Was ist das Wirkliche?

Wir wollen dänische Freunde besuchen. Um meine Zunge wieder locker zu machen, ziehe ich am Morgen einen schmalen dänischen Roman aus dem Regal und lese ihn am Stück.

Und wenn man nicht darauf vorbereitet ist, dann kann einen so ein Büchlein fast erschlagen.

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Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Wenn von rechter Seite ein Verlust der Meinungsfreiheit in unserem Land beklagt wird, dann wird von linker Seite fast schon im Reflex geantwortet, daß das Unsinn sei, denn eigentlich könne doch jeder seine Meinung sagen, niemand komme dafür ins Gefängnis und es gebe auch die entsprechenden Organe, in denen selbst die krudesten Theorien vertreten werden dürften, und schließlich sei – das ist das ultimative Totschlagargument – die soeben vorgetragene Klage, daß es keine Meinungsfreiheit mehr gebe, durch sie selbst, durch die Klage, ad absurdum geführt, denn in einer Meinungsdiktatur wäre sie nicht möglich gewesen.

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Die alte Leidkultur

An Salvör hatte er ein furchtbares Unrecht getan, das nie wieder gutgemacht werden konnte. Dieses war etwas Unerhörtes in seiner Familie; all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr; dies hier war bestimmt, es mußte so sein. (Kristmann Gudmundsson: Morgen des Lebens)

Haldor war der charismatischen Salvör versprochen, eine Frau, zu der er aufblicken konnte. Aber dann lief ihm die kleine Maria über den Weg, die ihn anhimmelte und seine Lüste befriedigte. Als er sie zur Frau nimmt, weiß er, daß er nun ein Leben lang gegen die gekränkte Salvör wird kämpfen müssen und ihr irgendwann unterliegen wird.

Derart gestrickt sind die archetypischen Konstellationen der klassischen nordischen Literatur, die zu lesen noch immer lohnt, denn sie gibt uns Einblick in eine Seelenverfassung, die uns heute so fremd wie anziehend vorkommt. Der Isländer Kristmann Gudmundsson war neben Hamsun, dem Großmeister, Johan Falkberget, Gunnar Gunnarson, Olav Gulvaag und einigen anderen ein Virtuose darin.

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Das letzte Gefecht

 

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world …
William Butler Yeats

Vor vielen vielen Jahren las ich Stephen Kings „The Stand“ ein Endlosroman mit mehr als 1000 Seiten[1]. In erster Linie wollte ich mich gruseln und wurde bitter enttäuscht. Kings Fama eilte ihm voraus, King-Fans hatten mir von durchängsteten Nächten berichtet und ihre blutigen Fingernägel als Beweis angeführt. Schon beim Aufschlagen des Buches überlief mich ein kalter Schauer und nach jedem Umblättern erwartete ich den Herzinfarkt. Aber es geschah nichts und allmählich wurde mir klar, was für ein mittelmäßiger Schreiber der Gefeierte eigentlich ist. Das bestätigte sich bei zwei, drei späteren Lektüren: King hat kein Gefühl für Tempo und für Brüche, er ist der Vorreiter jener Und-dann-Autoren, die heutigentags die Regale vermüllen.

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Das andere der Kulturen

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

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Sorokins Eis-Trilogie

Der erste Band, „Bro“, lebt über die Geschichte, nicht über Stil und Konstruktion. Artistisch stellt er überraschend geringe Ansprüche; die geradlinige, einsträngige, in der ersten Person erzählte Handlung ist es, worauf es Sorokin ankam. (Kein Wunder, daß sein Held sich von Dostojewski lossagt). Von einem fast schon als modernen Klassiker betitelten Autoren, einem „Postmodernen“ zudem, erwartet man das nicht zwangsläufig.

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Prometheus des Sex

Auch nachdem Otto Mainzers Opus Magnum „Prometheus“ 1993 bei Rowohlt als Paperback erschien und nun endlich auf die verdiente Verbreitung hoffen konnte, scheint es noch immer nicht entdeckt worden zu sein, führt es noch immer ein ungerechtes Nischendasein. Das kann auch an seiner Brisanz liegen, die den Leser ganz unmittelbar anspricht, die aber vor allem nach gesellschaftlicher Veränderung schreit.

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Einsame Frauen

Vor Jahren schockierte mich eine Anwältin, deren beeindruckende Bücherwand ich befragte, mit dem Satz: „Wenn ich lese, will ich nicht nachdenken“. Ihre Sammlung bestand aus hunderten Krimis und Thrillern und sogenannten Bestsellern aller Art.

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Gombrowicz: Kosmos

Von allen geheimnisvollen Romanen Gombrowiczs ist „Kosmos“ wohl der dunkelste. Dabei scheint es zu Beginn deutliche Parallelen zu „Pornographie“ zu geben: der voyeuristische Ich-Erzähler, gepaart mit einem mysteriösen Gefährten, die Konfrontation mit jungen Menschen … man glaubt, der polnische Seelenalchimist wolle erneut die Feinunzen der menschlichen Psyche abwiegen und die geheimnisvollen Signale der verbalen und nonverbalen Kommunikation belauschen. Und das tut er auch, aber bald verschiebt sich der Schwerpunkt, ein gehängter Spatz taucht auf, ein aufgehängtes Hölzchen, die Dinge erscheinen plötzlich in Figuren, Zusammenstellungen, Konstellationen, neben- und hintereinander, zunehmend auch ineinander, sie verhalten sich wie Sterne in Sternbildern zueinander, sind im All irgendwie aufgehoben und konstituieren es.

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Gombrowicz: Pornographie

Woody Allen sagte mal, er hasse Pornographie, die Filme seien immer so schlecht belichtet.

Nur unter einem umgekehrten Belichtungsimperativ kann Gombrowiczs legendärer Roman als pornographisch bezeichnet werden, denn man muß lange im Gedächtnis suchen um ein derart unverschämtes Werk in Erinnerung zu rufen – man wird nicht fündig werden.

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Für Ferdydurkisten

Für Aficionados und Ferdydurkisten ein wichtiger Tag: am 25. Juli  1969 starb der große polnische Autor Witold Gombrowicz. Von wenigen gelesen, von vielen, die ihn lesen mußten, gehaßt, von ganz wenigen erkannt, gehört er zum Bedeutendsten, was europäische Literatur erschaffen hat. Der Todestag war Anlaß, einige seiner Hauptwerke erneut aus dem Regal zu ziehen.

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Verlockung

Im Kopf war meine Besprechung des voluminösen und spät wiederentdeckten Romans „Verlockung“ von János Székely nach 170 Seiten fast fertig. Ich wollte das fulminante Buch ob seines großartigen Zynismus an die Seite von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ stellen, ob seines göttlichen Witzes es mit Hašeks Schweijk“ vergleichen und ob seiner psychologischen Tiefe mit Italo Svevos „Zenos Gewissen“ und seinen kindlichen Protagonisten einen Oskar Matzerat nennen. Später kam noch Döblins „Berlin Alexanderplatz“ hinzu und so manch anderer Klassiker der Weltliteratur.

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15. März in Ungarn

Sándor Petőfi und das Nationallied

Er war der erste, der in den einfachen Menschen das Bewußtsein weckte, was es eigentlich bedeute, ein Volk zu sein. Was das Wort „Heimat“ bedeute. Und damit verbunden, das Wort „Freiheit“. Denn er konnte beide nicht voneinander trennen.  László F. Földényi

Schon Tage zuvor tauchen sie auf, die Nationalkokarden in den ungarischen Landesfarben. Zuerst auf den Märkten, dann in den Auslagen und Schaufenstern und schließlich an den Revers, Schals und Kragen der Menschen. Bald ist der 15. März, der Nationalfeiertag.

Ungarn hat mehrere davon, doch die Erinnerung an die Revolution von 1848 sitzt am tiefsten, auch wenn sie von allen Regimes und Regierungen immer wieder instrumentalisiert und umgedeutet wurde. Eine Umfrage Ende der 90er Jahre sah den 15. März mit mehr als 50% Zustimmung weit in Front, immerhin wollten viele noch den 20. August, den Sankt-Stephans-Tag als bedeutsamstes Ereignis sehen, aber nur 4% werteten den 23. Oktober hoch, der Tag, an dem 1956 der Ungarische Aufstand losbrach[1].

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Hotel Amerika

Es gibt in Plauen eine Bücher-Telefonzelle. Man stellt ein Buch hinein und nimmt sich eines heraus – im Idealfall. Funktioniert seit drei Jahren recht ordentlich. Deswegen gehe ich nie ohne ein, zwei ausrangierte Schwarten in die Stadt. Man fischt dort keine Edelsteine heraus, aber da es praktisch nichts kostet und für mich nur Recycling ist, kann man mal etwas mitnehmen, was man sonst nicht kaufen würde, mal was probieren.

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Der Großmeister der Melancholie

Heute vor 30 Jahren starb – von eigener Hand – der große ungarische und europäische Autor, der Großmeister der Melancholie, Sándor Márai im Alter von 88 Jahren. Neben seinen zahlreichen Romanen schuf er als einer der wenigen ein umfängliches Tagebuch von bleibendem künstlerischen und historischen Rang. Ihm verdanken viele Leser unvergeßliche Stunden.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im gigantischen Großwörterbuch, dem Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

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Die Satanischen Verse

Vielleicht sehen sie auch, daß die Kontroverse um die Satanischen Verse im Grunde ein Streit um die Frage war, wer die Macht über die große Erzählung, die Geschichte des Islams, ausüben soll, und um die Meinung, daß diese Macht allen Gläubigen gleichermaßen zusteht. (Salman Rushdie)
Romanfiguren werden geschaffen, damit sie auf eigene Rechnung leben. (Umberto Eco)

Vor 30 Jahren wurde die Fatwa gegen Salman Rushdie, den Verfasser des bedeutenden Buches „Die Satanischen Verse“, verhängt.

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