Geburtsstunde des Feminismus

„Ist es nicht eben diese Hipparchia, die, schon im frühen Morgen ihres Lebens vom Licht der Philosophie angestrahlt, aus der betäubenden Dumpfheit, worin die verpuppten Seelchen ihrer meisten Ge­schlechts­schwestern ihr Daseyn ver­träumen, zum Gefühl der Würde ihrer Natur erwacht ist?“ Wieland

Fast unbemerkt vollführt sich im kynischen Mantel eine metaphysische Revolution, der Diogenes Laertius nur wenige Zeilen zu widmen weiß. Es ist die einzige Lebens­beschreibung in seinem Monumentalwerk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, die eine Frau, eine Philosophin zum Gegenstand hat. Es dürfte mehr als ein Zufall sein, die erste Philosophin, von der wir wissen und die dieses Prädikat verdient, in jenem Moment zu beobachten, als sie sich entschied, die gleichen Kleider zu tragen wie Krates, der Kyniker. Von dessen Lehre und Lebensweise nachhal­tig beeindruckt, schien sie nur noch ein Ziel zu kennen, das Leben des Krates zu teilen, und um dieses zu erreichen, widersetzte sie sich nicht nur den gesellschaftlichen Konventionen – immerhin wählte sie ihren Mann selbst –, war sie nicht nur „völlig unzugäng­lich für die Bewerbungen ihrer Freier und völlig gleichgültig gegenüber ihrem Reichtum, ihrer hohen Geburt, ihrer Schönheit“, mehr noch: „sie drohte sogar ihren Eltern, selbst Hand an sich zu legen, wenn man sie ihm nicht gebe“ (DL VI 96).

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Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben. Weiterlesen

Habermas und Holocaust

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Fünf Wochen nach Björn Höckes Dresdner Rede, in der bekanntlich das Wort vom „Mahnmal der Schande“ fiel, haben sich die Wogen wieder geglättet. Das ist der Moment der Reflexion, der Einkehr und der Erinnerung. Denn Höckes Rede hat eine lange und vertrackte Geschichte, die Geschichte des „Holocaust-Denkmals“ oder, wie es offiziell heißt, des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.

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Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

Die Schule von Athen ©Wikipedia (gemeinfrei)

Die Schule von Athen ©Wikipedia (gemeinfrei)

Auf den Treppen, ein wenig außerhalb des Fokus, ein bißchen schief, lungert eine seltsame Gestalt herum. Gerade deswegen zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich. Halbnackt und lässig fläzt der Alte, kümmert sich um niemanden und wird im Übrigen auch von den anderen ignoriert. Ein Jüngling (Epikur?) weist auf die Figur, doch schon wendet sich seine Aufmerksamkeit der Hauptgruppe zu. Keiner will wirklich mit ihm zu tun haben; nur aus weiter Ferne trifft ihn Plotins wehmütiger, fast neidischer Blick: Müßte nicht so die innere Statue aussehen, an der zu meißeln er sich vornahm?

Diogenes heißt der Mann im alternativen Zentrum der antiken Philosophie und obgleich ihm in gelehrten Kreisen nie wirklich Aufmerksamkeit gezollt wurde, gehört er, der Parade-Kyniker, noch heute zu den populärsten Figuren der Philosophiegeschichte.

Man warf ihnen, den Hundephilosophen, ihre Stärke vor. „Die Kyniker haben wenig philoso­phische Ausbildung und zu einem System, zu einer Wissenschaft haben sie es nicht gebracht“, meinte Hegel, und noch Habermas schlug in dieselbe Kerbe: „Der Kyniker steigt aus der Kommunikationsgemeinschaft der Vernünftigen aus, indem er die sprachliche Verständigung mit den primitiven Mitteln analogischer Ausdrucks­formen fort­setzt“.

Wer sich jedoch um den Begriff der Freiheit bemüht, der wird um Diogenes und die Kyniker nicht umhin können, denn nur dort trifft man auf eine radikal durchdachte und durchlebte Freiheitsidee.

Das hatten die Denker des Altertums besser gesehen. Für Epiktet, den Sklaven, war Diogenes Inbegriff der menschlichen Freiheit: „Diogenes war frei. Woher? Nicht, weil er von freien Eltern herstammte, sondern weil er es selbst war; weil er alle Handhaben der Sklaverei weggeworfen hatte… Alles war lose an ihm, alles nur angehängt.“ und für Seneca war er schlicht ein großer Denker, ein „gewalti­ger Geist“.

Die Quellen sind dürftig, das meiste, das man sich von ihm berichtet, läßt sich historisch nicht mehr fassen, muß in den mythischen Raum, den Raum der Sagen und Legenden verlegt werden.

Der Kyniker ein Mythos? Umso besser! Gerade in seiner mythi­schen Gestalt reicht er in die conditio humana hinein.

Als sicherste Quelle gilt noch Diogenes Laertius, jener fleißige Geschichtensammler des dritten Jahrhunderts nach Christus; da war Diogenes der Kyniker (412-323 v. Chr.) wohl schon an die 600 Jahre tot. Er überliefert das Bild eines komischen Kauzes, hellwach, unabhängig, frei. Einer, der vieles anders machte und dachte. Bereits die berühmtesten Anekdoten legen davon Zeugnis ab. Die gängige Münze umzuprägen prophezeite ihm das Orakel, in einer Tonne soll er gelebt, nur einen Mantel, einen Ranzen, einen Stock besessen haben. „Als er einmal ein Kind sah, das aus den Händen trank, riß er seinen Becher aus seinem Ranzen heraus und warf ihn weg mit den Worten: „Ein Kind ist mein Meister geworden in der Genügsamkeit’“. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

Auch von Tieren läßt sich lernen; seine philosophische Initiation erhielt er von einer Maus, „die weder eine Ruhestätte suchte noch die Dunkelheit mied, noch irgendwelches Verlangen zeigte nach sogenannten Leckerbissen. Das gab ihm einen Wink zur Abhilfe seiner dürftigen Lage“. Und wenn schon von Menschen lernen, dann von denen früherer Zeiten und anderer Kulturen. Seht her, auch so kann man leben!

Schwieriger dagegen wird es, von den Philosophen zu lernen, jenen zumindest, die mehr wollen als eine Lebensweise zu lehren. Nicht zufällig ist Platon, der „Wortverschwender“, sein intellektueller Hauptgegner, mit dem er immer wieder die Klinge kreuzt. An der Wurzel der Tradition liegt der Fehler der Tradition – es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Er nannte „des Platon Belehrung Verkehrung“ und nutzte jede Gelegenheit, diesen vorzuführen. „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch sei ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: ‚Das ist Platons Mensch;’ infolgedessen ward der Zusatz gemacht ‚mit platten Nägeln’“. Mit dieser Ergänzung zeigte Platon nur, wie wenig er Diogenes’ Kritik verstanden hatte, denn diesem ging es wohl um die Unabschließbarkeit des definitorischen Prozesses, statt um eine Konkretisierung. Wozu definieren? Diogenes spielt die Praxis gegen die Theorie aus. Als einer „behauptete, es gebe keine Bewegung, stand er auf und spazierte hin und her“. Kann eine Definition jemals die Vielfalt der Realität einholen? Die einzig reelle Defi­nition ist die Ent­wick­lung der Sache selbst, und diese ist aber keine Defi­nition mehr.

Der Kyniker antwortet oft durch die Tat statt das Wort, er senkt die Argumentation auf eine einfachere Stufe. Typisch dafür sollte auch sein Spott und Witz werden: Lachend bemächtigt er sich seiner Widersacher, schafft zum einen Distanz, läßt den Konflikt zum anderen ins Heitere ausgleiten.

Kein geringerer als Alexander der Große ist sein Gegenspieler auf dem Feld der politischen Macht. „Als er sich sonnte, trat Alexander an ihn heran und sagte: ‚Fordere, was du wünschest’, worauf er antwortete: ‚Geh mir aus der Sonne’“. Und „als Alexander einst bei einem Zusammentreffen zu ihm sagte: ‚Ich bin Alexander, der große König’, sagte er: ‚Und ich bin Diogenes der Hund’“.

Es gibt keine Autorität und der Autoritätsbeweis beweist nur eines: die Autorität.

Im kynischen Sinne hat es Diogenes zur vollkommenen Meisterschaft gebracht: Man müsse „solange philosophieren, bis man die Feldherren für Eseltreiber halten würde“. Nicht nur werden in der einen Anekdote verschiedene Freiheitsbegriffe gegeneinander ausgespielt – die innere Freiheit gegen die politische –, in der berühmteren der beiden werden auch die Subtilitäten des Schenkens offen gelegt. Der König begibt sich höchstselbst zum Bettler, mehr noch, er bietet ihm das Ende seines elenden Daseins an. Diogenes hätte ausgesorgt. Aber er weiß, daß ihn die Annahme eines Geschenks in Abhängigkeit gebracht hätte, und zeigt zudem, daß Alexander nichts hat, was sein Glück vervollständigen könnte. Gäbe es ihn nicht, den lästigen Schatten, der Moment wäre vollkommen. Schließlich scheint die Sonne auf alle, überallhin, auch „in die Aborte, wird aber doch nicht besudelt“. Das Wesentliche ist immer, überall und unverfälscht verfügbar. Tatsächlich krönt sich Diogenes selbst zum König und degradiert den Kaiser zum Diener, der ohnehin nur Sklave seiner Macht und der Begierden ist. Freiheit á la Diogenes hat mit dem Herr-Knecht-Verhältnis nichts zu tun. Das Schicksal bescherte ihm im Verlauf seines Lebens alle drei Zustände, einmal hatte er einen Sklaven, den ließ er entlaufen, dann war er frei und schließlich geriet er selbst in die Sklaverei. Was er denn könne, wurde er auf dem Markt gefragt: „Über Männer zu herrschen“.

Hält der unberechenbare Mann es wenigstens mit dem gemeinen Volk? Weit gefehlt. „Er zündete bei Tage ein Licht an und sagte: ‚Ich suche einen Menschen’“. Und wer das nicht verstand, für den wurde er auch noch deutlicher: „Einst rief er laut: ‚Heda, Menschen.’ und als sie herzuliefen, bearbeitete er sie mit einem Stocke mit den Worten: ‚Menschen habe ich gerufen, nicht Unflat’“.

Was bildete sich dieser Mensch ein? Konnte man es ihm überhaupt recht machen? Wer kann dann gerecht sein? Unter den Menschen ist es unmöglich. Denn Angst und Sorge quälen sie, sie haben Begierden und Leidenschaften, hängen an Besitz, Tradition und Vaterland. Der Kynismus dagegen ist die gelebte Lehre einer bedingungslosen Bedürfnislosigkeit, er vertritt das Ideal eines einfachen, natürlichen Lebens, das alle herkömmlichen kulturellen Errungenschaften und Werte prinzipiell in Frage stellt, bis hin zum unerhörten Tabubruch (Inzest, Kannibalismus, Begräbnisverweigerung).

Wenn von Philosophie überhaupt die Rede sein kann, dann lediglich in einem nicht-modernen Sinne. In der griechischen Antike verstand man unter Philosophie eine Art zu leben, keine akademisch oder gar professorale Lehre einer abstrakten Theorie und noch weniger Textauslegung. Der Philosoph war Lebenskünstler, er mußte noch nicht einmal „gebildet“ sein, er lebte stattdessen sein persönliches Glücksrezept, unablässig auf dem Wege der Selbstverwandlung und -vervollkommnung. Unabhängigkeit lautete das Zauberwort und Selbstgenügsamkeit (Autarkie).

Selbstgenügsamkeit wiederum kann auf zweierlei Weise, aktiv und passiv, angestrebt werden: Man kann ertüchtigend durch Verbesserung der eigenen Fähigkeiten unabhängiger werden, oder aber am Begehren selbst arbeiten, mit dem Ziel sich selbst zu genügen.

Schon Antisthenes, Diogenes’ Lehrer und vermutlicher Stammvater der kynischen Sekte, antwortete auf die Frage, welchen Gewinn ihm die Philosophie gebracht hätte: „Die Fähigkeit, mit mir selbst zu verkehren“ und Diogenes führt den Gedanken in seiner Beantwortung der Frage zur Konsequenz: „Wenn sonst auch nichts, so doch jedenfalls dies, auf jede Schicksalswendung gefaßt zu sein“.

Um die Schicksalüberlegenheit zu erlangen, bedarf es langjähriger und konsequenter Übung. Die Einsicht allein genügt nicht. Selbstbeherrschung will gelernt sein, sowohl was den Körper als auch den Geist betrifft. Diogenes’ asketische Exzesse – „Im Sommer pflegte er sich auf dem glühend heißen Sande umherzuwälzen, im Winter die schneebedeckten Bildsäulen mit seinen Armen zu umfangen“ – sind Befreiungsübungen, Arbeit an sich selbst, getragen von einer Sorge um sich, die man mit christlichen Askeseformen, Selbstkasteiungen, nicht verwechseln darf, fehlt ihnen doch sowohl das transzendente Element als auch der strafende Charakter.

Sich von den äußeren Dingen so weit als möglich unabhängig machen, verleiht innere Freiheit.

Wir sehen hier einen Menschen, der den direktesten Kontakt zu den Dingen sucht und jedes Dazwischen vermeiden möchte. Mitunter ging Diogenes, wie alle Grenzgänger, in diesen Selbstversuchen auch zu weit. „Sogar rohes Fleisch versuchte er zu genießen, doch konnte er’s nicht verdauen“. Man wird nicht übertreiben, darin einen Anti-Prometheischen Akt zu sehen. Prometheus brachte den Menschen das Feuer und mit ihm Fortschritt und Kultur: hier beginnt die Verwöhnungsgeschichte der Menschheit. Diogenes’ immanente Kulturkritik setzt an der historisch frühesten Stelle an; auch in diesem Sinne ist er radikal.

Kann man seine Begierden kontrollieren, ohne seine innere Freiheit dabei zu verlieren, so sollte man verzichten. Wo man aber den Bedürfnissen nicht problemlos Herr werden kann, dort muß man ihnen nachgeben, hier und jetzt. Das wird nirgendwo dringlicher als bei der Sexualität.

Dem Kyniker genügte die Erstbeste und wenn es sie beide überkam, so wohnte er ihr auch auf öffentlichem Platze bei. In der Liebe sah er eher eine Gefahr: Nirgendwo könne man sich leichter selbst verlieren als in diesem trügerischen Gefühl. Statt der Ehe empfahl er die „gütliche Überredung“ und trat für „Weibergemeinschaft“ ein, für die freie Liebe also, die auch frei von Liebe ist. Ledig heißt frei. Sollte sich aber gar keine Gelegenheit finden, so behalf er sich öffentlich mit Onanie. Vor allem diese Szene hat ihm viel Gegnerschaft eingebracht, dabei ging es Diogenes durchaus nicht darum, zu schockieren, auch wenn seine Mitbürger oft geschockt reagierten. „Er pflegte alles in voller Öffentlichkeit zu tun, sowohl was die Demeter (Essen und Trinken) betrifft, wie auch die Aphrodite (Sexualität)“.

Scham kannte er nicht, und wenn man sich schon schämte, dann doch für jene Dinge, für die man etwas kann: Charakterschwäche und  Tugendlosigkeit. Der Körper aber und seine primären Bedürfnisse stehen jenseits der Scham.

Daß ihm „jeder Ort recht zum Frühstück, zum Schlafen, zur Unterhaltung, kurz für alles“ war, trägt noch eine weitere Bedeutung in sich; Diogenes war im höheren Sinne heimatlos. „Gefragt nach seinem Heimatort, antwortete er: ‚Ich bin ein Weltbürger’“. Von ihm haben wir den Begriff des Kosmopoliten geerbt. Die dahinter stehende Idee hat sich freilich fundamental gewandelt. Kynischer Kosmopolitismus ist nicht zu verwechseln mit modernen Auffassungen, von Goethes Weltbürgertum bis zum Touristen und Globetrotter. Weder wollte Diogenes damit die nationalen Grenzen aufweichen noch einer sinnentleerten Reisefreiheit das Wort reden. Er dachte auch hier rein individualistisch. Will man dennoch eine politische Intention hinein interpretieren, dann die rein negative, daß die griechische Polisidee als Idee für ihn ohne Belang ist. Kosmopolitismus meint hier Apolitismus, was nicht ausschließt, daß Diogenes sich zu politischen Ereignissen äußert. Nur haben sie mit seinem Leben nichts zu tun.

Beim Protokyniker gibt es weder Akzeptanz noch Anpassung; er hat sich selbst genügt und selbst gesetzt; man hatte sich anzupassen. Seine Freiheit ist gerade nicht die Freiheit des Andersdenkenden, sondern die des Selbstdenkenden. In diesem Sinne ist Diogenes der Paradeaufklärer. Die Laternenlegende erhält so eine ganz unerwartete Wendung. Alles zerrt der Kyniker ans Licht. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird und ans Licht kommen soll. Diogenes macht sich zum archimedischen Punkt, von wo aus er die Welt aus den Angeln heben kann. Archimedes, dessen „Stör meine Kreise nicht“ die diogenische Sonne zu kopieren versucht, muß aus zweierlei Gründen seinen frechen Satz mit dem Leben bezahlen. Sein Widerpart hatte nicht die makedonische Statur, vor allem aber war sein Dasein, sein Inter-Esse nicht mehr ziellos, seine Sonne war das lebensbedrohliche Feuer der Erkenntnis. Der Kyniker dagegen will nichts mehr verwirklichen außer sich selbst.

Um die notwendige Distanz zur Welt und zu den anderen herzustellen, bediente er sich verschiedener Perspektivenwechsel. Aus der Vogelperspektive, dem Blick von oben, der höheren Warte, relativieren sich die Dinge. Großes und Wichtiges erscheint nun klein und unbedeutend. Von hier aus hat er den Überblick, sieht, wo die Menschen fehl gehen und kann deren Torheiten unvoreingenommen bewerten. Dabei wird der Überblick nicht als Dogma gelehrt. Man kann ihn auch zeitlich interpretieren, vom Ende her. Aus der Perspektive des Todes erscheinen die menschlichen Bestrebungen nach Macht, Ruhm, Anerkennung und Geld, nach allem, was man haben kann, absurd: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?

Aber auch die entgegengesetzte Perspektive ist möglich, die von unten und zwischen. Mit Vorliebe thematisiert Diogenes das Banale, Alltägliche, Vulgäre; hier erzielt er seine subversivste Wirkung, unterläuft er weitläufige Strategien. Daß man den Charakter der Erscheinungen durch die eigene Sichtweise ändern könne, ist die Grundüberzeugung aller antiken Schulen. Unrecht kann nur demjenigen geschehen, der es als Unrecht wahrnimmt. Wollte man den Kynismus – gegen den Strich gelesen – erkenntnistheoretisch einordnen, so müßte man ihn, wortwörtlich verstanden, als lebensphilosophischen Solipsismus kennzeichnen.

Der Tod des Philosophen stellt den ultimativen Prüfstein für die Wahrhaftigkeit einer Lehre dar. Philosophieren heißt sterben lernen, heißt sich darin zu üben, seine Leidenschaften, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen ausklingen zu lassen. Einer philosophischen Überzeugung angehören, bedeutete konsequent in ihrem Sinne zu leben und zu sterben, so, wie es die großen antiken Sterbemeister – Empedokles, Sokrates, Diogenes und Seneca – vollbrachten. Der Tod galt ihnen als Vollendung eines Lebenskunstwerkes, als Sternstunde des philosophischen Daseins; an ihm ließ sich die Falsch- oder Echtheit einer Lehre nachvollziehen.

Alle postkynische Ethik ist zynisch, insofern sie immer nur beschreibt, was man tun müßte, aber schon ihr Verfasser tat es nicht mehr. Schelers zynisches Aperçu, daß der Wegweiser den Weg nicht gehen müsse, den er weist, wäre für Diogenes vollkommen unverständlich geblieben: er ging den Weg bis zum Ende.

Diogenes’ Tod kann als die Vollzugsmeldung eines geglückten Lebens gelesen werden. Der Legende nach soll er am selben Tag wie Alexander gestorben sein; hoch betagt, würdevoll und selbstgewiß der eine, jung, in der Fremde, ermattet und erkrankt der andere. „Er soll in einem Alter von ziemlich neunzig Jahren gestorben sein“. Wie, darüber streiten sich die Quellen, aber am überzeugendsten klingt wohl, „daß er an verhaltenem Atem gestorben sei“, womit er sich zum unübertroffenen Meister der Euthanasie machte. In seinem Sterben liegt der letzte und entscheidende Akt der Freiheit: der Frei-Tod, der kein Selbstmord ist.

Noch in der Krönung seines Lebenswerkes scheint die Geste des Ausstiegs durchzuscheinen und tatsächlich hat man immer wieder versucht, die Konfrontation mit dem Kyniker zu umgehen, indem man glauben machte, er selbst wollte ihr entkommen. Dabei stellt sich bei genauerer Betrachtung genau das Gegenteil heraus. Seine Grundbewegung ist nicht die des Rückzugs, nicht wie die christlichen Mönche, Anachoreten und Säulenheiligen. Die eremitische Existenz erleichtert sich ihr Vorhaben, indem sie sich erschwerten Bedingungen unterwirft. Freiheit auf kynisch heißt aber die Möglichkeit des permanenten Wählen-Könnens. Der Einsiedler, der Säulenheilige gar, trifft lediglich eine anfängliche prinzipielle Wahl, durch einen großartigen Freiheitsakt beraubt er sich dauernd der Freiheit. Diogenes dagegen lebt die permanente Revolution, sein Verzichten-Können muß sich im Alltäglichen bewähren, von den zivilisatorischen Verlockungen umgeben und ihnen immer wieder ausgesetzt.

Der Kyniker ist ein Einsteiger, seine Asozialität setzt die Gesellschaft voraus und sein Parasitismus den Wirt; nicht umsonst handelt es sich beim Kynismus um ein urbanes Phänomen.

Offensichtliche Menschenfeindlichkeit ist nur die eine Seite der Medaille, sein Selbstverständnis als Arzt, der die Kranken und Beladenen heilt, die andere. Die Menschen sind krank, weil sie im Gesamtfalschen schwimmen, sie leben mit verkehrten Wirklichkeitsbegriffen. Das Übermenschliche zu leisten, setzt Einfachheit, Wachsamkeit und Gelassenheit voraus, die sich der Kyniker in langen Übungen angeeignet hat. Einfachheit auch im Sinne einer programmatischen Primitivisierung, die sich zum einen als Animalisches – das direkte Befriedigen aller Bedürfnisse, die Schamlosigkeit und Nacktheit – äußert, zum anderen als Abkehr von den großen Themen.

Damit über- und unterbietet der Kyniker das philosophische Heilsversprechen; er kann es einerseits bezüglich der Größe der Gedanken nicht mit den Meisterdenkern aufnehmen, ist aber klüger und weiser als diese; er kann andererseits die fernen oder abstrakten Lösungen nicht anerkennen, ist aber radikaler als jene: Probleme löst er hier und jetzt.

Für philosophisch geschulte Ohren klingt das wenig aufregend und tatsächlich ist der Kynismus die einzige Philosophie, die auf Originalität verzichtet. Die kynischen Wahrheiten sind jedermanns Wahrheiten, nichts, was eine sensible Seele nicht selbst längst gedacht hätte, nichts, was man nicht begreifen könnte. Man staunt nicht über diese Wahrheiten wie über einen genialen oder verschraubten Gedanken, man staunt dabei eher über sein eigenes Vergessen, das Einfachste so lange übersehen zu haben.

Der Kynismus ist eigentlich keine Philosophie, er ist das Gegenteil davon: Philosophieren.

Man kann die Diogenesgeschichten als eine Phänomenologie der Uneigentlichkeit lesen: Macht, Ruhm, Geld, Besitz, Adel, Religion, das alles ist es nicht und Schönheit, Stärke, Wissen machen ebenso wenig glücklich. Weder im Konsum, der Kultur, der Kunst läßt sich der Sinn finden noch im Staat oder der Familie, ja noch nicht mal in Liebe und Sex und auch Arbeit macht nicht frei.

Freiheit ist die autarke Entscheidung zur Unabhängigkeit von all dem. Alles Äußere stört, der Schlüssel liegt innen; man kann Freiheit nicht haben, sie ist ein Seinszustand. Deshalb befreit sich der Kyniker von allem, was ihm anhängt – die Freiheit von – und konzentriert sich aufs Eigentliche, sein Selbst, um eine andere Freiheit zu gewinnen – die Freiheit zu. Auch methodisch nimmt er sich dazu alle erdenklichen Freizügigkeiten. Mal sieht man ihn darben, mal fressen, mal gibt’s Wasser und Brot und dann wieder Kuchen, hier ist er aggressiv wie ein Hund und dort zahm wie ein Kätzchen, benutzt er einerseits schärfste Logik um zu überzeugen, so kann es später der Knüppel sein; wenn’s ihm paßt, entsagt er, wenn’s aber zu schwer wird, onaniert er; mal lebt er mit Sklaven, mal als Sklave… wie’s eben kommt.

Diogenes war der erste Verfechter des „Wider den Methodenzwang“ – darin bestand seine Methode. Nur auf eines bestand er: die Redefreiheit – „Gefragt, was unter den Menschen das Schönste sei, antwortete er: ‚Das freie Wort.’“ – und das schloß auch die Freiheit ein, sich anders auszudrücken, denn wer etwas anderes zu sagen hat, der sollte es auch anders sagen, schließlich füllt ja auch niemand neuen Wein in alte Schläuche.

Man muß im Kynismus ein Verfallsphänomen sehen. Im Kontrast zu fast allen philosophischen Schulen hatte er seinen Höhepunkt zu Beginn, mit Diogenes, und alles, was danach kam, verflachte zusehends. Es gibt hier keinen Fortschritt. Trotzdem lebt der kynische Impuls fort, auch wenn die Dividualität des modernen Menschen einen klassischen Kynismus unmöglich macht. Nur noch Hinterweltler könnten Kyniker diogenischen Formats sein, aber auch das ist unmöglich, denn wozu Kyniker sein, wenn es keiner sieht? Trotzdem darf man sich auch heute noch mit Stolz als Kyniker bezeichnen, während es schon nach wenigen Jahrhunderten oder Jahrzehnten anrüchig klang, sich Hegelianer, Marxist oder auch nur Habermasianer zu titulieren. Die Halbwertszeit der antiken Lehren ist ob ihrer einfachen Lebensrelevanz wesentlich höher als die von Systemphilosophien.

Nur Nietzscheaner, das klingt auch heute noch. Nicht zuletzt, weil Nietzsche, der „6000 Fuß über dem Meere“, „6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit“ dachte, der Philosophie wieder zur „Fröhlichen Wissenschaft“ machte und gleichzeitig die „Umwertung aller Werte“ versprach, den kynischen Impuls wie kein anderer aufnahm. Allein in seiner Sprache, seinem aphoristischen Stil ist er unübersichtlich. „Ich denke an die erste Nacht des Diogenes: alle antike Philosophie war auf Simplicität des Lebens gerichtet und lehrte eine gewisse Bedürfnislosigkeit, das wichtigste Heilmittel gegen sociale Umsturzgedanken“, schrieb Nietzsche, für den groß kynisch war, in sein Tagebuch und setzte fort: „…und solange die Philosophen nicht den Muth gewinnen, eine ganz veränderte Lebensordnung zu suchen und durch ihr Beispiel aufzuzeigen, ist es nichts mit ihnen“. Sein Perspektivismus spielt ebenso ins kynische Terrain hinein wie die Grundidee des amor fati.

Von ihm stammt das urkynische Wort: „Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sclave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter“.

Literatur:
Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen.
Epiktet: Unterredungen und Handbüchlein der Moral.
Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit.
Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie.
Niehues-Pröbsting, Heinrich: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus.
Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe
Onfray, Michel: Der Philosoph als Hund. Vom Ursprung des subversiven Denkens bei den Kynikern.
Seneca: Philosophische Schriften.
Seidel, Jörg: Ondologie Fanomenologie Kynethik.
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft.
Weber, Carl Wilhelm: Diogenes. Die Botschaft aus der Tonne.

 

Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

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Luther als Prinzip

Der Kampf ist in der Welt, ein Kampf auf Leben und Tod, der Geist ist parteiisch geworden, man schließt sich zusammen zu feindseligen Rotten: der Freie, der Unabhängige, der Abseitige wird nicht mehr geduldet. Stefan Zweig

Eine liebgewonnene Tradition, eine Marotte, ein Erbstück aus Studienzeiten. Ein Jahr meines Studierendenlebens habe ich Luther gewidmet. Zumindest fing es mit ihm an, bald waren Münzer und der wenig bekannte Andreas Karlstadt wichtiger. Geblieben ist eine Vorliebe für diese wesentliche Periode deutscher Geschichte – seither versuche ich jedes Jahr um die Zeit des Reformationstages mindestens ein Buch zum Thema zu lesen.

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