Das Neue des Alten

„Ja, so geht es in der Welt. Kaum sieht es hell aus, da wird es wieder dunkel. Wir müssen nur dem Unseren treu bleiben, so wird es zu guter Letzt doch alles gut.“ Pastor Castbierg

Um Niemandes Zeit zu verschwenden, sage ich gleich vorweg: nachfolgend werde ich einen Roman, einen bedeutenden und hochaktuellen Klassiker besprechen, den es weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen gibt – bisher!

Die Rede ist von Jakob Knudsens „Den gamle præst“ (Der alte Priester), ein Buch, das 1899 erschien und Knudsens Durchbruch in der dänischen Literatur brachte. Allerdings fast gänzlich aus Mißverständnis. Skandal schrien die Klerikalen und Jubel bekam Knudsen aus freidenkerischer und progressistischer Ecke. Gemeint war alles umgekehrt.

Diese Verdrehung mußte ich an mir selber erfahren. Als ich das Buch vor 10 Jahren zum ersten Mal las, da hatte es einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ohne daß ich hätte sagen können, weshalb, denn es blieb wesentlich rätselhaft. Damals war ich noch nicht reif, um die Tiefenschichten der Knudsenschen Gedanken zu erfassen. Erst heute, inmitten des neu entbrannten Kulturkampfes in Deutschland und in ganz Europa wird die Brisanz und Aktualität des Werkes vollständig verständlich. Die Parallelen sind nun auch deutlicher sichtbar, als das noch vor einem Jahrzehnt der Fall war. Viele – ich auch – schliefen noch und nur wenige Denker und Autoren hatten damals bereits den Mut und die Weitsicht, die Grundkonflikte zu sehen und zu beschreiben. Heute werden diese Leute nach allen Regeln der Schweinerei in Politik und Medien unisono bekämpft, stigmatisiert und verleumdet, aber man muß sie für Ihre Aufrichtigkeit schätzen und wer das nicht kann – sei  er nun Gegner oder nicht – der ist aller Verachtung wert.

Den gamle præst, Jokob Knudsen, – dba.dk – Køb og Salg af Nyt  og Brugt

Knudsen gehört nun – ohne daß man sich dessen wohl bewußt ist – zu den Urvätern dieses widerständigen Denkens, dieses „Etiam si omnes, ego non“, und ganz ausdrücklich in im vorliegenden Roman.

Der Skandal lag in Folgendem: Pastor Castbierg überredete Graf Trolle, den von ihm im Affekt begangenen Mord an Pastor Jensens Sohn zu verheimlichen, obwohl der Graf – der größte Grundbesitzer in der Gegend, aber ein sehr heißblütiger, cholerischer Mann – vor seiner eigenen Tat tief erschrocken war. Der junge Magnus hatte bei ihm gedient, aber er war ein Faulpelz und Weiberheld und seine ganze Art wiederstritt allen Werten, die der Graf vertrat: Ordnung und Disziplin und Pflicht. Als der freche Jüngling sich gewaltsam an des Grafen Tochter vergehen will, was nur ein schicksalsträchtiger Zufall verhindert, erschlägt er den Sünder in der Scheune. Da niemand direkter Zeuge war, hätte die Tat verheimlicht werden können … und Castbierg redet dem Grafen, dem Gesetzesbrecher zu, noch einmal das Gesetz zu brechen und zu schweigen.

Als es dann doch ans Tageslicht gelangt und der Graf es wiederum im Affekt auch gesteht, da bleibt ihm nur der Selbstmord als ehrenhafter Ausweg und nun greift Castbierg erneut skandalös ein: er segnet den Grafen zuvor und erläßt ihm alle Schuld.

Darüber echauffierte sich das damalige religiöse und kulturelle Dänemark, das war unerhört und sprengte heiliggehaltene Grenzen, und in ihrem Furor, der die Lesart dieses Buches lange bestimmte, hatten sie den eigentlichen Gehalt des Romans übersehen. Denn Knudsen wollte mit dem unerwarteten Verhalten des Pfarrers nur seinen ethischen Individualismus verdeutlichen, den er vehement vertrat, den er jedoch in straffe Ordnungsprinzipien und festen Glauben eingehegt wissen wollte, der ihm aber gestattete, freie individuelle Entscheidungen auch dann zu akzeptieren, wenn sie den Gesetzesrahmen sprengen, vorausgesetzt sie haben eine lebensgeschichtliche Kontinuität und richten sich gegen offensichtliches Unrecht. Und all das übersah man geflissentlich, seine natürlichen Gegner feierten ihn ob der Entgrenzung und seine eigentlichen Verbündeten griffen ihn deswegen an, obwohl dieses Motiv in vielen Varianten in fast allen Romanen des Autors vorkam – dies unter anderem macht die Geschichte heute wieder relevant.

Der eigentliche Konflikt ist ein theologischer. Die Gemeinde ist so gespalten wie die heutigen Gesellschaften, zwischen Progressisten und Traditionalisten. Seit einem Jahr predigt nämlich auch Pfarrer Jensen im Sprengel und mit seinem Tolstoischen humanitaristischen Gerede hat er der Hälfte der Leute den Kopf verdreht. Da wird viel von Liebe und Nächstenliebe, von Barmherzigkeit und Jesu Nachfolge geschwärmelt, da werden hehre Utopien einer ewig friedlichen Welt entworfen, da wird in höhere moralische Gefilde abgedriftet und der Stab über alle gebrochen, die anderer Ansicht oder einfach nur Menschen geblieben sind mit allen Ecken und Kanten und kleinen Verfehlungen. Ach, wie klingt das gut, das Geschwätz von einer besseren Welt – sogar Graf Trolle wird zum Tolstoianer.

Freilich weiß das dort niemand, denn Jensen behält es für sich, auch wenn seine Predigten nichts anderes sind als auswendig gelernter Tolstoi, konkret dessen „Worin besteht mein Glaube“. Castbierg kann ihn des Gedankenraubes öffentlich überführen, aber die Gefolgschaft ist bereits zu verblendet, um sich noch abwenden zu können. Lieber gaukelt man sich in scheinfriedlichen Versammlungen ein Idyll vor, tatsächlich sind diese religiösen Treffen unter der Oberfläche jedoch komplett vergiftet und grundfalsch. Schließlich geht es Jensen eigentlich nur ums Geld.

Castbierg hingegen ist Realist und erzkonservativ. Es nütze nichts, Vollkommenheitsgebote auszugeben, denn sie sind unerreichbar und daher schädlich. Man müsse zuerst den ersten Schritt gehen und nicht nur das unerreichbar ferne Ziel vor Augen haben. „Vernünftige Menschen besprechen und verhandeln und beratschlagen nur das, was sie auch ausführen können, und nicht das, was nun und auf lange Zeit hinaus als reine Unmöglichkeit angesehen werden muß.“ … „Und deshalb können wir in unseren Tagen die Gedanken um die Abschaffung des Krieges und des Eigentums, der Obrigkeit und der Strafe vernachlässigen, denn wenn wir das versuchten, so würden wir noch nicht mal die erste Meile des langen Weges schaffen.“ Wer hier und jetzt das Vollkommenheitsgebot Christi predige, ist ein Lügner und Täuscher, der „spielt Komödie als Halbengel und spricht Himmelssprache, um seine eigentliche Elendigkeit zu überdecken“. Die meisten seien heutzutage doch „Komödianten, Phantasten und Wirrköpfe, um nicht Lügenhals zu sagen, wobei unter diesen kaum ein redlicher Arbeiter sich befindet.“

Das ist des Pudels Kern! Castbiergs Anhänger sind ehrlich arbeitende Menschen, Bauern, Kleinhäusler, Knechte, meist arm, aber aufrichtig und vertrauenswürdig, getragen und zusammengehalten von ihrem Glauben, der Gemeinde, der Tradition; für sie kommt Mode etwa noch nicht von „modern“, sondern von Identität und Standesbewußtsein[1], von ihnen kann der alte Pfarrer noch sagen, daß sie sich noch nicht „von ihren seelischen jütländischen Bauernwurzeln losgerissen haben“, daß sie zu jener Hälfte des „dänischen Bauernstandes gehören, die hunderte und aberhunderte Jahre trotz Unterdrückung und Demütigung sich seelisch gesund und frisch gehalten haben wie die Natur selbst“, das seien Menschen, „die nach einer tausend Jahre alten Bildung – das, was wir althergebrachte dänische Bauern- und Volkssitten nennen“, leben,  „die noch nicht von ihren Seelenwurzeln losgerissen wurden und die in ihrem Wesen sicher auftreten, weswegen andere sich in ihrem Beisein auch sicher fühlen“ könnten …, wohingegen Jensen vornehmlich jene um sich versammelt, die den Kontakt zum realen Leben durch ihre von Erde und Volk entfremdeten Lebenssituation verloren haben: Kontoristen, Bürokraten, Städter, Händler, Gutsbesitzer.

Sie sind – Castbierg sieht das ganz deutlich – Resultat ihrer Zeit, der neuen Geschwindigkeit, der neuen Technik, der Befreiungsbewegungen, der Gleichstellungsfanatiker und all das, was die Seelen und ihre Moralen überfordert und überrennt und das langsam Gewachsene zerstört. „Tolstois Moral-Christentum, oder der Fanatismus der Inneren Mission, oder – Sozialismus oder andere Großpolitik, das alles besteht aus Phrasen; es ist eigentlich egal, wie man das alles nennt, denn wenn eine Sache erst einmal unwirklich ist, so ist es ja gleichgültig, was es letztlich ist. Ich bin konservativ … Ich wünsche mir keinen anderen oder keine besseren Reformen, ich wünsche überhaupt keine Reformen; ich wünsche, daß das Ganze für eine gewisse Zeit stillstehen sollte, damit die Menschen einen Moment Zeit haben, um auch ihre arme Seele mitzunehmen, von der wir uns längst entfernt haben. Alles in unseren Tagen hat das Überhastete an sich, was die Seelen nicht ertragen können.“

Nun, das ist starker Tobak. Aber Knudsens genialer Trick besteht nun darin, daß Worte und Handlungen sich in seltsamer Dialektik drehen, denn eigentlich ist es ja Castbierg, der mit seinem doppelt gefährlichen Rat an den Grafen die alten Spielregeln ganz situativ und aus Menschenliebe – denn es steht das Leben von Tochter und Ehefrau des Grafen auf dem Spiel –, vor allem aus seinem inneren Wesen heraus, verändert, wohingegen Jensen als falscher Prophet, als geldgieriger und menschlich unsensibler Utilitarist, der sogar den Tod seines Sohnes einmünzen will, der letztlich scheitert und abziehen muß, dasteht. Auch der Graf muß vor seinem selbstgewählten Tod im See erkennen, daß das schöne Gerede in seiner existentiellen Situation ihm nicht hilft und sich als Lüge entzaubert.

Knudsen, selbst konservativ, entpuppt sich als eigentlicher Visionär, denn er hat in diesem – und auch in seinen späteren – Roman ganz treffsicher die Grundkonflikte der Moderne beschrieben und sogar literarisch aufgelöst.

Leider hinken seine schriftstellerischen Gaben den denkerischen ein klein wenig hinterher. Dem Buch mangelt es gelegentlich an Flüssigkeit, es erinnert in der Komposition mitunter an Aufzüge und Abgänge im Theater und die Theoriebeiträge können gelegentlich etwas hölzern wirken.

Dennoch liegt hier ein ganz bedeutender Roman vor. Es gab 1910 eine deutsche Übersetzung[2] in einem kleinen Verlag, die heute kaum noch zu erwischen ist. Wem es gelingt, der sollte zugreifen! Oder – vielleicht – die Geduld aufbringen und auf eine Übersetzung zu hoffen. Gäbe es einen interessierten Verlag – der Wink mit dem Zaunpfahl! – dann wäre das in ein paar Monaten locker machbar!

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Zierde jeder gepflegten Hausbibliothek: Jakob Knudsens Gesammelte Werke
[1] Ein Beispiel: „Es dauerte nicht lange, da versammelten sich auf den Bänken um den Gemeindepfarrer eine Anzahl Bauern – Häusler, Kleinbauern mit ihren Frauen – die auch ganz mit den örtlichen Gepflogenheiten Unvertraute sofort vom Rest der Versammlung hätten unterscheiden können. Wodurch? Das war nicht einfach zu sagen, vor allem wohl an dem übereinstimmenden Gepräge in Kleidertracht und Auftreten, die so typisch sind für Menschen auf dem Dorf, wo alte Sitten und Gebräuche so große Macht haben. Namentlich an Tracht und Schmuck der Frauen konnte man ersehen, daß just dieser Schal und jene Haube, diese  Brustnadel und jene Spange nicht nach einer zufälligen Grille der Besitzerin gewählt worden war, weil sie sie vielleicht in einem Schaufenster in der Stadt gesehen hatte und also hingelaufen war, um sie gleich zu kaufen; nein – es war sozusagen ein gemeinsames Bewußtsein, die vergleichbare ökonomische Entwicklung in dieser kleinen Gemeinde, zu der man gehörte, die hatten es mit sich gebracht, daß sie – die einzelne – sich nun dieses, dieses besondere Stück hat anschaffen müssen .“
[2] Der alte Pfarrer. Deutsch von Hermann Kiy. Nordische Verlagsanstalt. R. Hieronymus. Neumünster 1910 – Kiy hatte auch Hamsun, Andersen-Nexø, Ewald und andere große nordische Autoren übersetzt.

Übersetzungen: © Seidwalk

Über den Wert des Lebens

Einen Wert kann dem Leben nur der Dienst verleihen, mit dem wir uns der Sache der Menschen zuwenden. Das klingt ein wenig streng und allgemein, aber dies ist die einzige Wahrheit, die ich mit allen ihren Konsequenzen kennengelernt habe. Niemand kann auf der Blumenwiese sitzen, wie Ferdinand der Stier[1], und ungestraft die schönen Blumen riechen.

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Die Ordnung der Dinge

Betrachtet man den dünnen, ununterbrochen fließenden Faden, konnte man in ihm eine große Ordnung erkennen, denn er lief herab ohne dicker oder dünner zu werden, und dasselbe fehlerfreie Maß, das den Lauf der Gestirne bestimmt, zeigt sich auch in den Fingern der Spinnerinnen.

Im Berliner Guggolz-Verlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, lang vergessene Meisterwerke der baltischen, nordischen und osteuropäischen Literatur zurück in den Strom der Leseflüsse zu führen, erschien nun unter den zahlreichen Preziosen ein gar wundersames, man darf sagen, einmaliges Buch: Straumēni.

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Nietzsches Ungarn, Nietzsches Petőfi

Daß Nietzsche sich zu Ende seines schöpferischen Lebens gern als Nachfahre von polnischen Edelleuten ausgab, ist Nietzschelesern wohl bekannt. An der Geschichte ist nach allem Wissen nichts dran und man fand auch keinen genealogischen Grund, weshalb der Überphilosoph diese Selbstbeschreibung wählte.

In einem viel zitierten Brief an Georg Brandes – in Dänemark ist Brandes selbst eine Zentralfigur des geistigen Lebens gewesen –, der als erster eine Vorlesung zu Nietzsches Denken gehalten hatte, was Nietzsche, der Zeit seines Lebens unter der Ignoranz seiner Zeitgenossen litt, euphorisch aufnahm, schrieb er im April 1888: „Meine Vorfahren waren polnische Edelleute (Niëzky); es scheint, daß der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher »Mütter«. Im Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizzas comme Polanais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matejkos vorkomme.“

Wenige Monate später durften sich seine Leser in „Ecce Homo“, seiner letzten zusammenhängenden Schrift, einer autobiographischen Abhandlung unter der Überschrift „Warum ich so weise bin“ über folgende Zeilen wundern: „Und hiermit berühre ich die Frage der Rasse. Ich bin polnischer Edelmann pur sang, dem auch nicht ein Tröpfchen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches.“

Über die Gründe dieser Maskierung wurde viel spekuliert. Sie auf den „Wahnsinn“ zurückzuführen, überzeugt nicht, denn vergleichbare Äußerungen finden sich in den nachgelassenen Manuskripten bereits seit 1882. Dort, in den Vorstudien zur „Fröhlichen Wissenschaft“ schreibt er, man habe ihn gelehrt, „die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen“[1]. Schon als Knabe, so gesteht er, habe er „keinen geringen Stolz auf diese meine polnische Abkunft“ gehabt.

Man kommt der Wahrheit wohl am nahesten, wenn man den letzten Abschnitt der gedruckten Aussage beachtet: „am wenigsten deutsches“. Dieses „Deutsche“ war aber durchaus ganz konkret gefaßt, denn Nietzsche fuhr fort: „Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit.“[2]

Es dürfte sich um einen Distanzierungsakt von Mutter und Schwester handeln, von Biederkeit und von Antisemitismus, der Nietzsches Verhältnis zu Elisabeth, seit sie mit dem Antisemiten Förster liiert war, schwer belastet hatte.

Weit weniger bekannt und erforscht ist Nietzsches Beziehung zu Ungarn im Allgemeinen und zu Sándor Petőfi im Besonderen – die meisten großen Biographien (Kaufmann, Ross, Althaus, Heyman, Halévy, Safranski, Nolte, Bertram sind die mir bekannten) verschweigen diesen Bezug. Die direkten Spuren dieser geistig-seelischen Liaison führen fast alle ans andere Ende von Nietzsches Leben, in die Kinder- und Jugendzeit zurück. Unter den wenigen späteren Referenzen ragt jedoch eine heraus, weil sie uns die obige These noch einmal zu bestätigen scheint. Nietzsche schrieb im Sommer 1883 an seine Schwester.

„Ich gratulire aufrichtig dem Dr. Förster, daß er noch zur rechten Zeit Europa und die Judenfrage hinter sich gelassen hat. Denn wehe eine Partei, welche genötigt ist, nach so kurzem Bestande schon einen solchen Tisza-Prozeß auf ihr Conto zuschreiben! Ja, wenn der verkommenste Adel der Welt, der ungarische, zu einer Partei gehört, da ist Alles verloren.“[3]

Das ist – soweit zu sehen ist – die einzige Erwähnung des Ungarischen mit negativen Konnotationen und es geht um den ungarischen Antisemitismus. Der hatte sich im „Tisza-Prozeß“, der „Affäre von Tiszaeszlár” zu Nietzsches Abscheu deutlich gemacht. Es handelte sich damals um einen Ritualmordprozeß, der durch die internationalen Gazetten gegangen war. Arnold Zweig schrieb darüber ein preisgekröntes Drama[4] und Gyula Krúdy einen Roman[5]. Ein junges Mädchen war verschwunden, schnell waren Ritualmordphantasien unterwegs und selbst als man die Kleine ertrunken fand, wurde die Mär weitergesponnen und politisch mißbraucht. Und da derartige Fälle in Ungarn keine Seltenheit waren, hält sich bis heute das Gerücht des ungarischen Antisemitismus und wird selbst in modernen Reiseführern kolportiert.

Das waren späte Realitäten, Nietzsches frühes Ungarnbild war hingegen stark von Phantasien geprägt. Als 14-jähriger Pfortaner setzte er sich mit Ferenc Liszt auseinander, anfangs ablehnend, später zusehends verehrend, um ihm noch später Schattenlosigkeit vorzuwerfen[6]. Schließlich sollte er ihm sogar seine erste große Veröffentlichung „Die Geburt der Tragödie“ zusenden, die Liszt nach langem Schweigen und zweimaliger Lektüre bewunderte, zugleich aber deutlich machte, daß ihm die Gedankengänge des jungen Philosophen vollkommen fremd und unerreichbar waren[7]. Ganz anders war die Aufnahme bei Liszts illegitimer Tochter Cosima und deren Gatten – aber das ist eine andere Geschichte.

Schon der Jüngling machte sich immer wieder Listen des Gelesenen, zu Lesenden, zu Bearbeitenden, Pläne über eigene Schriften – eine Eigenart, die der Denker sein gesamtes Leben lang beibehielt. Dort stolpern wir früh über den Namen „Zriny“ bzw. „Zryni“[8] Er war ihm wichtig genug, um ihn in einen Entwurf seines Lebenslaufes aufzunehmen. Die Unsicherheit in der Schreibweise deutet schon auf das Element des Exotischen hin. Korrekt geschrieben – zumindest im ungarischen Original – lautete der Name „Zrínyi“. Den Deutschen klingt er vielleicht fremd, den Ungarn ist er heilig. Miklós Zrínyi ist bis heute einer der großen nationalen Helden, wie so oft in der ungarischen Geschichte aber ein Verlierer, ein Märtyrer. Er und seine Mannen waren es, die im Herbst 1566 Europa vor einem erneuten Türkensturm bewahrten. Soliman der Prächtige stand mit riesigem Heer vor der Wasserburg Szigetvár, westlich von Pécs – sie war die letzte Festung, wäre sie gefallen, dann wäre dem Osmanen Europa bis Wien ausgeliefert gewesen. Die Feste fiel am Ende auch und ihr finaler Akt war das tapfere Selbstopfer Zrínyis und 500 seiner letzten Getreuen, aber die Verluste der Türken waren enorm und unter der Belagerung starb Soliman an Altersschwäche – ein historischer Zufall, der dem Christentum zuhilfe kam – die Türken zogen sich danach nach Istanbul zurück: das Osmanische Reich hatte mit diesem Sultan seinen Höhepunkt überschritten, die meisten Ungarn litten dennoch noch 120 Jahre unter ihrer Herrschaft.

Nietzsche nahm regen Anteil an dieser Schlacht und zwar in Form eines Dramas von Theodor Körner. Das also bedeuteten die Eintragungen: „Zriny. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von 1812“. Die Freunde schrieben sich Briefe darüber, man war offenbar in regem Austausch. Es ist tatsächlich ein Stück, an dem blasse Gymnasiasten entbrennen können[9] – es sollte besser ein „Heldenstück“ genannt werden. Seine Botschaft ist die Tapferkeit, die Standhaftigkeit, die Ehre und die Bereitschaft zum Opfer, es ist eine ergreifende Opferorgie. Am Ende sind alle bereit, Freunde, Frau, Tochter und alle, sich der Sache zu hinzugeben. Zrínyi reitet den letzten legendären Ausbruch, die Tochter wählt lieber den Stahl des Geliebten als die Schändung durch die Türken und die Mutter wirft die Fackel in den Munitionskeller. Und dieses fanatische Heldentum – das man Körner, der sich wenige Monate später im Krieg opferte, auch menschlich abnahm – wurde vom Dichter der ungarischen Seele zugeordnet. Zeilen wie diese:

Sag‘ deinem Großherrn, einem Ungarn sei
Die Ehre mehr als eine Königskrone“
Oder:


„Der Ungar stirbt am liebsten bei dem Ungar,
Von seines Volkes Helden angeführt.“
Oder:


„… wir müssen sterben;
Denn an Ergebung denkt der Ungar nicht,
Der seinen Kaiser liebt und seine Ehre.“

… und viele andere mögen den Knaben schwer beeindruckt und sich tief in die Seele eingegraben haben. Das Bild des Ungarn – wie übrigens auch des Polen (und Serben) als permanenter Freiheitskämpfer – war eingeprägt. Instinktiv trifft er mit seinen Affinitäten eine langbewährte historische Tatsache: die emotionale und historische Nähe beider Völker, die sich bis in die aktuelle Politik des Jahres 2020 fortsetzt.

Auch Lenau steht auf selbiger Liste – dessen Ungarngedichte dürften ebenfalls ein frühes Bild vom fernen Land im Geiste des Eleven evoziert haben.

Es wundert daher nicht, daß der kleine Fritz, als er mit verschiedenen Identitäten und Namen experimentierte, neben einer lateinischen (Freodaricus Niotazius) und polnischen (Fridrisk Nietsky – hier haben wir also die eigentliche Wurzel des späteren Polentums) auch damit spielte, eine magyarische Identität anzunehmen: Imre Szégéni.

Der letzte Name sticht heraus – denn er kokettiert nicht mit dem eigenen – und scheint rätselhaft. Immerhin fällt die Nähe zum ungarischen Wort „szegény“ auf und das heißt „arm“, kann aber auch substantivisch genutzt werden. Imre aber ist die magyarisierte Form von Emmerich und wenn man weiß, daß der Jüngling sich mehrere Jahre mit der Ermanarich-Sage und der Geschichte des legendären Gotenkönigs beschäftigt hat, dann wird wohl auch dieser Name erklärbar. Es finden sich dazu im Nachlaß historische Versuche, eine längere Dichtung und eine Komposition. Er hatte intensiv über mehrere Jahre mit diesem Thema gerungen.

Liest man heute die Arbeiten des 16-jährigen, dann ist man ergriffen von der geistigen Reife. Er legte sich selbst Rechenschaft über sein Schaffen ab und in einem Text, überschrieben mit „Meine literarische Thätigkeit, sodann meine musikalische 1862“, lesen wir über seine Arbeit an einer Ermanarichsymphonie: „Trotzdem schwankte ich noch, wie ich das Produkt taufen sollte, ob ,Ermanarichsymphonie‘ oder ,Serbia‘, da ich den Plan hatte, ähnlich wie in der ,Hungaria‘ Liszt’s geschehen, die Gefühlswelt eines slawischen Volkes in einer Composition zu umfassen.“[10] Dort finden wir auch den lakonischen Eintrag: „Petőfi kennen gelernt.“[11] Diese wichtige Bekanntschaft war offenbar eine Notiz in der Jahresendabrechnung wert.

Wir dürfen den Zeilen eine gewisse romantische Vorstellung über Völkerpsychologie entnehmen, mit Unwissen gepaart. Alles Wilde, Südliche schien den Jüngling zu begeistern und im Furor rechnet er die Ungarn sogar den Slawen zu. Diese Differenzierungen waren offensichtlich nicht bedeutsam, aber die Stimmung, die Seele war es sehr wohl. Das deutsche Publikum frönte ohnehin einer gewissen „Alföld-Romantik“[12]. Er schreibt auch: „Allerdings, es sind keine Goten, keine Deutschen, die ich gezeichnet, es sind – ich wage es zu behaupten – Ungargestalten; der Stoff ist aus der germanischen Welt in die ungarischen Pußten, in die ungarischen Gluthseelen getragen. Und das ist der Hauptfehler des Ganzen.“ Der Fehler – das sah er wohl – war ein künstlerischer. Immer wieder ist von „ungarischer Gluth und Kraft“ oder von „ungarischer Wildheit“ die Rede[13].

Dabei kommt das Ungarische als Interpretationsform des „Ermanarich“ erst später hinzu. Das lag – nachdem Körner die Saat gelegt hatte – an der Entdeckung der ungarischen Dichtung in Form der Gedichte Petőfis.

Seit 1849 gab es deutsche Übersetzungen – Nietzsche hatte nachweislich zwei verschiedene Arbeiten besessen[14] und war sofort Feuer und Flamme, auch wenn die Übertragungen schwach und entstellend waren. 1864 entstehen in den dunklen November- und Dezembernächten vier oder fünf Petőfi-Vertonungen – ein Gedicht läßt sich nur schwierig zurechnen –, nebst anderen Liedern, die Nietzsche in zwei Hefte eintrug. Gemeinsam mit den Jugendfreunden Gustav Krug und Wilhelm Pinder hatte er einen Selbstbildungsverein „Germania“ gegründet, in dem sich die Teilnehmer gegenseitig mit eigenen literarischen und musikalischen Schöpfungen erquickten und herausforderten.

Petőfi sprach ihn zwiefach an. Zum einen war da das historische Bild des Freiheitskämpfers, der sich tapfer – wie Zrínyi – in die Schlacht warf und sein Leben ließ. Es gibt Gründe anzunehmen, daß der Tod Petőfis weit weniger heroisch war. Die Russen hatten die Reihen überrannt, wer ein Pferd hatte, floh Hals über Kopf, Petőfi hatte keines und rannte zu Fuß in ein Maisfeld, wurde dort aufgestöbert und schließlich von hinten auf der Flucht niedergemacht und ob seines exotischen Seidenhemdes auch noch gefleddert. Danach landete sein Leichnam – wenn man der Erzählung des Oberst Heydte, eines Zeugen des Geschehens – beritten – Glauben schenken darf[15], in einem nicht gekennzeichneten Massengrab. Das konnte der junge Nietzsche nicht wissen und hätte es wohl auch nicht wissen wollen. Immerhin zeugen eine ganze Reihe von Gedichten des ungarischen Nationaldichters – wie wir gesehen haben – von Zrínyischer Verwegenheit und das mußte junge Pennäler in der Mitte des 19. Jahrhunderts zweifellos ansprechen.

Daneben ist es aber vor allem Petőfis depressiver Zug, der im jungen Nietzsche Widerhall fand. Unter seinen Vertonungen finden sich mehrere Gedichte des Ungarn – sie alle teilen einen Ton der Schwere und der Tristesse[16]. Es fällt auch unter seinen Liedern die Häufigkeit ungarischer Titel und Inspirationen auf. Es gibt „Ungarische Skizzen“[17], einen „Zigeunermarsch“, einen „Ungarischen Marsch“, „Ein alter Ungar“[18], ein „Im Mondschein auf der Puszta“ oder ein „Aus der Csarda“[19] und sogar einen ungarischen Titel „Edes Titok“[20] (Süßes Geheimnis)[21] – sie alle – sofern erhalten[22] – strahlen eine gewisse Energie aus, aber die Petőfi-Lieder sind an Traurigkeit kaum zu überbieten:

Verwelkt[23]

Du warst ja meine einz’ge Blume,
verwelkt bist du — kahl ist mein Leben.
Du warst für mich die strahlende Sonne,
du schiedst — ich bin von Nacht umgeben.
Warst meiner Seele leichteste Schwinge,
du brachst — ich kann nun nimmer fliegen.
Du warst die Wärme meines Blutes,
du flohst — ich muß dem Frost erliegen.

Unendlich[24]

… Stehe sinnend hier am Bache
Bei den stillen Trauerweiden
Passend ist für mich die Stätte
Der ich voll von Leiden!
Schaue niederhangen diese
Zweige hier in Ringen
Und sie gleichen meiner Seele
Fluggelähmten Schwingen! …

Ständchen[25]

Es gießt der Regen stark im Ort,
Die Nachtigall singt trotzdem fort,
Und wer da hört ihr trübes Lied,
Dem wird das Herz so schwer und müd‘!…

Nachspiel[26]

Ich möchte lassen diese glanzumspielte Welt,
In der mich Lust und Wehe rings umsponnen hält,
Und möchte fortziehn, fort von den Menschen weit
In eine wilde, schöne Waldeinsamkeit
Dort würde ich dem Laubgeflüster lauschen
Und horchen auf des hellen Bächleins Rauschen
Und auf der Vögel Sang,
Sehen der Sonne Untergang –
Und endlich selber mit ihr untergehen.

Die Nietzsche-Philologie stand freilich vor einem Problem, denn einige der Lieder, die Nietzsche Petőfi zuschrieb, waren bei ihm nicht zu finden und auch in den deutschen Petőfi-Ausgaben der Zeit nicht. Das betrifft das Lied „Es winkt und neigt sich“ und teilweise auch das „Nachspiel“. Es ist also anzunehmen, daß Nietzsche selbst Nachdichtungen anfertigte, selbstredend nicht aus dem Ungarischen, sondern er versuchte Verbesserungen, die auch mit den Zwängen der Vertonung zusammenhängen könnten. Es ist insofern signifikant, als wir hier ein Beispiel vor uns sehen, wo Nietzsche in den Dichttext des verehrten Petőfi aktiv eingreift, wo also beider Worte zu einem Ganzen verschmelzen – ein Prinzip, das im Zarathustra evtl. Wiederholung fand.

(Ich höre Nietzsches Kompositionen und Lieder nun seit vielen Jahren – sie berühren mich tief. Aber immer, wenn ich jemanden vom Fach dazu befragte, wie sie musikalisch einzuordnen, ob sie originell seien, bekam ich zur Antwort, daß man es mit künstlerischer Mangelware zu tun habe. Nietzsche selbst hatte seine Manfred-Meditation einst zur Begutachtung an Hans von Bülow geschickt und bekam als Antwort: „Ihre Manfred-Meditation ist das Extremste von phantastischer Extravaganz, das Unerquicklichste und Antimusikalischste, was mir seit lange auf Notenpapier zu Gesicht gekommen ist. Mehrmals musste ich mich fragen: Ist das Ganze ein Scherz, haben Sie vielleicht eine Parodie der Zukunftsmusik beabsichtigt? Ist es mit Bewußtsein, daß Sie alle Regeln der Tonverbindung, von der höheren Syntax bis zur gewöhnlichen Rechtschreibung ununterbrochen Hohn sprechen? Abgesehen vom psychologischen Interesse – denn in Ihrem musikalischen Fieberprodukte ist ein ungewöhnlicher, bei aller Verwirrung distinguierter Geist zu spüren – hat Ihre Meditation vom musikalischen Standpunkte aus nur den Werth eines Verbrechens in der moralischen Welt“[27] Nietzsche bedankte sich nach einer Weile brav und völlig unnietzschisch und ließ seither das Komponieren bleiben – um sich gänzlich der Philosophie zu widmen.

Dennoch: mich überzeugen die meisten seiner musikalischen Arbeiten durch ihre innere Kraft und Emotionalität – man kommt in ihnen, will mir scheinen, dem Menschen Nietzsche so nah wie selten. Gerade die Manfred-Meditation oder der „Hymnus an die Freundschaft“, der „Hymnus an das Leben“ oder „Eine Sylvesternacht“, also die etwas längeren Stücke, empfinde ich als mitreißend. Die Vorstellung, Nietzsche mit brennenden Augen übers Klavier gebeugt zu sehen und diese emotionalen Melodien in die Tasten zu hauen, bringt mich ihm menschlich nahe – oder erzeugt doch zumindest diese Illusion.)

Nietzsche schien im Ungarischen im Allgemeinen und in Petőfi im Besonderen zwei Dinge gefunden, zwei Bedürfnisse befriedigt zu haben und beide finden sich auch in seiner Philosophie wieder. Da ist zum einen das überwältigend Starke, die Kraft, der Wille zur Macht und die Bereitschaft zum Untergang im Kampf und Ringen, was sich gleichzeitig als Lebenslust, als Freude, als Affirmation manifestiert und da ist zum anderen der gleiche Wille zum Leid aus dem die Gedanken des Amor Fati und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen geschöpft werden. Gerade in Petőfis trüberen Versen findet er das Bewußtsein, Singularität zu sein. Nietzsche wurde nicht Pessimist, weil er Petőfi gelesen hatte, sondern er las Petőfi – und später Schopenhauer –, weil dieser seinen frühen Pessimismus befriedigte.[28]

Wenn diese Überlegungen standhalten, dann könnte man die Rolle Petőfis in Nietzsches Werk und Denken neu bewerten. Es stimmt: nach den frühen Jahren verschwindet er fast vollständig aus den Schriften, auch das Ungarische wird zur Seltenheit – er lernt etwa einen Übersetzer Petőfis kennen und teilt das seinen Freunden stolz mit[29] oder aber er freut sich über eine erste Rezension seiner Werke „in einem ungarischen Winkelblatt“[30] –, dennoch sind Sprache und Bildlichkeit Petőfis präsent und oft läßt sich eine Geistesschuld gerade durch Verschweigen aufzeigen.  

Den Schlüssel dafür bot Joachim Köhler in seiner umstrittenen Schrift[31]Zarathustras Geheimnis“. Petőfi kommt bei der Aufklärung der Anamnese des Denkens Nietzsches – Köhler interpretiert es als Krankenakte – eine bedeutende Rolle zu. Schon der Knabe wurde demnach von der „Todeserotik“ des Ungarn fasziniert[32]. Einige seiner Bilder habe Nietzsche tief verinnerlicht und im „Zarathustra“ – bewußt oder unbewußt – reaktualisiert. So trage Petőfis Gedicht „Világosságot“ (was Köhler sehr frei mit „Licht, mehr Licht“ übersetzt) präzarathustrische Züge:

Jedoch sind wir nicht bloß vergleichbar …
Dem Wanderer, der auf Berge klimmt
Und steht am Gipfel er, dann wieder
Den Rückweg nimmt
Hernieder?
Und ewig daure dieser Lauf
Hinauf, hinab, hinab, hinauf?
Um sich in Irrsinn zu versenken! …

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Zeilen tatsächlich sehr nach Nietzsche klingen – sie beschreiben nicht nur „die Sinnlosigkeit, ewig“, einen typischen Fatalismus, sie umfassen auch den Zentralgedanken der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ und sie passen sogar im Duktus sehr gut zu vielen Gedichten Nietzsches oder zur Sprechweise Zarathustras. Gut denkbar, daß Nietzsche bei Petőfi – trotz mangelhafter Übersetzungen – Stilübungen vorgefunden hatte. Das poetische Genie hatte er gegen die Mangelübertragung zweifelsohne erkannt.

Wen nie im Bogen
Gedanken noch umflogen
Wie diese, ach wie die,
Der fror noch nie;
Was Kälte ist, der weiß es nicht …

Auch Nietzsche-Experten, legte man ihnen diese Zeilen etwa als Archivfunde vor, würden sie wohl als Werk Nietzsches anerkennen – aber es ist Petőfi.

In Nietzsches Nachlaßäußerung „in fernsten und kältesten Gedanken umgehend, wie ein Gespenst auf Winterdächern, zur Zeit, wo der Mond sich in den Schein legt“[33] will Köhler Petőfis Kältebild wiedererkennen. 

Noch ein Bild macht Köhler im Zarathustra ausfindig, das jedoch eher seine Arbeitsweise in Frage stellt. In Zarathustras Satz[34]:

„Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.“

Meint er ebenfalls eine Reminiszenz an  Petőfis Vers erkennen zu können[35].

Wesentlich interessanter und auch bedeutender ist der Versuch, das bekannte Motiv der Schlange, die dem Schlafenden in den Rachen kriecht, auf Petőfi zurückzuführen. Am Ende seines Gedichtes „Világosságot“ entwirft Petőfi folgende Szenerie:

Mit solcherlei Gedanken ist verglichen
Die Schlange warmer Sonnenstrahl,
Die eisgleich kommt geschlichen
Uns über’n Busen, glitzernd, fahl
Und bluterfrierend weiter schleicht
Den Hals hinan, bis sie erreicht
Den Mund,
Und uns den Atem dann erstickt im Schlund.

Das Wort „Schlund“ findet sich in der berühmten Szene in „Vom Gesicht und Rätsel“ im dritten Teil des Zarathustra mehrfach, etwa:

„Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf einem Antlitze? Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund – da biß sie sich fest.“

Köhler meinte nun[36], Wort und Bild habe Nietzsche einst von Petőfi gelernt, der Gedanke habe ihn nie wieder verlassen und fand schließlich in Nietzsches Hauptwerk seine Wiedergeburt. Auch wenn die Parallelen zwischen den Zeilen Petőfis und Nietzsches frappierend sind, kann die Zusammenführung nicht mehr als den Status einer Hypothese beanspruchen, denn auch das Bild der in den Hals kriechenden Schlange ist nicht originell – es verbindet zwei Urängste des Menschen.

Man muß nicht so weit gehen – wie das magyarischer Überschwang über die Entdeckung der Beziehung Nietzsche-Petőfi tat[37] – und den Dichter gleich zum philosophischen Lehrer Nietzsches machen, aber gänzlich absurd ist Köhlers Idee nicht – es ist möglich, daß eines der Schlüsselbilder in Nietzsches Zarathustra Petőfi zu verdanken ist, es ist möglich, daß der ungarische Nationaldichter für den deutschen Ausnahmedenker wichtiger war, als bislang angenommen.

Literatur:
Nietzsche: Kritische Studienausgabe KSA. 15 Bände München 1988
Nietzsche: Kritische Studienausgabe Briefe 8 Bände. München 1986
Nietzsche: Jugendschriften 5 Bände. München 1994
Petőfi, Sándor: Összes Költeményei. 2 Bände, Budapest 1959
Ábela Barabás: Petőfiánus Nietzsche. In: NIETZSCHE-TÁR. Szemelvények a magyar Nietzsche-irodalomból 1956-ig. Budapest 1956
Kai Agthe: Über Friedrich Nietzsches Verhältnis zu Franz Liszt. In: Das Blättchen. 14. Jahrgang. Nr. 25. 2011
Gyula Illyés: Petőfi. Ein Lebensbild. Berlin (Ost) 1971
Joachim Köhler: Zarathustras Geheimnis. Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft. Hamburg 1992
Theodor Körner: Zriny. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen (1812). In: Körners Werke. Berlin o.J.
Gyula Kornis: Nietzsche és Petőfi. Budapest 1942

Béla Lengyel: Nietzsches Image von Ungarn. In: Hungarian Studies 2, No. 2, Budapest 1986, S. 243-265
Ernö Lengyel: Nietzsche magyar utókora. In: Minerva XVII évfolyám, Pécs 1938, S. 49 – 95
Martin Lorenz: Musik und Nihilismus: Zur Relation von Kunst und Erkennen in der Philosophie Nietzsches. Würzburg 2008
Cornelia Witthoefft: Einführender Kommentar zu den auf der Doppel-CD »Sie hätte singen sollen, diese Seele…« Friedrich Nietzsches Denken und Musik1eingespielten Kompositionen Friedrich Nietzsches Zugleich eine Anleitung zum Hören nach Nietzsche. 2012 https://www.derblauereiter.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Verlag/Hoerbuecher/Nietzsche-CD/Einfuehrung.pdf

[1] KSA 9, 681 „Man hat mich gelehrt, die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen, welche Niëtzky hießen und etwa vor hundert Jahren ihre Heimat und ihren Adel aufgaben, unerträglichen religiösen Bedrückungen endlich weichend: es waren nämlich Protestanten. Ich will nicht leugnen, daß ich als Knabe keinen geringen Stolz auf diese meine polnische Abkunft hatte: was von deutschem Blute in mir ist, rührt einzig von meiner Mutter, aus der Familie Oehler, und von der Mutter meines Vaters, aus der Familie Krause, her, und es wollte mir scheinen, als sei ich in allem Wesentlichen trotzdem Pole geblieben. Daß mein Äußeres bis jetzt den polnischen Typus trägt, ist mir oft genug bestätigt worden; im Auslande, wie in der Schweiz und in Italien, hat man mich oft als Polen angeredet; in Sorrent, wo ich einen Winter verweilte, hieß ich bei der Bevölkerung il Polacco; und namentlich bei einem Sommeraufenthalt in Marienbad wurde ich mehrmals in auffallender Weise an meine polnische Natur erinnert: Polen kamen auf mich zu, mich polnisch begrüßend und mit einem ihrer Bekannten verwechselnd, und Einer, vor dem ich alles Polenthum ableugnete und welchem ich mich als Schweizer vorstellte, sah mich traurig längere Zeit an und sagte endlich ‚es ist noch die alte Rasse, aber das Herz hat sich Gott weiß wohin gewendet.‘“
[2] KSA 6, 268
[3] KSA Briefe 6, 415
[4] Für „Ritualmord in Ungarn. Eine jüdische Tragödie“ (1913) erhielt er 1915 den Kleist-Preis. Eine spätere Bearbeitung ist unter dem Titel „Die Sendung Semaels“ (1918) in der Werkausgabe erschienen. In ihm kann man sehr gut die selbstimmunisierende Logik des habituellen Antisemitismus studieren.
[5] “A tiszaeszlári Solymosi Eszter”
[6] „Liszt, der Repräsentant aller Musiker, kein Musiker: der Fürst, nicht der Staatsmann. Hundert Musiker-Seelen zusammen, aber nicht genug eigene Person, um eignen Schatten zu haben. Wenn man eine eigene leibhafte Persönlichkeit haben will, so muss man sich nicht sträuben, auch einen Schatten zu haben.“ (KSA 8, 511)
[7] Siehe Lengyel, S. 248
[8] z.B. Jugendschriften 1, S. 265 u. 446
[9] Nietzsche hatte Körner bereits mit 14 Jahren gelesen und ihm 1858 ein Gedicht gewidmet: „Jugendlicher Held, dir soll mein Lied erschallen/Will im Geist zu deiner Grabesstätte wallen./Wie die Eiche strebend auf gen Himmel/Standest fest und kühn du im Getümmel. …“
[10] Jugendschriften 2, S. 103. Zuvor hatte er in seiner historischen Skizze zum Ermanarich noch festgestellt: „Die Sage von Ermanarich ist echt deutsch und durch die Personen, die darin auftreten, und durch die Oertlichkeit an Deutschland gebunden.“ (Jugendschriften 1, S. 297)
[11] Jugendschriften II, S. 100
[12] Siehe: Ernö Lengyel: Nietzsche magyar utókora, S. 50
[13] Damit schließt sich Nietzsche dem klassischen Klischee vom Ungarn an, wie es etwa Karl Beck – Dichter des Liedes „An der schönen blauen Donau“ und allgemein bekannt –  in Verse gegossen hatte: „Bei Gott , ich bin ein echt Magyarenkind!/ Gott, daß Niemand mehr mich kennen will!/ Mein Blut erbraust, wie jäher Wirbelwind,/ Mein Sinn ist trotzig, ist nicht deutsch und still.“ Nietzsche hatte von ihm ein Gedicht transkribiert mit dem Titel: „Magyarenschenke“ (Jugendschriften III, S. 457). Wie tief das Bild vom wilden Ungarn verinnerlicht war, zeigen auch Notizen zu seinen „Ungarischen Skizzen“, wo er die Titel mit Beschreibungen oder Plänen ergänzt: „Nachts auf der Haide Hoihü! Durch die Haid. In der Szarda. Schenk ein, schenk ein …“ (Jugendschriften III, 73)
[14] „In der Bibliothek Nietzsches in Weimar ist das Heftchen Alexander Petőfi‘s Dichtungen. Nach dem Ungrischen, in eigenen wie fremden Übersetzungen gesammelt von K.M.Kertbeny. Berlin o.J. (1860) Verlag Hofmann & Comp. mit der Einleitung Kertbenys über Petőfi zu finden. Aus der Einleitung Kertbenys – einem Jugendfreund Petőfis und Jókais – konnte Nietzsche nicht nur Petőfis Persönlichkeit und Dichtung kennenlernen, sondern auch über andere ungarische Klassiker (Vörösmarty, Arany usw.) ein skizzenhaftes Bild erhalten“ (Béla Lengyel: Nietzsches Image von Ungarn. In: Hungarian Studies 2, No. 2 S. 251)
[15] Vgl: Illyés. S. 420 ff.
[16] Zur musikalischen Einordnung siehe: Lorenz: Musik und Nihilismus. S. 30 – 50
[17] In der Chronik der „Germania“ werden sie im April 1862 von Gustav Krug akribisch verbucht: „Die Lieferungen für Februar bestanden in der schon erwähnten Abhandlung Pinders über Napoleon III. als Erwiderung, sodann in mehreren Compositionen des Mitglieds Nietzsche ‚Ungarische Skizzen‘ betitelt, die mir in vieler Beziehung sehr gefielen. Der Componist zeigte darin einen viel geläuterten Sinn, als in seinen früheren Werken, Schuhmann’scher Einfluß ist nicht zu verkennen, jedoch fällt der Componist niemals in Nachahmung. Nur eins hätte ich auszusetzen. Manches könnte nemlich noch durchgearbeiteter sein, der Componist scheint noch nicht die letzte Feile angelegt zu haben“
[18] Hierzu ist auch ein Gedicht /1863) „Der alte Ungar“ überliefert, das vom Verlust der Jugend handelt. (Jugendschriften II, S. 73f.)
[19] Nietzsche glaubte in „Csarda“ allerdings ein polnisches Wort zu sehen – siehe: Witthoefft S. 14.
[20] Korrekt wäre „Édes Titok“ – Nietzsche verdeutscht das Lied mit „Sei still mein Herz“
[21] Jugendschriften 2, S. 121 f. und 133, nur als Bsp. mehrere solcher Listen
[22] Nietzsche listet weitere Petőfi-Lieder auf: “Die Kette von Petőfi” oder “Wo bist du”, die verschollen sind und keinem Vers des Dichters zugeordnet werden können. (Jugendschriften III, S. 135) Daß „Die Kette“ verschollen ist, bleibt bedauerlich, denn es ist die einzige Vertonung Petőfis, die den Patrioten und Freiheitskämpfer repräsentiert, voller Freiheitspathos, kämpferischer Wut und Umsturzgedanken: „A Bilincs“ (siehe: Petőfi und die permanente Revolution)




[24] Original: Te vagy, te vagy, barna kislyány.




[26] Original: Szeretném itthagyni
[27] Einen ähnlich niederschmetternden Bescheid erhielt er vom Bonner Musikdirektor Brambach, der ihm empfahl, Unterricht „im strengen Kontrapunkt“ zu nehmen.
[28] Vgl. Gyula Kornis: Nietzsche és Petöfi. Budapest 1942, S. 10f.
[29] Briefe an Erwin Rohde und Carl von Gersdorff, Dezember 1874. Auch an den Übersetzer – Theodor Opitz –, der ihm, offenbar von Nietzsches dritter „Unzeitgemäßer Betrachtung“ beeindruckt, ein Gedicht mit dem Titel „Schopenhauer als Erzieher“ geschickt hatte, schrieb er einen Brief, in dem Petőfi nicht erwähnt wird. Eine bessere Gelegenheit, darüber zu sprechen, hätte sich schwerlich finden lassen. Vgl. KSA Briefe 4, S. 282ff.
[30] KSA Briefe 6, S. 572
[31] Köhlers Psychogramm gehört zweifellos zur sekundärliterarischen Pflichtlektüre. Umstritten ist es, weil es Nietzsches komplexes Denken auf eine Sexualneurose (latente Homosexualität) und quasi inzestuöse Beziehungen zur Schwester und der Angst vor dem Gespenst des Vaters reduziert und dabei mit großer Boshaftigkeit und Besessenheit das gesamte Werk nach „Stellen“ absucht, die ins Narrativ passen, dabei natürlich stark assoziativ vorgehend. Nichtsdestotrotz gelingen Köhler hochinteressante Interpretationen. 
[32] Vgl. Köhler 54ff.
[33] KSA 11, 381
[34] Also sprach Zarathustra IV, 4 – KSA 4, S. 398
[35] Wahrscheinlicher scheint mir die Annahme, daß das Bild des Hundes, der den Mond in eisiger Nacht anbellt, ein vielfältig verwendetes und frei verfügbares ist.
[36] Köhler S. 535ff. „Die Schlange war für ihn nicht nur Bild der Wiederkehr – sie war ihm auch als Bild wiedergekehrt: intuitiv, visionär, als sähe er sie zum ersten Mal. In Wahrheit war schon der Siebzehnjährige darauf gestoßen, als er Petőfis Gedichte studierte und sich einverleibte.“ (535)

© Seidwalk Januar 2021

Petőfis Fluch

PDF: Petőfis Fluch

Ganz anders als Sándor Petőfis Leben begann das von Mór Jókai und es endete auch vollkommen ungleich, obwohl beide in der entscheidenden Phase ihres Lebens Seit an Seit standen.

Jókai wurde 1825 in eine adlige Familie hineingeboren, die seiner Bildung große Aufmerksamkeit widmete. Er starb 1904 als einer der größten und mit Sicherheit produktivsten Schriftsteller Ungarns in einer vollkommen anderen Welt. Petőfi war im Zuge der ersten großen gesellschaftlichen Umwälzung gefallen, Jókai durchlebte mehrere dramatische historische Wechsel und den Einzug der Moderne im Ungarnlande.

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Petőfi und die permanente Revolution

PDF: Petőfi und die permanente Rvolution

Am 31. Juli 1849 fiel Ungarns Nationaldichter Sándor Petőfi in der Schlacht von Segesvár. Das wird gemeinhin als ein trauriges Ereignis rezipiert, tatsächlich aber könnte es ein großes historisches Glück für beide gewesen sein: für Ungarn und für den Dichter.

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Geständnis und Aufklärung

 Albert Wass: Die Landnahme der Ratten

Nun muß ich etwas gestehen – es handelte sich gestern nicht um eines meiner Märchen, der Text wurde von Albert Wass verfaßt. Daß ich diesem lange vergessenen und unterdrückten ungarischen Autor in Zukunft besondere Aufmerksamkeit widmen werde, hatte ich an anderer Stelle bekannt gegeben.

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Die schrecklichen Kinder

Kaum je hat man begriffen, in welchem Maß die von allen Seiten in Dienst genommene „Zukunft“ eine Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart darstellt. Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk hatte in seinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ einem weit zurückreichenden, nun aber allgegenwärtigen und wirkmächtigen Phänomen nachgesonnen, das unsere modernen Gesellschaften wie ein geheimer Code, eine noch unentdeckte DNA durchdringt: die Bastardisierung. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – der Effekt, daß die Generationen nicht mehr durch Erfahrungs- und Erlebenskongruenz aneinander gebunden sind: die Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder, konkreter: sie erkennen sich selbst in ihren Kindern nicht mehr.

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Raptus

In Pontoppidans Roman „Das Reich der Toten“ gibt es eine kurze Szene, die leicht überlesen werden könnte. Jytte, eine der Hauptfiguren des Buches und zum Zeitpunkt schwanger, erlebt inmitten Kopenhagens, beim Überqueren einer Straße, auf der gerade schwere Pferdewagen vorüberrasseln, einen seltsamen Moment, eine Erschütterung wie aus dem Nichts. Weiterlesen

Das Reich der Toten

Es schmerzt immer ein wenig, wenn man die letzte Seite eines großen Romans umschlägt. Dann heißt es Abschied nehmen – umso betrüblicher, wenn die lieb gewordenen oder nahe gekommenen Helden zudem noch sterben. Aber daran erkennt man auch ein Meisterwerk: daß man sitzen bleibt, betroffen, grübelnd, für eine Weile herausgerissen aus dem Weltbetrieb, aus allem, was man noch machen müßte.

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Spiele der Macht – weiblich

Getrieben von abstrusen Phantasien, die sich um ein imaginäres Beziehungsdreieck drehen, und auf der bekannten Suche „nach sich selbst“, begibt sich Silvia, eine noch junge und doch schon erfahrene Frau (geschieden, verschiedene Studien, Zeit im Ausland…) in Margarets Dienste, die, gefeierter Kinostar, von ihr vor allem eines verlangt: „Sie gehorchen und bewegen sich nicht; Sie denken nicht, Sie verhalten sich ruhig, wenn Sie mit mir zusammen sind, und ich sehe und höre nichts von Ihnen“. Silvia akzeptiert die unzeitgemäßen Bedingungen, betrachtet sich dabei als im Selbstversuch befindlich und verfolgt einen Plan, der vereinfacht mit „Wer wird gewinnen“ benannt werden könnte.

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Wass – Schund oder Kunst?

Als wir vor vier Jahren in Ungarn ankamen, fragte ich überall, was man denn kennen, was man lesen müsse, um dieses Land zu begreifen. Dabei fiel immer wieder ein Name, der mir vollkommen unbekannt war. In meinem Regal gab es zwar eine bescheidene ungarische Sektion, aber sie bestand vornehmlich aus den üblichen Klassikern wie Márai, Kertész, Szerb und Szép, daneben ein paar Moderne wie Nádas und natürlich die üblichen realsozialistischen DDR-Bestände. Immerhin waren unter den DDR-Ausgaben auch Petőfi, Jókai, Móricz und Kosztolyáni, die bis heute als die bedeutendsten Ungarn gelten. Gelesen hatte ich nur Weniges und auch davon das meiste vergessen.

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Der Meister

Eine Erzählung

Der Meister – Erzählung PDF-Format

So erwies sich denn mein erster Gedanke als treffend. Ein Mensch, der beim letzten Pfiff des Schaffners den Waggon betritt, ist entweder unter die Kategorie der Schludrigen zu rechnen, denen es nie gelingt, rechtzeitig und in aller Ruhe einen Termin einzuhalten, oder aber, was weit seltener anzutreffen sein wird, es handelt sich um einen Perfektionisten, um mehr als einen bloßen Menschen, um einen Charakter, eine Persönlichkeit. Die Art, wie die Tür sich im Rücken des Mannes schloß, diese entschiedene Sicherheit, deutete bereits die Wahrscheinlichkeit der zweiten These an und auch der dezente Duft eines Eau de Cologne, einer Marke von ausgewählter Delikatesse, der augenblicklich, aber auf angenehme Weise die Luft des Abteils schwängerte, bestätigt diese frühe Empfindung. Spätestens jedoch, als ich ihn zu Gesicht bekam, waren alle Zweifel endgültig und für immer aus dem Weg geräumt. Dies hier war ein Mann von Welt, ein Gentleman, mehr noch: ein Artefakt des Vollkommenen. Augenblicklich zog er mich in seinen Bann.

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Was ist das Wirkliche?

Wir wollen dänische Freunde besuchen. Um meine Zunge wieder locker zu machen, ziehe ich am Morgen einen schmalen dänischen Roman aus dem Regal und lese ihn am Stück.

Und wenn man nicht darauf vorbereitet ist, dann kann einen so ein Büchlein fast erschlagen.

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Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Wenn von rechter Seite ein Verlust der Meinungsfreiheit in unserem Land beklagt wird, dann wird von linker Seite fast schon im Reflex geantwortet, daß das Unsinn sei, denn eigentlich könne doch jeder seine Meinung sagen, niemand komme dafür ins Gefängnis und es gebe auch die entsprechenden Organe, in denen selbst die krudesten Theorien vertreten werden dürften, und schließlich sei – das ist das ultimative Totschlagargument – die soeben vorgetragene Klage, daß es keine Meinungsfreiheit mehr gebe, durch sie selbst, durch die Klage, ad absurdum geführt, denn in einer Meinungsdiktatur wäre sie nicht möglich gewesen.

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Die alte Leidkultur

An Salvör hatte er ein furchtbares Unrecht getan, das nie wieder gutgemacht werden konnte. Dieses war etwas Unerhörtes in seiner Familie; all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr; dies hier war bestimmt, es mußte so sein. (Kristmann Gudmundsson: Morgen des Lebens)

Haldor war der charismatischen Salvör versprochen, eine Frau, zu der er aufblicken konnte. Aber dann lief ihm die kleine Maria über den Weg, die ihn anhimmelte und seine Lüste befriedigte. Als er sie zur Frau nimmt, weiß er, daß er nun ein Leben lang gegen die gekränkte Salvör wird kämpfen müssen und ihr irgendwann unterliegen wird.

Derart gestrickt sind die archetypischen Konstellationen der klassischen nordischen Literatur, die zu lesen noch immer lohnt, denn sie gibt uns Einblick in eine Seelenverfassung, die uns heute so fremd wie anziehend vorkommt. Der Isländer Kristmann Gudmundsson war neben Hamsun, dem Großmeister, Johan Falkberget, Gunnar Gunnarson, Olav Gulvaag und einigen anderen ein Virtuose darin.

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Das letzte Gefecht

 

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world …
William Butler Yeats

Vor vielen vielen Jahren las ich Stephen Kings „The Stand“ ein Endlosroman mit mehr als 1000 Seiten[1]. In erster Linie wollte ich mich gruseln und wurde bitter enttäuscht. Kings Fama eilte ihm voraus, King-Fans hatten mir von durchängsteten Nächten berichtet und ihre blutigen Fingernägel als Beweis angeführt. Schon beim Aufschlagen des Buches überlief mich ein kalter Schauer und nach jedem Umblättern erwartete ich den Herzinfarkt. Aber es geschah nichts und allmählich wurde mir klar, was für ein mittelmäßiger Schreiber der Gefeierte eigentlich ist. Das bestätigte sich bei zwei, drei späteren Lektüren: King hat kein Gefühl für Tempo und für Brüche, er ist der Vorreiter jener Und-dann-Autoren, die heutigentags die Regale vermüllen.

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Das andere der Kulturen

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

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