Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen! Sehr wohl aber den Leerstellen dieser euphemistischen Rezeption.

Mir persönlich stößt bereits der Titel unangenehm auf – er paßt auch nur schwer zu Scrutons Gesamtwerk und zu seiner gepflegten Attitüde. Wer so in die Debatte einsteigt, der muß sich seiner Sache sehr sicher sein, der will auch keine Vermittlung mehr.

Niemand wird Scrutons Kompetenz in Frage stellen, der Mann war ein polyglottes Multitalent, einer jener seltenen Menschen, die die Reinkarnationstheorie zu bestätigen scheinen, denn was er in diesem Leben geleistet hat, ist in einer Karussellrunde menschlich eigentlich nicht machbar.

Hier nun nimmt er es gleich mit einer ganzen Phalanx an namhaften mehr oder weniger  linken Denkern auf, namentlich: Hobsbawm, Thompson, Galbraith, Dworkin, Sartre, Foucault, Adorno, Horkheimer, Habermas, Lukács, Althusser, Lacan, Deleuze, Gramcsi, Said, Badiou und Zizek und natürlich auch mit Marx, Engels, Lenin und Mao.

Jeder Denker wird einzeln, zumeist am Leitfaden der Hauptwerke seziert und filetiert und am Ende verzehrbereit präsentiert – und zwar als im Wesentlichen ungenießbar. Was nach feinem Besteck aussieht und sogar poetische Momente enthält, entpuppt sich in Wahrheit, bei genauer Lektüre, als Rundumschlag, als Guillotine. Klar löst das Begeisterung bei denen aus, die sich die Arbeit der Auseinandersetzung ersparen wollen, zumal Scruton – daher kann man das Buch partiell auch als Einführung in das Denken der Füsilierten empfehlen – uns zu Beginn jeder Hinrichtung eine Zusammenfassung liefert.

Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Weckung der Aufmerksamkeit gegenüber philosophischem Wortgeklingel. Dieses hat zweifellos dramatische Züge angenommen und beherrscht weite Teile der akademischen Welt, allerdings vornehmlich in den hinteren Reihen, im akademischen Unterbau. Wollte man auch die erste Reihe diesem Dauerverdacht a priori aussetzen – wie es Scruton hier vorexerziert –, dann wäre das philosophische Gespräch beendet, was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.

Ein recht guter Indikator ist in der Regel das Gespräch unter Gleichwertigen – wenn diese aufeinander sinnvoll antworten können, dann hat man gute Chancen, einem sinnhaften Gespräch beizuwohnen, selbst wenn es die eigene Auffassungsgabe übersteigen sollte. Daher sei dieses Buch ganz besonders Studenten und Interessierten empfohlen, jenen also, die den Schritt zum eigenständigen originellen Denken nie schaffen werden, aber im Weinberg mitarbeiten wollen. Sie sind am ehesten gefährdet, Opfer von Veneration und ideologischer Selbsteinmauerung zu werden.

Und Scruton kennt keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen, sogar Marx‘ Theorie des Warenfetischismus hält er für – nichtssagend …

Das alles heißt nun aber nicht, daß Nähe zu weltanschaulichen Überzeugungen die kritische Lektüre ersetzen kann. Nein, an diesem Buch gibt es sehr viel auszusetzen!

Seine größte Gefahr – als Gegengewicht zur obigen Habenseite – besteht darin, daß es dazu verleitet, sich die theoretische Arbeit zu ersparen, denn es suggeriert, daß linkes Denken, zumindest dieser Autoren, fast immer und wesentlich „Neusprech“, „Nonsens“, „ritueller Nonsens“, „Nonseme“, „klebrige Prosa“, „Zaubergesänge“, „unentwirrbares Geschwafel“, „Betrug“ oder „Alchimie“ sei, um nur einige diskreditierende Zuschreibungen dieses darin übersatten Buches zu erwähnen. Demnach habe – nur drei Beispiele – Lukács der Haß angetrieben, sei Habermas nur ein Bürokrat und Adorno ein intellektueller Taschenspieler gewesen, das meiste sei der Lektüre nicht wert. Vor Sartre etwa bliebe nur „Die Wörter“.

Natürlich sind das nicht alles Unwahrheiten, aber es sind nur Aspekte, nicht das Wesentliche. Und überhaupt kann man Althusser[2] und Lacan[3] etwa – für die der Scharlatanerievorwurf eher zutrifft – nicht in eine Reihe mit Foucault, Deleuze oder Adorno stellen, die ganz ernsthafte Philosophen waren. Scruton nimmt es, der Pointe wegen, selbst nicht immer mit der Wahrheit sehr genau, oder hat schon mal jemand eine „Luxusedition“ der Schriften Habermas‘ gesehen, oder glaubt wirklich jemand, daß der Fidesz in Ungarn aus Lukács-Aversion immer wieder gewählt wird oder daß das „Rätsel des Eins-Seins der ultimativen Realität“ im europäischen Denken tatsächlich vom Islam und nicht von der Scholastik oder von Giordano Bruno übernommen wurde?

Bei aller Scharfsinnigkeit leistet sich Scruton doch auch eine Reihe denkerischer Tiefflüge, etwa wenn er den HIV-kranken Foucault genüßlich in der Salpêtrière enden läßt, also jener Klinik, die er in seiner bahnbrechenden Studie als Machtinstrument aufzeigte, wenn er die rhetorische Frage stellt, wo Marx, Engels, Lenin, die Theoretiker des Proletariats, der Arbeit, der Klasse jemals die Hände schmutzig gemacht hätten, oder wenn er Lukács‘ Literaturkritik per se als wertlos bezeichnet. Und wenn Lenin en passant als „zweitrangiger Denker“ bezeichnet wird, dann hätte man doch gern auch ein Argument dazu.

Fast alle kontinentalen Autoren empfindet Scruton als unverständlich und unklar in ihren Aussagen, aber das ist ein sehr schlüpfriges Argument, denn erstens sollten die Grenzen des eigenen Verständnisses nie – auch nicht für einen Scruton – zum Kriterium eines Urteil werden und zweitens ließen sich damit auch Kant, Hegel, Heidegger, Nietzsche etc. erledigen und tatsächlich gibt es bereits eine breite diffamatorische Literatur, die zumeist von sehr linken und oft sichtbar haßbesetzten Autoren stammt, eine Ahnenreihe, in die Scruton sicher nicht gestellt werden will. Aufschlußreich in diesem Kontext ist auch das Fehlen namhafter linker Denker: Walter Benjamin, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch sind nicht mal namentlich erwähnt, Derrida, Lyotard, Baudrillard werden kaum bedacht und Judith Butler, Merleau-Ponty oder Henry Lefebvre wären doch gefundenes Fressen gewesen. Schon daher stehen die Verabsolutierungen auf schwachen Beinen.

Umgekehrt widmet sich Scruton im Falle Lukács recht ausführlich „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – ein wahrlich epochemachendes Werk –, übersieht aber das für sein Vorhaben viel besser geeignete „Die Zerstörung der Vernunft“.

Es stellt sich schließlich der Verdacht ein, daß am Grunde seiner Arbeit eine tiefsitzende Aversion der kontinentalen Philosophie gegenüber liegt, das mangelnde Verständnis substantialistischer Philosophie, der Metaphysik, den Versuchen, Realität in ihrem An-Sich zu erfassen, den deutschen Ausflügen in die Tiefen und Höhen, der Sehnsucht nach dem Wesen der Dinge und der Bewegungsfragen, wie sie die Franzosen antreibt und das ist bei einem analytisch geschulten Kopf auch nicht verwunderlich. Unübersehbar bleibt, daß die englischen und amerikanischen Kritisierten weitaus besser wegkommen als die europäischen.

Diese Perspektive ist es wohl, die ihn dazu verführt, die kontinentale Philosophie als eine präskriptive überzubewerten und den deskriptiven Urimpuls zu übersehen, zumindest bei den Linken. Philosophie aber bedenkt zuvörderst das, was ist, sie ist somit primär Symptom, „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ (Hegel), und erst dann Regel und wird letzteres sehr oft erst im Vollzug der Rezeption.

So ist etwa das Konzept des „Rhizoms“, an dem sich Scruton abarbeitet, Zustandsbeschreibung einer sich immer mehr rhizomatisch organisierenden Welt. Deleuze und Guattari konnten damit etwa das Internet antizipieren oder verschiedene Ausformungen des Globalismus, neuer liquider Lebensformen, und die damit verbundenen Probleme der Identitätsfindung – insofern kann man Foucaults These, daß das „Jahrhundert vielleicht ein deleuzianisches sein wird“ auch als bestätigt betrachten. Deleuze wollte der Verflüssigung der Welt, der Gesellschaft, der Sprache, der sozialen Verhältnisse, der Geschichte, der Moral, der Kunst, der Philosophie … habhaft werden – affirmativ, das ist richtig –; man kann diesen Versuch als gelungen oder gescheitert betrachten, aber man sollte wenigstens die Intention erkennen, wenn man bewerten will. Foucault konnte in der Sichtbarmachung der diskursiven Auflösung der Wahrheit einen objektiv ablaufenden Prozeß aufzeigen; Habermas‘ Beschreibungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“, die Einsichten im „Positivismustreit“ („Erkenntnis und Interesse“) oder seine Reflexionen in „Faktizität und Geltung“ haben Wert, wohingegen sich das Ideal des kommunikativen Handelns auf der Basis des herrschaftsfreien Diskurses als Schimäre erwiesen hat usw. Scruton übersieht all dies, weil er auf Nonsenssuche geht. Die wahre Crux linken Denkens sind Prämisse und Synthese und nicht die Analyse, die mitunter genial sein kann.

So entgeht es Scruton in seinem Rundumschlag, daß der französische Postmodernismus gerade nicht in der Kontinuität zu Sartre steht, sondern eine Abwendung von ihm ist, als Reaktion, insbesondere auf den Begriff des „Absurden“, der bei Sartre und Camus zentral ist, in Scrutons Buch aber gar nicht auftaucht, oder aber er verkennt die produktive Potenz eines zentralen Werkes wie „Die Dialektik der Aufklärung“ auch für die Rechte.

Vielleicht ist all das auch nicht überraschend für einen Autor, der meint, „daß nämlich nicht die Macht, sondern die Liebe die Welt bewegt“ und der den „Kapitalismus“ für die ultimo ratio hält und offensichtlich kein Sensorium für die Beschreibung der kapitalistischen Epoche als „Anthropozän“, also als erdgeschichtlich bedeutsames Zeitalter im Hinblick auf die Natur, hat.

Bei aller Kritik gibt es natürlich auch einen positiven Ertrag und den wiederholt Scruton viele Male. Er findet ihn bei allen behandelten Vertretern – trotz ganz differenzierter Ansätze – kranken sie alle an den selben Symptomen: die Linke wolle den Kantischen Imperativ umkehren und eine „Welt der Zwecke“ errichten; es wird ihnen Absolution erteilt, wenn sie die Verbrechen des Kommunismus relativieren, womit kein Rechter rechnen darf; die Theoretiker setzten (marxistische) Begriffe, die oft leer seien (Kapitalismus, Bourgeois, Produktionsverhältnisse, Ideologie etc.); das erste Zielobjekt ihrer Vereinnahmung sei stets die Sprache; die materiellen Verhältnisse der Theoretiker widersprächen notorisch ihrem Gegenstand; ihre Anziehungskraft resultiere nicht aus dem Intellekt, sondern aus den Emotionen; das rationale Argument werde erst durch Verhandlung und dann durch Zwang ersetzt und dergleichen – das sind die Konklusionen Scrutons und sie stehen da meist zu recht.

Und dann gibt es auch wahre Erhellungsmomente – bei mir zumindest, beim unbedarften Leser –, etwa wenn er verdeutlicht, daß die wahren Erben linken Denkens die sogenannten Verschwörungstheoretiker sind, die von „irgendeinem herrschenden Akteur“ ausgehen, oder wenn er erklärt, daß linkes Denken stets Zerstörungswerk sei. Fast alle Zentralbegriffe der linken Theorie sind Spaltbegriffe, von Bourgeoisie, Proletariat, Klasse, Entfremdung bis hin zum Anderen (Levinas) und zur Differenz. Hingegen: „Nation, Recht, Glaube, Tradition, Souveränität – all diese Begriffe bezeichnen etwas Verbindendes.“ Die Aufgabe der Rechten sei es, ein flexibles, bewahrendes konservatives Denken dem Mainstream entgegen zu setzen. Diesen Gedanken entwickelt er in seinem Schlußwort, dem stärksten Teil des Buches, dort also, wo die „Narren, Schwindler und Unruhestifter“ nicht mehr Thema sind, dort, wo er sein eigenes Zerstörungswerk beendet hat.

Das Schlußkapitel rechtfertigt den Kauf des Buches!

Quelle: Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. FinanzBuch Verlag 2021. 410 Seiten. 25 €. Lesezeit: ca. 20 Stunden

Narren, Schwindler, Unruhestifter

PS: Und noch etwas stimmt hier nicht. Immer wieder stieß ich auf neblige Stellen, die nicht recht klar werden wollten. Irgendwann – besonders beim poststrukturalistischen und etwas abstrakteren Mittelteil – kam mir der Verdacht, daß es an der Übersetzung[4] liegen könnte – siehe auch das Eingangszitat. Dabei meine ich nicht mal solche Fehler wie die falsche Übersetzung von „Différence et répétition“ mit „Unterschied und Wiederholung“.
Es sind Stellen wie diese: „Die linke Begeisterung, die in den 1960er Jahren durch die Bildungseinrichtungen fegte, war eine der wirkmächtigsten intellektuellen Revolutionen der jüngeren Geschichte und wurde von ihren Anhängern in einem Maße unterstützt, wie es selten zuvor während einer politischen Revolution der Fall war.“ (229)
Das Original lautet; „The left-wing enthusiasm that swept through institutions of learning in the 1960s was one of the most efficacious intellectual revolutions in recent history, and commanded a support among those affected by it that has seldom been matched by any revolution the world of politics” – es ist von “verlangen”, “fordern” die Rede und nicht von “unterstützen” und auch die “Anhänger” sind im Original eher “die Betroffenen“.
Oder: “Der jubelnde Ton, den man auch als ein Zeichen von Geisteskrankheit interpretieren könnte, zeugt von der totalen Zuversicht über die bevorstehende Offenbarung, und so erinnert das Ganze an entzückende Fesseln, die unter einer Burka hervorblitzen“. (265)
Das Original lautet: „The exultant tone, which one might read as a sign of mental disorder, shows total confidence in the revelation, displayed like a tantalizing ankle beneath a burqa.” – “ankle” wird hier mit “Fessel” übersetzt, poetisch zwar, aber irreführend; wohl ein typischer Nachschlaglapsus.
Oder: “Was ist die Alternative? Und wie kann eine Politik aussehen, die diese respektiert und unterstützt? Mir scheint, daß es drei Ideen gibt, die die Grundlage jeder substantiellen Antwort auf die Argumentation sein müssen, die ich in diesem Buch untersucht habe: die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen und die Persönlichkeit.“ (387)
Das Original lautet: „What is the alternative, and how do we frame a politics that respects and applies it? Three ideas, it seems to me, are fundamental to any substantial answer to the arguments I have examined in this book: civil society, institutions and personality.” – “civil society” wird mit “bürgerliche Gesellschaft” übersetzt; passender wäre wohl “Zivilgesellschaft” … und diese Übersetzung zieht sich durch das gesamte Buch.
 
[1] Deutsche Übersetzung: „Unser Anliegen als politische Wesen sollte sein, die Mächte, die die Gesellschaft zusammenhalten, nicht zu zerstören, sondern ihre Wirkung zu mäßigen. Wir sollten keine Welt ohne Macht anstreben, sondern eine, in der die Macht auf Konsens beruht und in der Konflikte aufgrund einer gemeinschaftlichen Vorstellung von Gerechtigkeit gelöst werden.“
[2] Althusser – Autor „bahnbrechender“ Marx-Studien, bekannte in seinen autobiographischen Schriften posthum, daß er selbst Marx nur sehr kursorisch kannte, von der Geschichte der Philosophie ganz zu schweigen.
[3] Das Lacan-Kapitel stimmt im Wesentlichen mit meinen Lektüreerfahrungen überein.
[4] Übersetzt hat das Werk Krisztina Koenen. Sie ist gebürtige Ungarin und auch wenn ihr Deutsch hervorragend ist, so ist sie wohl doch keine Muttersprachlerin. Englisch aber – das glauben viele Menschen nicht – ist eine der am schwersten zu übersetzenden Sprachen. Der enorme Reichtum an Vokabular und idiomatischen Wendungen ist nur eine Ursache. Vieles, was man als Fremdsprachler intuitiv sehr wohl verstehen kann, ist enorm schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Koenen hatte etwa auch Ryszard Legutkos „Der Dämon der Demokratie“ übersetzt und dieses Buch wird hier wegen seiner klaren Sprache hervorgehoben – allerdings übersetzte sie wohl aus dem Polnischen!

Faschismus-DNA – der Fall Bollnow

PDF: Faschismus DNA – Bollnow

Man kann nur spekulieren, was die Bollnow-Gesellschaft geritten hat, auf ihrer Jahrestagung Frau Dr. Bazinek zum Thema „Aufrechter Gang, aufrechte Haltung. Versuch einer Analyse von Bollnows Umgang mit Sprache“ referieren zu lassen. Der Vorfall scheint mir aber signifikant und lehrreich, da verallgemeinerbar – er ist ein gut verstecktes Beispiel für die allgemeine Vergiftung des geistigen und akademischen Gesprächs in unseren Zeiten.

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Wahre Inklusion

In der Zeitschrift „Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben“, sechster Jahrgang, aus dem Jahre 1931 las ich dieser Tage einen Artikel über „Die Widersprüche im Charakter und ihre pädagogische Bedeutung“.

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Zeit, „Neger“ zu sagen

Wozu braucht man eigentlich Philosophie, wenn man Annalena Baerbock hat?

Mit ihrer neuesten Volte – nämlich das Wort „Neger“ aus ihrem Munde zu „muten“ – hat sie ein bedeutsames philosophisches Problem aufgerissen und zugleich eine Lösung vorgeschlagen.

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Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Drei Zeitschriften – Die Kehre

 Man sollte immer wieder versuchen, seinen Horizont zu erweitern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. In diesem Monat habe ich zwei mir neue Zeitschriften bestellt, drei andere habe ich bereits im Abo und eine der beiden neuen wird nun hinzukommen. Drei davon möchte ich nachfolgend kurz vorstellen.
  1. Die Kehre

Die habe ich seit Beginn ihres Erscheinens abonniert, sie nennt sich „Zeitschrift für Naturschutz“, ist geistig im neurechten Milieu verwurzelt und sieht sich – wie der Name bereits verrät – im gründenden und hegenden Denken Heideggers verwurzelt. Treibende Kraft ist Jonas Schick, ein junger studierter Politologe, der auch auf „Sezession im Netz“ veröffentlicht. Mit seinen 30 Jahren hat er sich offenbar schon recht tief in die wissenschaftliche Öko-Debatte eingearbeitet. Das Ziel der Zeitschrift ist es wohl, das Ökologie-Thema dem linken Diskurs streitig zu machen und es dorthin zurückzuholen, wo es genetisch hingehört: nicht in die progressistische – denn blinder Fortschrittswille ist das Entree Billet in die Umweltkatastrophe –, sondern in die konservative Ecke, aus der es auch geboren wurde. Auch wenn Heidegger, die beiden Jünger und nun noch Sieferle zu den wesentlichen geistigen Inspirationsquellen gehören, befleißigt man sich doch auffallend, die ganze Breite, vor allem auch die aktuelle Diskussion und gänzlich ohne ideologische Scheuklappen, einzubeziehen, also weg von den grauen Klassikern – die im Hintergrund weiter wirken – hin an den Puls der Zeit.

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Islam als positive Herausforderung

Gastbeitrag von: Tarik

JULIAN: „Say it then. Who shall conquer? The Emperor or the Galilean?

MAXIMUS: „Both Emperor and Galilean shall go down…If in our time of hundreds of years hence, I know not; but it shall happen when the right man comes…O thou fool, who hast drawn thy sword against the future – against that third empire – WHERE THE TWO-SIDED WILL REIGN.

JULIAN: „The third Empire? Messiah? Not the kingdom of the Jewish people but of the spirit, and the Messiah of the kingdom of the world.

MAXIMUS: „Logos in Pan – Pan in Logos.“

(Henrik Ibsen – Emperor and Galelean, 1873)

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Lichtmesz und der rettende Gott

Es scheint zusammenzupassen: Götter sterben, Völker sterben, Wälder sterben, Tiere sterben und es bleibt kein Trost, denn nirgendwo ist „ein Unsterbliches mehr zu sehn“. (Martin Lichtmesz)

Zum ersten Mal las ich Martin Lichtmesz‘ Buch „Kann nur ein Gott uns retten?“ im Frühjahr 2015. Da war es noch ganz frisch, gerade erst erschienen – es hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Nun, sechs Jahre danach und in einer deutlich anderen historischen Situation, las ich es noch einmal, ganz klar unter der Vorgabe, zu erkunden, ob und wie es jetzt auf mich wirken würde.

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Sloterdijk Backstage

Fortsetzung von: Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Nach jeder der drei Gesprächsrunden über die Begriffstrias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im November 2018 am Berliner „Volkstheater“, gab es die Gelegenheit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Sloterdijk machte aber keinen Hehl daraus, daß er diesen Teil der Veranstaltung gern kurz gehalten haben möchte. Die Uhr ging auf zehn, in der ersten Reihe saßen Freunde und Bekannte, z.T. Berliner Kunstgrößen, man wollte vermutlich noch irgendwo essen gehen …

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Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Man braucht sich nur drei jüngere Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, warum die namhaftesten Denker sehr vorsichtig geworden sind:

Alain Finkielkraut: Ich kann die Nase nicht mehr herausstrecken

Roger Scruton: Anatomy of a modern hit job

Susanne Schröter: Die Kopftuchdiskussion gehört an die Universität

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Nietzsches Ungarn, Nietzsches Petőfi

Daß Nietzsche sich zu Ende seines schöpferischen Lebens gern als Nachfahre von polnischen Edelleuten ausgab, ist Nietzschelesern wohl bekannt. An der Geschichte ist nach allem Wissen nichts dran und man fand auch keinen genealogischen Grund, weshalb der Überphilosoph diese Selbstbeschreibung wählte.

In einem viel zitierten Brief an Georg Brandes – in Dänemark ist Brandes selbst eine Zentralfigur des geistigen Lebens gewesen –, der als erster eine Vorlesung zu Nietzsches Denken gehalten hatte, was Nietzsche, der Zeit seines Lebens unter der Ignoranz seiner Zeitgenossen litt, euphorisch aufnahm, schrieb er im April 1888: „Meine Vorfahren waren polnische Edelleute (Niëzky); es scheint, daß der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher »Mütter«. Im Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizzas comme Polanais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matejkos vorkomme.“

Wenige Monate später durften sich seine Leser in „Ecce Homo“, seiner letzten zusammenhängenden Schrift, einer autobiographischen Abhandlung unter der Überschrift „Warum ich so weise bin“ über folgende Zeilen wundern: „Und hiermit berühre ich die Frage der Rasse. Ich bin polnischer Edelmann pur sang, dem auch nicht ein Tröpfchen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches.“

Über die Gründe dieser Maskierung wurde viel spekuliert. Sie auf den „Wahnsinn“ zurückzuführen, überzeugt nicht, denn vergleichbare Äußerungen finden sich in den nachgelassenen Manuskripten bereits seit 1882. Dort, in den Vorstudien zur „Fröhlichen Wissenschaft“ schreibt er, man habe ihn gelehrt, „die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen“[1]. Schon als Knabe, so gesteht er, habe er „keinen geringen Stolz auf diese meine polnische Abkunft“ gehabt.

Man kommt der Wahrheit wohl am nahesten, wenn man den letzten Abschnitt der gedruckten Aussage beachtet: „am wenigsten deutsches“. Dieses „Deutsche“ war aber durchaus ganz konkret gefaßt, denn Nietzsche fuhr fort: „Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit.“[2]

Es dürfte sich um einen Distanzierungsakt von Mutter und Schwester handeln, von Biederkeit und von Antisemitismus, der Nietzsches Verhältnis zu Elisabeth, seit sie mit dem Antisemiten Förster liiert war, schwer belastet hatte.

Weit weniger bekannt und erforscht ist Nietzsches Beziehung zu Ungarn im Allgemeinen und zu Sándor Petőfi im Besonderen – die meisten großen Biographien (Kaufmann, Ross, Althaus, Heyman, Halévy, Safranski, Nolte, Bertram sind die mir bekannten) verschweigen diesen Bezug. Die direkten Spuren dieser geistig-seelischen Liaison führen fast alle ans andere Ende von Nietzsches Leben, in die Kinder- und Jugendzeit zurück. Unter den wenigen späteren Referenzen ragt jedoch eine heraus, weil sie uns die obige These noch einmal zu bestätigen scheint. Nietzsche schrieb im Sommer 1883 an seine Schwester.

„Ich gratulire aufrichtig dem Dr. Förster, daß er noch zur rechten Zeit Europa und die Judenfrage hinter sich gelassen hat. Denn wehe eine Partei, welche genötigt ist, nach so kurzem Bestande schon einen solchen Tisza-Prozeß auf ihr Conto zuschreiben! Ja, wenn der verkommenste Adel der Welt, der ungarische, zu einer Partei gehört, da ist Alles verloren.“[3]

Das ist – soweit zu sehen ist – die einzige Erwähnung des Ungarischen mit negativen Konnotationen und es geht um den ungarischen Antisemitismus. Der hatte sich im „Tisza-Prozeß“, der „Affäre von Tiszaeszlár” zu Nietzsches Abscheu deutlich gemacht. Es handelte sich damals um einen Ritualmordprozeß, der durch die internationalen Gazetten gegangen war. Arnold Zweig schrieb darüber ein preisgekröntes Drama[4] und Gyula Krúdy einen Roman[5]. Ein junges Mädchen war verschwunden, schnell waren Ritualmordphantasien unterwegs und selbst als man die Kleine ertrunken fand, wurde die Mär weitergesponnen und politisch mißbraucht. Und da derartige Fälle in Ungarn keine Seltenheit waren, hält sich bis heute das Gerücht des ungarischen Antisemitismus und wird selbst in modernen Reiseführern kolportiert.

Das waren späte Realitäten, Nietzsches frühes Ungarnbild war hingegen stark von Phantasien geprägt. Als 14-jähriger Pfortaner setzte er sich mit Ferenc Liszt auseinander, anfangs ablehnend, später zusehends verehrend, um ihm noch später Schattenlosigkeit vorzuwerfen[6]. Schließlich sollte er ihm sogar seine erste große Veröffentlichung „Die Geburt der Tragödie“ zusenden, die Liszt nach langem Schweigen und zweimaliger Lektüre bewunderte, zugleich aber deutlich machte, daß ihm die Gedankengänge des jungen Philosophen vollkommen fremd und unerreichbar waren[7]. Ganz anders war die Aufnahme bei Liszts illegitimer Tochter Cosima und deren Gatten – aber das ist eine andere Geschichte.

Schon der Jüngling machte sich immer wieder Listen des Gelesenen, zu Lesenden, zu Bearbeitenden, Pläne über eigene Schriften – eine Eigenart, die der Denker sein gesamtes Leben lang beibehielt. Dort stolpern wir früh über den Namen „Zriny“ bzw. „Zryni“[8] Er war ihm wichtig genug, um ihn in einen Entwurf seines Lebenslaufes aufzunehmen. Die Unsicherheit in der Schreibweise deutet schon auf das Element des Exotischen hin. Korrekt geschrieben – zumindest im ungarischen Original – lautete der Name „Zrínyi“. Den Deutschen klingt er vielleicht fremd, den Ungarn ist er heilig. Miklós Zrínyi ist bis heute einer der großen nationalen Helden, wie so oft in der ungarischen Geschichte aber ein Verlierer, ein Märtyrer. Er und seine Mannen waren es, die im Herbst 1566 Europa vor einem erneuten Türkensturm bewahrten. Soliman der Prächtige stand mit riesigem Heer vor der Wasserburg Szigetvár, westlich von Pécs – sie war die letzte Festung, wäre sie gefallen, dann wäre dem Osmanen Europa bis Wien ausgeliefert gewesen. Die Feste fiel am Ende auch und ihr finaler Akt war das tapfere Selbstopfer Zrínyis und 500 seiner letzten Getreuen, aber die Verluste der Türken waren enorm und unter der Belagerung starb Soliman an Altersschwäche – ein historischer Zufall, der dem Christentum zuhilfe kam – die Türken zogen sich danach nach Istanbul zurück: das Osmanische Reich hatte mit diesem Sultan seinen Höhepunkt überschritten, die meisten Ungarn litten dennoch noch 120 Jahre unter ihrer Herrschaft.

Nietzsche nahm regen Anteil an dieser Schlacht und zwar in Form eines Dramas von Theodor Körner. Das also bedeuteten die Eintragungen: „Zriny. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von 1812“. Die Freunde schrieben sich Briefe darüber, man war offenbar in regem Austausch. Es ist tatsächlich ein Stück, an dem blasse Gymnasiasten entbrennen können[9] – es sollte besser ein „Heldenstück“ genannt werden. Seine Botschaft ist die Tapferkeit, die Standhaftigkeit, die Ehre und die Bereitschaft zum Opfer, es ist eine ergreifende Opferorgie. Am Ende sind alle bereit, Freunde, Frau, Tochter und alle, sich der Sache zu hinzugeben. Zrínyi reitet den letzten legendären Ausbruch, die Tochter wählt lieber den Stahl des Geliebten als die Schändung durch die Türken und die Mutter wirft die Fackel in den Munitionskeller. Und dieses fanatische Heldentum – das man Körner, der sich wenige Monate später im Krieg opferte, auch menschlich abnahm – wurde vom Dichter der ungarischen Seele zugeordnet. Zeilen wie diese:

Sag‘ deinem Großherrn, einem Ungarn sei
Die Ehre mehr als eine Königskrone“
Oder:


„Der Ungar stirbt am liebsten bei dem Ungar,
Von seines Volkes Helden angeführt.“
Oder:


„… wir müssen sterben;
Denn an Ergebung denkt der Ungar nicht,
Der seinen Kaiser liebt und seine Ehre.“

… und viele andere mögen den Knaben schwer beeindruckt und sich tief in die Seele eingegraben haben. Das Bild des Ungarn – wie übrigens auch des Polen (und Serben) als permanenter Freiheitskämpfer – war eingeprägt. Instinktiv trifft er mit seinen Affinitäten eine langbewährte historische Tatsache: die emotionale und historische Nähe beider Völker, die sich bis in die aktuelle Politik des Jahres 2020 fortsetzt.

Auch Lenau steht auf selbiger Liste – dessen Ungarngedichte dürften ebenfalls ein frühes Bild vom fernen Land im Geiste des Eleven evoziert haben.

Es wundert daher nicht, daß der kleine Fritz, als er mit verschiedenen Identitäten und Namen experimentierte, neben einer lateinischen (Freodaricus Niotazius) und polnischen (Fridrisk Nietsky – hier haben wir also die eigentliche Wurzel des späteren Polentums) auch damit spielte, eine magyarische Identität anzunehmen: Imre Szégéni.

Der letzte Name sticht heraus – denn er kokettiert nicht mit dem eigenen – und scheint rätselhaft. Immerhin fällt die Nähe zum ungarischen Wort „szegény“ auf und das heißt „arm“, kann aber auch substantivisch genutzt werden. Imre aber ist die magyarisierte Form von Emmerich und wenn man weiß, daß der Jüngling sich mehrere Jahre mit der Ermanarich-Sage und der Geschichte des legendären Gotenkönigs beschäftigt hat, dann wird wohl auch dieser Name erklärbar. Es finden sich dazu im Nachlaß historische Versuche, eine längere Dichtung und eine Komposition. Er hatte intensiv über mehrere Jahre mit diesem Thema gerungen.

Liest man heute die Arbeiten des 16-jährigen, dann ist man ergriffen von der geistigen Reife. Er legte sich selbst Rechenschaft über sein Schaffen ab und in einem Text, überschrieben mit „Meine literarische Thätigkeit, sodann meine musikalische 1862“, lesen wir über seine Arbeit an einer Ermanarichsymphonie: „Trotzdem schwankte ich noch, wie ich das Produkt taufen sollte, ob ,Ermanarichsymphonie‘ oder ,Serbia‘, da ich den Plan hatte, ähnlich wie in der ,Hungaria‘ Liszt’s geschehen, die Gefühlswelt eines slawischen Volkes in einer Composition zu umfassen.“[10] Dort finden wir auch den lakonischen Eintrag: „Petőfi kennen gelernt.“[11] Diese wichtige Bekanntschaft war offenbar eine Notiz in der Jahresendabrechnung wert.

Wir dürfen den Zeilen eine gewisse romantische Vorstellung über Völkerpsychologie entnehmen, mit Unwissen gepaart. Alles Wilde, Südliche schien den Jüngling zu begeistern und im Furor rechnet er die Ungarn sogar den Slawen zu. Diese Differenzierungen waren offensichtlich nicht bedeutsam, aber die Stimmung, die Seele war es sehr wohl. Das deutsche Publikum frönte ohnehin einer gewissen „Alföld-Romantik“[12]. Er schreibt auch: „Allerdings, es sind keine Goten, keine Deutschen, die ich gezeichnet, es sind – ich wage es zu behaupten – Ungargestalten; der Stoff ist aus der germanischen Welt in die ungarischen Pußten, in die ungarischen Gluthseelen getragen. Und das ist der Hauptfehler des Ganzen.“ Der Fehler – das sah er wohl – war ein künstlerischer. Immer wieder ist von „ungarischer Gluth und Kraft“ oder von „ungarischer Wildheit“ die Rede[13].

Dabei kommt das Ungarische als Interpretationsform des „Ermanarich“ erst später hinzu. Das lag – nachdem Körner die Saat gelegt hatte – an der Entdeckung der ungarischen Dichtung in Form der Gedichte Petőfis.

Seit 1849 gab es deutsche Übersetzungen – Nietzsche hatte nachweislich zwei verschiedene Arbeiten besessen[14] und war sofort Feuer und Flamme, auch wenn die Übertragungen schwach und entstellend waren. 1864 entstehen in den dunklen November- und Dezembernächten vier oder fünf Petőfi-Vertonungen – ein Gedicht läßt sich nur schwierig zurechnen –, nebst anderen Liedern, die Nietzsche in zwei Hefte eintrug. Gemeinsam mit den Jugendfreunden Gustav Krug und Wilhelm Pinder hatte er einen Selbstbildungsverein „Germania“ gegründet, in dem sich die Teilnehmer gegenseitig mit eigenen literarischen und musikalischen Schöpfungen erquickten und herausforderten.

Petőfi sprach ihn zwiefach an. Zum einen war da das historische Bild des Freiheitskämpfers, der sich tapfer – wie Zrínyi – in die Schlacht warf und sein Leben ließ. Es gibt Gründe anzunehmen, daß der Tod Petőfis weit weniger heroisch war. Die Russen hatten die Reihen überrannt, wer ein Pferd hatte, floh Hals über Kopf, Petőfi hatte keines und rannte zu Fuß in ein Maisfeld, wurde dort aufgestöbert und schließlich von hinten auf der Flucht niedergemacht und ob seines exotischen Seidenhemdes auch noch gefleddert. Danach landete sein Leichnam – wenn man der Erzählung des Oberst Heydte, eines Zeugen des Geschehens – beritten – Glauben schenken darf[15], in einem nicht gekennzeichneten Massengrab. Das konnte der junge Nietzsche nicht wissen und hätte es wohl auch nicht wissen wollen. Immerhin zeugen eine ganze Reihe von Gedichten des ungarischen Nationaldichters – wie wir gesehen haben – von Zrínyischer Verwegenheit und das mußte junge Pennäler in der Mitte des 19. Jahrhunderts zweifellos ansprechen.

Daneben ist es aber vor allem Petőfis depressiver Zug, der im jungen Nietzsche Widerhall fand. Unter seinen Vertonungen finden sich mehrere Gedichte des Ungarn – sie alle teilen einen Ton der Schwere und der Tristesse[16]. Es fällt auch unter seinen Liedern die Häufigkeit ungarischer Titel und Inspirationen auf. Es gibt „Ungarische Skizzen“[17], einen „Zigeunermarsch“, einen „Ungarischen Marsch“, „Ein alter Ungar“[18], ein „Im Mondschein auf der Puszta“ oder ein „Aus der Csarda“[19] und sogar einen ungarischen Titel „Edes Titok“[20] (Süßes Geheimnis)[21] – sie alle – sofern erhalten[22] – strahlen eine gewisse Energie aus, aber die Petőfi-Lieder sind an Traurigkeit kaum zu überbieten:

Verwelkt[23]

Du warst ja meine einz’ge Blume,
verwelkt bist du — kahl ist mein Leben.
Du warst für mich die strahlende Sonne,
du schiedst — ich bin von Nacht umgeben.
Warst meiner Seele leichteste Schwinge,
du brachst — ich kann nun nimmer fliegen.
Du warst die Wärme meines Blutes,
du flohst — ich muß dem Frost erliegen.

Unendlich[24]

… Stehe sinnend hier am Bache
Bei den stillen Trauerweiden
Passend ist für mich die Stätte
Der ich voll von Leiden!
Schaue niederhangen diese
Zweige hier in Ringen
Und sie gleichen meiner Seele
Fluggelähmten Schwingen! …

Ständchen[25]

Es gießt der Regen stark im Ort,
Die Nachtigall singt trotzdem fort,
Und wer da hört ihr trübes Lied,
Dem wird das Herz so schwer und müd‘!…

Nachspiel[26]

Ich möchte lassen diese glanzumspielte Welt,
In der mich Lust und Wehe rings umsponnen hält,
Und möchte fortziehn, fort von den Menschen weit
In eine wilde, schöne Waldeinsamkeit
Dort würde ich dem Laubgeflüster lauschen
Und horchen auf des hellen Bächleins Rauschen
Und auf der Vögel Sang,
Sehen der Sonne Untergang –
Und endlich selber mit ihr untergehen.

Die Nietzsche-Philologie stand freilich vor einem Problem, denn einige der Lieder, die Nietzsche Petőfi zuschrieb, waren bei ihm nicht zu finden und auch in den deutschen Petőfi-Ausgaben der Zeit nicht. Das betrifft das Lied „Es winkt und neigt sich“ und teilweise auch das „Nachspiel“. Es ist also anzunehmen, daß Nietzsche selbst Nachdichtungen anfertigte, selbstredend nicht aus dem Ungarischen, sondern er versuchte Verbesserungen, die auch mit den Zwängen der Vertonung zusammenhängen könnten. Es ist insofern signifikant, als wir hier ein Beispiel vor uns sehen, wo Nietzsche in den Dichttext des verehrten Petőfi aktiv eingreift, wo also beider Worte zu einem Ganzen verschmelzen – ein Prinzip, das im Zarathustra evtl. Wiederholung fand.

(Ich höre Nietzsches Kompositionen und Lieder nun seit vielen Jahren – sie berühren mich tief. Aber immer, wenn ich jemanden vom Fach dazu befragte, wie sie musikalisch einzuordnen, ob sie originell seien, bekam ich zur Antwort, daß man es mit künstlerischer Mangelware zu tun habe. Nietzsche selbst hatte seine Manfred-Meditation einst zur Begutachtung an Hans von Bülow geschickt und bekam als Antwort: „Ihre Manfred-Meditation ist das Extremste von phantastischer Extravaganz, das Unerquicklichste und Antimusikalischste, was mir seit lange auf Notenpapier zu Gesicht gekommen ist. Mehrmals musste ich mich fragen: Ist das Ganze ein Scherz, haben Sie vielleicht eine Parodie der Zukunftsmusik beabsichtigt? Ist es mit Bewußtsein, daß Sie alle Regeln der Tonverbindung, von der höheren Syntax bis zur gewöhnlichen Rechtschreibung ununterbrochen Hohn sprechen? Abgesehen vom psychologischen Interesse – denn in Ihrem musikalischen Fieberprodukte ist ein ungewöhnlicher, bei aller Verwirrung distinguierter Geist zu spüren – hat Ihre Meditation vom musikalischen Standpunkte aus nur den Werth eines Verbrechens in der moralischen Welt“[27] Nietzsche bedankte sich nach einer Weile brav und völlig unnietzschisch und ließ seither das Komponieren bleiben – um sich gänzlich der Philosophie zu widmen.

Dennoch: mich überzeugen die meisten seiner musikalischen Arbeiten durch ihre innere Kraft und Emotionalität – man kommt in ihnen, will mir scheinen, dem Menschen Nietzsche so nah wie selten. Gerade die Manfred-Meditation oder der „Hymnus an die Freundschaft“, der „Hymnus an das Leben“ oder „Eine Sylvesternacht“, also die etwas längeren Stücke, empfinde ich als mitreißend. Die Vorstellung, Nietzsche mit brennenden Augen übers Klavier gebeugt zu sehen und diese emotionalen Melodien in die Tasten zu hauen, bringt mich ihm menschlich nahe – oder erzeugt doch zumindest diese Illusion.)

Nietzsche schien im Ungarischen im Allgemeinen und in Petőfi im Besonderen zwei Dinge gefunden, zwei Bedürfnisse befriedigt zu haben und beide finden sich auch in seiner Philosophie wieder. Da ist zum einen das überwältigend Starke, die Kraft, der Wille zur Macht und die Bereitschaft zum Untergang im Kampf und Ringen, was sich gleichzeitig als Lebenslust, als Freude, als Affirmation manifestiert und da ist zum anderen der gleiche Wille zum Leid aus dem die Gedanken des Amor Fati und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen geschöpft werden. Gerade in Petőfis trüberen Versen findet er das Bewußtsein, Singularität zu sein. Nietzsche wurde nicht Pessimist, weil er Petőfi gelesen hatte, sondern er las Petőfi – und später Schopenhauer –, weil dieser seinen frühen Pessimismus befriedigte.[28]

Wenn diese Überlegungen standhalten, dann könnte man die Rolle Petőfis in Nietzsches Werk und Denken neu bewerten. Es stimmt: nach den frühen Jahren verschwindet er fast vollständig aus den Schriften, auch das Ungarische wird zur Seltenheit – er lernt etwa einen Übersetzer Petőfis kennen und teilt das seinen Freunden stolz mit[29] oder aber er freut sich über eine erste Rezension seiner Werke „in einem ungarischen Winkelblatt“[30] –, dennoch sind Sprache und Bildlichkeit Petőfis präsent und oft läßt sich eine Geistesschuld gerade durch Verschweigen aufzeigen.  

Den Schlüssel dafür bot Joachim Köhler in seiner umstrittenen Schrift[31]Zarathustras Geheimnis“. Petőfi kommt bei der Aufklärung der Anamnese des Denkens Nietzsches – Köhler interpretiert es als Krankenakte – eine bedeutende Rolle zu. Schon der Knabe wurde demnach von der „Todeserotik“ des Ungarn fasziniert[32]. Einige seiner Bilder habe Nietzsche tief verinnerlicht und im „Zarathustra“ – bewußt oder unbewußt – reaktualisiert. So trage Petőfis Gedicht „Világosságot“ (was Köhler sehr frei mit „Licht, mehr Licht“ übersetzt) präzarathustrische Züge:

Jedoch sind wir nicht bloß vergleichbar …
Dem Wanderer, der auf Berge klimmt
Und steht am Gipfel er, dann wieder
Den Rückweg nimmt
Hernieder?
Und ewig daure dieser Lauf
Hinauf, hinab, hinab, hinauf?
Um sich in Irrsinn zu versenken! …

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Zeilen tatsächlich sehr nach Nietzsche klingen – sie beschreiben nicht nur „die Sinnlosigkeit, ewig“, einen typischen Fatalismus, sie umfassen auch den Zentralgedanken der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ und sie passen sogar im Duktus sehr gut zu vielen Gedichten Nietzsches oder zur Sprechweise Zarathustras. Gut denkbar, daß Nietzsche bei Petőfi – trotz mangelhafter Übersetzungen – Stilübungen vorgefunden hatte. Das poetische Genie hatte er gegen die Mangelübertragung zweifelsohne erkannt.

Wen nie im Bogen
Gedanken noch umflogen
Wie diese, ach wie die,
Der fror noch nie;
Was Kälte ist, der weiß es nicht …

Auch Nietzsche-Experten, legte man ihnen diese Zeilen etwa als Archivfunde vor, würden sie wohl als Werk Nietzsches anerkennen – aber es ist Petőfi.

In Nietzsches Nachlaßäußerung „in fernsten und kältesten Gedanken umgehend, wie ein Gespenst auf Winterdächern, zur Zeit, wo der Mond sich in den Schein legt“[33] will Köhler Petőfis Kältebild wiedererkennen. 

Noch ein Bild macht Köhler im Zarathustra ausfindig, das jedoch eher seine Arbeitsweise in Frage stellt. In Zarathustras Satz[34]:

„Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.“

Meint er ebenfalls eine Reminiszenz an  Petőfis Vers erkennen zu können[35].

Wesentlich interessanter und auch bedeutender ist der Versuch, das bekannte Motiv der Schlange, die dem Schlafenden in den Rachen kriecht, auf Petőfi zurückzuführen. Am Ende seines Gedichtes „Világosságot“ entwirft Petőfi folgende Szenerie:

Mit solcherlei Gedanken ist verglichen
Die Schlange warmer Sonnenstrahl,
Die eisgleich kommt geschlichen
Uns über’n Busen, glitzernd, fahl
Und bluterfrierend weiter schleicht
Den Hals hinan, bis sie erreicht
Den Mund,
Und uns den Atem dann erstickt im Schlund.

Das Wort „Schlund“ findet sich in der berühmten Szene in „Vom Gesicht und Rätsel“ im dritten Teil des Zarathustra mehrfach, etwa:

„Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf einem Antlitze? Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund – da biß sie sich fest.“

Köhler meinte nun[36], Wort und Bild habe Nietzsche einst von Petőfi gelernt, der Gedanke habe ihn nie wieder verlassen und fand schließlich in Nietzsches Hauptwerk seine Wiedergeburt. Auch wenn die Parallelen zwischen den Zeilen Petőfis und Nietzsches frappierend sind, kann die Zusammenführung nicht mehr als den Status einer Hypothese beanspruchen, denn auch das Bild der in den Hals kriechenden Schlange ist nicht originell – es verbindet zwei Urängste des Menschen.

Man muß nicht so weit gehen – wie das magyarischer Überschwang über die Entdeckung der Beziehung Nietzsche-Petőfi tat[37] – und den Dichter gleich zum philosophischen Lehrer Nietzsches machen, aber gänzlich absurd ist Köhlers Idee nicht – es ist möglich, daß eines der Schlüsselbilder in Nietzsches Zarathustra Petőfi zu verdanken ist, es ist möglich, daß der ungarische Nationaldichter für den deutschen Ausnahmedenker wichtiger war, als bislang angenommen.

Literatur:
Nietzsche: Kritische Studienausgabe KSA. 15 Bände München 1988
Nietzsche: Kritische Studienausgabe Briefe 8 Bände. München 1986
Nietzsche: Jugendschriften 5 Bände. München 1994
Petőfi, Sándor: Összes Költeményei. 2 Bände, Budapest 1959
Ábela Barabás: Petőfiánus Nietzsche. In: NIETZSCHE-TÁR. Szemelvények a magyar Nietzsche-irodalomból 1956-ig. Budapest 1956
Kai Agthe: Über Friedrich Nietzsches Verhältnis zu Franz Liszt. In: Das Blättchen. 14. Jahrgang. Nr. 25. 2011
Gyula Illyés: Petőfi. Ein Lebensbild. Berlin (Ost) 1971
Joachim Köhler: Zarathustras Geheimnis. Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft. Hamburg 1992
Theodor Körner: Zriny. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen (1812). In: Körners Werke. Berlin o.J.
Gyula Kornis: Nietzsche és Petőfi. Budapest 1942

Béla Lengyel: Nietzsches Image von Ungarn. In: Hungarian Studies 2, No. 2, Budapest 1986, S. 243-265
Ernö Lengyel: Nietzsche magyar utókora. In: Minerva XVII évfolyám, Pécs 1938, S. 49 – 95
Martin Lorenz: Musik und Nihilismus: Zur Relation von Kunst und Erkennen in der Philosophie Nietzsches. Würzburg 2008
Cornelia Witthoefft: Einführender Kommentar zu den auf der Doppel-CD »Sie hätte singen sollen, diese Seele…« Friedrich Nietzsches Denken und Musik1eingespielten Kompositionen Friedrich Nietzsches Zugleich eine Anleitung zum Hören nach Nietzsche. 2012 https://www.derblauereiter.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Verlag/Hoerbuecher/Nietzsche-CD/Einfuehrung.pdf

[1] KSA 9, 681 „Man hat mich gelehrt, die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen, welche Niëtzky hießen und etwa vor hundert Jahren ihre Heimat und ihren Adel aufgaben, unerträglichen religiösen Bedrückungen endlich weichend: es waren nämlich Protestanten. Ich will nicht leugnen, daß ich als Knabe keinen geringen Stolz auf diese meine polnische Abkunft hatte: was von deutschem Blute in mir ist, rührt einzig von meiner Mutter, aus der Familie Oehler, und von der Mutter meines Vaters, aus der Familie Krause, her, und es wollte mir scheinen, als sei ich in allem Wesentlichen trotzdem Pole geblieben. Daß mein Äußeres bis jetzt den polnischen Typus trägt, ist mir oft genug bestätigt worden; im Auslande, wie in der Schweiz und in Italien, hat man mich oft als Polen angeredet; in Sorrent, wo ich einen Winter verweilte, hieß ich bei der Bevölkerung il Polacco; und namentlich bei einem Sommeraufenthalt in Marienbad wurde ich mehrmals in auffallender Weise an meine polnische Natur erinnert: Polen kamen auf mich zu, mich polnisch begrüßend und mit einem ihrer Bekannten verwechselnd, und Einer, vor dem ich alles Polenthum ableugnete und welchem ich mich als Schweizer vorstellte, sah mich traurig längere Zeit an und sagte endlich ‚es ist noch die alte Rasse, aber das Herz hat sich Gott weiß wohin gewendet.‘“
[2] KSA 6, 268
[3] KSA Briefe 6, 415
[4] Für „Ritualmord in Ungarn. Eine jüdische Tragödie“ (1913) erhielt er 1915 den Kleist-Preis. Eine spätere Bearbeitung ist unter dem Titel „Die Sendung Semaels“ (1918) in der Werkausgabe erschienen. In ihm kann man sehr gut die selbstimmunisierende Logik des habituellen Antisemitismus studieren.
[5] “A tiszaeszlári Solymosi Eszter”
[6] „Liszt, der Repräsentant aller Musiker, kein Musiker: der Fürst, nicht der Staatsmann. Hundert Musiker-Seelen zusammen, aber nicht genug eigene Person, um eignen Schatten zu haben. Wenn man eine eigene leibhafte Persönlichkeit haben will, so muss man sich nicht sträuben, auch einen Schatten zu haben.“ (KSA 8, 511)
[7] Siehe Lengyel, S. 248
[8] z.B. Jugendschriften 1, S. 265 u. 446
[9] Nietzsche hatte Körner bereits mit 14 Jahren gelesen und ihm 1858 ein Gedicht gewidmet: „Jugendlicher Held, dir soll mein Lied erschallen/Will im Geist zu deiner Grabesstätte wallen./Wie die Eiche strebend auf gen Himmel/Standest fest und kühn du im Getümmel. …“
[10] Jugendschriften 2, S. 103. Zuvor hatte er in seiner historischen Skizze zum Ermanarich noch festgestellt: „Die Sage von Ermanarich ist echt deutsch und durch die Personen, die darin auftreten, und durch die Oertlichkeit an Deutschland gebunden.“ (Jugendschriften 1, S. 297)
[11] Jugendschriften II, S. 100
[12] Siehe: Ernö Lengyel: Nietzsche magyar utókora, S. 50
[13] Damit schließt sich Nietzsche dem klassischen Klischee vom Ungarn an, wie es etwa Karl Beck – Dichter des Liedes „An der schönen blauen Donau“ und allgemein bekannt –  in Verse gegossen hatte: „Bei Gott , ich bin ein echt Magyarenkind!/ Gott, daß Niemand mehr mich kennen will!/ Mein Blut erbraust, wie jäher Wirbelwind,/ Mein Sinn ist trotzig, ist nicht deutsch und still.“ Nietzsche hatte von ihm ein Gedicht transkribiert mit dem Titel: „Magyarenschenke“ (Jugendschriften III, S. 457). Wie tief das Bild vom wilden Ungarn verinnerlicht war, zeigen auch Notizen zu seinen „Ungarischen Skizzen“, wo er die Titel mit Beschreibungen oder Plänen ergänzt: „Nachts auf der Haide Hoihü! Durch die Haid. In der Szarda. Schenk ein, schenk ein …“ (Jugendschriften III, 73)
[14] „In der Bibliothek Nietzsches in Weimar ist das Heftchen Alexander Petőfi‘s Dichtungen. Nach dem Ungrischen, in eigenen wie fremden Übersetzungen gesammelt von K.M.Kertbeny. Berlin o.J. (1860) Verlag Hofmann & Comp. mit der Einleitung Kertbenys über Petőfi zu finden. Aus der Einleitung Kertbenys – einem Jugendfreund Petőfis und Jókais – konnte Nietzsche nicht nur Petőfis Persönlichkeit und Dichtung kennenlernen, sondern auch über andere ungarische Klassiker (Vörösmarty, Arany usw.) ein skizzenhaftes Bild erhalten“ (Béla Lengyel: Nietzsches Image von Ungarn. In: Hungarian Studies 2, No. 2 S. 251)
[15] Vgl: Illyés. S. 420 ff.
[16] Zur musikalischen Einordnung siehe: Lorenz: Musik und Nihilismus. S. 30 – 50
[17] In der Chronik der „Germania“ werden sie im April 1862 von Gustav Krug akribisch verbucht: „Die Lieferungen für Februar bestanden in der schon erwähnten Abhandlung Pinders über Napoleon III. als Erwiderung, sodann in mehreren Compositionen des Mitglieds Nietzsche ‚Ungarische Skizzen‘ betitelt, die mir in vieler Beziehung sehr gefielen. Der Componist zeigte darin einen viel geläuterten Sinn, als in seinen früheren Werken, Schuhmann’scher Einfluß ist nicht zu verkennen, jedoch fällt der Componist niemals in Nachahmung. Nur eins hätte ich auszusetzen. Manches könnte nemlich noch durchgearbeiteter sein, der Componist scheint noch nicht die letzte Feile angelegt zu haben“
[18] Hierzu ist auch ein Gedicht /1863) „Der alte Ungar“ überliefert, das vom Verlust der Jugend handelt. (Jugendschriften II, S. 73f.)
[19] Nietzsche glaubte in „Csarda“ allerdings ein polnisches Wort zu sehen – siehe: Witthoefft S. 14.
[20] Korrekt wäre „Édes Titok“ – Nietzsche verdeutscht das Lied mit „Sei still mein Herz“
[21] Jugendschriften 2, S. 121 f. und 133, nur als Bsp. mehrere solcher Listen
[22] Nietzsche listet weitere Petőfi-Lieder auf: “Die Kette von Petőfi” oder “Wo bist du”, die verschollen sind und keinem Vers des Dichters zugeordnet werden können. (Jugendschriften III, S. 135) Daß „Die Kette“ verschollen ist, bleibt bedauerlich, denn es ist die einzige Vertonung Petőfis, die den Patrioten und Freiheitskämpfer repräsentiert, voller Freiheitspathos, kämpferischer Wut und Umsturzgedanken: „A Bilincs“ (siehe: Petőfi und die permanente Revolution)




[24] Original: Te vagy, te vagy, barna kislyány.




[26] Original: Szeretném itthagyni
[27] Einen ähnlich niederschmetternden Bescheid erhielt er vom Bonner Musikdirektor Brambach, der ihm empfahl, Unterricht „im strengen Kontrapunkt“ zu nehmen.
[28] Vgl. Gyula Kornis: Nietzsche és Petöfi. Budapest 1942, S. 10f.
[29] Briefe an Erwin Rohde und Carl von Gersdorff, Dezember 1874. Auch an den Übersetzer – Theodor Opitz –, der ihm, offenbar von Nietzsches dritter „Unzeitgemäßer Betrachtung“ beeindruckt, ein Gedicht mit dem Titel „Schopenhauer als Erzieher“ geschickt hatte, schrieb er einen Brief, in dem Petőfi nicht erwähnt wird. Eine bessere Gelegenheit, darüber zu sprechen, hätte sich schwerlich finden lassen. Vgl. KSA Briefe 4, S. 282ff.
[30] KSA Briefe 6, S. 572
[31] Köhlers Psychogramm gehört zweifellos zur sekundärliterarischen Pflichtlektüre. Umstritten ist es, weil es Nietzsches komplexes Denken auf eine Sexualneurose (latente Homosexualität) und quasi inzestuöse Beziehungen zur Schwester und der Angst vor dem Gespenst des Vaters reduziert und dabei mit großer Boshaftigkeit und Besessenheit das gesamte Werk nach „Stellen“ absucht, die ins Narrativ passen, dabei natürlich stark assoziativ vorgehend. Nichtsdestotrotz gelingen Köhler hochinteressante Interpretationen. 
[32] Vgl. Köhler 54ff.
[33] KSA 11, 381
[34] Also sprach Zarathustra IV, 4 – KSA 4, S. 398
[35] Wahrscheinlicher scheint mir die Annahme, daß das Bild des Hundes, der den Mond in eisiger Nacht anbellt, ein vielfältig verwendetes und frei verfügbares ist.
[36] Köhler S. 535ff. „Die Schlange war für ihn nicht nur Bild der Wiederkehr – sie war ihm auch als Bild wiedergekehrt: intuitiv, visionär, als sähe er sie zum ersten Mal. In Wahrheit war schon der Siebzehnjährige darauf gestoßen, als er Petőfis Gedichte studierte und sich einverleibte.“ (535)

© Seidwalk Januar 2021

Denkanstöße – Sloterdijk VI

Einige willkürliche und ganz subjektiv ausgewählte Beispiele von Sloterdijks aphoristischer, oft ironischer Prägnanz aus seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“. Selbstverständlich aus dem Kontext gerissen.

Götter sind Vagheiten, die durch Kult präzisiert werden.

Zu seinen (Jesu) Dichtern wurden die Evangelisten, die seine Geschichte vom Ende her erzählten. Sie zögerten nicht, ihren Lehrer, dessen Worte vor den fatalen Ereignissen nach seinem Einzug in Jerusalem bei ihnen nachhallten, sagen zu lassen, was er gesagt haben müßte, sollte seine irdische Erscheinung den Sinn haben, ohne den sie nur der Stoff zum Bericht eines Scheiterns wäre.

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Kennt noch jemand Herbert Fritsche?

Nein? Seltsam eigentlich! In den Nachkriegsjahrzehnten erreichten seine bedeutendsten Bücher hohe Auflagen bei renommierten Verlagen. Sein riesiges feuilletonistisches Werk strahlte bis in „Die Zeit“, „Die Welt“ oder den „Spiegel“ hinein.

Fritsche führte eine intensive Korrespondenz mit Martin Buber, Ernst Jünger, Ernst Klett und vielen anderen, war mit Gottfried Benn und Gerhard Nebel befreundet, verstand sich als Schüler Gustav Meyrinks und Alfred Kubins …, kurz, war eine Größe, eine Schnittstelle im intellektuellen Leben Deutschlands der 30er bis 60er Jahre.

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Das Ende des Denkens

Ununterbrochen ist unser Geist in Bewegung. Worte und Sätze schwirren uns im Kopf herum, ein endloses Selbstgespräch, oft kaum bewußt. Diesen Strom zu stoppen, ist der Sinn vieler Meditationsübungen. Dabei kommen manchmal ganz brauchbare Gedanken zum Vorschein – wenn man sie nur festhalten kann.

Heute zum Beispiel sagte ich unwillkürlich folgenden Satz vor mich hin: „Nimm einfach mal ein halbes Jahr Auszeit und studiere Nietzsche“.

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Der Tod im Gedankenkarussell

In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. (Nietzsche)

Ununterbrochen – sofern man nicht gelernt hat, es durch gewisse Techniken abzustellen – dreht sich unser Gedankenkarussell. Meist sind es kurze Versatzstücke, die einem „in den Sinn kommen“, doch wenn man nicht aufpaßt oder – was heutzutage wahrscheinlicher ist – nicht durch neue Eindrücke – die andere Versatzstücke oder „Ideen“ verursachen – abgelenkt wird, dann kann es auch zu längeren Assoziationsketten kommen. Das meiste davon verschwindet schnell im Vergessen und ganz zurecht, denn oft ist es nur „Spinnerei“.

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Der Schock von 2016

Vittorio Hösle – wenn ich diesen Namen erwähne, dann werden viele Leser vermutlich mit den Schultern zucken. Noch nie gehört? Das verwundert, denn Hösle galt Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre als Shootingstar der deutschen Philosophie. Seither habe ich ein gewisses Faible für den Mann und verfolge sein einst vielversprechendes Werden.

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Das neue Denken der alten Rechten

Gegneranalyse II

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der „Neuen Rechten“ leidet sehr oft an der Inhaltslosigkeit. Viele haben eine feste Meinung, aber nur wenige haben die Arbeiten verstehend gelesen und gerade im journalistischen Bereich scheint man sich auf die Wertungen und Urteile weniger und selten unparteiischer Rechtsextremismus-Forscher zu verlassen.

Allein schon der Versuch, sich ernsthaft mit der konservativen Denklinie zu beschäftigen, ist daher lobenswert. In einem Sammelband des „Zentrums Liberale Moderne“ wurde dies nun anhand von 16 Vordenkern der „Antiliberalen Revolte“ versucht.

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Philosophie = Rassismus

Bang und bänger wird das Herz fast täglich, wenn man die aktuellen Entwicklungen betrachtet, den rasanten Verfall der Freiheit, sich auszudrücken. Man könnte es als schicksalhaft mißverstehen, doch manchmal gibt es Momente, die uns die innere Konsequenz des Prozesses deutlich machen.

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