So geht Heidegger!

Ganz prinzipiell meine ich nämlich, daß man nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar die Pflicht hat, zu den Gedanken eines Denkers Stellung zu nehmen, ohne Rücksicht auf den spezifisch persönlichen Hintergrund seiner Gedanken. (K.E. Løgstrup)
Hier erkennt man die gegenwärtige Tendenz, damalige Denker nazistischer zu machen, als sie waren. Je weiter man sich von dieser Zeit entfernt, desto nazistischer scheinen sie zu werden. (Hans Hauge)

Man mache den Test: Man erwähne den Namen Heidegger im Gespräch mit einem Nicht-Heideggerianer und man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich zu Beginn das Zauberwort „Nazi“ zu hören bekommen. Und meist ist das Thema damit beendet.

Eine ausufernde biographische Literatur hat es geschafft, vom größten Denker des letzten Jahrhunderts – und das ist eine konservative Einordnung – nur einen kleinen Nazi übrig zu lassen. Seit Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ hat diese Übung noch einmal Fahrt aufgenommen: das hundertbändige, längst noch nicht bewältigte Werk steht seither im Schatten einiger posthum veröffentlichter Privatnotizen. Damit scheint man sich abgefunden zu haben.

Hans Hauge – Lektor an der Universität in Aarhus und bekannt für seine scharfen Debatten in der Presse – fand sich nicht ab und hat ein bedeutendes und vollkommen unkonventionelles Buch dazu geschrieben, dessen Botschaft den deutschen Lesern wohl verborgen bleiben wird, denn Hauge sprengt das gängige „Narrativ“. Daher soll es hier ausführlich vorgestellt und zusammengefaßt werden.

Dabei beschränke ich mich auf die Heidegger-Seite, denn eigentlich, wie der Buchtitel bereits sagt, arbeitet sich Hauge an zwei Themen ab: „Løgstrup, Heidegger og Nazismen“. K.E. Løgstrup gilt, nach Kierkegaard, als der bedeutendste dänische Philosoph, ist trotz einiger Übersetzungen allerdings kaum in die europäische Diskussion eingeflossen. Daran ändert auch nichts, daß Deleuze ihn gelesen hatte.

Løgstrup besuchte in den kritischen Jahren 1934/35 Freiburg und hörte Heideggers Vorlesungen, stand in Kontakt mit ihm, man begegnete sich bis in die späteren Zeiten.

Martin Heidegger und Knud Ejler Løgstrup 1959 in Hoechst © Løgstrup’s Ethical Demand

Der dänische Starphilosoph hatte seine eigene Sicht auf Heideggers „Schuld“: „Løgstrup erwähnte Heideggers Nazismus nicht, weil er es nicht als wichtig erachtete und weil er ihn nicht als richtigen Nazi wahrnahm; und das könnte ja damit zusammenhängen, daß Heidegger – fast – kein Nazi war. Für Løgstrup war das nicht wichtig, denn er unterschied zwischen Autor und Text, Leben und Meinungen, Biographie und Philosophie.“

Mit dieser einführenden Feststellung ist der Ton gesetzt; auf den kommenden 345 bewußt chaotischen und informationsgesättigten Seiten, ein „Hybrid zwischen philosophischer Prosa und Anekdoten“, voller hunderter Namen und Titel, sammelt und interpretiert Hauge Unmengen an Material, die Perspektivik zu verschieben. Dabei verfolgt er repetitiv und variativ verschiedene Argumentationslinien:

Unter Heideggers Zeitgenossen gab es ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Während die einen sich distanzierten und Freundschaften in die Brüche gingen – Löwith, Bultmann, Jaspers (wobei Jaspers die Rektoratsrede noch begrüßte und nichts Problematisches feststellen konnte), war es für andere weniger oder nicht bedeutend: Arendt z.B.

Auch viele seiner damaligen Schüler, wie Werner Brock oder Max Müller „hatten kein Problem mit Heideggers Nazismus, wie so viele andere, Juden und Nichtjuden.“

Das betraf auch andere „Nazis“ oder Antisemiten, wie etwa den Literaturwissenschaftler Hugo Friedrich, der erst 1938 der NSDAP beigetreten war, oder Gottlob Frege, dessen offener Rassismus und Antisemitismus nie ein Thema war … Ihnen wurde derartiges nie zum Vorwurf gemacht. Warum also Heidegger?

Selbst unter den Nazis und den Naziphilosophen gab es viele, die in Heidegger nicht den Anhänger des NS erkennen konnten und dies auch scharf kritisierten; einige (wie der nicht unbedeutende Erich Jaensch) sahen in ihm sogar einen „jüdischen Denker“ – eine Tatsache, die bei Fariás und Faye gänzlich unerwähnt bleibe.

Unzählige wurden, vor allem in den ersten Jahren, vom „nationalsozialistischen Raptus“ erfasst, aber nur wenigen ein derart fester Strick daraus gedreht wie Heidegger. Selbst in der dänischen Intelligenz gab es anfangs großes aufgeschlossenes Interesse.

Warum hätte Heidegger seine Affinität zum Nationalsozialismus und seinen Antisemitismus 12 Jahre lang verstecken sollen, wenn er doch nur Nutzen hätte daraus ziehen können, wenn seine Karriere gefördert worden wäre, wenn er vor allem an den Wahrheitsgehalt und damit an den Sieg der Bewegung geglaubt hatte? „Heidegger versteckte, daß er Nazi war, als die Nazis regierten. Das bedeutet, daß er nach dem Krieg versteckte, was er versteckt hatte.“

„Was wäre geschehen, wenn Heidegger sein Schweigen gebrochen hätte?“ Hätte er dadurch etwas gewinnen können? Das ist unwahrscheinlich, wie uns die Fälle Hamsun („Norwegens größter Schriftsteller war ein unbedeutender Nazi.“) oder Benn zeigen – das Stigma bleibt.

Während die Kritik in den „Schwarzen Heften“ vor allem Bestätigung des Antisemitismus- und Nazismusverdachtes aufspürte, findet sich dort u.a. auch ein Eingeständnis, als Heidegger im Zusammenhang der Rektoratsrede von einem „kleinen Zwischenspiel eines großen Irrtums“ (94/III, S.219) spricht und damit genau jene Worte nutzt, die Habermas‘ Forderung ausmachte – dieses Eingeständnis hat die Kritik überlesen (wollen?) und damit die obige These bestätigt.

Überhaupt: was haben die „Schwarzen Hefte“ Neues ans Tageslicht gebracht, was man nicht längst schon wußte? „Man wußte, daß Heidegger ein paar Jahre Nazi war, man kannte seine antisemitischen Äußerungen und man war sich seiner Verachtung vieler Naziphilosophen bewußt. Es steht nichts Neues drin – die Situation jedoch ist neu.“

Warum ist man auf der linken Seite blind? Während bekennende Stalinisten, wie Sartre oder wie in Dänemark Hans Scherfig – Hauge nennt auch Hans Kirk, doch ist dieser Fall subtiler – nie zur „Reue“ gezwungen wurden und noch heute (zu recht) als Klassiker zum Curriculum gehören, wird die Lektüre Heideggers a priori biographisch eingefärbt.

Man könne Heideggers frühe „Bekenntnisse“, auch sein Beharren auf der „inneren Wahrheit und Größe“ der Bewegung nur im Zusammenhang mit seiner Zeitdiagnose begreifen. Es sei kein Zufall, daß von „innerer“ und nicht von äußerer Größe die Rede war. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Diagnose der „Verdüsterung der Welt, die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen“ ein grünes Vordenken: „Ökologie ist deutsch“, letztlich ist sie heideggerisch.

Immer wieder weist Hauge darauf hin, daß die Heidegger-Kritik ein lohnendes Geschäft ist, der einige bekannte Autoren ihre ganze Existenz, Bekanntheit, Verkaufszahlen zu verdanken haben, es ist ein Fach der Philosophiegeschichte geworden, das systemisch belohnt wird: „Nur weil Heidegger der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts war, sieht man mit einem Vergrößerungsglas auf seinen nazistischen Raptus. Mit dieser Vergrößerung vermindert man den Philosophen und wird man selbst zu jemandem. Fariás, Faye, Wolin, Rastier, Givsan und wie sie alle heißen, sind Parasiten Heideggers. Man kann sich selber groß machen, indem man behauptet, Heidegger sei Nazi gewesen. Heidegger-bashing ist zur Zeit der Karriere förderlich.“

Die lange Geschichte dieses Tribunals zeichnet Hauge in einem der beiden Zentren seines Buches in aller Ausführlichkeit auf. Es begann – um nur die Eckpunkte zu nennen – mit besagten zeitgenössischen Kritiken aus faschistischer und aus antifaschistischer Position: den einen war Heidegger nicht genug, den anderen zu sehr Nazi. Eine erste klare ideologische Richtung wurde der Kritik durch Karl Löwiths „Denker in dürftiger Zeit“ gegeben, aber erst Habermas‘ Empörung über „Was ist Metaphysik“ (1953) rammte die Pfosten ein, aus dem das Korsett gebaut wurde. Es folgten in den 60ern kritische Stimmen aus Frankreich und 1964 stellte Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ einen Meilenstein dar. Damit war der „Spiegel“ in die Spur gesetzt. Nun waberte der Vorwurf durch die philosophische community, umso mehr, da die französischen Postmodernisten sich immer öfter auf Heidegger bezogen. Kulminationspunkt war ohne Zweifel Victor Farías „Heidegger und der Nationalsozialismus“ (1987), von Habermas eingeleitet, dessen Tendenz und These 2005 von Emmanuel Faye in „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie” verstärkt wurde. Nun meldete sich auch die französische Philosophie zurück: Lyotard, Bourdieu, Lacoue-Labarthe u.a. gingen auf Distanz. Die „Schwarzen Hefte“ konnten damit fast nur noch als Bestätigungsquellen dienen. All das ermöglichte, daß ein Machwerk wie Nolls „Der rechte Werkmeister“ faßt schon unwidersprochen einen Schauprozeß mit abschließender Verurteilung – Ausschuß aus der philosophischen Diskussion – führen kann.

Das andere Zentrum bildet eine konzise Zusammenfassung seiner ansonsten weit verstreuten Thesen:

  1. Heidegger war der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts und ein gänzlich unbedeutender Nazi.
  2. Heidegger unterschied zwischen Person und Sache.
  3. Die meisten Heidegger-Leser unterschieden zwischen Person und Sache. Man kann diese Trennung – wie Farías und Fayer u.a. aufheben.
  4. Løgstrup trennte zwischen Person und Werk – er kommentierte Heideggers Nazismus nicht.
  5. Heidegger war ein Mitläufer; darüber war man sich nach dem Krieg einig; warum hielt man an dieser Beschreibung nicht fest?
  6. Heidegger hat von sich selbst erklärt, kein Nazi gewesen zu sein – warum glaubt man ihm nicht?
  7. Heidegger nannte seinen Parteieintritt eine Dummheit.
  8. Die meisten nationalsozialistischen Denker sahen in Heidegger keinen Nazi – heute meint man, sie irrten.
  9. Die meisten Heidegger-Interpreten nach dem Krieg sahen in ihm keinen Nazi oder hielten dies für nebensächlich.
  10. Man kann heutzutage im Universitätsleben viele Punkte sammeln, wenn man Heidegger als Nazi oder Antisemiten entlarvt.
  11. Zu den Äußerungen Heideggers in den „Schwarzen Heften“ über Juden, Rasse, NS muß man sich fragen: Wenn Heidegger sich als Nazi exponieren wollte, warum hat er diese Gedanken nicht seit 1933 veröffentlicht, wo sie ihm vermutlich genutzt hätten.
  12. Ansonsten fehlt der Begriff der Rasse bei Heidegger, in einer Zeit, wo er von Philosophen und Künstlern umgeben war, die vom Rassenbegriff aus dachten.
  13. Heideggers und Hamsuns Schicksal ähneln sich.
  14. Es ist verwunderlich, daß Günter Grass oder Gottlieb Frege weit sanfter behandelt werden. Man hat Otto Flake oder Kaj Munk verurteilt, aber Hergé nicht – warum? Usw.
  15. Heidegger wurde mehr und mehr zum Nazi gemacht, je weiter wir uns von der Zeit des NS entfernen!

„Und so kommt meine Hauptthese: Heideggers Nationalsozialismus ist vor allem eine neuzeitliche Erfindung. Je weiter wir uns vom NS entfernen, desto nazistischer erscheint Heidegger.“   

Hinter der Überbewertung der „Schwarzen Hefte“ vermutet Hauge zudem einen tieferen Grund: „Wenn man heutzutage Heideggers Tagebuchaufzeichnungen und Briefe für wahrer und echter hält als seine philosophischen Texte, dann liegt das daran, daß die Philosophie an Autorität und Authentizität verloren hat.“ Dies ist Teil der „ahistorischen normativen Tendenz, die Vorzeit zu verurteilen und den Kontext zu verwischen.“

Nein, Hans Hauge will Heidegger nicht von den Nazi-Beschuldigungen reinwaschen, wie die große dänische Zeitung „Berlingske Tidende“ in einer ansonsten sehr positiven Kritik feststellt – Hauge will nur eines: Die Verhältnisse wieder gerade rücken, den schweren Stein der Schuld in seiner wirklichen Größe zeigen und damit den Weg zu Heideggers Werk – der aus intrinsischen Gründen schon steinig ist – wieder frei räumen.

Das ist ihm gelungen! So zumindest wird das Urteil all jener lauten, die tatsächlich an Heideggers Denken interessiert sind – für die anderen kommt ohnehin jede Hilfe zu spät.

Hans Hauge: Løgstrup, Heidegger og nazismen. Biografier, diskussioner, erindringer, polemikker og anekdoter Forlaget Multivers. Aarhus 2016. 356 Seiten

„Es ist heutzutage leichter Nazi zu sein, als es in NS-Zeiten war.“

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7 Gedanken zu “So geht Heidegger!

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Es ist meine private Einsicht aus Jahren der Beschäftigung mit verschiedensten Dichtern und Denkern, daß man es am besten ganz bleiben lassen sollte, sich die Persönlichkeiten der Schöpfer selbst zu genau näher anzusehen. In den meisten Fällen stehen dahinter zwar sicher interessante, aber doch meistens unsympathische Persönlichkeiten (z. B. Th. Mann; Wagner, Goethe; Ausnahmen z. B.: Schubert, R. Walser); vermutlich ist das schon eine Schaffensbedingung. Und da sich unser schwaches menschliches Urteil nur schwer von der Kenntnis um die Defekte der Autoren freimachen kann, besteht die Gefahr, daß die Werke selbst an Reiz und Sympathie verlieren. Man sollte es vielleicht anders sehen: auch die miesen Charaktere haben es in ihren besten Werken vermocht, das Beste einzubringen, was sie (s. u.) oder die „Menschheit“ zu geben haben; der Rest ist Schweigen. Im übrigen lernt man nur begrenzt etwas über die Werke, wenn man die Biographien ihrer Schöpfer kennt. Um vom „Tristan“ berührt zu werden, braucht man den Namen „Wesendonck“ nie gehört zu haben.

    Das ist etwas, was moderne Linke (und auch Rechte!) oft nicht verstehen: Daß man auch von üblen Menschen das Beste, was sie zu geben hatten, nehmen kann, ohne den Menschen hinter dem Werk aus persönlicher Verantwortung zu entlassen. „Astrid Lindgren war eine Rassistin“, las ich neulich. Ja, mag sein oder nicht, wie man halt Mitte des 20. Jahrhunderts so denken konnte. Das ändert nichts daran, daß ihre Kinderbücher gut erzählt und tief human sind. „Der Feudalismus war Ausbeutung“. Ja, stimmt auch, das heißt aber nicht, daß man seine schönsten Werke, die Allen etwas zu geben haben, deshalb verachten und zerstören muß.

    Um Nietzsche zu zitieren:
    „Freude im Alter. — Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschrank arbeiten sähe, während er weiß, dass dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind.“

    Um Heidegger zu zitieren:
    „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb.“ Das reicht eigentlich an biographischem Wissen.

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    • Genau, so hat es Heidegger gesehen und zusammengefaßt.

      Sie treffen hier einen wesentlichen Punkt, wenn sie die rechts-links-Dichotomie scheinbar herleitungslos anführen. Ich glaube tatsächlich, daß die Vermengung von Werk und Person – siehe auch: Den Koran lesen -, von der psychologischen Komponente abgesehen, ein Produkt linker Denke ist. Die Linke geht auch im Menschenbild von Idealen aus, von Utopien. So und so habe der Mensch zu sein udn könne es auch. In Wahrheit gibt es weder den guten noch den schlechten Menschen: Marx konnte seine Frau betrügen und Hitler seine Hunde lieben – um es populistisch zu sagen. Daher tendiert die Linke einerseits zur Glorifizierung (Marx, Stalin, Che, Fidel …) und andererseits zur Diffamierung (Heidegger, Hamsun … „Nazismus“ als perfektes Totschlagargument). Dazwischen gibt es wenig. Am Fall Sieferle kann man das gerade livehaftig erleben.

      Nichtsdestotrotz halte ich gerade Biographien für sehr lesenswert, sofern man am Phänomen „Mensch“ interessiert ist und von vornherein weiß, daß auch der größte Heroe ein solcher war. Ich halte es da gern mit dem Kyniker Krates: Solange müsse man Philosophie treiben, bis man in jedem Feldherrn einen Eseltreiber sehen könne. Oder mit Till Eulenspiegel, der das skatologische ad-hominem-Argument so sehr liebte.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Ja, natürlich bereitet es jedem geschichtlich Interessierten Vergnügen, eine gut geschriebene Biographie zu lesen, und man lernt ja in solchen Fällen viel – oft aber eben nicht unbedingt über das „Werk“. Und natürlich fallen Biographien von historischen Persönlichkeiten in eine andere Kategorie, hier gibt es ja auch nicht die Problematik, von der wir hier handeln. Wo kein Werk, da kann es einem auch nicht verdorben werden..

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        • In dieser Frage sind wir uns einig. Ob die Biographiekenntnis zur Werkerhellung führen kann oder sollte, da scheinen wir etwas unterschiedlich zu denken. Zwar habe ich in „Den Koran lesen“ für eine vollkommen hintergrundfreie Lektüre plädiert – sie ist das ultimative Kriterium -, aber das heißt nicht, daß das Leben eines Künstlers – auch wenn es unangenehme Seiten zutage bringt – nicht erhellend sein kann.

          So erschließt sich der Faust teilweise neu, wenn man weiß, daß Goethe 1768, nach seiner lebensbedrohlichen Krankheit, sich mit Susanne von Klettenberg der Alchemie und Mystik widmete. Alle drei Faktoren: Krankheit, Klettenberg („die schöne Seele“) und Alchemie lassen sich im späteren Werk immer wieder nachweisen und der Faust wird an einigen dunklen Stellen überhaupt nur dadurch erhellt. Wir haben hier einen Vorteil gegenüber den Zeitgenossen, die oft ratlos dastanden – erst die biographische Arbeit hat uns die Zusammenhänge ermöglicht – das ist freilich in „Dichtung und Wahrheit“ auch schon angedeutet, wenn auch nicht ausgeleuchtet.

          Oder nehmen Sie den „Divan“ – rätselhaftes Buch, zum Teil erklärlich, wenn man die Affäre mit der Willemer kennt.

          Mir ist übrigens noch keine Goethe-Biographie untergekommen, die ihn mir unsympathisch machte. Die, die es versuchen, scheitern am Geifer (Karlheinz Schulz oder dieser Engländer (Name vergessen), der den hinterfotzigen Beamten herauskehren will …), bei den anderen wird deutlich, daß er ein übervoller Mensch war, in jeder Hinsicht.

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          • Kurt Droffe schreibt:

            Nein, unsympathisch wäre bei Goethe wohl nicht das rechte Wort. Wie übrigens auch die „Unsympathen“ ja durchaus charmante und amüsante Gesellschafter sein konnten. Aber der spätere Goethe (bin kein intimer Kenner) scheint mir ein zwar beeindruckender, aber kein liebenswerter, kein wirklich angenehmer Mensch gewesen zu sein. Vielleicht müßte ich mal wieder „Lotte in Weimar“ lesen, da geht es ja auch etwas um solche Fragen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ich glaube bei diesem Punkt nicht an schwerwiegende Unterschiede zwischen links und rechts. Wer Anhänger für seine Sache gewinnen und sie dem Gegner entwinden will, tut immer gut daran, Argumente vorzubringen, die bei vielen ziehen, auch wenn sie in der Sache gar nicht treffen. Will man Massen auf seine Seite bringen, muss man, so wie die nun einmal mehrheitlich beschaffen sind, persönliche und moralische Argumente gebrauchen.

        Das Mag-ich/Mag-ich-nicht ist wohl die letzte Diskriminierung, die ein in Bewusstlosigkeit vergehendes Hirn noch zuwege bringt, die entsprechenden Funktionen sitzen nämlich tief. Und moralisch/unmoralisch ist nicht viel mehr als die Außenfassade dessen. Die wenigsten können beim Urteilen von dieser Vorzugsrichtung ab, und man bemerkt beständig, wie die Menschen ihre anderen kategoriellen Achsen zu dieser hinbiegen, zumindest bei Dingen und Menschen, die sie stark beschäftigen. Deshalb die „feigen“ Selbstmordattentate, deshalb das „Eigentlich fand ich sie nie besonders schön“ des sich nun in Haß ergehenden Geschiedenen, deshalb der Entzug aller ihrer positiven Eigenschaften, sobald die moralische Bewertung einer Person ins Negative geraten ist. Und weil man darauf wetten kann, dann auch die Brutkastenlüge im Vorfeld des ersten amerikanischen Irakkrieges, denn die Politik weiß sich dieses moralischen Ölteppich vortrefflich zu bedienen, unter dem jede differenzierte Wertung erstickt: „Wenn sie das erst mal schlucken, schlucken sie danach alles andere auch.“

        Montaigne spießt das schön auf: « Si elle est putain, faut-il qu’elle soit punaise aussi ? » – „Wenn eine eine Hure ist, muss sie deshalb schon auch eine Schlampe sein?“ Schau einer an, im Deutschen ist dank des eingefahrenen Wortgebrauchs eine (putz- und ordnungsunwillige) Schlampe schon fast dasselbe wie eine moralisch Verlotterte!

        Weniger anfällig für Idealisierung und Totalisierung sind wohl Konservative, sofern sie Konzilianz gegenüber fremden Mängeln zeigen, besonders anfällig Weltverbesserer mit dem Schlegel, um erst einmal alles klein zu hauen. Das deckt sich aber keineswegs mit rechts und links. Sonst müssten die schrankenlosen Anhänger der Schumpeterschen Zerstörung links sein und der sein ironisches Chanson « Mourir pour les idées » singende Brassens ein Rechter.

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        • Wer wollte da widersprechen? Auf der menschlichen Ebene dürften die Unterschiede gering sein; das Bedürfnis „recht zu haben“ ist kulturell und psychisch bedingt – nur deswegen antworte ich Ihnen …

          Mir ging es freilich um die ideologische Ebene, die die menschliche noch einmal modifiziert und da halte ich es tatsächlich für sinnvoll zwischen „rechts“ und „links“ – das sind unbefriedigende Arbeitsbegriffe, die nichts mit den Parteien zu tun haben -, zwischen konservativ und progressiv zu unterscheiden und der Unterschied liegt im Menschenbild und in der Akzeptanz, im Verhältnis zum Gegebenen.

          Die Fälle Heidegger und Hamsun machen das deutlich. Niemand wird deren (zeitweise) Begeisterung für den NS leugnen können, aber während die Rechte daraus Fragen ableitet, zieht die Linke Urteile hervor. Für sie sind die beiden erledigt aber eben nicht nur menschlich, was noch zulässig, wenn auch primitiv wäre, sondern eben auch werkseitig. Man dürfe/solle/müsse Heidegger/Hamsun nicht mehr lesen, weil „sie Nazis waren“, mehr noch, da sie Nazis waren, muß das gefährliche Gedankengut im Werk versteckt sein und je versteckter, desto gefährlicher ad infinitum.

          Der Konservative, der per se ein Verstehender und kein a priorischer Erklärender ist, mag sich hingegen Fragen stellen: Wie kommt es, daß der Tiefdenker Heidegger die doch offensichtliche Gefahr nicht sah? Wie konnte der geniale Menschenkenner Hamsun die Nazis oder in seinem Falle sogar Hitler derart verkennen? Was haben sie darin gesehen. Mehr noch: Gibt es vielleicht sogar eine „innere Wahrheit und Größe der Bewegung“ … ?

          Dies sind Fragen, die im linken Kontext schon unstellbar sind, die den inneren Nazischweinehund schon beweisen – die Linke könnte daher eine „innere Wahrheit und Größe“ – wenn es sie denn gäbe – nicht sehen, weil sie sie nicht erfragen kann und sie kann ergo das komplexe Phänomen nie verstehen. Stattdessen wartet sie auf die passende Formel „Faschismus ist die terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ – basta!

          Der Faschist ist dann der Vertreter der terroristischen Diktatur usw., und Faschist ist jeder, der sich irgendwann mal dazu bekannt hat oder sich nicht distanziert = Heidegger/Hamsun=Nazi …

          Das kann nur vor einem zweiwertigen Menschenbild funktionieren. Der Mensch ist gut oder schlecht und steht er auf der falschen Seite der historisch gesetzmäßigen Entwicklung, dann ist er schlecht. So konnten Stalin/Mao/Pol Pot Millionen Menschen in den Tod schicken, so konnte sich die RAF legitimieren und dergleichen.

          Trotzdem gibt es natürlich innerhalb dieser Paradigmen individuelle, intellektuelle und charakterliche Unterschiede, gibt es Lebensgeschichten und auch das individuelle Bedürfnis, recht zu haben …

          Der Charakter ist auch ein durchaus relevantes Verständnishilfsmittel, sich ein Werk zu erschließen. Auch Heideggers Nazismus ist werkimmanent nachzuweisen und der Nachweis ist notwendig. Was Hauge versucht, ist die Relativierung und da wird man sehen, daß Heidegger viel komplexer ist, als das man ihn auf diese Episode zurückstutzen darf und daß auch diese Episode komplex und widersprüchlich ist. Wer sie zum archimedischen Punkt in Heideggers Werk und Leben macht, geht ideologisch und denunziatorisch heran (Fariás, Faye, Habermas, Noll u.v.a.)

          Safranskis Kunst besteht darin, diese Komplexität angedeutet zu haben, sowohl bei Heidegger als auch bei Goethe.

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