Sinnvoller Widerstand

Seid klug wie Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. (Mt 10,16)

Als 1956 die Rote Armee in Budapest eindrang, um den ungarischen Volksaufstand mit ihren Panzern niederzuwalzen, da gab es für viele Ungarn kein Zögern mehr: sie griffen zur Waffe und leisteten Widerstand, ganz gleich, welcher politischen Orientierung sie angehörten. Imre Nagy etwa war Kommunist und riskierte dennoch sein Leben. Solche klaren Linien gibt es in der Geschichte freilich nicht oft – Situationen, die das richtige Handeln zweifelsfrei definieren. Wer sich am Widerstand nicht beteiligt, ist ein Schuft oder Feigling.

In unserer demokratischsten aller Welten verschwimmen die Grenzen zusehends und werden schwammig weich. Widerstand erweist sich oft als sinnlos, zumindest aber erfolglos. Jeglicher Protest wird aufgesogen, versinkt scheinbar effektlos im Gesellschaftsgewebe – trotz langer Denkarbeit hat bisher noch kaum jemand eine Protestmethode entdeckt, die wirklich etwas bewirkt. Es wäre schon ein Erfolg, wenn es eine gäbe, die das Gespinst letztlich nicht noch füttert!

Die Corona-Lage bringt diese Art des Konflikts auf eine neue Stufe.

Verzweifelt gehen Bürger spazieren, weil ihnen schon gar nichts anderes mehr bleibt, aber die Öffentlichkeit nimmt sie als Spinner und Schwurbler wahr – wenn sie Glück haben – oder als Demokratiefeinde und Rechtsextreme. Viele haben dafür bereits einen Preis bezahlt: den Schwitzkasten eines Polizisten, die Aufnahme der persönlichen Daten und damit oft der erstmalige Eingang in den großen Computer oder gar Gerichtsverfahren mit Aburteilungen und Geldstrafen. Die Spaziergänger sehen sich in der Mehrzahl selbst als Verteidiger der Demokratie, Politik und Medien machen aus ihnen das Gegenteil – die Wut ist verständlicherweise enorm, oder die Ohnmacht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einem die Sicherung durchbrennt. Anderseits wird die Resignation übermächtig.

Immer mehr Menschen stehen also vor der Frage: Wo ist Widerstand sinnvoll?

Ellen Kositza stellte diese Frage indirekt auf Twitter:

Bettina Gruber ist eine der klügsten Autorinnen des Milieus, von ihr hört man nie Unbedachtes. Nun ist sie auf Twitter gesperrt, weil sie eine Meinung zur Situation an der polnisch-weißrussischen Grenze geäußert hat. Ich kenne die Äußerung nicht, aber das ist auch egal. Das Sperren ist in jedem Fall ein Skandal, auch wenn es mittlerweile Alltag ist und Zehntausende betrifft.

Twitter fordert nun die Rücknahme des Tweets, dann würde man sie wieder freischalten. Ein kleiner Akt des Opportunismus wird verlangt und es kann weitergehen. Aber Bettina Gruber weigert sich, geht „in den Widerstand“ und will die Angelegenheit eventuell juristisch klären. So wird aus der Petitesse ein großer Akt, der viel Aufmerksamkeit, Energie und Geld verschlingen, auch eine juristische Niederlage zur Folge haben könnte und vielleicht eine weitere Stimme verstummen läßt. Nicht nur de facto, sondern auch psychisch – denn wie oft ist ein Mensch in der Lage, derartige Kämpfe, Sisyphus-Kämpfe, Kämpfe gegen Windmühlen, kafkaeske Kämpfe seelisch durchzustehen, bevor er resigniert? Es gibt in diesem Fall sicher viele starke Gründe, klein beizugeben, taktisch den Rückzug anzutreten, um später wieder angreifen zu können …, aber es gibt auch viele starke Gründe dagegen.

Im Moment gibt es derartige Konflikte zuhauf.

Ein Medizinstudent steht vor der Entscheidung, sein Studium – für das er brennt – abzubrechen oder mindestens zu unterbrechen, weil er ohne Impfung keine Studienzulassung bekommt. Verzweifelt hat er versucht, sich irgendwo anzustecken, um wenigstens einen zeitlichen Puffer zu erlangen, doch vergebens.

In Österreich hat eine junge Mutter – durch die Corona-Einschränkungen ohnehin schon am psychischen Limit – für sich entschieden, sich weder impfen zu lassen noch das Bußgeld zu zahlen, sondern den juristischen Weg zu beschreiten. Diese Entscheidung verschafft ihr für den Moment Seelenfrieden, aber ob das so bleibt, wird sich zeigen, denn auch hier werden seelische Ressourcen gefragt sein und wie würde sie eine Niederlage verkraften?

In diesem Komplex sind wohl auch die Stelleninserate einiger Pflegekräfte zu sehen. Daß die meisten Anzeigen nicht genuin sind, sieht man auf den ersten Blick. Dennoch ist es wohl eine Art Hilfeschrei …

Und so allerorten. Menschen reagieren instinktiv mit Widerstand gegen das, was sie als hochgradig ungerecht und gefährlich ansehen. Aber ist dieser Widerstand gerechtfertigt, ist er sinnvoll im Angesicht seines sehr wahrscheinlichen Scheiterns? Statt die erhofften Ergebnisse zu zeitigen, wird er die Leute eher auslaugen oder in die Radikalisierung und die Irrationalität treiben. In beiden Fällen wären diese Menschen für eine politische Änderung verloren, ja sie würden ihr sogar im Weg stehen, denn nichts wäre im Moment verheerender als eine medientaugliche Verzweiflungsaktion, auf die Haldenwang sehnsüchtig wartet.

Es ist also die Aufgabe jedes Andersdenkenden, seine rationale Kapazität zu sehr sensiblen Abwägungen intensiv zu nutzen, bevor er sie durch Verschleiß oder innere Explosion verliert – wohl wissend, daß diese Bedenken ein Gefälle haben. Irgendwo muß jedermann seinen Pflock einrammen! Nur: muß es wirklich am ersten Hindernis sein?

Es steht mir nicht an, Vorschläge in den genannten Fällen zu machen – letztlich werden die Entscheidungen wohl habituell bedingt getroffen – aber ich plädiere dafür, die hier dargebrachte strategische Überlegung intensiv in den Entscheidungsprozeß einfließen zu lassen.

Pandemie ohne Ende

Gerade macht ein Artikel aus „La Razón” die Runde in den Chats und Netzwerken. Wohl aus zwei Gründen: zum einen findet sich dieser kritische Rundumschlag in einem spanischen Hauptmedium – „La Razón“ hat eine Auflage von 150000 Exemplaren, ist damit die fünftstärkste Tageszeitung in Spanien, ist konservativ und wesenhaft katholisch; in Deutschland gibt es nichts Entsprechendes – vielleicht kann man sie am ehesten mit „Die Welt“ vergleichen. Zum anderen schlägt der Autor einen Ton an, den man in Europa dieser Tage selten zu hören bekommt und in Deutschland schon gar nicht.
Allerdings geistern – soweit ich sehe – nur Zitatfetzen durchs deutsche Netz. Immer ein schlechtes Fundament. Daher zitiere ich hier etwas ausführlicher – der Leser soll entscheiden, ob sich die Aufregung lohnt oder nicht:

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Was erlauben Kimmich?

OMG! Da hat sich der Joshua Kimmich was Schönes eingebrockt – es gibt sogar schon einen ausführlichen Wikipedia-Vermerk „Kontroversen„.

Nicht impfen lassen, Bedenken haben, auf Totimpfstoff warten – und all das auch noch öffentlich zugeben. Das Sportliche hat keine Bedeutung mehr, schon nach dem letzten Bayern-Spiel gab es das erste Grundsatz-Verhör und seither prasseln die Belehrungen auf ihn – und uns – nieder. In allen Hauptmedien das gleiche Bild.

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Wahrheit oder Verleumdung?

Der ganze Hype um den Stand des „Jungeuropa“- und des „Oikos“-Verlages – letzterer veröffentlicht das Umweltmagazin „Die Kehre“ – ließe sich eigentlich in einem Satz entschärfen. Hat Jasmina Kuhnke – alias „Quattromilf“ – recht oder lügt sie? Ich selbst kann diese Frage nicht beantworten, wundere mich aber, daß es diejenigen, die sie beantworten könnten, es noch nicht getan haben.

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Das Problem mit der Briefwahl

Am Wochenende wird gewählt und dennoch ist die Wahl eigentlich schon fast entschieden, denn circa die Hälfte aller Stimmen sind bereits abgegeben – mittels Briefwahl.

Die massenhafte Briefwahl aber ist ein weiteres Symptom der schleichenden Erosion der Demokratie.

Sie ist selbstverständlich anfälliger für alle möglichen Formen der Manipulation und des Betruges.

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Hasnain Kazim: Mein Kalifat

„Demokratie? Ich bin hier, um die Demokratie zu verteidigen! Nicht, um sie zu praktizieren.“  (Der Kalif)

Hasnain Niels Kazim liebt seine deutsche Heimat! Das meint das Dorf Hollern-Twielenfleth und das Alte Land und das liegt irgendwo da oben. Er liebt die Landschaft, den Dialekt, die Leute, das Essen, alles. Aber er liebt auch Österreich, Wien und die Wiener, oder Pakistan, wo seine Familie herstammt, und überhaupt kann der Weitgereiste jeder Gegend, in der er gelebt hat, etwas abgewinnen, nur Sachsen nicht, denn dort gibt es Pegida. Von dort her wird – so empfindet er ganz aufrichtig – seine geliebte Heimat bedroht. Der sächsische Dialekt ist ihm ein Graus – man kann das verstehen –, die Teilnahme an einer Pegida-Demonstration war ihm Schlüsselerlebnis.

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Faschismus-DNA – der Fall Bollnow

PDF: Faschismus DNA – Bollnow

Man kann nur spekulieren, was die Bollnow-Gesellschaft geritten hat, auf ihrer Jahrestagung Frau Dr. Bazinek zum Thema „Aufrechter Gang, aufrechte Haltung. Versuch einer Analyse von Bollnows Umgang mit Sprache“ referieren zu lassen. Der Vorfall scheint mir aber signifikant und lehrreich, da verallgemeinerbar – er ist ein gut verstecktes Beispiel für die allgemeine Vergiftung des geistigen und akademischen Gesprächs in unseren Zeiten.

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Zeit, „Neger“ zu sagen

Wozu braucht man eigentlich Philosophie, wenn man Annalena Baerbock hat?

Mit ihrer neuesten Volte – nämlich das Wort „Neger“ aus ihrem Munde zu „muten“ – hat sie ein bedeutsames philosophisches Problem aufgerissen und zugleich eine Lösung vorgeschlagen.

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Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Die Delta-Variante

Am Wochenende fand in den Tiefen des Darknets ein Schachturnier statt, die meisten Teilnehmer waren Insulaner und – wie das bei Schachspielern die Regel ist – immer auf dem neuesten Stand und konform. Folgender kleiner Dialog entspann sich in der Analyse eines Spiels:

–        Sorry, ich war schlecht drauf, hatte Corona und fühle mich noch ein wenig schwach, die Eröffnung ging in die Hose.

–        Welche Variante denn?

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Die Deutungshoheit über das Lachen

Viele dürfte die unglaubliche Vehemenz überrascht haben, mit der die eine Meinungsseite auf die gut 50 Corona-Clips reagiert hat, während die andere sogleich in Begeisterung fiel. Die Filmchen wirkten wie Marmite – You either love it or hate it. Man kann an der Reaktion grob die Linie zwischen rechts und links ziehen.

Die Empörung hat Geschichte – wir sprechen über die zweite subtextuelle, meta-mediale Frage des Medienereignisses. Denn es ist bei weitem nicht der erste Fall medial generierter Entrüstung über den Humor, es ist der bisherige Höhepunkt einer längeren Reihe an „Skandalen“: Uwe Steimle oder Kay Ray wurden entlassen, Andreas Thiel gilt ob seiner Islamwitze als fragwürdig, Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart sind rote Tücher für das linke Feuilleton …, um nur einige Namen zu nennen.

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Die ewige Rechte

Die mediale Aufarbeitung einiger ironischer Videos bekannter Kulturschaffender wirft mindestens zwei subtextuelle oder meta-mediale Fragen auf. Die eine ist die Frage nach Rechts.

Nur wenige der Delinquenten hatten bisher den Mut, für ihr eigenes Handeln offensiv einzustehen, dazu gehören ein Schauspieler namens Liefers und ein Regisseur Brüggemann. Viele andere haben den Schwanz eingezogen oder das schon längst eingeübte Reueritual vollzogen, das alten DDR-Zeitzeugen so unangenehm bekannt vorkommen sollte, müßte man darüber nicht jedes Mal laut lachen.

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Habeck und das Ende der Metapher

Hier stehe ich und kann nicht anders und muß es sagen: Da beißt die Maus keinen Faden ab, die Grünen werden wohl die Wahl gewinnen und dann ist Polen offen. Aber Wahltag ist auch Zahltag und noch sind die Würfel nicht gefallen, noch haben die Deutschen den Rubikon nicht überschritten. Denn fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit und hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gefangen.

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Das Licht geht aus

Auf der linken Seite meines Desktops findet sich eine kleinere Liste ausgewählter Twitter-Links ganz verschiedener politischer Orientierungen, die ich in unterschiedlichen Frequenzen durchklicke, um zu sehen, was in den jeweiligen Blasen die Gemüter gerade erregt.

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Warum der Osten?

„Die Identität von Subjekten läßt sich also deswegen vollständig nur über deren Geschichten vergegenwärtigen, weil diese Identität in ihrer synchronen Präsenz stets mehr enthält als das, was aus gegenwärtigen Bedingungen verständlich gemacht werden könnte. Anders formuliert: das, was einer ist, verdankt sich nicht der Persistenz seines Willens, es zu sein. Identität ist kein Handlungsresultat. Sie ist das Resultat einer Geschichte, das heißt der Selbsterhaltung und Entwicklung eines Subjekts unter Bedingungen, die sich zur Raison seines jeweiligen Willens zufällig verhalten. Eben deswegen ist das Subjekt im Verhältnis zu der Geschichte, durch die es seine Identität hat, auch nicht deren Handlungssubjekt, sondern lediglich das Referenzsubjekt der Erzählung dieser Geschichte.“ Hermann Lübbe

Warum der Osten? – Das ist eine Frage jener Art, von der Hermann Lübbe nachwies, daß „sie sich nur historisch erklären” lasse. Weil sich in ihr ein Relikt verbirgt, ein scheinbar funktionsloses Überbleibsel, ein Rest aus einer vergangenen Zeit, den das Wort „Widerstand“ recht gut trifft. Denn ernsthafter politischer Widerstand ist eine Seltenheit und eine Sünde in Deutschland geworden.

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Sloterdijk Backstage

Fortsetzung von: Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Nach jeder der drei Gesprächsrunden über die Begriffstrias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im November 2018 am Berliner „Volkstheater“, gab es die Gelegenheit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Sloterdijk machte aber keinen Hehl daraus, daß er diesen Teil der Veranstaltung gern kurz gehalten haben möchte. Die Uhr ging auf zehn, in der ersten Reihe saßen Freunde und Bekannte, z.T. Berliner Kunstgrößen, man wollte vermutlich noch irgendwo essen gehen …

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Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Man braucht sich nur drei jüngere Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, warum die namhaftesten Denker sehr vorsichtig geworden sind:

Alain Finkielkraut: Ich kann die Nase nicht mehr herausstrecken

Roger Scruton: Anatomy of a modern hit job

Susanne Schröter: Die Kopftuchdiskussion gehört an die Universität

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