Freiheit ist schwer

Über Berdjajews großes Manifest für den selbstwaltenden Menschen

In Berdjajew liest man sich am besten von hinten ein. Sein letztes großes Buch hat Testamentscharakter. Daraus macht er gleich zu Beginn keinen Hehl, wenn er die notwendige, weil existentielle Widersprüchlichkeit seines Schaffens betont.

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Die mit dem ewigen Feuer spielen

Plötzlich wurde ich alt, steinalt. Ein Blick in den Spiegel, ein graues, fahles Gesicht, zerfurcht, überlebt, verbraucht.

Es waren Worte – was sonst? –, die mich ergrauen ließen, Worte eines Gleichaltrigen, der dennoch einer ganz anderen Generation, einer völlig anderen Welt zugehört.

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Unter fremden Völkern

Eine These

Ungarn sprechen meist über das Essen.

Italiener sprechen meist über Schönheit.

Engländer sprechen  meist über nichts.

Skandinavier sprechen meist nicht.

Deutsche sprechen meist über Geld und Schnäppchen. Oder Arbeit. Oder andere.

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Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

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Stefan Georges Moderne

Muß man unbedingt modern sein?

Il faut être absolument moderne. Arthur Rimbaud

Stefan George (* 12. Juli 1868 bis † 4. Dezember 1933) gehört zu jenen wenigen rein polarisierenden Autoren, die nahezu ausschließlich apodiktische Urteile provozieren.

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Sanés mißlungene Integration

Als Manchester City vor drei Wochen die Meisterschaft mit 100 000 Fans in der Stadt feierte, wurde Ilkay Gündogan, der den ganzen Tag schon sehr nachdenklich wirkte – es war der Tag, an dem sein Besuch bei Erdogan publik wurde –, auf offener Bühne gefragt (ab 16.55):Do you think this Manchester City side can beat the German National side?“ Gündogan kann endlich wieder lachen, muß eine Weile nachdenken – ein wahres Dilemma der Loyalitäten – und sagt dann lachend, zur Freude der Fans: „It’s possible“. Ich glaube, seit heute ist es mehr als das, es ist probable.

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Das große Lalula

oder: Vom Sinn des Unsinns (1. April)

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo…
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, Leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []
Lalu lalu lalu lalu la!

„Das große Lalula“ gab und gibt Rätsel auf.

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2. Incipit historia.

Die Suche nach einem Sinn strukturiert das Denken, nachdem dieser als Ursinn verloren gegangen ist. Im eigentlichen, im Ursinn gab es nie Sinn, sondern nur Sein. Dieses selbst war der Sinn. Laotse, so scheint es, ist der früheste Zeuge dieses Bruches[1]; die Art seines Sprechens könnte darauf hindeuten, daß er Zeitzeuge war, daß er diese, für die gesamte Menschheitsgeschichte fundamentale Bewegung tatsächlich wahrnahm:

verloren ging das große Dau –

güte und rechtschaffenheit entstand

hervortrat die klugheit –

die große heuchelei entstand

zerrissen war die sippe –

der familiensinn entstand

in wirrnissen zerfiel der staat –

der treue minister entstand

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Pop Poppen Popper

Was existiert, sind ungenaue Wörter, außerstande, etwas genau zu bezeich­nen. Schaffen wir außergewöhnliche Wörter – unter der Bedingung, von diesen­ den al­lerge­wöhn­lichsten Gebrauch zu machen, und die Entität, die sie be­zeich­nen, nicht minder exi­stent werden zu lassen wie den ge­wöhnlichen Gegen­stand. Gilles Deleuze

Wenn man eine ausführliche Antwort schuldet und sie im Moment nicht geben kann, dann rettet oft ein Witz. Mit dem schnell hingeworfenen Wort, „daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt“, wurde ein Faß aufgemacht, das ich jetzt nicht leeren kann. Aber ein alter Text fällt mir dazu ein – und Popper findet darin nur ein Mal Erwähnung –, den ich hier etwas verschämt einwerfe.

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Nietzsche und Deleuze

(Fortsetzung und Grundlegung von „Das dritte Geschlecht„)

Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives.      (Gilles Deleuze)

Die gesamte Frage der Affirmation zielt ab auf das Philosophieren Nietzsches[1].

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Das dritte Geschlecht

Das dritte Geschlecht. — „Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann, — aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hochwüchsigen Frauen, von einem anderen Geschlechte zu sein“ — sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön — sagte der alte Aristoteles. (Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

Wir lesen in den Gazetten: „Das Bundesverfassungsgericht fordert, daß künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister eingetragen werden kann. Intersexuellen Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, solle damit ermöglicht werden ihre geschlechtliche Identität „positiv“ eintragen zu lassen, entschieden die Karlsruher Richter in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluß.“

Was auf den ersten Blick wie ein zu begrüßender Akt der Gerechtigkeit klingt, enthält eine ganze Reihe an inneren Problemen.

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Was ist deutsche Kultur?

Ein erbärmlicher Versuch

Der „Focus“ ist schon zu einem argen Wurschtblatt verkommen. Zusammen mit der Schwesterzeitung „Huffpost“, die mittlerweile zum Zentralorgan der Islamophilie mit klarem missionarischem Auftrag geworden ist. Propaganda! Ich scheue mich nicht, diesen Begriff zu verwenden. Vor allem wenn es konkret gegen die AfD und allgemein gegen Andersdenkende geht. Da wird jede Gelegenheit genutzt – mal mit dem Hammer, dann wieder etwas subtiler –, um exakt das zu tun, was man dieser Partei und ihren Anhängern vorwirft: zu hetzen und zu ängstigen.

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Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältiger als gestern angedeutet. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

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Leib ist alles!

Das Leib-Seele-Problem bei Nietzsche

Von den Hinterweltlern

Das sogenannte Leib-Seele-Problem kennzeichnet – als eines von mehreren – den Beginn des westlichen, d.i. des europäischen Denkens schlechthin und hat, wie alle großen Gedanken unserer Geschichte, zwei Quellen: die griechisch-akademische Philosophie und die jüdisch-christliche Religionstradition. Von daher bestimmt sich die Bedeutung dieses Problems: wer es fundamental anzweifelt, wer es verwirft oder gar seinen Problemcharakter in Frage stellt, statt es zu modifizieren, rührt an den Grundfesten des westlichen Denkens, seiner Kategorien und seiner Sprache.

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Sloterdijk, ohne zu lachen

„Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallenzulassen und ihn durch Explikation zu ersetzen.“ (Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen)

Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst auf dieser Fete kennengelernt und bin begeistert. Wir reden über Gott und die Welt, vom Bumsen bis zur Negativen Dialektik; endlich einer, der etwas von Philosophie versteht und vom Leben …“[1] Kallscheuer traf den Nagel auf den Kopf und trifft ihn noch immer und wenn es eines Beweises noch bedurft hätte – hier ist er: „Ausgewählte Übertreibungen“!

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Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

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