Denkanstöße – Sloterdijk V

… daß von der vielgerühmten Frankfurter Schule, die zu Adornos Lebzeiten und bis zur „Kritik der zynischen Vernunft“ auch meine Schule und mein wichtigstes Bezugssystem war, nicht viel mehr übriggeblieben ist als ein Klüngel zur Ausübung von Mentalitätsmacht und ein paar akademische Seilschaften. Es hat sich im konkreten Fall gezeigt, daß sich in diesem Verein kein konfliktfähiges Gegenüber mehr ausmachen läßt. Nach meiner Definition ist eine Theorie dann tot, wenn sie nur noch Selbstgespräche führen kann.

Dies Feststellungen sagen aber nicht die ganze Wahrheit, denn wenn es auch zutrifft, daß es mit der Kritischen Theorie aufgrund ihrer prinzipiellen Fehlanlage nicht mehr weitergeht und daß es ihr nicht gelungen ist, eine überzeugende, eine dritte Generation hervorzubringen – was typisch ist für jede konjunkturelle Bewegung –, so bleibt es doch eine Tatsache, daß der Breitenerfolg der Frankfurter Schule auf der Ebene diffuser Mentalitätsprägungen nach wie vor beachtlich ist. Man könnte sogar behaupten, daß der ganze linksliberale Block, das mentale Mittelfeld der deutschen Medienlandschaft, aus ihren vagen Adepten besteht, das heißt aus Leuten, die für sich den Vorzug in Anspruch nehmen wollen, kritischer zu sein als der affirmative Rest. Für diese überwältigende Mehrheit ist es charakteristisch, daß sie sich als eine bedrohte Minderheit ausgibt – weswegen sie ihre Hegemonie gern im Stil von Widerstand gegen eine Übermacht ausübt.“

„Obschon das Habermas-Modell dialogtheoretisch angelegt ist, hat es einen nicht mehr zu verhehlenden monologischen Zug, ja einen jakobinischen Kern – wenn man unter Jakobinismus die ständig ansprechbare Bereitschaft zur Vollstreckung des Konsensus versteht. Die Verständigung á la Habermas beruht auf der Unterwerfung der Teilnehmer unter eine Vor-Verständigung, von der er hofft, sie ließe sich methodisch kontrollieren. Mit ein wenig Distanz sieht man aber, daß der intendierte Konsensus und seine Herstellung in überwachten kommunikativen Prozeduren eine religiöse Phantasie darstellt, die dem Abendmahl nachempfunden ist. Doch wird man ohne Brot, ohne Wein an den Konferenztisch des Herrn zitiert. Wer sich nicht im voraus unterwirft, wird erst gar nicht eingeladen.“

Quelle: Peter Sloterdijk/Hans-Jürgen Heinrichs: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. Frankfurt 2001

3 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk V

  1. Till Schneider schreibt:

    (Ich sehe, dass mein Kommentar von eben mit merkwürdigen Kursivierungen wiedergegeben wurde, daher nochmal in „gereinigter“ Form:)

    Wussten Sie, dass der Bayerische Rundfunk Sloterdijk schon mal als „Edelkitschdenker“ bezeichnet hat? Das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, für den Fall der Fälle. Es geschah am 31. Juli 2020:

    https://www.br.de/kultur/corona-pandemie-verschwoerungstheorien-hygienedemo-wutbuerger-100.html

    Darin wird zunächst eine „Liste der größten Irrtümer von Philosophen“ präsentiert, mit Heidegger als „unangefochtener Nr. 1“ und Blumenberg, der „lange Platz 2 gehalten“ habe. Jetzt aber schicke sich Giorgio Agamben an, „in die Top 3 vorzustoßen“, denn: „Für den italienischen Philosoph (sic) waren die Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie nur ein weiterer Schritt zur Einführung eines ‚Ausnahmezustands‘ und der Entrechtung aller Bürger*innen.“

    Den „Bürgerinnen“ folgen bald die „intellektuellen Geisterfahrerinnen“ (siehe Liste oben), sogar mit einer gendergesternten Version des berühmten Geisterfahrer-Autobahnwitzes („… tausende!“). Bei diesen innen gäbe es, so der Autor Martin Zeyn, einen „Vandalismus des Denkens“ (Definition: „Dem reicht es offenbar schon, eine abweichende Meinung zu formulieren, um überzeugt zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen“), und: „Umso schriller fordern sie (die intellektuellen G.innen) ‚Demokratie‘ ein – was für sie heißt, die Mehrheit habe der neunmalklugen Minderheit zu folgen.“

    Hierfür wiederum habe die taz-Kolumnistin Jagoda Marinić „einen tollen Begriff kreiert“, nämlich „Aggressionsdemokratie“ (Definition: „Die Volksvertretung der Pöbelnden“). Und dann kommt Sloterdijk an die Reihe, genauer gesagt: „Edelkitschdenker w i e Peter Sloterdijk“, die „dafür schon vor Jahren einen alten griechischen Begriff hervorgeholt“ hätten (genau: „Thymos, den Zorn“), was aber „vielleicht doch einfach nur die monumental schlechte Laune alter weißer Männer“ sei etc. pp.

    Der Artikel bietet wirklich von allem die schmalste Schmalspurversion, nicht zuletzt von Heidegger. Er kommt aber vom BR. Deshalb fand ich ihn dann doch bemerkenswert. Zum Autor schreibt der BR: „Martin Zeyn, geboren 1964, ist Leiter des Nachtstudios im Bayerischen Rundfunk und lebt in München. Er hat über 20 Radioessays zu Kunst, Popkultur und Philosophie geschrieben.“ Na dann.

    Seidwalk: Korrekturen im Moment nicht möglich, da nur Zugang über Kleinbildschirm.
    Sie haben recht, Artikel ist unglaublich peinlich und insofern bedeutsam.

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    • Michael B. schreibt:

      @Till Schneider

      „Aggressionsdemokratie“:

      Unwiderstehlich fiel mir der Begriff der „autoritaeren Aggressivitaet“ ein, der viel eher auf einem ganz gewaltigen Vormarsch ist. Kurz gefasst also das massive Auftauchen der Blockwarte und verwandter Deformationen, die erst durch gefuehlte Obrigkeit im Ruecken so richtig aufbluehen. Ich hatte es gerade wieder im Supermarkt, als nach 20 Uhr bei einer Besucherzahl von ca. 10 Kunden eine solche Figur meinte eine Frau ohne Alltagsmaske vor ihrer vielleicht 12-jaehrigen Tochter zutexten zu muessen, weil sie „eine Gefaehrdung“ darstelle. Das lies sich noch auf der Ebene persoenlicher Unterstuetzung beheben, aber war eben auch nur ein Konsum im relativ entspannten Sachsen (ist aber auch dort zunehmend).
      Ich fahre allerdings in Kuerze nach BaWue mit morgen beginnender „Pandemiestufe 3“ (einfach mal suchen) und ich erwarte Grosses auch in dieser Hinsicht des „Menschen als des Menschen Wolf“.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Die so befremdliche, aber für die Frankfurter Schule konstitutive Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse hat für ihre Anhänger polemisch einen großen Mehrwert. (Kondylis würde wohl das „Mehr-“ wegfallen lassen.) Denn marxistisch kann man fremde Einwände als vom Klasseninteresse des Gegners geprägt abweisen, psychoanalytisch den Widerspruch des Anderen als durch seelische Widerstände verursacht deklarieren. Und da mit so sehr mit enthüllender Fremdanalyse beschäftigt ist, kann man nie in den Spiegel schauen.

    Eine Schule, die sich selbst als emanzipatorisch darstellt, wird zudem dem fühlenden Teil des Publikums angenehmer erscheinen als die menschheits- und geschichtsskeptischen oder -pessimistischen Herren der Schwarzen Serie.

    Grandhotel Condescendance mit dem von Jung und Alt geliebten Schmetterlingsgarten.

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