Blumen für Habermas

Frage: Habermas sucht die gesellschaftspsychologische Ebene erst gar nicht, sondern sagt: Entzieht doch diese Dinge dem Nationalstaat. Wir brauchen neue europäische Institutionen. Er betätigt sich als Neukonstrukteur einer zusätzlichen überstaatlichen Ebene, die unsere Probleme in diesem eher auch vordemokratischen Raum mit neuen Institutionen lösen soll. Er baut sich da ein neues Europa. Was halten Sie davon?

Sloterdijk: Offensichtlich hat Habermas über einige Voraussetzungen seiner Thesen nicht richtig nachgedacht. Die Grundrichtung seiner Überlegungen ist ja plausibel und gar nicht unsympathisch. Aber die Basisanalyse fehlt, denn was er nicht sieht, ist die Tatsache, daß die Nationalstaaten heute nicht nur aufgrund ihrer Trägheit, ihrer Traditionen und ihrer kulturellen Merkmale weiter existieren. Sie bleiben am Leben und haben auch weiterhin Zukunft, weil die Solidarsysteme nach wie vor national organisiert sind. Und das heißt: Niemand mehr ist heute Nationalsozialist, aber alle sind Sozialnationalisten. Wir leben bis auf weiteres im realen Sozialnationalismus, weil die Generationenverträge noch überwiegend im nationalen Format abgeschlossen werden, ausgenommen eine nach wie vor eher marginale Tendenz zum Einbau von Migranten in die Nationalsozialkassen. Aber wir sind noch Lichtjahre entfernt von einem länderübergreifenden Sozialstaat. (2011)

Quelle: Handelsblatt: Habermas hat nicht richtig nachgedacht

7 Gedanken zu “Blumen für Habermas

  1. Konservativer schreibt:

    In bezug auf den „Einbau von Migranten in die Nationalsozialkassen“ sprach Sloterdijk 2011 noch von einer „eher marginalen Tendenz“. Heute spricht er in diesem Zusammenhang von einer „Selbstzerstörung“ (unserer sozialen Sicherungssysteme), siehe das von seidwalk bereits an anderer Stelle eingestellte Gespräch mit ihm (ab min. 33:10):

    Ich selbst habe mein Verstehen der „Entnationalisierungbestrebungen“ in Deutschland von Günter Maschke erworben, nachfolgend ein Auszug aus einem Gespräch aus dem Jahr 1997:

    „Frage: Wer ist Träger dieses antinationalen Konsenses?

    MASCHKE: Der Träger ist die politische Klasse selbst, die ihre Macht daraus zieht, daß Deutschland keine Macht hat oder nur eine sehr begrenzte; …

    Frage: Klingt unlogisch: Die politische Klasse strebt doch normalerweise nach immer mehr Macht!

    MASCHKE: Sie gewinnt, sie verstärkt und verbessert ihre Macht im Inneren durch den Verzicht nach außen. Der Verzicht nach außen verstärkt die totalitäre Formen annehmende Herrschaft im Inneren. Der Verzicht auf eine Verfolgung deutscher Interessen innerhalb Europas beinhaltet einen Machtgewinn, der sicher und kalkulierbar ist, zumal die intellektuellen Mittelschichten ähnlich denken und sich nach Entnationalisierung sehnen: sie wollen sich nicht einbringen in Europa, sie wollen sich dort auflösen. …

    ….

    Frage: Wie erklären Sie sich, daß beim Thema Globalisierung in Deutschland die Linke zu den Hauptbefürwortern gehört, obwohl es klar sein dürfte, daß im Zuge dessen die Arbeitnehmer die Zeche zahlen werden – wie etwa beim Euro?

    MASCHKE: Die Linke hofft auf die Auflösung des deutschen Volkes, sie ist darin noch radikaler als das Volk selbst – wenn dies auch nur ein gradueller Unterschied ist. Aber man muß sehen, daß die Globalisierung von Teilen der Linken auch scharf kritisiert wird, zum Beispiel in dem Buch von Elmar Altvater und einer Frau Birgit Mahnkopf „Grenzen der Globalisierung“, erschienen im Verlag Westfälisches Dampfboot. Sieht man von den etwas biederen Lösungsvorschlägen ab, so sind wohl nirgends so eindringlich die katastrophalen ökonomischen, ökologischen und auch seelischen Folgen der Globalisierung, die entsetzliche Entwurzelung der Menschen, geschildert worden. Von der rechten Seite aus, von uns aus, gibt es leider keine auch nur annähernd so gute Analyse!

    …“:

    Quelle: https://jungefreiheit.de/service/archiv?artikel=archiv/45aa5.htm

    Nach ca. 15 Jahren sagte Günter Maschke im Gespräch mit dem Monatsblatt „Zuerst!“ folgendes:

    „Vergessen Sie nicht: Unsere Politiker wollen die Auflösung Deutschlands in Europa. Natürlich wollen sie gleichzeitig ihre Privilegien behalten, was in Zukunft ein sehr interessanter Punkt werden dürfte. Aber ein solches Europa kann nicht funktionieren, weil wir Deutschen die einzigen sind, die sich das so vorstellen.“

    Quelle: Zuerst!

    Inzwischen scheint der hiesige „antinationale Konsens“ zwar aufgebrochen zu sein, doch die „Abweichler“ sind noch deutlich in der Minderheit und werden zudem mit allen Mitteln bekämpft.

    Ich trage zwar „Eulen nach Athen“, wenn ich an dieser Stelle festhalte, dennoch:

    Die sozialen Sicherungssysteme bestehen nicht nur aus „Hartz 4“-Zahlungen (Alg. 2, Sozialgeld, Grundsicherung).

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    • Konservativer schreibt:

      Wenn es der Hausherr gestattet, werde ich die oben zitierten Aussagen von Günter Maschke mit einigen Anmerkungen von Robert Hepp ergänzen (aus dem Jahr 1997):

      „…
      „Das Modell der »multikulturellen Gesellschaft«, das in den klassischen überseeischen Einwanderungsländern zunächst als Notlösung für ein Problem konzipiert worden war, das sich ungewollt angestaut hatte, und das sich erst nach und nach im Lager der Minderheitenvertreter zu einer ultrapluralistischen Ideologie auswuchs, wurde in Europa von seinen Anhängern sogleich als eine Art Heilslehre verstanden. Aus der Verlegenheitslösung des Problems der Integration zugewanderter Minderheiten, die sich der Assimilation verweigerten, wurde im Handumdrehen eine Devise von Kulturrevolutionären, die die Wanderungspolitik zum Instrument einer radikalen Veränderung der politischen Landschaft umfunktionierten. Die »multikulturelle Gesellschaft« ist heute die Erkennungsparole aller Feinde des Nationalstaats. Die Verlautbarungen der Wortführer lassen keinen Zweifel, daß die Anerkennung der kulturellen Identität von Minderheiten für sie allenfalls eine Mittel zu dem Zweck ist, den Nationalstaat aus den Angeln zu heben. Keinem geht es wirklich um die Kultur der ethnischen Minderheiten.

      Damit sind wir bei der eigentlich interessanten politischen Frage angelangt, wer denn ein Interesse daran haben könnte, den Völkern Europas die unbezweifelbare kulturelle Verarmung, die ihnen eine »multikulturelle Gesellschaft« bescheren würde, als kulturelle Bereicherung zu verkaufen? Cui bono? Wer profitiert von dem Kulturchaos einer »multikulturellen Gesellschaft«? …
      An den Kragen gehen wird es aber sicherlich den sogenannten Mehrheitsbevölkerungen der demokratischen Nationalstaaten, die sich von den Sirenengesängen der »Multikulturalismus«-Prediger einlullen und solange widerstandslos unterwandern lassen, bis sie sich in einem Land wiederfinden, in dem nichts mehr an ihre alte Kultur erinnert.

      Aus der Perspektive unserer … Eliten, die dabei sind, sich von der Basis ihrer Völker zu emanzipieren und nach Europa abzusetzen, ist die Umstimmung der Volksseele zugunsten der Transformation der ethnisch homogenen demokratischen Nationalstaaten in einen ethnisch heterogenen supranationalen Vielvölkerstaat vermutlich der eigentliche Hintersinn der »Multikulturalismus«-Kampagne. Es versteht sich, daß das nicht allen Mitwirkenden, geschweige denn allen Mitläufern der Massenbewegung bewußt ist, von denen die meisten sicherlich ganz naiv an den Wortlaut der Formel glauben. Aber die Ablenkung von diesem eigentlichen politischen Ziel ist zweifellos die politische Pointe des Schlagworts.“

      Quelle (der vollstänige Text): http://www.hubert-brune.de/hepp_kazmg.html

      Zu den „Sirenengesängen der >Multikulturalismus<-Prediger dieses Lied:

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  2. Mir ist bei diesen EU-Enthusiasten auch nie klar, warum ein Europäischer Staat – ja wohl eine Art neuer Nation – nun besser sein sollte als die alten Nationalstaaten? Dann haben wir eben europäischen Nationalismus, Chauvinismus, Revanchismus, inklusive Großmachtsallüren. Woher der Glaube, daß mit einem europäischen Staat, Simsalabim, die alten Attitüden auf einmal passé wären? Jeder, der die deutsche Geschichte ein wenig kennt, sollte doch wissen, daß die deutsche Einigung so gut ein Ende wie eben auch ein Anfang deutscher Kalamitäten war, warum um Himmelswillen, sollte das mit einer europäischen Einigung anders sein?
    Andererseits: Was bringt es schon, sich über die Seichtheit solcher Naivlinge den Kopf zu zerbrechen? Verschenkte Zeit.

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    • @ Kurt Droffe:

      „Mir ist bei diesen EU-Enthusiasten auch nie klar, warum ein europäischer Staat – ja wohl eine Art neuer Nation – nun besser sein sollte als die alten Nationalstaaten? Dann haben wir eben europäischen Nationalismus, Chauvinismus, Revanchismus, inklusive Großmachtsallüren.“

      Folglich sind Sie für den „Globalismus“ bzw. die „Eine-Welt-Ordnung“ als die die „Neue-Welt-Ordnung“ oder für die Primitivgemeinschaften, wie wir sie noch aus der Urzeit und ziemlich vereinzelt sogar aus der Gegenwart kennen, oder für beides zugleich (also: „ewige Zukunft durch ewiggestrige Vergangenheit“).

      „Nationalstaaten in Europa“ und „Europa als Nationalstaat“: fällt Ihnen bei diesen beiden Ausdrücken der Unterschied wirklich nicht auf?

      Selbst dann, wenn Europa nur ein aus seinen Ex-Nationalstaaten bestehender vergrößerter Nationalstaat sein wird, wird das nicht die alten europäischen Nationalsstaaten zurückbringen, sondern – genau im Gegenteil – deren Überwindung bringen und zementieren, auch und vor allem durch den Zusammenhalt der Europäer, nicht zuletzt auf Grund der gemeinsamen Geschichte. Die Ex-Nationalstaaten werden mit Europa ihren einen, den eurpäischen Nationalstaat haben, und darum sich nicht untereinander mehr bekämpfen müssen, wie sie es früher getan haben. Alle Alternativen dazu sind böse, führen in die Hölle, in die Situation einer erheblichen Bevölkerungsreduktion und einer noch nie zuvor dagewesenen Versklavung durch die Glozis (Global[national]sozialisten) oder zurück in das ausschießliche Leben in der Natur, allerdings auch nur unter der Bedingung einer Verminderung der Bevölkerungszahl auf ungefähr 0,001% der jetzigen Bevölkerungszahl. Letztere Möglichkeit wird aber im Falle des Sieges der Glozis verboten werden.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Herr Schütze, 2020-10-28 22:28

        • „Folglich sind Sie für den ‚Globalismus‘ … “ – Das ist typischer Alternativen-Radikalismus. Wie in den lateinamerikanischen Pronunciamientos: Was ich will oder das Chaos. Der Nationalstaat ist aber gerade einen Mittelding zwischen einer Welt von Stämmen und einer Welt eines einzigen Imperiums, am einen Ende molekulare Kriege à la Buch Josua, am anderen die im heiligen Mantel schreitende Alternativlosigkeit, die keinerlei Entwicklung durch Versuch und Irrtum erlauben und sich mehr und mehr zu einer Diktatur entwickeln wird. Mir persönlich ist die EU schon zu sehr Imperium, mit einem unbändigen Willen zur uniformen Regulation bis auf die unteren Ebenen hinunter und einem erbärmlichen Leistungsnachweis, den man durch Heilstrompeten übertönt.

        • „wird deren [der europäischen Nationalstaaten] Überwindung bringen und zementieren“ – Wieso soll man, neu an einer Küste angelangt, immer gleich die Schiffe hinter sich verbrennen? Mich erinnert das an Sätze wie „Wir werden siegen, weil wir siegen müssen“ oder aktueller „Wir schaffen das“, Phrasen der politischen Stümper..

        • „zementieren, auch und vor allem durch den Zusammenhalt der Europäer, nicht zuletzt auf Grund der gemeinsamen Geschichte. “ – Das euopäische Muster der langen Vergangenheit war aufgrund derselben Geschichte besser werden? Die plausiblere Prognose wäre doch, alles was geschehen ist, wird wieder geschehen. Oder glauben Sie, das „Erhebet eure Herzen, Europäer“ würde einen plötzlichen Wandel herbeiführen, den man in den Handlungen der verschiedenen Europäer ja noch nicht bemerkt? Exhortation und Predigt waren und sind evident wirkungslos, sonst gäbe es auch nicht den seinen Mann nährenden Berufstand des Pfarrer; selbst 2000 Jahre christliche Predigt haben noch nicht das versprochene Gottesreich herbeigeführt. Vorsichtshalber hat man diesen Wandel theologisch an den göttlichen Eingriff gebunden. Vorsicht ist immer gut.

        • „Die Ex-Nationalstaaten werden mit Europa ihren einen, den europäischen Nationalstaat haben, und darum sich nicht untereinander mehr bekämpfen müssen, wie sie es früher getan haben. “ – Geht es nun um einen Nationalstaat der Teilstaaten oder einen Nationalstaat eines (nicht existierenden) europäischen Volks? Im ersten Fall wird das eine Republik nur des politischen Adels ähnlich wie einst in Venedig und auch für den anderen Fall gilt Dahrendorfs Diktum: Je mehr Europa. desto weniger Demokratie.

        • „Alle Alternativen dazu sind böse, führen in die Hölle“ – S. o. Alternativenradikalismus.

        • „0,001% der jetzigen Bevölkerungszahl“ – Das wären etwa 5.000 für EU-Europa, weniger als den Umfang des Bundestages für Deutschland. Wie das, wenn wir nicht (wie ?) auch hinter die neolithische Revolution zurückgelangten. Die Aussicht auf nur vier bis sechs Stunden Arbeit (Jagd) am Tag und das Aussterben der stets gerade beim Essen maulenden Veganer wäre allerdings recht verlockend.

        ――――――――

        Frau Claudia Roth zusammen mit Klein-Winnetou fußläufig auf Wildsaujagd in den Lechauen oder Frau Katrin Göbbels-Eckardt nach der Chasse aux papillons bitteren Blicks und mit einem Bienenstachel in der geschollenen Lippe in den buntesten Schmetterling beißend, den sie in einem Brennesselfeld an der zerfallenen Ruine der Frauenkirche gefangen hat … You made my day!

        • „“ –• „“ –• „“ –• „“ –

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  3. Stefanie schreibt:

    Der Sozialstaat ist im Grunde genommen schon in seiner nationalen Inkarnation überdehnt und nicht nachhaltig. Er ist wie eine riesige Allmende, aus der jeder gern entnimmt, aber beim Einzahlen ein „Schweinchen schlau“ (frei nach Kubitschek) sein will. Schon im nationalen Sozialstaatsmodell werden erhebliche Mittel auf die administrative Kontrolle gelenkt und sogar Eingriffe in Grundrechte in Kauf genommen (z.B. Freizügigkeit bei Hartz IV – Empfängern), um ihn zu erhalten. Langfristig scheitert das Modell daran, daß es nicht genügend Anreize für zukünftige Beitragszahler setzt. Derzeit versucht es welche zu importieren, scheitert aber daran, daß es keine, im ökonomischen Sinne, gleichwertigen Arbeitskräfte findet. Dazu kommt, daß auch hierzulande der Arbeitsethos, der einem funktionierenden Sozialstaat zu Grunde liegt, wohl innerhalb der nächsten 10-20 Jahre in Rente gehen wird. Daß es zukünftig supranationale Sozialsysteme geben wird, die den Namen verdienen, kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. – Oder besser gesagt, will es nicht, denn es würde die Erschaffung einer globalen (digitalen?) Allmende mit entsprechender sozialer Kontrolle erfordern. Die Nebenwirkungen eines solchen Prozesses, wären wahrscheinlich revolutionärer und transformativer als jedes Szenario beim Zusammenbruch der nationalen Sozialsysteme.

    Aber was schert es die Welt, was ich mir vorstellen will.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ja, das sieht sehr nach Konkursverschleppung aus. Mit zumindest deklamatorischn europäischen Sozialstaatsversuchen ist allerdings zu rechnen, weil sie weitere dilatorische Behandlung durch einen neuen Illusionsraum erlauben. Der Glaube, das Große fiele weniger leicht, ist sehr verbreitet. Dazu bitte in Rhodos nachfragen.

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