Offener Brief an Alan Posener

„Wenn man wirklich für Meinungsfreiheit ist, dann muß man auch für die Freiheit von Standpunkten eintreten, die man verachtet. Sonst ist man nicht für Meinungsfreiheit.“ (Noam Chomsky, zitiert in Baños: So beherrscht man die Welt)
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Sehr geehrter Herr Posener,

Sie haben meinen Artikel „Ich gebe zu Protokoll“, in dem ich auch Ihre Besprechung des Corpus Delicti – Pedro Baños Buch „So beherrscht man die Welt“ – aus offensichtlichen Gründen erwähne und bewerte, mit folgenden beiden Kommentaren bedacht:

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Demokratiedefizite

Ein wichtiges Buch: „Die Zukunft der Demokratie

Acht bedeutende Denker, vier allgemein gehaltene und vier spezifische, an einem Beispiel exemplifizierende Beiträge erwarten den Leser. Die Lage ist ernst, die Stimmung kritisch, das Argumentationsniveau hoch.

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Moderne Schauprozesse

Dieselbe Zeitgeistgemeinde, die in Verzückung gerät, sobald von kultureller Vielfalt die Rede ist, will wenig davon wissen, wenn Anderssein ihr Sosein irritiert. Im Herzen des Multikulturalismus wohnt ein kryptoimperialer Homogenisierungsdrang. (Wolfgang Engler)

Die #metoo–Kampagne und der Beschluß Schwedens, den Vergewaltigungsbegriff neu zu definieren – die beide zusammenhängen –, haben uns ausreichend mit Beispielen der Machtübernahme der Politischen Korrektheit versorgt. Die macht auch vor Prominenten nicht halt – im Gegenteil, sie sind zugleich Hauptakteure und Opfer der neuen Diktatur.

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Rechtsschwenk Marsch! Warum?

Wenn man glaubt, der Tiefpunkt einer Debatte sei erreicht, dann gibt es meist noch einen, der auch das letzte Halteseil kappt und den Flug in die Hölle antritt.

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Konservatismus und Differenz

Für H.

Ein weiteres Faszinosum an Karl Heinz Bohrers außergewöhnlicher Autobiographie sind die Entwicklungslinien, die Bohrer, gekonnt versteckt, einbaut. Etwa die seiner politischen Einstellung.

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Ist das Terror(ismus)?

Heute Morgen (19.4.) habe ich mir schön die Zunge verbrannt. Gerade schlürfe ich meinen Kaffee, lausche den Nachrichten, da höre ich: „Rechte Terrorzelle ausgehoben“, „GSG9-Einsatz in Freital“, „200 Polizeibeamte in konzertierter Aktion“.

alles schief an dieser Schlagzeile © Zeit

alles schief an dieser Schlagzeile © Zeit

Da kann man schon mal einen Schreck bekommen! Jetzt geht es also auf der rechten Seite auch los! Überrascht? … Aber ich traute meinen Augen kaum, als ich dann die Meldungen las: fünf Leute wurden hochgenommen, Feuerwerkskörper sichergestellt, die Typen hatten sich verschiedener Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte schuldig gemacht, Fenster eingeworfen und bedauernswerte Schutzsuchende mit Knallern in Angst und Schrecken versetzt. Eklig, verabscheuungs- und verurteilungswürdig, keine Frage!

Andererseits: Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht Nachrichten über dutzende, manchmal hunderte Todesopfer islamistischer Terroristen erreichen.

Wir haben offensichtlich ein Definitionsproblem! Was ist Terror? Was ist Terrorismus?

Der Begriff, inflationär, wie er genutzt wird, ist wie ein leerer Behälter, in den jeder sein Privatverständnis gießen darf. Auch die Fachliteratur leidet unter dieser Unschärfe. Entweder man flüchtet sich in extrem ausdehnbare Gummibegriffe, wie Pettiford und Harding: „Terrorism can be defined as violance against (innocent) civilians“, oder man macht es wie einst Yasser Arafat, der das Motiv zum Zünglein an der Waage machte: „The difference between the revolutionary and the terrorist lies in the reason for which each fights. For whoever stands by a just cause and fights for the freedom and liberation … cannot possibly be called a terrorist.” Unklar bleibt in dieser Logik, was eine “gerechte Sache” ist.

Diese Schwierigkeit nimmt Gilles Keppel auf und interpretiert Terrorismus mithilfe der Lyotardschen Kategorie der „Großen Erzählungen“: „Weil dem Begriff ‚Terrorist‘ ein absoluter moralischer Makel anhaftet, mußten alle, die ihn im Brustton von Recht und Gerechtigkeit gebrauchten, die edelsten Werte der durch den Terror bedrohten Zivilisation verkörpern.“ Damit kommen wir der Motivlage des heutigen Begriffsgebrauchs schon sehr nahe, es ändert aber nichts an der Schwierigkeit, die Vielfalt der Erscheinungen zu überblicken. Eine interessante und sehr umfängliche Aufzählung gibt Manfred Funke und der Frage, warum der Terrorismus so schwer zu definieren ist, geht recht ausführlich Bruce Hoffman nach. Am Ende seiner Argumentation gelingt ihm immerhin ein negatives Auschlußverfahren: Man müsse Terroristen zumindest von gewöhnlichen Kriminellen und geisteskranken Attentätern unterscheiden. „Der Terrorist ist prinzipiell Altruist: er glaubt einer ‚guten‘ Sache zu dienen …“ – Arafat läßt grüßen.

Man wird der Frage nicht Herr, wenn man den empirischen Bereich nicht verläßt. Incipit philosophia. Herfried Münklers Denkweise ging in diese Richtung, als er weniger den „materiellen Schäden“, sondern mehr „dem Schrecken, der dadurch verbreitet wurde“, Aufmerksamkeit schenkte. „In diesem Sinne ist Terrorismus als eine Kommunikationsstrategie“ anzusehen. Weniger der Terrorist ist also von Interesse, sondern die Medien: „Ausschlaggebend für die Verselbständigung des Terrorismus ist vielmehr die Verbindung der Gewaltanwendung mit der Mediendichte und dem offenen Medienzugang … Fehlt eine entsprechende Mediendichte oder unterliegt die Berichterstattung einer politischen Zensur, haben terroristische Strategien nur geringe Erfolgsaussichten.“

Peter Sloterdijk blies seinerzeit noch ins gleiche Horn und erhöht die Abstraktionsebene, wenn er den Terror „seinem Verfahrensprinzip nach atmoterroristisch verfaßt“ beschreibt, als „Prinzip des Angriffs auf die Umwelt und die Immunverfassung eines Organismus oder einer Lebensform“.

All das, wohlgemerkt im Reflektieren über die Mutter des modernen Terrorismus: die Terrorattacken des 11. September 2001.

Wenn wir uns dieses Großereignis vor Augen führen und mit dem Werfen von „Polenböllern“ kontrastieren, dann wird unmittelbar evident, daß die Nutzung des Terror-Begriffs, wenn dieser überhaupt einen Sinn haben soll, ein Fehlgriff sein muß. Auch die Einführung der Kategorie der Angst hilft da nicht weiter. Ich selbst bin einst von Skinheads als „linke Zecke“ brutal zusammengeschlagen worden und habe seither Angst vor Glatzen (nicht vor Zecken – statistisch wäre das sinnvoller), aber diese rein kriminelle Tat als Terrorismus zu deklarieren, wäre absurd.

Es wurden „Justin S., 18, Rico K., 39, Maria K., 27, Sebastian W., 26, und Mike S., 26“ festgenommen, sie arbeiteten mit dem passenden Codewort „Obst“. Ein Mike scheint bei den Neonazis immer dabei zu sein – meiner hieß auch schon Mike – und ein Justin oder Kevin kommt auch nicht überraschend. Vielleicht hätte auch der Abschnittsbevollmächtigte genügt, diese Typen, diese kleinen Kriminellen festzunehmen, aber ich vermute, die GSG9 musste sein, weil man politische Handlungsfähigkeit demonstrieren und das Terrormodell spiegelbildlich nutzen wollte. Nicht nur der Terror heißt „Schreckensbotschaft“, auch der Anti-Terror nutzt die mediale Macht.

Und das scheint – bei allen Vorbehalten und nur von den bisherigen Informationen ausgehend – der wahre Sinn der Meldung zu sein. Man will uns weismachen, daß es spiegelbildlich zum islamistischen Terror, mit all seiner Potenz, seinem gigantischen ideologischen Überbau und seiner vielfältigen strukturierten Organisation, der seit 9/11 mehr als 28000 Todesopfer zu verantworten hat, allein im letzten Monat fast 800, in Europa mehr als 300 …, daß es parallel dazu einen gleichwertigen rechtsradikalen Terror gäbe. Vielleicht gibt es den auch als Möglichkeit, nur fehlen dafür sämtliche Beweise. Stattdessen schafft man eine unsägliche begriffliche Ausweitung der Kampfzone, schafft mit der Skandalisierung erst ein potentielles terroristisches Milieu, denn jetzt „hat man“ die Medien, die „Mediendichte“ und entleert einen ohnehin schon kaum noch brauchbaren Begriff zur sinnlosen Worthülse.

Die fünf Verbrecher werden nun wohl auf lange Zeit hinter Gitter gehen – vor drei Jahren wären sie vielleicht noch mit ein paar Arbeitsstunden davon gekommen.

Es bleibt zu fürchten, daß der nächste gezündete Sprengstoffgürtel oder die kommenden Maschinengewehrsalven in Menschenmengen diese dümmliche Kategorien-Verschiebung de facto wieder gerade rücken wird.

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Ergänzung 20.4.: Offensichtlich geht das einigen Schreibtischtäterjägern selber auf – deswegen präsentieren sie uns schnell diese gefährliche Bande von „Rechtsterroristen“ noch hinterdrein: Die Zeit: Reichsbürger: Ein Volk, viele Reiche, noch mehr Führer

Literatur:

Hoffman, Bruce: Terrorismus. Der unerklärte Krieg. Fischer 2002

Funke, Manfred: Terrorismus – Ermittlungsversuch zu einer Herausforderung. In: Terrorismus. Untersuchungen zur Strategie und Struktur revolutionärer Gewaltpolitik. Bundeszentrale für politische Bildung 1977

Kepel, Gilles: Die Spirale des Terrors. Piper 2008

Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. Rowohlt 2002

Pettiford/Harding: Terrorism. The new world war. Capella 2003

Sloterdijk, Peter: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Suhrkamp 2002

Zur Sloterdijk-Debatte II

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte I

Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk

Wie hätte Sloterdijk reagieren können? Vielleicht gar nicht! Wer ihn allerdings kennt, der weiß, daß er auf bösartige Fehlinterpretationen – nur so kann er es empfinden – und geistige Unterbietungen oft allergisch reagiert. Legendär sein Auftritt bei Gertrud Höhler und „den drittklassigen Figuren“.

Sloterdijk: Primitive Reflexe

Liest man nun Sloterdijks Apologie in eigener Sache – „Primitive Reflexe“ –, so fällt bei aller Schärfe der versöhnende Grundton gerade gegenüber Münkler auf. Es ist ein Aufruf an die Intelligenz, sich von der rasanten sprachlichen und denkerischen Nivellierung der letzten Monate, von der „Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land“, die „auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“, nicht mitreißen zu lassen. Daran ändert auch das scharfe Vokabular nichts. Im Gegenteil, wenn sich ein Teil der Akteure erneut reflexartig an Begrifflichkeiten ereifert, so wird die These des Pawlowschen Reflexes nur noch unterstrichen.

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