Der Twitter-Tod

Es ist wieder passiert – jemand hat sich zu Tode getwittert. Eine US-Schauspielerin setzt einen „rassistischen“ Tweet ab und im Handumdrehen wird die ganze Serie eingestellt, deren Star sie ist. Die Serie hat eine große Fan-Gemeinde. Sie einzustellen, dürfte der an schwerer PC leidenden TV-Gesellschaft weh getan haben, aber der selbst erzeugte Druck war größer und wird durch derartige Entscheidungen für folgende Fälle noch größer. Er wird eine Gefahr für künstlerisches und geistiges Schaffen überhaupt.

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Zorn und Thymos

„Zorn ist der Regent der Welt“
(Luther)

In der reflektierenden Rückschau auf Kirks Jesus-Roman wird sich dem Leser die hochaktuelle Frage nach dem Zorn stellen, der so prominent wie geheimnisvoll als Titel über dem Buche prangt. Welcher Zorn? Wessen Zorn? Wer ist hier der Vater, wer der Sohn?

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Jesus – Zornes Sohn

Zu Heiligabend – Jesu Geburt

Als Kunstwerk betrachtet ragt „Vredens Søn“ sehr weit heraus. Tendenz und Handlung sind so innig zusammengeschmolzen, daß ein schneidendes Metall daraus entstanden ist. Tom Kristensen

Der folgende Artikel analysiert das eigenständige Jesus-Bild des klassischen dänischen Schriftstellers Hans Kirk aus seinem Roman „Vredens Søn“ (Zornes Sohn) von 1950 der die letzten Tage Jesu und die vielfältigen Haltungen zu ihm zum Thema hat.

1. Synopsis
2. Vorstellung und Interpretation
3. Theologische Aspekte
3.1. Judas
3.2. Maria
4. Politische Aspekte

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Erhört eure Gebete!

Zum 3. Advent

Wahrscheinlich muß man hin und wieder, vor allem die Jüngeren, daran erinnern, daß Weihnachten „was mit Jesus zu tun hat“. Wer dieser Jesus freilich war, liegt offenbar im Auge des Betrachters. Eine interessante – ich sage nicht: korrekte – Sicht auf diese Fundamentalgestalt hatten Hans Kirk und Henri Barbusse, die heute kaum noch jemand kennt – ihren Jesus-Interpretationen nebst eines Exkurs zur Frage des Zorns, sollen die nächsten adventalen Wochenenden gewidmet sein.

Allerorten wird Barbusse als der Autor von „Das Feuer“ erwähnt, vielleicht auch noch seine politische Tätigkeit – er war Kommunist und straffer Stalinist -, aber daß der ursächlich vom Symbolismus herkommende Autor sich ein Leben lang mit der Gestalt des Religionsgründers befaßte, ist weitgehend vergessen.

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Mohammed in der Literatur

Klabund

Erhört eure Gebete! (Barbusse: Jesus)

Die Geschichte des Propheten ist so schillernd wie nur möglich: Frauen, Liebe, Eifersucht, Intrigen, Mord und Totschlag, Exotik, Erotik, Farben und Düfte, grandiose Natur, Kriege und Schlachten und die großartigsten Charaktere. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn literarisch erfinden müssen. Eine solche Gestalt muß die Literaten und Poeten en masse angezogen haben, die Regale müßten sich unter Mohammed-Romanen biegen.

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Cat Stevens und das Ende der Kunst

Menschen meiner Generation haben meist sehr angenehme Erinnerungen an Cat Stevens. „Die sensibelsten Frauen“, wie Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit dem Künstler gestand, legten meist eine seiner Platten auf, zündeten eine Kerze an, gossen ein Glas Wein ein … der Rest ist Geschichte, sweet, sweet memory bis … „Morning has broken“.

Dabei ist der einstige Superstar ein paradigmatisches Beispiel für die unheilige Verbindung von Kunst und Islam. Es lohnt, seiner Geschichte – übrigens nicht nur aus diesem Grund – ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

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Ratzinger – Prophet oder Brandstifter?

Die Islamisierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. (Georg Gänswein, Privatsekretär Benedikts XVI.)

Heute vor 10 Jahren hielt Papst Benedikt XVI. eine denkwürdige akademische Rede an der Uni Regensburg, die von kaum jemandem bemerkt worden wäre, wenn nicht wenige Tage später – die angsterregenden Erinnerungen an die tollwütigen Szenen nach der sogenannten Mohammed-Krise waren noch ganz frisch – erneut Teile der islamischen Welt am Aufruhr fast erstickt wären. Alles lief nach bereits eingefahrenen Ritualen ab: Massen strömten auf die Straßen, verlangten den Tod des Papstes und aller Christen, wollten am liebsten gleich das Abendland erobern, Fahnen brannten, Papst-Strohpuppen, Fatwas wurden ausgesprochen, Christen am falschen Ort zur falschen Zeit gelyncht … Die „Rushdie-Affäre“ galt als blueprint, seither wird das Programm nach Bedarf abgespult.

Auslöser war ein einziger Satz:

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

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Muslime sind die besseren Christen

Es hilft nichts, wir werden uns zunehmend mit dem Islam auseinandersetzen müssen – oder wir werden auseinandergesetzt werden. Daher wird es auf dieser Seite immer wieder einmal eine Lektüreauseinandersetzung oder Buchempfehlung geben. Es werden dabei die verschiedensten Ansätze berücksichtigt, denn eine bewußte Selbstbestätigung kann nur in die eigene Verknöcherung führen. Heute: „Jesus im Koran. Ein Schlüssel zum Dialog zwischen Christen und Muslimen“ von Martin Bauschke, einem Religionswissenschaftler und leitenden Mitarbeiter der von Hans Küng initiierten „Stiftung Weltethos“.

Man kann über dieses Buch kaum etwas Negatives sagen, das Schlechteste daran (an dieser Ausgabe: Hohe-Verlag) ist der miserable Druck. Inhaltlich ist es dreifach bedeutend:

Es informiert mit ausgesprochener Kennerschaft und manchmal philologischer Spitzfindigkeit das westliche und das muslimische Publikum über essentielle Inhalte des Korans, macht ihn in wesentlichen Komponenten bekannt (was, wie der Autor zeigt, selbst bei zahlreichen Fachleuten nicht vorauszusetzen sei).
Es versucht nötige Impulse für den zwischenreligiösen Dialog zu geben.
Es erhellt das innerchristliche und selbst das biblische Verständnis und muß als genuiner theologischer Beitrag auch des Christentums gelesen werden. Vermutlich gilt das außerdem – mit Abstrichen – für den islamischen theologischen Diskurs.

Bauschke wählte mit Jesus den offensichtlichen Knotenpunkt aller religiösen (Miß)Verständnisse, ein idealer Ansatz, um Differenzen aufzuzeigen und eventuell auch zu überwinden. Es kommen die jeweiligen Heiligen Schriften, die Apokryphen und Hadithe, aber auch Gelehrte und Exegeten aller Konfessionen, Zeitalter und Richtungen gleichberechtigt zu Wort, sofern sie etwas Substantielles beizusteuern haben. Und darauf kommt es vor allem an: auf die Differenz!

Allein die häufige Gleichstellung von Koran und Islam (den es wiederum im Singular ebenso wenig gibt wie das Christentum) ist schon Ursache für eine ganze Reihe von wechselseitigen Irrtümern. Aus christlicher Perspektive hat man zu realisieren, daß der Koran in Fragen der Geburt, der Botschaft, der Wundertaten, vor allem des Mensch/Gottseins, der Kreuzesfrage, dem Tode und der Auferstehung Jesu von der christlichen Tradition differiert. Nicht selten steht man dann vor der scheinbar paradoxen Situation, einzusehen, daß „der Koran … dem Selbstverständnis Jesu näher kommt als der theologische Überschwang der konstantinischen Staatskirche“ und allem, was sich daraus entwickelte. Damit erscheint der Koran oftmals „päpstlicher als der Papst“, werden die gläubigen Muslime zu den vermutlich besseren Christen. Der koranische Widerspruch richtet sich nicht gegen das „Christentum als solchem, wohl aber gegenüber Inhalten diverser christlicher Christologien und (Mariologien)“ – und dieses Argument läßt sich sicher ausweiten auf die ganze säkularisierte Gesellschaft und die Freiheit und Beliebigkeit des Glaubens in der westlichen Hemisphäre.

Noch in der schlimmsten geifernden Haßtirade – so weit geht Bauschke freilich nicht – eines islamischen Fundamentalisten (ein Typus, den uns die westlichen Medien immer wieder genußvoll präsentieren und ihn damit hoffnungslos überrepräsentieren), steckt gewöhnlich etwas Anhörenswertes, Nachdenkenswertes, Wahres womöglich, eine ernsthafte Kritik am westlichen Lebens- und Glaubensstil, auf das zu lauschen lohnt; nicht um ihn, den Eiferer, zu widerlegen, sondern um ihn zu begreifen und im günstigsten Falle unsere Ansicht zu ändern, ihm Recht zu geben, wo er Recht hat.

Wenn heute die Forderung nach der „Verteidigung des Eigenen“ neue Relevanz erlangt, dann muß man sich zuvor über den Inhalt des „Eigenen“ einigen und die Frage nach dem „Was?“ des Verteidigungswerten stellen und genau an dieser Schnittstelle sind extremistische Außenwahrnehmungen mitunter schärfer als alle innere Verteidigungsscholastik.

„Der Muslim glaubt an Jesus, insofern dieser ihm im Koran mit der Autorität eines Gesandten Gottes entgegentritt“, insofern Jesus also theozentrisch gesehen wird. „Offenkundig ist es, wie auch die Muslime selber betonen, ein anderer Glaube an Jesus als der der meisten Christen“, und das heißt zwischen den Zeilen gelesen: ein adäquaterer Glaube im ureigenen Sinne Jesu. Daher vor allem der Lernbedarf auf christlicher Seite. Bauschke ist mit diesen Äußerungen dem Koran (und Islam) gegenüber bis ins Extrem empathiesüchtig und hier unterscheidet er sich nicht sehr von Küng („Der Islam“), an dessen Weltethos-Institut er arbeitet, bringt die Notwendigkeit der Offenheit aber wesentlich prägnanter auf den Punkt und ist bündiger als Küng. Daß er damit allerdings den gesamten christozentrischen Teil des Christentums außen vor läßt, alle Marienverehrer dieser Welt ausschließt etc., daß es vor allem in der Frage der Trinität (die der Islam zudem als Gott-Jesus-Maria versteht) keine Übereinkunft geben kann – sie ist ja selbst im Christentum wesenhaft unverstanden und unverständlich (vgl. Sloterdijk: Sphären I) – wird zwar erwähnt, aber eben nicht ernsthaft zu lösen versucht. Stattdessen wird auch dem Christentum durch die Blume empfohlen, sich seiner theozentrischen Tradition zu besinnen. Außerdem habe die christliche Theologie „das Jesusbild des Korans als einen Sonderfall … eines außerchristlichen Jesus-Zeugnisses zu akzeptieren“, das koranische Jesusbild als genuines Zeugnis zu legitimieren.

Die Gleichzeitigkeit dieser und anderer unüberwindbarer Zwistigkeiten wird letztlich „aufs Ende der Geschichte“ vertagt, wo „Gott selbst erklären wird …, inwiefern die menschlichen Bekenntnisse davon rechtes Verstehen oder auch ein Mißverstehen gewesen sein mögen“. Bleibt nur zu hoffen, daß Gott sich daran hält.

Kaum zu widersprechen aber ist, wenn Bauschke schließt: „Zu einem guten Dialog gehört es jedoch, solche gegensätzlichen Auffassungen stehen lassen zu können und darüber hinaus sie als Ausdruck des Glaubens – und nicht etwa des Unglaubens oder der Verstocktheit – des Dialogpartners akzeptieren zu lernen.“ Denn alles verstehen, ist alles verzeihen.

Bei allen objektiven Schwierigkeiten: ein mutiges, ein streitbares, ein kluges, aber auch ein sanftes, einfühlsames, verständnisvolles Buch, notwendiger denn je!

PS: „Muslime müssen das Neue Testament studieren, und Christen den Koran!“ – ich kenne viele Christen, die den Koran studieren (auch wenn sie ihn hinterher ablehnen), aber alle Muslime, die ich bisher auf das NT ansprach, haben das mit viel Gezeter abgelehnt: Wozu? Es gibt doch den Koran? Es hilft nichts: wir müssen auch begreifen, daß der Koran, der Islam und die meisten Islamismen wirksame Selbstimmunisierungen entwickelt haben. Das begründet letztlich ihre religiöse Stärke.

Literatur: Martin Bauschke: Jesus im Koran. Ein Schlüssel zum Dialog zwischen Christen und Muslimen. Köln 2001