Eines Mannes würdig

Wenn es sich ermöglichen läßt, besuche ich gern Vorträge im Ort. Davon gibt es eine ganze Reihe – es existiert hier in dieser ungarischen Kleinstadt eine ausgesprochene Vortragskultur. Die Bibliothek, die alte Synagoge, der Kulturpalast oder Schulen dienen als Austragungsorte. Und meistens sind die Vorträge über Geschichte, Traditionen, Projekte, Bücher oder Reiseerlebnisse auch gut besucht.

Zuletzt war ich zu einem Referat über Lajos Kossuth, den großen alten Mann der 48er Revolution, und seine Zeit in den Vereinigten Staaten. Dort wurde er Anfang der 1850er der erste Superstar. Wo er auftrat, versammelten sich die Massen zu Hunderttausenden und lauschten seinen Reden in antiquiertem Englisch. Kossuth hatte die Sprache im Gefängnis gelernt und zwar aus alten Büchern. Er sprach sie scheinbar perfekt, mit ein wenig Akzent, vor allem aber in einem veralteten, seltsam adlig wirkenden Sprachmodus, der im industriellen Westen Amerikas wie aus der Zeit gefallen geklungen haben muß.

Bei diesem Vortrag, der sich mit den Stätten von Kossuths Reise beschäftigte, lernte ich etwas sehr Wichtiges, begriff ich eine bedeutende Wahrheit, erlangte ich endlich Klarheit:

Die ungarische Sprache ist unerlernbar!

Sofern man nicht in sie hineingeboren wird. Vielleicht gibt es ein paar Genies, die das schaffen, aber für die meisten dürfte gelten: um sie zu meistern, müßte man sich viele Jahre tagtäglich mehrere Stunden damit beschäftigen, müßte man unmittelbar ins Leben eintauchen.

Mir wurde gesagt, es gebe hier im Ort einen Deutschen, der schon „recht gut“ Ungarisch spreche. Der Mann lebt seit 30 Jahren hier, führt ein Geschäft und ist mit einer Ungarin verheiratet. Er hat es – beneidenswert – zu „recht ordentlich“ gebracht.

Nun, wie aus jeder Tatsache, kann man zwei – mindestens – Schlußfolgerungen, zu jeder Frage zwei – mindestens – Antworten finden: Ja und Nein.

„Nein“ hieße: man gibt es auf, es lohnt den Aufwand nicht, man akzeptiert das Gegebene, man gibt sich mit ein paar Standardfloskeln zufrieden, mit denen man mehr schlecht als recht den Alltag schaffen und bewerkstelligen kann. Übrigens tun sich die meisten Deutschen schon mit diesen Floskeln schwer.

„Ja“ hingegen wäre das „trotzdem“ – gerade weil es so unmöglich erscheint, will man sich daran messen.

Schon seit jungen Jahren hatte ich die Idee, mein Leben sinnvoll, aber möglichst ohne Spuren zu hinterlassen, zu verbringen. Ein innerer Buddha, schon lange bevor ich die Reden des und vieler anderer Erleuchteten kennen lernte, sagt mir: es ist alles umsonst. Was immer du tust, wird nach deinem Tode verschwinden, eher bald als später. Nutze die Zeit also, um nichts Zerstörerisches zu hinterlassen. Lassen als Prinzip und Partizip wurde mein Motto. So begann ich zu lernen – das tut niemandem weh –, schrieb ein paar Bücher, die kein Mensch brauchte, über Themen, die niemanden interessieren, spielte Schach und arbeitete eine Weile an der Idee, den Menschen spielerisch aus dem Gefüge der Megamaschine herauszuholen, bis ich einsah, daß auch dieses Unternehmen Illusion ist und meine begrenzten Fähigkeiten weit übersteigt.

Und hätte es den unglaublichen Schock von 2015 nicht gegeben, wäre daraus nicht der unstillbare Drang entstanden – alle hehren Vorsätze über Bord werfend – diesen nun allen Augen sichtbaren Untergang aufzuhalten, kaum jemand, der diese Zeilen liest, hätte je von meiner Existenz und meinen Gedanken erfahren.

Es tut mir leid, daß es soweit kommen mußte!

Ich habe nun eine schwerwiegende Entscheidung getroffen: Die ungarische Sprache zu lernen. Die ungarische Sprache lernen, das wird mein letztes großes Projekt im Leben.

Das ist nicht fatalistisch gemeint. Es ist vielmehr eine Art Lebensversicherung, denn man muß dreißig, vierzig Jahre veranschlagen. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe und diese Aufgabe steht exakt in jener 2015 verlassenen Linie: sie ist ziemlich sinnlos, nahezu unmöglich, aber sie wird mich beschäftigen, ohne jemandem weh zu tun, und vielleicht – sollte es jemals zu einer tieferen Einsicht kommen – werde ich irgendwann ein Buch darüber schreiben, das keiner braucht und das niemanden interessiert; eine ganze Reihe Ideen an bisher Ungesagtem darüber habe ich bereits.

Man hätte sich auch etwas Einfacheres suchen können, wie etwa den Mount Everest besteigen oder die Sahara ohne Trinkflasche zu durchqueren oder den Austritt aus dem Samsara. Aber das kann jeder, zumindest schafften es schon 5000 Menschen auf den höchsten Berg und jeden Tag im Frühjahr kommen ein paar dutzend dazu und Buddhas soll es auch schon unzählige geben.

Die Ungarn sagen mir immer wieder, daß auch Deutsch schwer zu erlernen sei. Das ist ganz sicher der Fall, aber Deutsch haben – auch wenn viele sich weigern oder schwer tun – Millionen Menschen gelernt – sooo schwer kann es auch wieder nicht sein. Von perfekt Ungarisch sprechenden Menschen, die keine Muttersprachler sind, gibt es aber weltweit nur 12 wissenschaftlich nachgewiesene Fälle und ein paar Gerüchte über wenige andere.

Das ist wirklich noch eine Aufgabe eines Mannes würdig!

Die rattenscharfe Rechte

„Mit Rechten reden“ ist so ein Topos, der sich verbreitet hat, ohne je stattgefunden zu haben. Warum das so ist und auch so sein muß, wurde anhand eines Artikels von Liane Bednarz hier bereits dargestellt. Es ging um den blinden Fleck, den toten Winkel linkslastiger Argumentation.

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Unter fremden Völkern

Eine These

Ungarn sprechen meist über das Essen.

Italiener sprechen meist über Schönheit.

Engländer sprechen  meist über nichts.

Skandinavier sprechen meist nicht.

Deutsche sprechen meist über Geld und Schnäppchen. Oder Arbeit. Oder andere.

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Welthaltigkeit und großes Erzählen

„Wenn man an meinen Büchern die Tendenz des Autors erkennen könnte, hätte ich völlig versagt“. (Michael Köhlmeier)

Ellen Kositza schrieb im Heft 68 der „Sezession“: „Als man sich jüngst in netter Runde wieder in fröhlichem Kulturpessimismus erging, mußte an einer Stelle jäh Einhalt geboten werden: Es gäbe heute auch keine Erzähler mehr, klagte einer. Da irrte sich der Gast gewaltig.“

Zufälligerweise war ich bei dieser Szene dabei. Weiterlesen

Der Auschwitz-Rap

Vom Rap verstehe ich so viel wie mein Großvater vom I-Phone – trotzdem würde ich mein Leben dafür einsetzen, daß er seine Meinung dazu frei äußern kann.

Gerade lese ich Stefan George. Vielleicht verzeiht man vor diesem Hintergrund eher die leicht aggressive Stimmung, in die mich die mediale Beschallung mit einem Thema versetzt, von dessen Existenz ich bisher – glücklicherweise – noch nicht einmal wußte. Weder kannte ich Kollegah und Farid Bang noch ahnte ich, daß es eine Echo-Verleihung gibt. Allerdings war mir bekannt, daß die Künstlerszene in ihren ausgezeichnetsten Exemplaren zum Moralismus neigt.

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Der Heimatbegriff der Magyaren

Zum 15. März

Aus den beeindruckenden Wortkaskaden in Sandor Petőfis Gedicht „Europa schweigt“ („Europa csendes“) ragt in der dritten Strophe ein seltsamer Fremdkörper heraus, der den Fluß der Alliterationen und das wellenhafte Auf und Ab der Satzmelodie wie eine scharfe Zäsur seltsam zu stören scheint.

Oh hon“ heißt die Vokabel und sie kann vielleicht einiges erklären.

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