Denkanstöße – Sloterdijk IV

Alle Geschichte ist die Geschichte von Immunsystemkämpfen. Sie ist mit der Geschichte des Protektionismus und der Externalisierung identisch. Die Protektion bezieht sich immer auf ein lokales Selbst, die Externalisierung auf eine anonyme Umwelt, für die niemand Verantwortung übernimmt. Diese Geschichte umspannt die Periode der Humanevolution, in der die Sorge des Eigenen nur mit der Niederlage des Fremden zu bezahlen waren. In ihr dominierten die heiligen Egoismen der Nationen und Unternehmen. Weil aber die „Weltgesellschaft“ den Limes erreicht und die Erde mitsamt ihren fragilen und atmosphärischen und biosphärischen Systemen ein für alle Mal als den begrenzten gemeinsamen Schauplatz menschlicher Operationen dargestellt hat, stößt die Praxis der Externalisierung auf eine absolute Grenze. Von da an wird ein Protektionismus des Ganzen zum Gebot der immunitären Vernunft. Die globale immunitäre Vernunft liegt um eine ganze Stufe höher als all das, was ihre Antizipationen im philosophischen Idealismus und im religiösen Monotheismus zu erreichen vermochten. Aus diesem Grund ist die Allgemeine Immunologie die legitime Nachfolgerin der Metaphysik und die reale Theorie der „Religionen“. Sie verlangt, über sämtliche bisherigen Unterscheidungen von Eigenem und Fremden hinauszugehen. Damit brechen die klassischen Unterscheidungen von Freund und Feind zusammen. Wer auf der Linie bisheriger Trennungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden weitermacht, produziert Immunverluste nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst.

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Das Prinzip Ei

Wir waren zuletzt durch Peter Sloterdijk mit der These konfrontiert worden, daß die Menschheit lernbehindert sei, bedauerlicherweise auch nach Katastrophenerfahrungen, dann also, wenn das Individuum, das „gebrannte Kind“ zumindest einfachere Schlüsse ziehen kann. Die Menschheit, so Sloterdijk, sei deswegen lernbehindert, weil sie kein Subjekt sei, „sondern ein Aggregat“, die „kein Ich hat, keine intellektuelle Kohärenz, kein zuverlässiges Wachheitsorgan, keine lernfähige Reflexivität, kein identitätsstiftendes gemeinsames Gedächtnis. Darum kann die Menschheit nicht klüger sein, als ein einzelner Mensch – ja, sie kann als ganze nicht einmal so klug werden wie ein Individuum, das am eigenen Leib gelernt hat.“

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Denkanstöße – Sloterdijk II

Meine These ist: die Alternativen von heute sind die Kinder der Katastrophe. Was sie von älteren Protestierern unterscheidet und sie als erste Kandidaten für eine Kultur der Panik empfiehlt, ist die neuartige Stellung ihres Bewußtseins zur Realität von lokalen und globalen Katastrophen. Die heutigen Alternativen sind in geschichtlicher Perspektive die ersten, die ein nicht-hysterisches Verhältnis zur denkbaren Apokalypse entwickeln.

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Die Mutti aller Dammbrüche

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die eine Hälfte Deutschlands – jene, die die politische und mediale Macht vereint –, den Mord an 10 Menschen in Hanau mit der AfD verbinden würde. Es hat kaum 12 Stunden gedauert – der Schock war noch nicht verflogen, die Trauer nicht bewältigt –, da fiel zum ersten Mal das Wort und scheinbar alle Vertreter besagter Hälfte nahmen es auf und verbreiten es nun mit skandalöser Selbstverständlichkeit. In einer Blitzradikalisierung überbietet man sich seither mit Appellen, die von direkter Verantwortung über Ächtung bis hin zu Überwachungsforderungen und Verbot reichen. Die Tat von Hanau ist bereits vor ihrer Aufklärung zum Mythos geworden und wird als solcher die kommende Geschichte des Landes beeinflussen.

Dabei müßten einige wesentliche Fragen erst geklärt werden.

Zum Beispiel, ob es ein Amoklauf oder Terror war. Daran hängt fast alles, denn die Tat eines Wahnsinnigen wäre nicht verallgemeinerbar und entzöge sich damit der Möglichkeit der  Instrumentalisierung. Die Frage ist aber durchaus nicht einfach zu beantworten, denn die schreckliche Tat fand offensichtlich in einem Übergangsbereich statt – was uns zeigt, daß wir nur mit Sprache agieren können und den intrinsischen Aporien der Sprache ständig aufsitzen. Die Benennung nicht-materialer Phänomene stellt Denken und Sprache vor unlösbare Schwierigkeiten, die nur solange zu übertünchen sind, wie es einen „Konsens“ über die Bedeutung der abstrakten Begriffe gibt. Dieser ist aber nur in eher homogenen Gesellschaften zu haben – je ausdifferenzierter Kommunen sind, desto weniger werden sie sich auf Begrifflichkeiten einigen. Die Tür zur multiperspektivischen Wahrnehmung identischer Geschehnisse ist längst geöffnet – das war eine Befreiung, aber es gibt eben nichts ohne seinen Preis.

Wenn man „Terror“ als „Schreckensbotschaft“ übersetzt – was auch heute noch Konsens sein sollte und sich auch mit der Etymologie deckt –, dann trägt diese Tat eindeutig terroristischen Charakter, denn es war, soweit man erfährt, das Ziel des Täters, Schrecken als Botschaft zu verbreiten. Er machte sich sogar die Mühe, diese aufzuschreiben.

Allerdings – und das macht es kompliziert –, benötigt Terror einen netzwerkartigen historischen Hintergrund: er muß in einer rationalen Kontinuität stehen. Wahnsinn zerschneidet jegliche rationale Herleitung.

Nun litt der Mann, wie wir wissen, schon seit Jahrzehnten – also bereits vor der Existenz der AfD und vor der Migrationskrise und vor dem dramatischen sozialen Zerfall unseres Landes … – an abstrusen Wahnvorstellungen. Diese äußerten sich auch in sogenannten „rassistischen“ Überzeugungen. Er führte ein Leben gegen – gegen alle möglichen Kräfte und Mächte, glaubte sich verfolgt und überwacht, scheint schizophren gewesen zu sein – „Schizophrenie“ ist übrigens auch so ein abstrakter Begriff, der einen Konsens voraussetzt. Es stellt sich also die Frage, ob sein „Rassismus“ wahn- oder ideologiegeneriert war. Vermutlich läßt sich auch diese Frage nicht eindeutig beantworten. Weder ist es sinnvoll, wie die linke und also die gesamte Presse es tut – daran erkennt man den Filz: das ist eine wichtige Lehre aus der Sache! –, das Amok- und Wahnsinnselement zu eliminieren, noch dient es der Wahrheit – wie es einige Stimmen auf rechter Seite versuchen – die Tat als reine Wahnsinnstat zu beschreiben und alle Zusammenhänge zu leugnen.

Denn die Zusammenhänge sind da und sie betreffen auch die AfD – nur darf man dort nicht stehen bleiben.

Es ist meines Erachtens kaum zu leugnen, daß die Partei noch immer ein Sammelbecken für Mißverständnisse ist und sich auch nach wie vor dafür bereithält. Sie zieht Imaginationen an, ohne immer deutlich zu machen, ob diese berechtigt sind oder nicht, sie läßt noch immer regelmäßig Vertreter an Mikrophone treten oder hinter Tastaturen sitzen, die ihrer Aufgabe geistig oder moralisch nicht gewachsen sind. Der Großteil davon fällt in den Topf „Meinungsvielfalt“, aber ein kleiner Teil geht darüber hinaus.

Auch hier handelt es sich um Konsensfragen. Die Partei muß sich fragen, wie weit der Konsens gehen kann. Das ist eine sehr heikle Frage, aber sie muß beantwortet werden. Andernfalls werden Konsensvokabeln wie „Antisemitismus“, „Rassismus“ oder „Extremismus“ nicht von ihr, sondern von ihren politischen Gegnern definiert und ihre gesamte Existenz und Existenzberechtigung von diesen in Frage gestellt werden – die Partei verschwendet dann ihre Kraft damit, diese Interpretationen abzuwehren und wird nie zur eigentlichen politischen Arbeit vordringen.

Man wird nie dazu in der Lage sein, vernünftig über die Politik Israels zu reden, solange man genuinen Antisemitismus in den Reihen hat, man wird nie Filz und Machenschaften bekämpfen können, solange sich Verschwörungstheoretiker angezogen fühlen, man wird die Migrationsfrage nie adäquat behandeln können, solange rassistisch argumentiert werden kann usw. und man wird auch kaum über die paar Prozent Wählerstimmen hinauskommen, die sich aus jenen generieren, die nur eines gemeinsam haben: dagegen zu sein.

An dieser Weiche – die Exkurse sind leider notwendig – stellen sich zwei Fragen:

Es gibt innerhalb der Rechten eine starke Fraktion, die bereits die Akzeptanz solcher Begriffe wie „Rassismus“ ablehnt, weil diese die Sprache des politischen Gegners seien und man schon durch ihre Anerkennung politisch bereits verloren hätte. Das ist ein valides Argument, für das es keine Lösung gibt, außer die oben und unten angedeuteten. Die Beschreibung ist durchaus korrekt, aber ändern läßt es sich nicht, sofern man am gesellschaftlichen Diskurs, der die Grenzen der eigenen Blase überschreitet, teilnehmen möchte. Zwar bin ich zu der Ansicht gelangt, daß es viele Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache im Ungarischen nicht gibt, dennoch werde ich nicht damit beginnen, diese meinen deutschen Lesern auf Ungarisch vorzutragen.

Die Partei muß zudem klären, wer und was sie sein will. Will sie jemals bundesweit politikfähig werden, dann wird man sich – solange das vorpolitische Feld sich so darstellt, wie es momentan ist – von diesen Rändern trennen müssen, dann muß man das Imaginationsangebot radikal verringern. Der zu zahlende Preis dafür wäre mangelnde Eindeutigkeit, aber in der Demokratie westeuropäischer Prägung ist Eindeutigkeit, ist Klarheit, Entschiedenheit, Prinzipienfestigkeit keine gewinnbringende Kategorie mehr.

Will die AfD hingegen der Stachel im Fleische bleiben und nicht mehr, will sie also außerpolitisch wirken, als Protest an sich, als „Zornbank“ (Sloterdijk), dann sollte sie ein Kredit-, ein Vielfältigkeitsangebot an alle Unverstandenen bereitstellen, wohl wissend, daß man nie mehr als eine Quassel- und Schreibude sein wird, die vom Gros der Gesellschaft gemieden und bekämpft wird und die zwangsläufig an den inneren Widersprüchen zerbersten müßte, wollte man eine politiktaugliche gemeinsame Strategie entwerfen. Ein Mischmasch wird langfristig scheitern.

Die Entscheidung ist auch deswegen essentiell, weil es ohne sie nie gelingen wird, auch begründbare Erklärungsversuche – wie etwa den des sogenannten „Bevölkerungsaustausches“ – in die öffentliche Diskussion einzubringen, denn solange Chaoten wie der Hanauer Mörder oder Verbrecher wie der Christchurcher Killer sie in den Mund nehmen, werden sie diskreditierbar bleiben.

In letzterem Falle (Dorn im Fleische) muß man auch die Mitverantwortung für Teile der realen Gewalt tragen können, die dieses Land in den letzten Jahren erschüttert hat und noch weiter erschüttern wird. Denn es ist durchaus denkbar, daß diese gewaltbereiten Typen sich auch durch die Existenz einer zwitterhaften Partei, von der sie annehmen dürften, daß sie auch ihre abstrusen Interessen vertrete, ermuntert fühlen, in der sich zudem selbst übermäßig viel und sehr konträrer Zorn angesammelt hat. Daß die Täter dabei katastrophale Denkfehler begehen, sei dahingestellt: man muß in der Politik auch mit der Dummheit der Menschen rechnen, zumindest solange man keine linke, also ideologie- und utopiegetriebene Politik machen möchte: dann darf man sich ein Menschenbild basteln.

Nur darf man aber nicht den Fehler begehen, Taten wie die von Hanau auf nur eine Ursache zurückzuführen. Diese haben eine extrem komplexe Vorgeschichte – die Reduzierung dieser auf einen einzigen Schuldigen schafft die Bedingungen für kommende Taten. Vor allem muß man natürlich ursächlich denken. Auch Ursachen haben Ursachen. Diese zurück zu verfolgen ist nun keine – wie oft unterstellt wird – Rückführung auf den Urschleim, denn es gibt zentrale und weniger zentrale Ursachen, es gibt Ursachenknoten.

Und der maßgebliche Ursachenknoten der heutigen Spaltung der deutschen Gesellschaft ist – wie mir scheint – sehr leicht auszumachen: man findet ihn im Herbst 2015. Die Öffnung der Grenze durch einen selbstherrlichen Entscheidungsakt der Bundeskanzlerin und die spätere Beibehaltung dieser Praxis, ihre Rechtfertigung … stellt die größte mentalpolitische Zäsur der deutschen Geschichte seit (wohl) 1945 dar. Sie ist die Mutter aller Dammbrüche. Ohne sie wäre auch die AfD nicht das, was sie heute ist. Sie wäre vielleicht noch immer eine kleine Lucke-Partei, die den EU-Moloch mit aufmüpfigen Reden bekämpft. Ohne diese fatale Entscheidung wäre die gesamte europäische Politik wohl anders verlaufen. Und natürlich ist auch diese realpolitische Entscheidung – wenn man tiefer graben will – nur vor dem Hintergrund einer sich seit langem im politisch-medialen Establishment durchsetzenden alternativlosen Multikulti-Ideologie, die aber von weiten Teilen der Bevölkerung nicht getragen wird, zu verstehen …

Diese Zäsur hat Kräfte frei gesetzt, die nun nicht mehr zu bändigen sind. Es gab Stimmen – ich darf die meine bescheiden dazu zählen – die Szenarien wie das von Hanau bereits im Schicksalsjahr angekündigt hatten, wenn es keine schnelle Kehrtwende gäbe. Jeder konnte die Spannung, die Panik, die Angst, den Schrecken, aber auch die Begeisterung und Euphorie auf den Straßen und in den Medien spüren und es konnte jedem klar denkenden Menschen bewußt sein, daß dieses glühende Magma an extrem diversen Emotionen zu verschiedenartigen Ausbrüchen führen mußte. Die AfD hat sich hier sogar als Energieableiter, als Katalysator, als Container verdient gemacht, denn sie hat einen Großteil der widerständigen und verzweifelten Energie gebunden. Ohne sie wären wir dem molekularen Bürgerkrieg vermutlich deutlich näher.

Öffentlich wurde dieses Magma aber mehr und mehr unterdrückt, seine Existenz verteufelt, seine Sichtbarkeit minimiert. Ein großer Teil der Menschen fand sich nicht mehr repräsentiert in der Öffentlichkeit und zog sich zurück. Es entstanden – dank „sozialer Medien“ – eigene Informations- und Emotionsnetzwerke, die sich wiederum zum Teil nach eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelten und nicht selten ins Abstruse. Daß wir heute ein Problem mit Verschwörungstheorien haben, mit zunehmendem Antisemitismus, mit Reichsbürgern und was dergleichen alles existiert, liegt maßgeblich an der öffentlichen Unterdrückung dieser enormen mentalen Kräfte, die sich im Zuge der Migrationskrise, der tatsächlichen Zuwanderung in der derzeitigen Dimension – deren gesellschaftszerstörerische Kraft weitflächig geahnt wird – gebildet haben.

Schuld an einem Massaker wie dem in Hanau sind viele und vieles, aber die größte Wurzel des Übels – in einem rhizomartigen und noch immer wachsenden Geflecht – ist die Entscheidung jener Frau, die heute vom „Gift des Hasses“ spricht, ein Gift – unter vielen –, das sie selbst – selbstverständlich nur indirekt – produziert hat und mit derartigen Äußerungen weiter produziert.

Man mag ihr vielleicht entschuldigend zugutehalten, daß sie diese Zusammenhänge nicht versteht und nicht verstehen kann. Das freilich wäre der stärkste Grund, sie endlich zu ersetzen und das Unrecht aufzuarbeiten.

Blumen für Habermas

Frage: Habermas sucht die gesellschaftspsychologische Ebene erst gar nicht, sondern sagt: Entzieht doch diese Dinge dem Nationalstaat. Wir brauchen neue europäische Institutionen. Er betätigt sich als Neukonstrukteur einer zusätzlichen überstaatlichen Ebene, die unsere Probleme in diesem eher auch vordemokratischen Raum mit neuen Institutionen lösen soll. Er baut sich da ein neues Europa. Was halten Sie davon?

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Habermas: Autoritäre Persönlichkeit

Zum 90. Geburtstag

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik, eines „deutschen Voltaire“, näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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Nachdenken über Seifenblasen

Auf dem Pécser Széchenyi Tér vor der einstigen Moschee, dem sehenswerten Dzsámi, wie die Ungarn sagen, steht ein Straßenkünstler und formt riesige Seifenblasen. Sie fliegen – man kann das an der Ausrichtung des Gotteshauses kontrollieren – Richtung Mekka. Eine kleine Schar Kinder hat sich eingefunden und hascht nach den Blasen, bringt sie zum Platzen.

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Den Terror sehen

Begriff und Konzept des Terrors werden – wie so viele Kategorien – in unseren Medien inflationär gebraucht.

Umso verwunderlicher ist es, daß dort, wo nach allen Definitionskünsten der Welt reiner Terror vorliegt, man auf den Begriff verzichtet. Das Attentat auf den Bundestagsabgeordneten und Bremer Parteivorsitzenden der AfD erfüllt – sofern politisch motiviert – nun alle Kriterien des Terrors.

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Reisenotizen: Berlin

Übernachte als Begleiter einer ungarischen Reisegruppe in einem großen Hostel. Hier sieht man die Zukunft. Eine dänische Klasse, eine deutsche aus Friedrichshafen, eine andere aus dem Ruhrgebiet … alle in allen Hautfarben der Welt. Ein paar neudeutsche Halbstarke mit Schalke-Beutel und pakistanischer Flagge auf dem Shirt, sprechen wohl Farsi, während der deutsche Lehrer einweist. Mehrere Mädchen im Kopftuch und Kaftan.

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Walser, Habermas, Höcke

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Vor 20 Jahren hielt Martin Walser seine legendäre Rede in der Frankfurter Paulskirche, deren Worte die deutsche Zivilgesellschaft bis heute ebenso erschüttern, wie die darin aufgezeigten und zu Bewußtsein gebrachten deutschen Idiosynkrasien. Stella Hindemith, eine Kulturwissenschaftlerin mit jüdischen Großeltern, hat dazu soeben einen aufschlußreichen und maßgebenden Artikel veröffentlicht, der den geistigen Zustand der „Eliten“ auf wunderbare Weise selbstkarikiert: „Im Umgang mit der deutschen Nazivergangenheit markierte Martin Walsers Rede in der Paulskirche eine Wende: Vor 20 Jahren verschob er die Grenzen des Sagbaren nach rechts.“

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Was ist Geschichte?

Ich prophezeie der Philosophie eine andere Vergangenheit. (Peter Sloterdijk)[1]

Wenn es einen gefährlicheren Job als den des Philosophen gibt – „Der Philosoph ist nicht Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche“[2] – dann ist es der des Historikers.

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Déjà-vu in Dresden

Ich mache mir Sorgen! Um meine Gesundheit. Im „Focus“ muß ich hören, daß Dauer-déjà-vus Symptom ernsthafter psychischer Krankheiten sein können.

Zugegeben, wenn der Angstgenerator „Focus“ die Wahrheit sagte, dann müßte ich schon lange an zerfressener Leber, Bluthochdruck, Diabetes 1, 2 und 3, Alzheimer, Demenz und Parkinson im Gesamtpaket, Haarausfall und 27 Krebsarten – außer Prostata natürlich! – zugrunde gegangen sein.

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Warum das Ende naht

Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.
Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

Seit Jahrzehnten gehörte in ein gutes allumfassendes Schachbuch die Computerrubrik, und die wiederum konnte es sich offensichtlich nicht leisten, ohne Prognose auszukommen: Wann würde der Computer endgültig den Menschen – gemeint sind natürlich immer nur die besten der Spezies – hinter sich lassen. Gesucht wurde der Zeitpunkt, an dem auch die hervorragendsten Geister keinerlei Chance mehr haben werden, so als würde Max Mayer tausend Mal gegen Magnus Carlsen antreten und tausend Mal verlieren.

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Pop Poppen Popper

Was existiert, sind ungenaue Wörter, außerstande, etwas genau zu bezeich­nen. Schaffen wir außergewöhnliche Wörter – unter der Bedingung, von diesen­ den al­lerge­wöhn­lichsten Gebrauch zu machen, und die Entität, die sie be­zeich­nen, nicht minder exi­stent werden zu lassen wie den ge­wöhnlichen Gegen­stand. Gilles Deleuze

Wenn man eine ausführliche Antwort schuldet und sie im Moment nicht geben kann, dann rettet oft ein Witz. Mit dem schnell hingeworfenen Wort, „daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt“, wurde ein Faß aufgemacht, das ich jetzt nicht leeren kann. Aber ein alter Text fällt mir dazu ein – und Popper findet darin nur ein Mal Erwähnung –, den ich hier etwas verschämt einwerfe.

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Moderne Schauprozesse

Dieselbe Zeitgeistgemeinde, die in Verzückung gerät, sobald von kultureller Vielfalt die Rede ist, will wenig davon wissen, wenn Anderssein ihr Sosein irritiert. Im Herzen des Multikulturalismus wohnt ein kryptoimperialer Homogenisierungsdrang. (Wolfgang Engler)

Die #metoo–Kampagne und der Beschluß Schwedens, den Vergewaltigungsbegriff neu zu definieren – die beide zusammenhängen –, haben uns ausreichend mit Beispielen der Machtübernahme der Politischen Korrektheit versorgt. Die macht auch vor Prominenten nicht halt – im Gegenteil, sie sind zugleich Hauptakteure und Opfer der neuen Diktatur.

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Zorn und Thymos

„Zorn ist der Regent der Welt“
(Luther)

In der reflektierenden Rückschau auf Kirks Jesus-Roman wird sich dem Leser die hochaktuelle Frage nach dem Zorn stellen, der so prominent wie geheimnisvoll als Titel über dem Buche prangt. Welcher Zorn? Wessen Zorn? Wer ist hier der Vater, wer der Sohn?

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So geht Heidegger!

Ganz prinzipiell meine ich nämlich, daß man nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar die Pflicht hat, zu den Gedanken eines Denkers Stellung zu nehmen, ohne Rücksicht auf den spezifisch persönlichen Hintergrund seiner Gedanken. (K.E. Løgstrup)
Hier erkennt man die gegenwärtige Tendenz, damalige Denker nazistischer zu machen, als sie waren. Je weiter man sich von dieser Zeit entfernt, desto nazistischer scheinen sie zu werden. (Hans Hauge)

Man mache den Test: Man erwähne den Namen Heidegger im Gespräch mit einem Nicht-Heideggerianer und man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich zu Beginn das Zauberwort „Nazi“ zu hören bekommen. Und meist ist das Thema damit beendet.

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Der Clash zweier Denkstile

„… die Entideologisierung … hat den symbolischen Wert der Kultur insgesamt und des philosophischen Diskurses sehr massiv nach unten gedrückt, weil sie praktisch nur noch die Bedeutung von Waren haben … Sie haben keine grundlegende Relevanz, weil sich die Fundamente der Gesellschaft nicht mehr auf einem Diskurs gründen.“ (Boris Groys)
„Es muß darum gehen, diese mysteriöse Tendenz der menschlichen Seele, sich zu opfern, einzubinden in moralische Prinzipien, die uns erlauben, zu unterscheiden, was ein legitimes Opfer ist und was ein illegitimes Opfer ist. Und dafür brauchen wir praktische Vernunft.“ (Vittorio Hösle)

Aus der akademischen Ecke kommt, wenn es um Sloterdijk geht – vom Karlsruher Kreis abgesehen – fast nur Schweigen oder Häme. Da werden dann auch Ersatzduelle interessant. Eines fand vor 10 Jahren zwischen Boris Groys, wohl einem Sloterdijk geistig nahestehenden Philosophen, den Sloterdijk selbst auch häufig diskutiert und zitiert, und dem einstigen Shootingstar der traditionellen deutschen Philosophieszene, Vittorio Hösle, statt. Daraus ist ein kleines Buch entstanden: „Die Vernunft an die Macht“. Da ich beide Autoren in ihrer Entwicklung verfolgte, entstand eine kleine Rezension des lang erhofften Dialogs:

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