Déjà-vu in Dresden

Ich mache mir Sorgen! Um meine Gesundheit. Im „Focus“ muß ich hören, daß Dauer-déjà-vus Symptom ernsthafter psychischer Krankheiten sein können.

Zugegeben, wenn der Angstgenerator „Focus“ die Wahrheit sagte, dann müßte ich schon lange an zerfressener Leber, Bluthochdruck, Diabetes 1, 2 und 3, Alzheimer, Demenz und Parkinson im Gesamtpaket, Haarausfall und 27 Krebsarten – außer Prostata natürlich! – zugrunde gegangen sein.

Trotzdem, mein Dauer-déjà-vu beunruhigt mich und das hat einen Grund. Mir ist nicht nur, als ob ich Dinge schon einmal erlebt habe, ich habe sie tatsächlich erlebt. Alles ist dokumentiert, gefilmt, aufgeschrieben und ausgewertet – es ist passiert. Und nun passiert es wieder – sagt mir mein Gefühl. Wenn Marx Recht haben sollte, dann allerdings nur als Farce[1] und das ist, angesichts der Lächerlichkeit der politischen Protagonisten, auch der wahrscheinlichste Ausgang.

Das déjà-vu beschlich mich, als ich die Diskussion zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein über „Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit“ sah – darüber sowie die klägliche Reaktion des Suhrkamp-Verlages[2] wurde hier und hier und teilweise hier schon genügend gesprochen – und die Reaktion der Staatspresse (der Begriff erklärt sich sogleich) bewegt sich im üblichen Diffamierungsraum.

Das déjà-vu überkam mich auch, als ich diese lebhafte Diskussion in Cottbus sah:

Und schon als Yascha Mounk ungebremst und unwidersprochen vom „gesellschaftlichen Experiment“ (eigentlich eine Banalität) sprach oder Jörg Sartor von der Essener Tafel ein Tabu nach dem anderen brach …, auch da überkam mich schon das seltsame déjà-vu.

Nicht, was diese Leute sagen – mehr oder weniger überzeugend und eloquent – ruft die Wiedererinnerung wach, sondern daß es gesendet wird, ungekürzt, unkommentiert, ungeschminkt. Und daß selbst ein Kubitschek, also der Erzfeind, der Teufel, der „Nazi in Nadelstreifen“ – na gut, das war übertrieben, Kubitschek trägt keine Nadelstreifen –, in dieser Runde aufsteht und seine Meinung in aller Ruhe ausspricht, wohl argumentierend, frei zu Wort kommt und niemand sich dagegen empört, weder die Veranstaltungsleitung – eine Tante von der „Linken“! – noch die schwer überforderte Kommentatorin, die nur durch penetrante „Berichtigung“ auffiel und die beide durch Unterlassung nun theoretisch pranger- und zwingertauglich sind, und daß der MDR und der RBB – beide wohl nicht zufällig ostdeutsche Sendeanstalten, wenn auch der ARD untergeordnet – alles senden, das erinnert zu sehr an die letzten Tage der DDR.[3]

Auch damals gab es plötzlich seltsame Texte zu lesen, deren Schockwirkung gar nicht mal immer ihre Inhalte waren, wohl aber, daß man sie lesen konnte. Bislang hatte kaum ein Mensch in diesen Kategorien gedacht und wenn, dann unter der Hand oder in den Witz gekleidet. Und nun sah man es gedruckt oder vor der Kamera und daß der Redakteur es dann brachte und nicht schnitt oder zensierte, das war der Schock.

Das waren nicht die Helden. Helden waren diejenigen, die die Wahrheit (oder den Nonsens) tapfer aussprachen. Die, die es weiterreichten, dürften meist Konformisten gewesen sein, aber mit einem gewissen Gespür für die Situation. Sie spürten: da dreht sich was. Das kannst du nicht mehr unterdrücken … und wenn du es tust und sich wirklich was dreht, dann hat man auch dich am Arsch.

Wir nahmen diese Botschaft hinter der Botschaft anfangs mit Erschrecken auf und auch mit Angst. Was wird werden? Nach und nach mischte sich Hoffnung bei. Und wohl auch Euphorie: Es tut sich was! So bleibt es nicht!

So geht es mir nun wieder. Ich teile nicht nur Tellkamps Angst um unser Land und die Migration und all das (auch wenn er nicht immer auf der Höhe der Diskussion argumentiert, wohl auch zu aufgeregt war[4]aber diese Aufregung, die gehört zum déjà-vu dazu: plötzlich riskieren Leute wieder ihre Existenz und setzen alles auf eine Karte!), ich spüre auch, wie damals, diese Angst des Ungewissen, der Unruhe, die man spürt, wenn man meint, ein historischer Moment stünde bevor, der Fall einer Mauer, das Ende des Bisherigen.

Aber was soll in diesem Lande schon passieren? Wo sind die Charaktere, die man bräuchte? Es kann nur zur Farce geraten.

[1] Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. (“Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte”)
[2] Auch Sloterdijk ist Autor des Verlages und Freund von Frau Berkéwicz – man darf gespannt sein, ob er sich zum Fall äußert – immerhin geht es auch um seine Existenz und als Opfer mehrerer Skandalisierungen weiß er um die Befindlichkeiten (das ist eine Wette).
[3] Natürlich gibt es auch aufmerksame Diskurswächter, wie in der DDR – sie wurden danach Versicherungsfachmänner, Nachtwächter oder Parteivorsitzende.
[4] Grünbein, der sich zwar windet wie ein Aal und sicher auch an die Grenzen seiner Sprache – das muß man erst mal schaffen – kam, argumentiert zeitweise überzeugender … in irriger Angelegenheit.

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