit zwischen den großen Kriegen der weißen Männer. Und wie gerät man in gewisse Rollen, für die man sich im Nachhinein zu rechtfertigen hat, hinein. Hier dürfte – wenn man die links-rechts-Verdrehung wahrnimmt – auch Lethens persönliches Problem liegen.“

    Eben, warum in die Ferne schweifen? Gerade jetzt kann man alle diese Dinge in statu nascendi an ganz frischem Personal studieren, und wer denn will, auch mit Vergleichen zu vergangenen Zeiten. Nicht in der Lage zu sein zu sehen wie und unter welchem konkreten geistigen Dach sich eigentlich jetzt und hier totalitaere Tendenzen entwickeln obwohl das jeden Tag mehr ins Gesicht springt, das ist das Frappierende.

    Gefällt 2 Personen

  2. Pérégrinateur schreibt:

    „… wie gerät man in gewisse Rollen, für die man sich im Nachhinein zu rechtfertigen hat, hinein[?]“ – Das ist, in Perspektive aufs Individuum, die Frage, welche einen Gutteil der gutmeinenden Öffentlichkeit seit geraumer Zeit monomanisch umtreibt: „Wie nur, wie nur konnte es geschehen?“ Und seit welcher Zeit eigentlich? – Seit man hochgestellten Ehemaligen mit dieser Frage nicht mehr auf die Füße treten kann.

    Man glaubt, mit der befindlichkeitsgeleiteten Erforschung der Seelendramen dergleichen verstehen und zugleich sich gesellschaftlich und individuell gegen Ähnliches feien zu können, vergisst aber den wichtigsten Akteur in diesem Drama: Anders als Protagonist und Antagonist des altgriechischen Dramas spielen die Menschen gewöhnlich nicht gegen den umstehenden Chor, sondern mit ihm. Menschen verhalten sich allermeist nicht exemplarisch, sondern generisch.

    Menschen sind Tiere, die den größten Teil ihrer Geschichte in Horden mit hierarchischer Struktur gelebt haben, daran sind sie angepasst und entsprechend verhalten sie sich in den inzwischen größeren Organisationseinheiten noch heute. Man darf nicht zum Außenseiter werden, weil man sonst ausgestoßen wird und verhungert, man muss sich mit den Zampanòs gut stellen, um bei der Verteilung der Jagdbeute ein schönes Stück zu bekommen.

    Menschen sind also fundamental Konformisten und Liebediener der Mächtigen. Da das nicht ins selbstverklärende Eigenbild Eingang finden darf, sprießen die moralischen Rechtfertigungen bei Bedarf ganz von alleine, die diesem Verhalten ein schönes Mäntelchen umhängen. Die intellektuellen Typen sind dabei natürlich besonders einfallsreich.

    Man mache sich zu dieser Konformismusthese das bekannte, unzählige Male stets mit gleichem Ergebnis wiederholte Milgram-Experiment klar.

    Kahneman berichtet irgendwo von einem davon abgeleiteten Experiment. Man behandelte in einer Vorlesung für Psychologiestudenten das Milgram-Experiment ausgiebig und unterzog dann zwei Gruppen von Teilnehmer einem – wie nicht eben selten in der experimentellen Psychologie – mit einem Vorwand begründetem Experiment. Man spielt den Probanten der ersten Gruppe gefilmte Interviews von Personen vor und lässt sie eine Prognose abgeben, welche davon im Milgram-Experiment bis zum Ende mitmachen würden. Die Rate der Bis-zum-Ende-Prognosen liegt weit, weit unter der Rate, die man im Milgram-Experiment misst, obwohl die Probanten keinerlei Ursache haben, eine Abweichung der Interviewten von der Grundgesamtheit zu unterstellen. Den Probanten der anderen Gruppe führt man dieselben Interviews vor, erwähnte wahrheitsgemäß, dass diese dem Milgram-Experiment schon unterzogen worden seien und nannte deren (übliche) Bis-zum-Ende-Rate. Hier ist dann die Rate derjenigen, von denen die Probanten ein Mitgemachthaben bis zum Ende annehmen, deutlich höher, aber immer noch unter der wirklichen Rate genau dieser interviewten Gruppe.

    Man will es eben nicht wahrhaben.

    Nach meiner Erfahrung – ich habe es schon ein paar Mal ausprobiert – erntet man schon für diese Darlegung bei vielen großes Misstrauen gegen sich. Der Schluss scheint so zu gehen: „Wenn einer schon so etwas von den Menschen denken kann, dann doch nur, weil er selbst ein übler Kerl ist.“

    Deshalb erscheint mir die Betrachtung des individuellen Mitläufer-Seelendramas von wie sehr auch immer intelligenten Personen ziemlich müßig. Auch deren Mitläuferrate ist notwendig hoch, und die je individuellen Gründe sind fürs gesellschaftliche Gesamtergebnis völlig unwichtig.

    Wie sichert man dann aber eine Gesellschaft gegen das Abrutschen? Es ist schwierig. Sicher jedenfalls nicht, indem man ihren Mitglieder mit der sentimentalischen Nadel Moral injiziert. Denn wenn man es zu brauchen glaubt, wird man mit genau derselben Nadel die Verhetzung gegen die Bösen einspritzen. Die Vorgeschichte so manches Krieges liefert ausreichend Beispiele entsprechender Propaganda (kuwaitische Brutkastenlüge usw.) und die Emotionalisierbaren sind ohnehin am leichtesten zu agitieren. Ein Staat braucht vielmehr gute Institutionen und insbesondere die Teilung der Macht, damit ihn nicht ein Irrer an der Spitze (oder eine Irre, ich will schließlich niemanden diskriminieren) auf den falschen Weg bringt. Wähler sollten sich deshalb auch tunlichst hüten, jemanden, der eingestandenermaßen „durchregieren“ will, an die Spitze zu bringen.

    ――――――――

    Persönliche Anekdote 1: Eine mir recht nahestehende Verwandte berichtete mehrfach, dass ihr Chef ihr Dinge vorgeworfen habe, die sie selbst nicht zu verantworten habe. Sie sei sich dessen in der Situation des Herunterputzens völlig bewusst gewesen, habe aber nicht zu widersprechen vermocht und sich schon durch den Vorwurf allein schuldig gefühlt.

    Persönliche Anekdote 2: Ein Zimmerwirt während des Studiums berichtete mehrfach von seinem nach seinen Worten sehr intelligenten Vater, der Richter war, in den frühen 1920er Jahren studiert hatte und schon damals der NSDAP beigetreten war. Nach dem Januar 1933 stieg er rasch auf. Etwas vor seinem zwanzigsten Mitgliedsjubiläum erhielt der Alte Kämpfer ein Schreiben von seiner lokalen Parteiorganisation, man wolle das Jubiläum feiern, er möge aber bitte auch einen Kostenbeitrag leisten. Worauf er sich wegen des letzten Punktes fürchterlich über die Schäbigkeit ihm gegenüber aufregte und mit Bezug darauf seine Mitgliedschaft kündigte. In der Besatzungszeit nach dem Krieg war er dann der erste Ehemalige an seinem Gericht, der wieder eingestellt wurde – schließlich hatte er sich noch in der Nazizeit durch seinen Austritt klar vom Nazismus abgewandt. Offenbar ein dank Intelligenz recht bedachtsamer und glücklicher Wanderer zwischen zwei Welten. Vielleicht sollte man über solche aus welchen Gründen auch immer Lernfähigen eher glücklich sein.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.