Was die Pfütze lehrt

„Wenn du am Wassergraben vorüberkommst, unvorbereitet und ohne Zeit zu besinnlichem Aufenthalt, so bleibe getrost stehen. Ich weiß, du hast Pflichten. In Wahrheit haben die Pflichten dich. Laß einmal die Dinge, die dich rufen, vergeblich auf dein Kommen warten. Denn hier ergeht ein höherer Ruf an dich.“

Mit diesen Worten beschrieb Herbert Fritsche in seinem Buch „Pan vor den Toren“ (1938) seine frühe Erweckung durch die Natur. Über die „Weisheit der Kellerassel“ – ihr widmete er seine frühesten Forschungen – und die zeitige Faszination des Wassergrabens fand er zu Biologie, später zur Esoterik, dann zur Metaphysik und schließlich zur Homöopathie, deren philosophische Grundlegung er verfaßte.

In diesen Worten erkenne ich mich voll und ganz wieder – nur führte mich die frühe Faszination am Tümpel letztlich in andere Bereiche. Vielleicht hat auch ein berühmtes Kinderbuch aus DDR-Zeiten eine Mitverantwortung. Der tschechische Kinderbuchautor Ondřej Sekora hatte mit „Die großen Abenteuer der Ameise Ferdinand” vielen Kindern des Ostens die Welt der Insekten in Wiese, Wald und Wasser erschlossen.

Unterwasserwelt nach Ondřej Sekora

Noch heute stehe ich begeistert vor Wassertümpeln und beobachte das Treiben. Einmal hatte ich mir ein Aquarium zugelegt, in dem ich Kaulquappen und Libellenlarven – die sich mehrfach häuteten –  hielt und sie dabei beobachtete, wie die räuberischen Larven geschickt die Quappen fingen und in wenigen Sekunden bis auf den Darm, der dann langsam zu Boden trudelte, regelrecht abputzten.

Auch im heimischen Garten gibt es natürlich einen kleinen natürlichen Tümpel, in dessen Leben sich Jahreszeit und Wetter spiegeln.

Hier in Ungarn reicht es nur zu einer bescheidenen Wassertonne. Das Wasser kommt direkt aus der Regenrinne. Gestern nach heftigem Sturm war darin Pandämonium. Aller Dreck war aufgewühlt, das Wasser floß in Strömen über und drohte die Terrasse zu fluten.

Heute aber scheint die Sonne und am Grund des klaren Wassers sind schon wieder Strukturen zu sehen. Ich nehme mein Pentax Papilio Nahglas – eine optische Erfindung, die meine Weltsicht verändert hat – und schaue es mir an. Es sieht aus wie eine Stadt aus lauter kleinen Hügelchen, die Vulkanen ähneln. Daraus schauen Köpfe roter Würmchen hervor. Es sind Fadenwürmer, Röhrenwürmer, eine Unterart der Tubifex tubifex. Tube ist die Röhre und fex bedeutet so viel wie „machen“ – man kennt es aus dem Wort „Artifex“, Künstler.

Sie bauen also Röhren. Aber nicht nur im Schlamm am Grunde der Tonne, sondern auch am Rand. Dazu nehmen sie Schlamm und Sand auf, schlängeln sich in seltsam ungelenken Bewegungen nach oben, die auf den ersten Blick vollkommen willkürlich erscheinen und setzen am glatten Plastikrand kleine „Häuschen“ oder Höhlen zusammen.

Daraus kann man Erstaunliches schließen.

Der Wurm, der natürlich über kein Zentralnervensystem verfügt, muß eine Art „Ich“-Verständnis haben, denn jeder Wurm – soweit ich sehen kann – schwimmt immer wieder nur zu seiner Höhle. Er hat also ein „Verständnis“ über „mein“ und „dein“ oder „nicht-mein“, er kann zwischen sich und anderen unterscheiden, er hat ein basales Verständnis von „Besitz“. Zudem verfügt er über eine sehr exakte Ortskenntnis und kann einen ganz bestimmten Platz, trotz seiner unbeholfenen zickzackartigen und sich windenden Bewegungen, immer wieder gezielt anschwimmen. Er tut das ohne Augen. Man sieht natürlich immer nur die schon fertigen Höhlen. Da er aber nur sehr kleine Mengen Schlamm transportieren kann, muß der erste oder zweite „Stein“, also der Beginn seines Baues sehr klein sein. Trotzdem steuert er immer wieder auf diese Stelle zu.

Man steht verblüfft und ein wenig überwältigt vor so einem Wurm. Albert Schweizer fand dafür das geniale Wort: Ehrfurcht vor dem Leben.

Herbert Fritsche: Pan vor den Toren. Ein Querschnitt durch die Biologie der Gegenwart. 2013

Was ist Europa?

Was ist Europa, wie wurde es, woran krankt es, was könnte es retten?

von Johannes Leitner

Heute, da Europa wieder einmal in seinem Dasein gefährdet scheint, beherrscht die Frage nach dem Wesen Europas erneut das öffentliche Gespräch: Wer sind wir, wie wurden wir, woran leiden wir, wie wollen wir sein und wie nicht sein? – Wo man dieses Wesen, das es gar gegen seine innere Schwäche zu erhalten und gegen seine Feinde zu verteidigen gälte, nicht überhaupt leugnet, da greift man gerne zu dem Gemeinplatz von den drei Hügeln, auf denen Europa erbaut sei (der als Gemeinplatz wenigstens hinreichend stimmig ist): Golgotha, das für das Christentum steht, die Akropolis für die griechische Philosophie, das Kapitol für römisches Recht und römische Verwaltung.

Weiterlesen

Das Problem Mensch

Politik könnte so einfach sein: Ideen, Programme, Argumente, Mehrheiten, Beschlüsse, Gesetze … so könnte man ein Land zum Besseren verändern. Allein, es gibt den Menschen. An ihm muß immer wieder alles scheitern.

Weiterlesen

Der ewige Timmermans

Gerade macht Frans Timmermans‘, seines Zeichens „SPE-Spitzenkandidat bei der Europawahl 2019″ – „S“ steht für „Sozialdemokratisch“ und „Europa“ meint die EU – und Träger der Ehrenpalme Bulgariens, gerade macht sein kleiner faux pas genüßlich die Runde, worin er dem Islam eine 2000-jährige Zugehörigkeit zu Europa bescheinigt hatte.

Weiterlesen

Freiheit ist schwer

Über Berdjajews großes Manifest für den selbstwaltenden Menschen

In Berdjajew liest man sich am besten von hinten ein. Sein letztes großes Buch hat Testamentscharakter. Daraus macht er gleich zu Beginn keinen Hehl, wenn er die notwendige, weil existentielle Widersprüchlichkeit seines Schaffens betont.

Weiterlesen

Die rattenscharfe Rechte

„Mit Rechten reden“ ist so ein Topos, der sich verbreitet hat, ohne je stattgefunden zu haben. Warum das so ist und auch so sein muß, wurde anhand eines Artikels von Liane Bednarz hier bereits dargestellt. Es ging um den blinden Fleck, den toten Winkel linkslastiger Argumentation.

Weiterlesen