Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen! Sehr wohl aber den Leerstellen dieser euphemistischen Rezeption.

Mir persönlich stößt bereits der Titel unangenehm auf – er paßt auch nur schwer zu Scrutons Gesamtwerk und zu seiner gepflegten Attitüde. Wer so in die Debatte einsteigt, der muß sich seiner Sache sehr sicher sein, der will auch keine Vermittlung mehr.

Niemand wird Scrutons Kompetenz in Frage stellen, der Mann war ein polyglottes Multitalent, einer jener seltenen Menschen, die die Reinkarnationstheorie zu bestätigen scheinen, denn was er in diesem Leben geleistet hat, ist in einer Karussellrunde menschlich eigentlich nicht machbar.

Hier nun nimmt er es gleich mit einer ganzen Phalanx an namhaften mehr oder weniger  linken Denkern auf, namentlich: Hobsbawm, Thompson, Galbraith, Dworkin, Sartre, Foucault, Adorno, Horkheimer, Habermas, Lukács, Althusser, Lacan, Deleuze, Gramcsi, Said, Badiou und Zizek und natürlich auch mit Marx, Engels, Lenin und Mao.

Jeder Denker wird einzeln, zumeist am Leitfaden der Hauptwerke seziert und filetiert und am Ende verzehrbereit präsentiert – und zwar als im Wesentlichen ungenießbar. Was nach feinem Besteck aussieht und sogar poetische Momente enthält, entpuppt sich in Wahrheit, bei genauer Lektüre, als Rundumschlag, als Guillotine. Klar löst das Begeisterung bei denen aus, die sich die Arbeit der Auseinandersetzung ersparen wollen, zumal Scruton – daher kann man das Buch partiell auch als Einführung in das Denken der Füsilierten empfehlen – uns zu Beginn jeder Hinrichtung eine Zusammenfassung liefert.

Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Weckung der Aufmerksamkeit gegenüber philosophischem Wortgeklingel. Dieses hat zweifellos dramatische Züge angenommen und beherrscht weite Teile der akademischen Welt, allerdings vornehmlich in den hinteren Reihen, im akademischen Unterbau. Wollte man auch die erste Reihe diesem Dauerverdacht a priori aussetzen – wie es Scruton hier vorexerziert –, dann wäre das philosophische Gespräch beendet, was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.

Ein recht guter Indikator ist in der Regel das Gespräch unter Gleichwertigen – wenn diese aufeinander sinnvoll antworten können, dann hat man gute Chancen, einem sinnhaften Gespräch beizuwohnen, selbst wenn es die eigene Auffassungsgabe übersteigen sollte. Daher sei dieses Buch ganz besonders Studenten und Interessierten empfohlen, jenen also, die den Schritt zum eigenständigen originellen Denken nie schaffen werden, aber im Weinberg mitarbeiten wollen. Sie sind am ehesten gefährdet, Opfer von Veneration und ideologischer Selbsteinmauerung zu werden.

Und Scruton kennt keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen, sogar Marx‘ Theorie des Warenfetischismus hält er für – nichtssagend …

Das alles heißt nun aber nicht, daß Nähe zu weltanschaulichen Überzeugungen die kritische Lektüre ersetzen kann. Nein, an diesem Buch gibt es sehr viel auszusetzen!

Seine größte Gefahr – als Gegengewicht zur obigen Habenseite – besteht darin, daß es dazu verleitet, sich die theoretische Arbeit zu ersparen, denn es suggeriert, daß linkes Denken, zumindest dieser Autoren, fast immer und wesentlich „Neusprech“, „Nonsens“, „ritueller Nonsens“, „Nonseme“, „klebrige Prosa“, „Zaubergesänge“, „unentwirrbares Geschwafel“, „Betrug“ oder „Alchimie“ sei, um nur einige diskreditierende Zuschreibungen dieses darin übersatten Buches zu erwähnen. Demnach habe – nur drei Beispiele – Lukács der Haß angetrieben, sei Habermas nur ein Bürokrat und Adorno ein intellektueller Taschenspieler gewesen, das meiste sei der Lektüre nicht wert. Vor Sartre etwa bliebe nur „Die Wörter“.

Natürlich sind das nicht alles Unwahrheiten, aber es sind nur Aspekte, nicht das Wesentliche. Und überhaupt kann man Althusser[2] und Lacan[3] etwa – für die der Scharlatanerievorwurf eher zutrifft – nicht in eine Reihe mit Foucault, Deleuze oder Adorno stellen, die ganz ernsthafte Philosophen waren. Scruton nimmt es, der Pointe wegen, selbst nicht immer mit der Wahrheit sehr genau, oder hat schon mal jemand eine „Luxusedition“ der Schriften Habermas‘ gesehen, oder glaubt wirklich jemand, daß der Fidesz in Ungarn aus Lukács-Aversion immer wieder gewählt wird oder daß das „Rätsel des Eins-Seins der ultimativen Realität“ im europäischen Denken tatsächlich vom Islam und nicht von der Scholastik oder von Giordano Bruno übernommen wurde?

Bei aller Scharfsinnigkeit leistet sich Scruton doch auch eine Reihe denkerischer Tiefflüge, etwa wenn er den HIV-kranken Foucault genüßlich in der Salpêtrière enden läßt, also jener Klinik, die er in seiner bahnbrechenden Studie als Machtinstrument aufzeigte, wenn er die rhetorische Frage stellt, wo Marx, Engels, Lenin, die Theoretiker des Proletariats, der Arbeit, der Klasse jemals die Hände schmutzig gemacht hätten, oder wenn er Lukács‘ Literaturkritik per se als wertlos bezeichnet. Und wenn Lenin en passant als „zweitrangiger Denker“ bezeichnet wird, dann hätte man doch gern auch ein Argument dazu.

Fast alle kontinentalen Autoren empfindet Scruton als unverständlich und unklar in ihren Aussagen, aber das ist ein sehr schlüpfriges Argument, denn erstens sollten die Grenzen des eigenen Verständnisses nie – auch nicht für einen Scruton – zum Kriterium eines Urteil werden und zweitens ließen sich damit auch Kant, Hegel, Heidegger, Nietzsche etc. erledigen und tatsächlich gibt es bereits eine breite diffamatorische Literatur, die zumeist von sehr linken und oft sichtbar haßbesetzten Autoren stammt, eine Ahnenreihe, in die Scruton sicher nicht gestellt werden will. Aufschlußreich in diesem Kontext ist auch das Fehlen namhafter linker Denker: Walter Benjamin, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch sind nicht mal namentlich erwähnt, Derrida, Lyotard, Baudrillard werden kaum bedacht und Judith Butler, Merleau-Ponty oder Henry Lefebvre wären doch gefundenes Fressen gewesen. Schon daher stehen die Verabsolutierungen auf schwachen Beinen.

Umgekehrt widmet sich Scruton im Falle Lukács recht ausführlich „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – ein wahrlich epochemachendes Werk –, übersieht aber das für sein Vorhaben viel besser geeignete „Die Zerstörung der Vernunft“.

Es stellt sich schließlich der Verdacht ein, daß am Grunde seiner Arbeit eine tiefsitzende Aversion der kontinentalen Philosophie gegenüber liegt, das mangelnde Verständnis substantialistischer Philosophie, der Metaphysik, den Versuchen, Realität in ihrem An-Sich zu erfassen, den deutschen Ausflügen in die Tiefen und Höhen, der Sehnsucht nach dem Wesen der Dinge und der Bewegungsfragen, wie sie die Franzosen antreibt und das ist bei einem analytisch geschulten Kopf auch nicht verwunderlich. Unübersehbar bleibt, daß die englischen und amerikanischen Kritisierten weitaus besser wegkommen als die europäischen.

Diese Perspektive ist es wohl, die ihn dazu verführt, die kontinentale Philosophie als eine präskriptive überzubewerten und den deskriptiven Urimpuls zu übersehen, zumindest bei den Linken. Philosophie aber bedenkt zuvörderst das, was ist, sie ist somit primär Symptom, „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ (Hegel), und erst dann Regel und wird letzteres sehr oft erst im Vollzug der Rezeption.

So ist etwa das Konzept des „Rhizoms“, an dem sich Scruton abarbeitet, Zustandsbeschreibung einer sich immer mehr rhizomatisch organisierenden Welt. Deleuze und Guattari konnten damit etwa das Internet antizipieren oder verschiedene Ausformungen des Globalismus, neuer liquider Lebensformen, und die damit verbundenen Probleme der Identitätsfindung – insofern kann man Foucaults These, daß das „Jahrhundert vielleicht ein deleuzianisches sein wird“ auch als bestätigt betrachten. Deleuze wollte der Verflüssigung der Welt, der Gesellschaft, der Sprache, der sozialen Verhältnisse, der Geschichte, der Moral, der Kunst, der Philosophie … habhaft werden – affirmativ, das ist richtig –; man kann diesen Versuch als gelungen oder gescheitert betrachten, aber man sollte wenigstens die Intention erkennen, wenn man bewerten will. Foucault konnte in der Sichtbarmachung der diskursiven Auflösung der Wahrheit einen objektiv ablaufenden Prozeß aufzeigen; Habermas‘ Beschreibungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“, die Einsichten im „Positivismustreit“ („Erkenntnis und Interesse“) oder seine Reflexionen in „Faktizität und Geltung“ haben Wert, wohingegen sich das Ideal des kommunikativen Handelns auf der Basis des herrschaftsfreien Diskurses als Schimäre erwiesen hat usw. Scruton übersieht all dies, weil er auf Nonsenssuche geht. Die wahre Crux linken Denkens sind Prämisse und Synthese und nicht die Analyse, die mitunter genial sein kann.

So entgeht es Scruton in seinem Rundumschlag, daß der französische Postmodernismus gerade nicht in der Kontinuität zu Sartre steht, sondern eine Abwendung von ihm ist, als Reaktion, insbesondere auf den Begriff des „Absurden“, der bei Sartre und Camus zentral ist, in Scrutons Buch aber gar nicht auftaucht, oder aber er verkennt die produktive Potenz eines zentralen Werkes wie „Die Dialektik der Aufklärung“ auch für die Rechte.

Vielleicht ist all das auch nicht überraschend für einen Autor, der meint, „daß nämlich nicht die Macht, sondern die Liebe die Welt bewegt“ und der den „Kapitalismus“ für die ultimo ratio hält und offensichtlich kein Sensorium für die Beschreibung der kapitalistischen Epoche als „Anthropozän“, also als erdgeschichtlich bedeutsames Zeitalter im Hinblick auf die Natur, hat.

Bei aller Kritik gibt es natürlich auch einen positiven Ertrag und den wiederholt Scruton viele Male. Er findet ihn bei allen behandelten Vertretern – trotz ganz differenzierter Ansätze – kranken sie alle an den selben Symptomen: die Linke wolle den Kantischen Imperativ umkehren und eine „Welt der Zwecke“ errichten; es wird ihnen Absolution erteilt, wenn sie die Verbrechen des Kommunismus relativieren, womit kein Rechter rechnen darf; die Theoretiker setzten (marxistische) Begriffe, die oft leer seien (Kapitalismus, Bourgeois, Produktionsverhältnisse, Ideologie etc.); das erste Zielobjekt ihrer Vereinnahmung sei stets die Sprache; die materiellen Verhältnisse der Theoretiker widersprächen notorisch ihrem Gegenstand; ihre Anziehungskraft resultiere nicht aus dem Intellekt, sondern aus den Emotionen; das rationale Argument werde erst durch Verhandlung und dann durch Zwang ersetzt und dergleichen – das sind die Konklusionen Scrutons und sie stehen da meist zu recht.

Und dann gibt es auch wahre Erhellungsmomente – bei mir zumindest, beim unbedarften Leser –, etwa wenn er verdeutlicht, daß die wahren Erben linken Denkens die sogenannten Verschwörungstheoretiker sind, die von „irgendeinem herrschenden Akteur“ ausgehen, oder wenn er erklärt, daß linkes Denken stets Zerstörungswerk sei. Fast alle Zentralbegriffe der linken Theorie sind Spaltbegriffe, von Bourgeoisie, Proletariat, Klasse, Entfremdung bis hin zum Anderen (Levinas) und zur Differenz. Hingegen: „Nation, Recht, Glaube, Tradition, Souveränität – all diese Begriffe bezeichnen etwas Verbindendes.“ Die Aufgabe der Rechten sei es, ein flexibles, bewahrendes konservatives Denken dem Mainstream entgegen zu setzen. Diesen Gedanken entwickelt er in seinem Schlußwort, dem stärksten Teil des Buches, dort also, wo die „Narren, Schwindler und Unruhestifter“ nicht mehr Thema sind, dort, wo er sein eigenes Zerstörungswerk beendet hat.

Das Schlußkapitel rechtfertigt den Kauf des Buches!

Quelle: Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. FinanzBuch Verlag 2021. 410 Seiten. 25 €. Lesezeit: ca. 20 Stunden

Narren, Schwindler, Unruhestifter

PS: Und noch etwas stimmt hier nicht. Immer wieder stieß ich auf neblige Stellen, die nicht recht klar werden wollten. Irgendwann – besonders beim poststrukturalistischen und etwas abstrakteren Mittelteil – kam mir der Verdacht, daß es an der Übersetzung[4] liegen könnte – siehe auch das Eingangszitat. Dabei meine ich nicht mal solche Fehler wie die falsche Übersetzung von „Différence et répétition“ mit „Unterschied und Wiederholung“.
Es sind Stellen wie diese: „Die linke Begeisterung, die in den 1960er Jahren durch die Bildungseinrichtungen fegte, war eine der wirkmächtigsten intellektuellen Revolutionen der jüngeren Geschichte und wurde von ihren Anhängern in einem Maße unterstützt, wie es selten zuvor während einer politischen Revolution der Fall war.“ (229)
Das Original lautet; „The left-wing enthusiasm that swept through institutions of learning in the 1960s was one of the most efficacious intellectual revolutions in recent history, and commanded a support among those affected by it that has seldom been matched by any revolution the world of politics” – es ist von “verlangen”, “fordern” die Rede und nicht von “unterstützen” und auch die “Anhänger” sind im Original eher “die Betroffenen“.
Oder: “Der jubelnde Ton, den man auch als ein Zeichen von Geisteskrankheit interpretieren könnte, zeugt von der totalen Zuversicht über die bevorstehende Offenbarung, und so erinnert das Ganze an entzückende Fesseln, die unter einer Burka hervorblitzen“. (265)
Das Original lautet: „The exultant tone, which one might read as a sign of mental disorder, shows total confidence in the revelation, displayed like a tantalizing ankle beneath a burqa.” – “ankle” wird hier mit “Fessel” übersetzt, poetisch zwar, aber irreführend; wohl ein typischer Nachschlaglapsus.
Oder: “Was ist die Alternative? Und wie kann eine Politik aussehen, die diese respektiert und unterstützt? Mir scheint, daß es drei Ideen gibt, die die Grundlage jeder substantiellen Antwort auf die Argumentation sein müssen, die ich in diesem Buch untersucht habe: die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen und die Persönlichkeit.“ (387)
Das Original lautet: „What is the alternative, and how do we frame a politics that respects and applies it? Three ideas, it seems to me, are fundamental to any substantial answer to the arguments I have examined in this book: civil society, institutions and personality.” – “civil society” wird mit “bürgerliche Gesellschaft” übersetzt; passender wäre wohl “Zivilgesellschaft” … und diese Übersetzung zieht sich durch das gesamte Buch.
 
[1] Deutsche Übersetzung: „Unser Anliegen als politische Wesen sollte sein, die Mächte, die die Gesellschaft zusammenhalten, nicht zu zerstören, sondern ihre Wirkung zu mäßigen. Wir sollten keine Welt ohne Macht anstreben, sondern eine, in der die Macht auf Konsens beruht und in der Konflikte aufgrund einer gemeinschaftlichen Vorstellung von Gerechtigkeit gelöst werden.“
[2] Althusser – Autor „bahnbrechender“ Marx-Studien, bekannte in seinen autobiographischen Schriften posthum, daß er selbst Marx nur sehr kursorisch kannte, von der Geschichte der Philosophie ganz zu schweigen.
[3] Das Lacan-Kapitel stimmt im Wesentlichen mit meinen Lektüreerfahrungen überein.
[4] Übersetzt hat das Werk Krisztina Koenen. Sie ist gebürtige Ungarin und auch wenn ihr Deutsch hervorragend ist, so ist sie wohl doch keine Muttersprachlerin. Englisch aber – das glauben viele Menschen nicht – ist eine der am schwersten zu übersetzenden Sprachen. Der enorme Reichtum an Vokabular und idiomatischen Wendungen ist nur eine Ursache. Vieles, was man als Fremdsprachler intuitiv sehr wohl verstehen kann, ist enorm schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Koenen hatte etwa auch Ryszard Legutkos „Der Dämon der Demokratie“ übersetzt und dieses Buch wird hier wegen seiner klaren Sprache hervorgehoben – allerdings übersetzte sie wohl aus dem Polnischen!

Spiele der Macht – weiblich

Getrieben von abstrusen Phantasien, die sich um ein imaginäres Beziehungsdreieck drehen, und auf der bekannten Suche „nach sich selbst“, begibt sich Silvia, eine noch junge und doch schon erfahrene Frau (geschieden, verschiedene Studien, Zeit im Ausland…) in Margarets Dienste, die, gefeierter Kinostar, von ihr vor allem eines verlangt: „Sie gehorchen und bewegen sich nicht; Sie denken nicht, Sie verhalten sich ruhig, wenn Sie mit mir zusammen sind, und ich sehe und höre nichts von Ihnen“. Silvia akzeptiert die unzeitgemäßen Bedingungen, betrachtet sich dabei als im Selbstversuch befindlich und verfolgt einen Plan, der vereinfacht mit „Wer wird gewinnen“ benannt werden könnte.

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Denkanstöße – Leserbrief

Letztlich sind Rassismus, Antisemitismus und Sexismus in erster Linie Wörter und damit Signifikanten (sprachliche Zeichen), die mit Signifikat (Bedeutung) und Referent (Entsprechung in der Wirklichkeit) ausgestattet sind. Während der Signifikant gemeinhin derselbe bleibt, unterliegt das Signifikat dem gesellschaftlichen Wandel, den man seit ein paar Jahrzehnten als „Diskurs“ bezeichnet. Weiterlesen

Postmodernes Denken verstehen

Warum über Abduktion reden? Der Sinn dieser Beschäftigung wird nicht allen Lesern aufgegangen sein. Ich möchte daher einige ganz basale Schlußfolgerungen, nicht erschöpfend, in einfachen Worten ziehen.

Es ist vor allem im rechten Denkbereich Usus geworden, das sogenannte postmoderne Denken abzulehnen, lächerlich zu machen, als schuldig zu markieren für den Verlust unserer kritischen Denkweise und der Sicherheit der Werte.

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Vom Ende der Welt

Ist die Auslöschung aller Dinge, der Menschen und der eigenen Person überhaupt denkbar oder denken wir nichts, wenn wir uns das Nichts denken? (André Glucksmann)

Nun ist es also offiziell – auch 2019 ist die Welt nicht untergegangen.[1] Damit hat sich die Prophezeiung des berühmten Propheten Alois Irlmaier, die wir letztes Jahr an dieser Stelle kurz diskutierten, als falsch erwiesen, zumindest jene Auslegungen, die seine Worte derart interpretiert hatten. Ein Bekannter zog sich deswegen in die bayerischen Berge zurück, denn dort sollte es einen Streifen geben, der vom Untergang verschont werden würde. Auch „Raskolnikow“ – nahezu vergötterter Forist unter den Lesern der „Sezession“ – lag mit seiner Prognose falsch. Er hatte vor zwei oder drei Jahren[2] den großen Krieg bis Ende 2019, den großen Zusammenbruch angekündigt. Irrtümlicherweise, wie wir seit heute wissen.

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Rosananz

Die schrecklichste Zeit des Jahres steht vor der Tür: Weihnachten. Man muß andächtig tun, sich sinnlos den Bauch vollschlagen, sein Dauergrinsen auflegen und vor allem: man muß verschenken – womit die Idee des Schenkens bereits torpediert ist. Es gibt überhaupt nur ein passendes Geschenk – ein Buch. Ich schenke nie etwas anderes und auch das nur meiner Frau und ein, zwei Auserwählten. In den kommenden Wochen werde ich einige mehr oder weniger verschenkbare Bücher besprechen.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit – eine Buchbesprechung

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Die mit dem ewigen Feuer spielen

Plötzlich wurde ich alt, steinalt. Ein Blick in den Spiegel, ein graues, fahles Gesicht, zerfurcht, überlebt, verbraucht.

Es waren Worte – was sonst? –, die mich ergrauen ließen, Worte eines Gleichaltrigen, der dennoch einer ganz anderen Generation, einer völlig anderen Welt zugehört.

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Welthaltigkeit und großes Erzählen

„Wenn man an meinen Büchern die Tendenz des Autors erkennen könnte, hätte ich völlig versagt“. (Michael Köhlmeier)

Ellen Kositza schrieb im Heft 68 der „Sezession“: „Als man sich jüngst in netter Runde wieder in fröhlichem Kulturpessimismus erging, mußte an einer Stelle jäh Einhalt geboten werden: Es gäbe heute auch keine Erzähler mehr, klagte einer. Da irrte sich der Gast gewaltig.“

Zufälligerweise war ich bei dieser Szene dabei. Weiterlesen

Paradoxes Twerken

Wie alle Absolutismen verstrickt sich auch der fundamentalistische Feminismus und ideologische Moralismus schnell in Selbstwidersprüche. Man kann sie tagtäglich wahrnehmen. Schauen wir uns den letzten Skandal an.

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Schach dem Schach

Ich könnte mich ärgern! Wieder jede Menge Zeit vertrödelt! Und zwar mit Schach!

Das ist nun gerade die Stärke dieses Spiels: daß man damit wunderbar Zeit vertrödeln kann. Diese hervorragende Eigenschaft war es sogar, die mich dazu verleitete, ein paar Jahre diesem Spiel zu opfern. Dem Spielen weniger als dem Spiel, und weiter als zu einem lausigen Turnierspieler der D-Kategorie habe ich es auch nie geschafft. Im Spielen selbst wollte ich nur das Spiel begreifen – und seine Macht.

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Lob der Faulheit

Offenbar hatte der kleine satirische Beitrag über den Unsinn des Laubblasens einiges Unverständnis ausgelöst. Daher lege ich hier eine Grundlegung der Faulheit in zwei oder drei Teilen vor, die sich mit dem Begriff der Arbeit in der Moderne und der modernen Literatur und Philosophie beschäftigt und im weiteren Kontext mit der Frage „Was ist Kynismus“ gesehen werden sollte. Auf Grund der Länge werden die Texte auch als PDF zur Verfügung gestellt.

Lob der Faulheit PDF


Geschichte und Philosophie der Faulheit Teil 1

“What is called a man or woman of action is almost always a deformed and deficient artist who yearns to express himself or herself but, unable to express by creating, must assert by interfering. Such people are our misfortune, and there are good many of them. They cannot find satisfaction in love, friendship, conversation, the creation of contemplation of beauty, the pursuit of truth and knowledge, the gratification of their senses, or in quietly earning their daily bread: they must have power, they must impose themselves, they must interfere. They are the makers of nations and empires, and the troublers of peace … They must impose their standards and way of life. Worst of all, they drive the less clear-sighted of the potentially civilized into self-defensive action – into semi-barbarism that is to say. From these pests comes that precious doctrine, the gospel of work: as if work could ever be good in itself.” (Clive Bell)

Im Nachfolgenden sollen Verteidiger eines „Rechts auf Faulheit“ vorgestellt werden, um eine heterogene Tradition sichtbar zu machen. Diese Tradition ist lang, sie reicht in die Anfangsgründe der Überlieferungen zurück. Besonderes Interesse verdienen dabei jene Köpfe, die der Moderne zugeordnet werden, jene also, die den aufklärerischen und eschatologischen Impuls der Technisierung und des Fortschritts bewußt erlebt und erlitten haben, denn ihre Erfahrungen sind mit den unsrigen noch am ehesten vergleichbar und unter Umständen auch nutzbar. Die Auswahl muß willkürlich bleiben, versucht jedoch, durch die Vielfalt der präsentierten Ansätze, ein Abstraktum jenseits der Ideologien und Weltanschauungen anzudeuten, denn wir arbeiten mit dem Verdacht, uns auf anthropologischer Ebene zu bewegen.

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Humanismus und kein Ende?

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Orbáns Sachargument, daß die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich vier- bis fünftausend Migranten abhielte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst, wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff Humanismus – die Ideologieform der „Humanität“ –  läßt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

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Die Welt nach Harry Potter

Vor 20 Jahren erschien der erste Band der Harry-Potter-Reihe. Zu Zeiten seines größten Hypes hatte auch ich mir die Mühe gemacht – und eine solche war es – zumindest die ersten Bände zu lesen. Es entstand eine kleine Rezension, man darf auch von Verriß sprechen, der, so will es mir scheinen, noch immer Bestand hat:

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Stefan Georges Moderne

Muß man unbedingt modern sein?

Il faut être absolument moderne. Arthur Rimbaud

Stefan George (* 12. Juli 1868 bis † 4. Dezember 1933) gehört zu jenen wenigen rein polarisierenden Autoren, die nahezu ausschließlich apodiktische Urteile provozieren.

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Intensität – ein Kryptodialog

Eine Buchbesprechung

Manche Bücher versteht man erst, wenn sich erschließt, was fehlt, was sie verschweigen, umso mehr, wenn es wissensgesättigte Werke sind, wenn man also davon ausgehen muß, daß der Autor tatsächlich meidet, was er kennt. Dies könnte der heimliche Dirigent sein. In Tristan Garcias philosophischem Bestseller sind es zwei absente Namen: Husserl und Heidegger.

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Warum das Ende naht

Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.
Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

Seit Jahrzehnten gehörte in ein gutes allumfassendes Schachbuch die Computerrubrik, und die wiederum konnte es sich offensichtlich nicht leisten, ohne Prognose auszukommen: Wann würde der Computer endgültig den Menschen – gemeint sind natürlich immer nur die besten der Spezies – hinter sich lassen. Gesucht wurde der Zeitpunkt, an dem auch die hervorragendsten Geister keinerlei Chance mehr haben werden, so als würde Max Mayer tausend Mal gegen Magnus Carlsen antreten und tausend Mal verlieren.

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AfD, Islam und Konvertiten

Das islamische Wertesystem verinnerlicht man durch Sozialisation, nicht durch Koranlektüre; es besteht, wie das Wertesystem anderer Kulturen auch, aus tausenden von zumeist ungeschriebenen Regeln und Wertvorstellungen, die einer Gesellschaft erst ermöglichen zu funktionieren. Bewußt bejahte politische Ideologien machen nur einen winzigen Bruchteil dieser Systeme aus. (Manfred Kleine-Hartlage)

Ein ehemaliges Vorstandsmitglied der AfD Brandenburg ist zum Islam konvertiert und die Presse kann sich die Häme nicht verkneifen. In einer scheinbar skurrilen Pressekonferenz gibt der Mann, ein Rußlanddeutscher, Auskunft und wird belächelt.

Dabei spricht er einige wesentliche Punkte an, die diskutiert gehören.

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Nietzsche und Deleuze

(Fortsetzung und Grundlegung von „Das dritte Geschlecht„)

Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives.      (Gilles Deleuze)

Die gesamte Frage der Affirmation zielt ab auf das Philosophieren Nietzsches[1].

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