Was ist das Wirkliche?

Wir wollen dänische Freunde besuchen. Um meine Zunge wieder locker zu machen, ziehe ich am Morgen einen schmalen dänischen Roman aus dem Regal und lese ihn am Stück.

Und wenn man nicht darauf vorbereitet ist, dann kann einen so ein Büchlein fast erschlagen.

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Das letzte Gefecht

 

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world …
William Butler Yeats

Vor vielen vielen Jahren las ich Stephen Kings „The Stand“ ein Endlosroman mit mehr als 1000 Seiten[1]. In erster Linie wollte ich mich gruseln und wurde bitter enttäuscht. Kings Fama eilte ihm voraus, King-Fans hatten mir von durchängsteten Nächten berichtet und ihre blutigen Fingernägel als Beweis angeführt. Schon beim Aufschlagen des Buches überlief mich ein kalter Schauer und nach jedem Umblättern erwartete ich den Herzinfarkt. Aber es geschah nichts und allmählich wurde mir klar, was für ein mittelmäßiger Schreiber der Gefeierte eigentlich ist. Das bestätigte sich bei zwei, drei späteren Lektüren: King hat kein Gefühl für Tempo und für Brüche, er ist der Vorreiter jener Und-dann-Autoren, die heutigentags die Regale vermüllen.

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Gegneranalyse – Politik der Gabe

Gegneranalyse I

Frank Adloff: Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben.

Nur von wenigen wahrgenommen, hatte Peter Sloterdijk sein dreibändiges „Sphären“-Werk mit der Selbstunterstellung, „eine Universalgeschichte der Großzügigkeit“ geschrieben zu haben und sich dabei auf Marcel Mauss‘ Klassiker zur Gabe zu berufen, beendet. Wenig später verschaffte sich der Großdenker mit der These Gehör, es wäre besser, die Steuerpflicht zugunsten einer Steuergabe zu ersetzen und damit die thymotische Energie der Gebenden zu stärken. Sie erfuhr wenig ernsthafte Aufmerksamkeit und wurde schnell ins Kuriositätenkabinett des Denkens delegiert.

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Gombrowicz und Gummischutz

PDF-Version: Gombrowicz und Gummischutz
Never before has pornography been this rampant. And those films are lit so badly! Woody Allen

„Gummischutz“ war eines der ersten Wörter, die ich zu lesen vermochte. Die väterliche Zeitung, nach der Lektüre achtlos liegen gelassen, enthielt zahlreiche Hieroglyphen, an denen sich der Jüngling üben konnte. Aber „Gummischutz“ blieb hängen und beschäftigte die kindliche Phantasie. Was sollte man sich darunter vorstellen? Die Eltern dreier kurz nacheinander geborener Kinder reagierten ausweichend, man ahnte also, daß es was mit „unten“ zu tun haben mußte. Und einen vagen Sinn ergab das Wort ja. Nicht umsonst hatte man sich jahrelang mit Reinlichkeitsübungen abgegeben. Eins und eins macht zwei: ein Gummischutz konnte nur jene große rote und penetrant riechende Gummiunterlage im Bett sein, die, wie etwa im Krankenhaus gesehen, die Matratze vorm Einnässen schützen sollte. So erklärt man sich die Welt – und es funktioniert … für eine Weile, bis eine neue Realität andere Erklärungsmuster verlangt.

Dies ist ein Artikel für Leute mit Freude an und Gespür für Differenzen. In ihm werden vier verschiedene Übersetzungen von Gombrowiczs „Pornografia“ miteinander verglichen: die deutsche, die zweite englische, die dänische und die italienische.

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Das andere der Kulturen

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

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Die Mühen der Ebenen

Dirk Neubauer, der Bürgermeister eines sächsischen Städtchens, ist ein Macher, ein Anpacker, einer der Kraft und Willen hat und zu verändern weiß. Solche Leute braucht das Land! Auch seine Biographie zeigt ein unstetes Element, das gerne Neues probiert und experimentiert – diese Menschen geben Vollgas, solange sie Lust haben. Der Vorteil: Neubauer hat Einblick in ganz verschiedene gesellschaftlich relevante Bereiche und aus seinem letzten Steckenpferd berichtet er: der Politik, der Regionalpolitik.

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Sorokins Eis-Trilogie

Der erste Band, „Bro“, lebt über die Geschichte, nicht über Stil und Konstruktion. Artistisch stellt er überraschend geringe Ansprüche; die geradlinige, einsträngige, in der ersten Person erzählte Handlung ist es, worauf es Sorokin ankam. (Kein Wunder, daß sein Held sich von Dostojewski lossagt). Von einem fast schon als modernen Klassiker betitelten Autoren, einem „Postmodernen“ zudem, erwartet man das nicht zwangsläufig.

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Rosananz

Die schrecklichste Zeit des Jahres steht vor der Tür: Weihnachten. Man muß andächtig tun, sich sinnlos den Bauch vollschlagen, sein Dauergrinsen auflegen und vor allem: man muß verschenken – womit die Idee des Schenkens bereits torpediert ist. Es gibt überhaupt nur ein passendes Geschenk – ein Buch. Ich schenke nie etwas anderes und auch das nur meiner Frau und ein, zwei Auserwählten. In den kommenden Wochen werde ich einige mehr oder weniger verschenkbare Bücher besprechen.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit – eine Buchbesprechung

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Einsame Frauen

Vor Jahren schockierte mich eine Anwältin, deren beeindruckende Bücherwand ich befragte, mit dem Satz: „Wenn ich lese, will ich nicht nachdenken“. Ihre Sammlung bestand aus hunderten Krimis und Thrillern und sogenannten Bestsellern aller Art.

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Gombrowicz: Kosmos

Von allen geheimnisvollen Romanen Gombrowiczs ist „Kosmos“ wohl der dunkelste. Dabei scheint es zu Beginn deutliche Parallelen zu „Pornographie“ zu geben: der voyeuristische Ich-Erzähler, gepaart mit einem mysteriösen Gefährten, die Konfrontation mit jungen Menschen … man glaubt, der polnische Seelenalchimist wolle erneut die Feinunzen der menschlichen Psyche abwiegen und die geheimnisvollen Signale der verbalen und nonverbalen Kommunikation belauschen. Und das tut er auch, aber bald verschiebt sich der Schwerpunkt, ein gehängter Spatz taucht auf, ein aufgehängtes Hölzchen, die Dinge erscheinen plötzlich in Figuren, Zusammenstellungen, Konstellationen, neben- und hintereinander, zunehmend auch ineinander, sie verhalten sich wie Sterne in Sternbildern zueinander, sind im All irgendwie aufgehoben und konstituieren es.

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Für Ferdydurkisten

Für Aficionados und Ferdydurkisten ein wichtiger Tag: am 25. Juli  1969 starb der große polnische Autor Witold Gombrowicz. Von wenigen gelesen, von vielen, die ihn lesen mußten, gehaßt, von ganz wenigen erkannt, gehört er zum Bedeutendsten, was europäische Literatur erschaffen hat. Der Todestag war Anlaß, einige seiner Hauptwerke erneut aus dem Regal zu ziehen.

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(Konservatives) Denken und seine Fehler

In den Sommerferien genehmige ich mir gern ein Buch, das ich sonst nie gelesen hätte. Es ist wie beim Schatzsuchen – man hofft auf einen seltenen Fund … und wird doch meist enttäuscht.

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Das innere Werdeziel der Kellerassel

„Ich sammle Kellerasseln“ – mit diesem Eingangssatz fängt Fritsche seinen Leser sofort ein. Noch weiß man nicht, was der Titel „Pan vor den Toren“ bedeuten soll, aber schon sind alle Sinne gespannt.

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Verlockung

Im Kopf war meine Besprechung des voluminösen und spät wiederentdeckten Romans „Verlockung“ von János Székely nach 170 Seiten fast fertig. Ich wollte das fulminante Buch ob seines großartigen Zynismus an die Seite von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ stellen, ob seines göttlichen Witzes es mit Hašeks Schweijk“ vergleichen und ob seiner psychologischen Tiefe mit Italo Svevos „Zenos Gewissen“ und seinen kindlichen Protagonisten einen Oskar Matzerat nennen. Später kam noch Döblins „Berlin Alexanderplatz“ hinzu und so manch anderer Klassiker der Weltliteratur.

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Der große Austausch

Das Massaker von Christchurch und die unsägliche Affäre um Martin Sellner hat den Topos des „großen Austausches“ wieder an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung gespült. Dort wird er nahezu unisono als „Verschwörungstheorie“ behandelt. Die Art und Weise, wie die meisten Journalisten und Experten über den Begriff oder den philosophischen Überbau der „Identitären Bewegung“ schreiben, deutet darauf hin, daß sie sich weder mit dem Gründungsdokument dieses Erklärungsansatzes noch mit den zahlreichen Veröffentlichungen Sellners und anderer Identitärer – hervorzuheben ist etwa Patrick Lenart – unvoreingenommen auseinandergesetzt haben.

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Hotel Amerika

Es gibt in Plauen eine Bücher-Telefonzelle. Man stellt ein Buch hinein und nimmt sich eines heraus – im Idealfall. Funktioniert seit drei Jahren recht ordentlich. Deswegen gehe ich nie ohne ein, zwei ausrangierte Schwarten in die Stadt. Man fischt dort keine Edelsteine heraus, aber da es praktisch nichts kostet und für mich nur Recycling ist, kann man mal etwas mitnehmen, was man sonst nicht kaufen würde, mal was probieren.

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Der Großmeister der Melancholie

Heute vor 30 Jahren starb – von eigener Hand – der große ungarische und europäische Autor, der Großmeister der Melancholie, Sándor Márai im Alter von 88 Jahren. Neben seinen zahlreichen Romanen schuf er als einer der wenigen ein umfängliches Tagebuch von bleibendem künstlerischen und historischen Rang. Ihm verdanken viele Leser unvergeßliche Stunden.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im gigantischen Großwörterbuch, dem Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

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