Volk und Scham

Angela Merkel war in Auschwitz. Zu Ende ihrer Ära geht sie diesen Weg, den andere – wie Heiko Maas etwa – an den Anfang ihrer politischen Karriere setzen, ja sogar als Agens bezeichnen: „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“, tönte der Außenminister.

Merkels Auschwitz-Besuch war dem „Spiegel“ sogar eine Live-Übertragung wert.

Man mag Merkels Verspätung kritisieren – besser spät als nie.

Wichtig ist ihre Rede, nicht, weil sie besonders überdurchschnittlich gewesen wäre – sie sagt im Grund das Gleiche wie Maas, sondern weil auch diese Rede ein paar Denk- und Urteilsprobleme enthält, die man diskutieren sollte.

Die Außergewöhnlichkeit des Ortes wird dabei vorausgesetzt und auch die Notwendigkeit, das dortige Geschehen in Erinnerung zu halten. Man steht entsetzt, fassungslos, erschüttert vor diesen Toren.

Schatten über Auschwitz – Auschwitz als Event – Warten live auf Merkel

Aber schamvoll? Frau Merkel empfindet vor allem „tiefe Scham“. Das sollte man ihr nicht streitig machen, aber man sollte ebenso aufzeigen, worauf eine solche Scham nur basieren kann und welche Aporien sie beinhaltet.

Aus der Kulturanthropologie – etwa von Irenäus Eibl-Eibesfeldt – wissen wir, daß Scham kulturübergreifend existiert. Sie hat ihre Wurzel wohl in der apriorischen Sozialität des Menschen, der sich in allen Kulturen den Blicken, Gedanken oder Gebeten der anderen ausgesetzt fühlt. Wird die angestrebte Zuneigung durch eigene Fehler aufs Spiel gesetzt, kann das Individuum – wenn es den Fehlcharakter seiner Tat durchschaut – mit Scham reagieren.

Fast unbemerkt bleibt der Begriff des „Eigenen“ in dieser Herleitung. Auch Fehler und Verbrechen können zum Eigenen gehören. Als Theodor Heuss sieben Jahre nach Kriegsende in Bergen-Belsen den Begriff der „Kollektivscham“ einführte, da war sein Sinn vollkommen klar. „Wir“, die Deutschen, waren verantwortlich, wir waren die Täter. Heuss sprach für seine Generation und für die ihrer Väter, er sprach für Menschen, die unmittelbar in den Geschichtsprozeß, der auch zum Holocaust führte, verwoben waren. Sein „Wir“ ist verständlich.

Aber auch damals schon war der Begriff – wenn man ihn derart verwandte – zu wenig differenzierend, denn Deutsche töteten nicht nur, sondern wurden auch getötet: Viele Deutsche waren Opfer deutscher Taten, direkt und indirekt[1], darunter auch eine halbe Million deutscher Juden oder jüdischer Deutscher.

Nun sind die meisten tot – die überlebenden Opfer der KZ und auch die Täter. Auch Merkel gehört einer Generation an, die Jahre nach Ende des Grauens geboren wurde. Sie wäre heute – hätte sie Kinder – Mutter, Großmutter und vielleicht sogar schon Urgroßmutter von Generationen, die noch nicht mal über genealogische Tradierungen, über Familienerzählungen, mit dieser Zeit in Verbindung stehen. Wenn diese Generationen sich schuldig fühlen oder Scham empfinden sollen, so muß das begründet werden. Wie weit kann die Kollektivscham tragen? Ist sie vererbbar? Was ist ihr Trägermaterial?

Scham, wie gesagt, bezieht sich immer auf das eigene Fehlverhalten. Was ist an den schrecklichen Taten noch immer „unseres“, unser „Eigenes“? Merkel ist hier eindeutig: „Wir“ – wer ist dieses „Wir“?; es kann nicht das Täter-Wir sein, von dem wir es unterscheiden müssen – dürften nicht verschweigen, daß Deutsche die Täter gewesen seien (Deutsche waren zwar nicht die einzigen – aber klammern wir diese Differenz aus). Mehr noch, Verantwortung und Erinnerung gehörten „untrennbar zu unserem Land“, sie sind „fester Teil unserer nationalen Identität“.

Wenn man aber die Täter als „Deutsche“ identifiziert, dann muß man nachweisen können, daß die Taten im Deutschsein dieser Menschen begründet liegen, das man definieren können muß, man muß mithin eine „deutsche Natur“, ein „deutsches Wesen“ o.ä. annehmen.

Könnte man dies, dann müßte die Möglichkeit der Ausübung einer solch unvorstellbar grausamen Tat in jedem von uns noch immer schlummern, zumindest in allen, die sich als deutsch empfinden und/oder deutsche Vorfahren haben, Angela Merkel inbegriffen oder die Antifa oder Bedford-Strohm und auch ich inklusive usw. Und zwar im Gegensatz zu allen Nicht-Deutschen, denen man diese Fähigkeit zumindest nicht nachweisen kann. Leugnen gilt nicht.

Man muß desweiteren aufzeigen können, daß dieses Deutschsein noch immer als Kontinuum in uns existiert, auch wenn heutzutage mindestens 25% aller in Deutschland lebenden Menschen keine deutschen Vorfahren aufweisen können.

Weiterhin bliebe anzunehmen, daß es so etwas wie ein „deutsches Volk“ und eine „deutsche Nation“ geben muß und auch weiterhin geben wird. Gerade die Kanzlerin spricht dieser Tage lieber von „Bevölkerung“ und arbeitet daran, die deutsche Nation und deren Staatsgebilde in ein gesamteuropäisches Konstrukt aufzulösen.

Damit ergibt sich die Frage, ob die künftigen Europäer noch immer in der Schuld- und Schamkontinuität gesehen werden können oder nicht. Sollte dem nicht so sein, dann wird die Kunst des Nichtvergessens wohl bald verlernt werden, denn man muß sich fragen, weshalb ein junger Europäer, dessen Vorfahren Italiener oder Spanier waren, der dann vielleicht ein allseits verbreitetes Mischenglisch oder Euro-Esperanto spricht, sich die Schandtaten „der Deutschen“ aufhalsen können, warum er sich damit identifizieren soll oder sogar will? Von den neuen Deutschen und Europäern aus Nahost oder Afrika ganz abgesehen, deren nationale Geschichten von der des Hitlerregimes nahezu unberührt blieben.

Kurz: Erinnerungskultur setzt einen sich selbst identischen Träger voraus – wird dieser durch ein Kultur-, Traditions-, Sprachen-, Geschichts-, Gen[2]-, Lebensform- und Nationalitätengemisch … aufgelöst, wird es schwierig, das Erinnern, noch dazu in Schamform, weiter am Leben zu erhalten.

Daher schlage ich eine andere Erinnerungskultur vor. Es gibt zwei mögliche Wege: der in die Abstraktion und der in die Konkretion.

Die Abstraktion würde dieses „Menschheitsverbrechen“ nicht „den Deutschen“, sondern „dem Menschen“ zurechnen. Man käme damit der Einsicht nahe, daß Verbrechen dieses Ausmaßes potentiell – wenn auch verschiedenen Grades – in allen Menschen schlummern würden, seien sie nun Dänen, Russen, Herero oder gar Israelis, Mann, Frau oder etwas anderes, weiß, schwarz oder alles zusammen, Katholiken, Buddhisten oder Atheisten …

Man müßte dann auf die Umstände rekurrieren, die Zusammenhänge und auf die Möglichkeiten. Diese befinden sich jeweils in einem langsamen und langen historischen Marsch, der sich Schritt für Schritt weiterbewegt und von dem niemand weiß, wohin er führt – das kann man erst nach Ende des Marsches beurteilen; auch unser „demokratisches Zeitalter“ trägt noch die Möglichkeit in sich, die Einzigartigkeit des Holocaust zu wiederlegen. Der lange Marsch kann – wenn alle schlechten Umstände zusammenspielen – in Hyperkatastrophen wie den Holocaust führen, sofern das historische Subjekt – ein Volk, ein Staat, eine Armee, eine Kirche, eine Institution etc. – auch die Möglichkeiten dazu hat. Die Dänen etwa wären weniger gefährdet zum Mörder von Millionen Menschen zu werden, weil es ihnen selber an Mannesstärke fehlt …

Die Konkretion würde hingegen fragen: Welche Deutschen waren es denn, die den Holocaust organisierten und durchführten? Noch immer recht abstrakt wäre die offensichtlichste Antwort: die nationalsozialistischen Deutschen[3]. Recht besehen dürfte es viel einfacher sein, die exterministische Logik des Holocaust in der inneren Logik und Konsequenz des Nationalsozialismus auszumachen als in einem eher vagen „Wesen der Deutschen“. Auschwitz war dann kein primär „deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager“ (Merkel), sondern ein von deutschen Nazis oder noch konkreter, ein von Nationalsozialisten betriebenes Vernichtungslager auf damaligem „deutschen Boden“.

Man müßte dann freilich noch weiter differenzieren, denn natürlich waren nicht alle Nationalsozialisten unmittelbar Täter – es mag viele gegeben haben, die von den Schreckenstaten gar nichts wußten. Und selbst wenn sie es gewußt haben, welche Möglichkeiten hatten sie denn – wird man sich fragen müssen – dagegen aufzubegehren, ohne selbst Gefahr zu laufen, Opfer der Vernichtungsmaschine zu werden? Hätten sie dieses Risiko auf sich nehmen müssen? Vielleicht – nur, auch das muß begründet werden. Moralfloskeln im Nadelstreifen am Mikrophon vor dutzenden Kameras helfen bei diesen existentiellen Fragen nicht weiter.

Es sei wichtig, die Täter zu benennen, meint Merkel – und tut es dann doch nicht! Die „barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden“, wie sie sagte, sind nicht primär von Deutschen, sondern von Menschen an Menschen (die unter ähnlichen Bedingungen und Möglichkeiten vermutlich auch dazu fähig gewesen wären) oder aber von Nationalsozialisten, oder eben von „Barbaren“ und Verbrechern verübt worden. Schweigen wäre dann tatsächlich keine Option, auch wenn es einem angesichts der historischen Realität die Sprache verschlägt, aber besser noch als Flächenverdächtigungen sind hart erkämpfte und sicher auch schmerzhafte Differenzierungen.

Auch den Opfern wäre damit gedient, wie man annehmen sollte, denn ihre Gefühle – Trauer, Wut, Haß … wer will das beurteilen? – hätten endlich ein bestimmtes Objekt und sie müßten sich nicht mit verschwommenen, sich nun gar auflösenden Begriffen begnügen – und letztlich als objektlose, an Nobjekten[4] ausgerichtete, verschwinden.

In beiden Fällen wären „die Deutschen“ als Deutsche und als Individuen entlastet und könnten endlich wieder freier atmen und ihren Seelenpanzer[5], der nach dem Krieg so viel Unheil gestiftet hat, ablegen um wieder ein normales, vernünftiges, nicht schuld- und angstbeladenes Volk oder von mir aus auch, um gute Europäer zu werden.

[1] z.B. mein Großvater, der als bekennender Kommunist unter Hitler im Zuchthaus gesessen hat. Merkels Großvater hingegen war in den Hitlerjahren Hauptwachtmeister der Schutzpolizei in Berlin.
[2] Auch der Phänotyp enthält eine identifikatorische Komponente – wenn die Vorfahren ein anderes Erscheinungsbild haben, fällt die Identifikation mit deren Taten schwerer, weil das Empfinden der Gemeinsamkeit und der Tradition geschwächt wird. Das ist schon deswegen der Fall, weil die phänotypische Abweichung in der Selbstreflexion fast immer zu einem Gefühl des Andersseins führt – wird dieses von der Mehrheitsgesellschaft problematisiert, wird es zunehmend als „Rassismus“ empfunden. Es handelt sich dabei um ein Mengenproblem. Unterscheiden sich sichtbar ganze Generationen voneinander dürfte Verantwortungsfolge im statistischen Mittel geschwächt werden.
[3] In diesem Sinne ist wohl auch der offizielle Name des Lagers als „Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager (1940-1945)“ zu verstehen, den Merkel zwar erwähnt, aber nicht bedenkt.
[4] Der Begriff geht auf Thomas Macho zurück und meint dort etwas anderes.
[5] Man braucht sich nur die Rede Merkels anzuhören und dem vollkommen verkrampften Ablesen eines Textes, in der Absicht, ja keinen falschen Zungenschlag zu machen – und genau deswegen stellenweise nahezu komisch zu wirken.

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Jürgen Kuczynskis Werk glaubte ich eigentlich zu kennen aber im Verdi-Buchladen in Berlin fällt mir ein Buch in die Hand, das meiner langjährigen Aufmerksamkeit bisher entgangen war. „Vom Knüppel zur automatischen Fabrik“ wurde im Kinderbuchverlag der DDR herausgegeben und wandte sich 1960, als es zum ersten Male erschien, an die Jugend und vielleicht auch den Arbeiter, der noch nicht am Marxismus-Leninismus geleckt hatte. Nun bringt es ein „Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung“ neu heraus, im Reclam-Format zum unschlagbaren Preis von sechs Euro.

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Der Spiegel schreibt im sensationsheischenden Enthüllungston, daß man beim Attentäter von Halle auf „nationalsozialistisches Propagandamaterial gestoßen“ sei – darunter „Mein Kampf“. Aber dieses Buch ist unter diesem Begriff nicht zu fassen: es ist ein historisches Dokument und sollte Pflichtlektüre sein. Jetzt! Auch in meinem Regal würde man darauf „stoßen“ – aber was soll das bedeuten?

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Das System Relotius

PDF: Das System Relotius
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Fortsetzung von „Meine Wende

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Meine Wende

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Nachfolgend ein kleiner Ausschnitt aus besagtem Erinnerungsbuch – das noch immer in der Schublade liegt. Es beschreibt die Wendezeit aus der Sicht eines jungen, naiven Studenten.

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