Der schwarze Ritter im Interview

Viele Leute kennen Götz Kubitscheks Namen und wissen, was sie über ihn zu denken haben, aber deutlich weniger Menschen wissen tatsächlich, was und wie er denkt. Denn gemessen daran, daß er als der spiritus rector der Schnellrodaer Neuen Rechten gilt – die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft werden – sind seine Wortmeldungen überschaubar und widmen sich meist nur dem Grundsätzlichen.
In der ungarischen Netzzeitschrift „Mandiner“ fand ich nun ein Interview aus dem Jahre 2018, das uns nicht nur die Person näherbringt, sondern auch einige subtile Töne vermittelt, die man sonst selten hört, und uns zudem in eine andere Form der Kunst der Interviewführung einführt.
Daher habe ich mir erlaubt, das Gespräch zu übertragen – für mich war es zugleich eine gute Übersetzungsübung. Eventuelle Fehler dieser Rückübersetzung, Holprigkeiten oder Mißverständnisse gehen selbstredend auf meine Kappe.

Deutschland entfremdet sich (von sich selbst)

Der Spiegel nannte Sie einen „dunklen Ritter“ – was sagen Sie dazu?

Das ist nur ein Spiel mit Worten, das darauf anspielt, daß ich mit meiner Familie in einem Ritterhof in der Provinz in Sachsen-Anhalt lebe, und die Dunkelheit kann natürlich auf das Geheimnisvolle und Bedrohliche verweisen – so wie sie sich das offensichtlich vorstellen. Immerhin, es ist wahr: dunkel ist nicht rot (lacht).

Betrachten Sie sich als Konservativen oder als radikalen Rechten?

Das sind umstrittene, polemische Begriffe: die Polemik stammt vom griechischen Wort Krieg – πόλεμος – ab, das sind politische Attribute und Werkzeuge des politischen Krieges. Wir sind sowohl Konservative als auch Rechtsintellektuelle und in gewisser Hinsicht auch konservative Revolutionäre. Unserer Lebensweise und unserer Grundhaltung nach sind wir Konservative. Das ist ein kultureller Bereich. Aber wir wissen, daß wir aufgrund der politischen Umstände in Deutschland radikal denken müssen. Es ist eine wichtige Unterscheidung, daß ich von radikalem Denken und nicht von radikalem Handeln spreche. Da ist ein großer Unterschied. Ob wir in den Augen unserer Gegner Radikale, Rechtsextreme oder Nationalsozialisten sind, ist mir vollkommen egal, solange wir mit unseren Gefährten genau wissen, was unsere eigenen Grundpositionen sind.

Aber warum muß man in Deutschland radikal denken? Es geht den Deutschen gut, die Wirtschaft floriert, es gibt fast keine Arbeitslosigkeit, die Menschen leben im Wohlstand.

Die Wirtschaft und wie viel Geld die Menschen haben, das ist nur ein Element des Lebens. Die Frage ist vielmehr, ob wir, die Deutschen, in 20 Jahren noch über die deutsche Politik bestimmen werden? Die Sorglosigkeit und Selbstvergessenheit, die wir unabhängig von den Zukunftsaussichten in der deutschen Gesellschaft erfahren, erfüllt uns mit großer Sorge und Angst. Die Entfremdung Deutschlands von sich selbst wird immer auffälliger.  In einigen westdeutschen Großstädten werden in immer mehr Vierteln die nichtdeutschen Einwohner zur Mehrheit. Außerdem ist wirtschaftliche Prosperität an kulturelle Seelenlosigkeit und Geistlosigkeit geknüpft. Die Frage ist, ob es noch einen solchen deutschen Kern gibt, an dem man sich in Zukunft festhalten sollte, der das zukünftige  Deutschland definiert.

Und gibt es noch einen solchen deutschen Kern? Woraus würde er bestehen?

Das ist die große Frage. Meiner Ansicht nach gibt es natürlich einen solchen Kern. Zuerst ist da unser historisches Erbe, das gepflegt werden muß. Es gibt eine deutsche Art zu leben und ein deutsches Rechtswesen, das sich gerade deswegen herausgebildet hat, weil in diesem Land im Laufe der Geschichte Deutsche gelebt haben. Es gibt von der Philosophie über die Kunst und den Handel bis hin zum Ingenieurswesen eine spezifisch deutsche Herangehensweise. Wir können das die deutsche Seele nennen. Diese deutsche Seele wird in der Moderne jedoch von zwei Seiten angegriffen. Einerseits von der Moderne selbst, die die Gefüge und Verbindungen der Menschen auflöst und dekonstruiert, andererseits von ihren Entfremdungsphänomen, daß nicht mehr nur wir selbst im eigenen Land leben und wir darüber hinaus keine integrative und assimilierende Kraft mehr haben. In welchem Land unsere Kinder in 30 Jahren einmal leben werden, das ist eine existentielle Frage.

Sie und Ihre Kollegen sprechen und streiten viel über die deutsche Geschichte, über die Kulturgeschichte, das deutsche Schicksal. Wenn jemand in der deutschen Öffentlichkeit an diesen Debatten teilnehmen will, dann muß er zu einigen Grundsatzfragen Stellung beziehen. Eine solche Frage ist die Beurteilung der Nazi-Zeit. Wie stehen Sie zum Nationalsozialismus?  

Das 20. Jahrhundert war für das Deutsche katastrophal. Wir haben auch zwei Weltkriege verloren. Im ersten erlitten wir eine Niederlage, im zweiten wollten wir aufgrund einer krankhaften Politik vollkommen irrig dafür Revanche nehmen, was uns in eine totale Katastrophe geführt hat. Für die Deutschen war der Nationalsozialismus eine katastrophale politische Wende. Unsere Antwort auf die Niederlage führte zu noch einer größeren Niederlage.

Eine weitere Frage ist das Verhältnis zum Erbe der 68er.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen politisch impotent, auch wenn sie wirtschaftlich gesehen sehr schnell wieder auf die Füße kamen. Die Deutschen wurden von außen und mit großem Mißtrauen betrachtet und sie wurden über Jahrzehnte in Schach gehalten. In dieser Zeit haben die Deutschen ihre eigene Vergangenheit falsch aufgearbeitet. Das ist die große Belastung, die uns das 68er Erbe auferlegt hat.

Sie werden sehr oft mit der Bewegung der „Neuen Rechten“ in Verbindung gebracht, die im übrigen bereits auf mehrere Jahrzehnte zurückblickt. Welche Relevanz hat die Neue Rechte im Deutschland des Jahres 2018?

Die Neue Rechte arbeitet in der Tat schon seit Jahrzehnten, zahlreiche Phänomene hat sie diskutiert und durchdacht, jedoch immer nur in einem engen Kreis. Aber mit dem Aufstieg der AfD und anderer Organisationen begannen unsere Gedanken plötzlich in einem großen Raum widerzuhallen. Als die AfD den Durchbruch schaffte, begannen Linke und Liberale zu untersuchen, woher die Ideen der AfD kamen. Es ist sicher eine typische intellektuelle Herangehensweise, wonach jeder, der Politik betreibt, zuvor offenbar schon eine ganze Bibliothek dazu gelesen haben muß. Um Politik zu machen ist das jedoch nicht notwendig. Aber auf der Suche haben sie regelmäßig uns aufgespürt. So wurden wir plötzlich wichtig und von großer Bedeutung. Unsere Überlegungen haben heute einen viel größeren Einfluß, als wir es uns vor zehn Jahren hätten vorstellen können. Einerseits sind unsere Arbeiten dadurch bedeutsamer geworden, andererseits wird uns eine große Verantwortung auferlegt, weil jeder Satz, den wir formulieren, bedeutsamer wurde als früher. Unsere Gedanken können nicht mehr so experimentell daherkommen, da wir eine direkte Wirkung auf die Politik haben. Das ist eine andere Art von Verantwortung.

Betrachten Sie sich bereits als Politiker, als jemand, der selber Politik macht?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin Intellektueller (lächelt).

Was halten Sie von der deutschen Rechten, vom Zustand der CDU, beziehungsweise der jetzigen AfD?

Die CDU ist aus unserer Sicht weder konservativ noch eine rechte Partei. Die CDU ist eine Mainstream-Partei, die vieles von dem, was uns wichtig war, zerstört hat und sich schließlich selbst auflösen wird. Die AfD gibt uns hingegen Hoffnung in der Parteipolitik; sie ist wie eine konsequente CDU oder CSU, aber sie weist glücklicherweise deutlich mehr Schattierungen und revolutionären Schwung auf. Wenn wir über die konservative Revolution sprechen, so nimmt sich diese AfD – im Gegensatz zur CDU – ernst. Und ich sehe, daß nach der (anfänglichen) Geringschätzung der AfD, schon so viele hinter der Partei stehen, daß die Massen auch für eine politische Veränderung bereit sind – und das geschieht jetzt, auch im Jahr 2018.

In der deutschen Öffentlichkeit ist jedoch bis heute die althergebrachte Intelligenz und Medienelite tonangebend.  

Die Übermacht der Zivilgesellschaft im Politik- und Medienkomplex gibt es noch immer, aber sie hat sich vom Volk gelöst und mit ihm nichts mehr zu tun. Diese Elite ist verantwortungslos, egoistisch und mit der eigenen Bereicherung beschäftigt, sie verwendet doppelte Maßstäbe, ist gleichzeitig aber auch starr. Diese Elite bekämpft Gegenmeinungen mit totalitären Mitteln, um sie zu zerstören. Sie nehmen selbst die Moral in Beschlag, mit deren Hilfe sie Entscheidungen treffen, aber die Last der Konsequenzen dieser Entscheidungen verteilen sie auf die Gesellschaft. Und diese Elite hat mit dem wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands nichts zu tun. Es gibt in Deutschland circa 15 Millionen produktive, hart arbeitende, ideenreiche Menschen – sie halten die Wirtschaft am Laufen. Und über ihnen befindet sich eine Politik- und Medienelite, die die Resultate dieser Anstrengungen verteilt, verschwendet oder begrenzt, während sie mit sich selber plaudert – selbstverständlich nach der Sicherstellung ihres eigenen Wohlergehens. Das ist weit von unserem Bild einer verantwortungsvollen, dem Volke nahe stehenden Elite entfernt.

Und wie sieht es mit der deutschen Industrieelite aus, mit ihrer Verantwortung dem eigenen Volk gegenüber bzw. mit den für die deutsche Industrie arbeitenden Ländern, wie z.B. Ungarn?

Die deutsche Industrieelite ist mit der politischen Elite verbandelt und auch sie hat nichts mehr mit dem Volk zu tun. Wir sprechen hier nicht von einem notwendigen, unterstützenswerten nationalem Großkapital, denn diese Industrieelite hängt mit der weltumspannenden neoliberalen führenden Schicht zusammen, die grundsätzlich versucht, die wirtschaftlichen Grenzen niederzureißen und danach strebt, einige Länder auszuweiden. Ich freue mich nicht über die deutsche Wirtschaft, über den Imperialismus der deutschen Marken. Ich reise immer öfter nach Ungarn und in die Nachbarländer, und ich nehme wahr, daß das einzige, was wir Deutschen unseren Nachbarn im Moment noch geben können, die verbrauchende Lebensweise ist, wie wir sie in Deutschland auch leben.

Weil wir gerade über die Macht der Medienelite sprechen: Was denken Sie über das Schicksal des von Ihnen herausgegebenen Bandes „Finis Germania“? Ihr Buch über den Niedergang Deutschlands stand auf der Bestsellerliste des Spiegels auf dem sechsten Platz, erschien in den kommenden Wochen aber nicht mehr auf der Liste – der Spiegel hatte zugegeben, daß er es absichtlich von der Liste gestrichen hatte, weil er es für antisemitisch hielt und dies nicht propagieren wollte.

Daran können Sie ersehen, wie verunsichert und aufgestachelt der Zustand der deutschen Öffentlichkeit ist. Es handelte sich um ein kleines Büchlein von Rolf Peter Sieferle, dem kürzlich verstorbenen konservativen Historiker. Es gab sehr heftige Reaktionen darauf, daß ein solches Buch erscheinen konnte und sich zudem noch gut verkauft, und das zeigt, daß die Elite nicht versteht, was um sie herum vorgeht. Das hat auch auf der Frankfurter Buchmesse viel Lärm verursacht. In einem derartigen Zustand ist heutzutage die deutsche geistige Elite.

Sie hoffen in Deutschland auf eine konservative Revolution, aber Tatsache ist, daß sich Deutschland in erheblichem Maße verändert hat, nicht nur in den letzten 50 Jahren, sondern auch in den letzten 20 – gesellschaftlich, ethnisch, auch in seiner gesellschaftlichen Moral. Glauben Sie wirklich daran, daß sich in der heutigen deutschen Gesellschaft eine konservative Welle erheben wird?

Wenn ich ganz ehrlich sein soll: ich habe keine große Hoffnung für das große Ganze. Es wird nicht mehr so werden wie früher. Aber auch jetzt gibt es was zu tun, und richtig was zu tun. Ich glaube, Ungarn ist in dieser Beziehung besser dran. Es mag sein, daß es wirtschaftlich nicht auf dem Niveau Deutschlands ist – obwohl ich, wenn ich durch Budapest gehe, nicht sehe, daß es den Ungarn schlecht ginge. Ungarn kann in dieser Zeit große Schritte nach vorn machen. In Deutschland müssen wir uns schon mit den geringsten, kleinen Fortschritten in die gute Richtung zufrieden geben. Trotz des weltumspannenden Sieges des Liberalismus – der in Deutschland aufgrund der Schwächung der eigenen Identität und der Auflösung des Gemeinschaftsgefühls besonders stark war – gibt es Bedarf für den Illiberalismus, der ihm einen Rahmen und Grenzen setzt. Die Polizei kann nicht liberal sein. Die Armee kann auch nicht liberal sein. Auch die Erziehung kann es nicht sein. Benehmen, Ordnung, Disziplin müssen allen beigebracht werden. Diese Erziehung ist illiberal, weil sie den Rahmen dafür schneidert, damit nicht jeder Mensch einfach so lebt, wie es ihm gefällt. Wenn ein Mensch derart erzogen wird, dann kann noch immer ein Liberaler aus ihm werden – aber so, daß er unterwegs kein unsoziales Wesen wird. Wir befinden uns im letzten Augenblick, um in diese Richtung gehen.

Wenn wir schon von Wendepunkten sprechen: Was denken Sie über die vergangenen drei Jahre, über die Migrationskrise und deren Auswirkung auf Deutschland?  

Es ist eine vollständige, abgeschlossene Katastrophe. Wir haben ein Land ohne eine eigene starke Identität, das nicht in der Lage ist, ein positives Integrationsmodell anzubieten – außer daß man hier in Deutschland Geld verdienen kann. Es gibt keinerlei Möglichkeit, sich gefühlsmäßig anzubinden, es gibt keine eigene Geschichte, keine leitende Kultur. Aufgrund unserer Schwäche konnten wir in den letzten Jahrzehnten die hier lebenden türkischen und arabischen Gastarbeiter auch nicht integrieren. Jetzt sind mit einem Schwung zwei Millionen Menschen zu uns gekommen, von denen wir nicht wissen, wer sie in Wirklichkeit genau sind. Und von ihnen glauben wir nun, daß wir sie integrieren können, daß wir aus alldem eine funktionierende Gesellschaft konstruieren können. Das, was hier passiert, halte ich für eine unverschämte Verantwortungslosigkeit. Unsere Prognose lautet, daß aufgrund unserer Schwäche nicht Integration, sondern vielmehr Segregation die Folge sein wird. Es wird Inseln geben, auf denen die Wohlhabenden in Wohlstand, in kulturellem und materiellem Überfluß leben werden; und neben ihnen wird die übrige Masse sein, unter der die Frage vorherrschen wird, wer sie seien, welchem Stamm, welcher Nationalität der Mensch zugehört. Und diese Gruppen werden miteinander in Konflikt geraten oder zumindest auf niedrigem Lebensstandard und mit schlechten Aussichten nebeneinander leben. Es wird jedenfalls Konsequenzen haben, wie sie sich Deutschland sicherlich nicht gewünscht haben dürfte. Wir sind jedoch bereits mitten in dieser Geschichte.

Sie hingegen leben zusammen mit Ihrer Frau und sieben Kindern in einem von allem weit entfernten ostdeutschen Dorf, in Schnellroda, einem ehemaligen Ritterhof, führen einen Verlag und halten Tiere. Folgt man dem Porträt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Sie, so repräsentiert Schnellroda ein ganz anderes Deutschland. Wie ist dieses andere Deutschland?

Für mich ist es eine große Hoffnung, daß es in Ostdeutschland noch eine andere Beseeltheit gibt, die den Zerstörern der deutschen Identität widersteht. Wir leben in einem AfD-Land, in unserer näheren Umgebung stimmen in den Dörfern und Städten 35 bis 40 Prozent der Menschen für die AfD, von Thüringen bis nach Sachsen. In diesem anderen Deutschland akzeptiert man illiberale Dinge und die Deutschen hier leben relativ homogen. Relativität verstehe ich hier so, daß es selbstverständlich immer Aus- und Einwanderung gab, die uns bereichert hat bzw. mit der wir andere bereichert haben. Aber am Ort blieb alles entschieden deutsch. Kennen Sie das Paradox des Theseus? Ein Schiff, das auf eine große Reise geht und zuerst den Mast, dann das Steuerruder und letztlich nach und nach jede Planke auswechselt.  Wenn das Schiff in den Hafen zurückkehrt, können wir dann noch immer von demselben Schiff oder müssen wir von einen vollkommen anderen Schiff sprechen?

Und Deutschland wäre das Schiff des Theseus?

Ja. Wir sagen, es ist schon nicht mehr dasselbe Schiff. Man kann nicht eine Bevölkerung austauschen und danach behaupten, es sei noch immer dasselbe Land. Das ist nicht mehr Deutschland. Irgendein Staat kann so noch funktionieren, aber es ist nicht mehr das Land der Deutschen.

Das klingt pessimistisch. Aber Sie haben noch immer sieben Kinder, was – wie alle Eltern wissen – für die Zukunft starkes Vertrauen und Optimismus erforderlich macht.

Um die persönliche Zukunft meiner Kinder mache ich mir keine Sorgen. Sie sind wohl gebildet, sie haben eine gute Erziehung erfahren, sind lebensfroh und stark. Es gibt ungefähr 80 Millionen Deutsche in drei Ländern, dort wird es solche Umgebungen geben, wo sie als Deutsche ungestört und gut leben können. Aber wenn wir verantwortungsvoll über unser ganzes Volk nachdenken wollen, dann ist das für die anderen kein Trost. Sein eigenes Schicksal kann jeder selbst bestimmen. Wir sprechen hier hingegen von uns allen. Das ist eine vollkommen andere Perspektive. Ich sage meiner Frau immer wieder: Wenn wir unsere bisherige Tätigkeit nicht weiter ausführen können – weil Menschen wie wir in Deutschland unter großem Druck stehen –, dann können wir auch woanders leben. Ich kann mir unser Leben auch in Ungarn, Polen oder Kroatien vorstellen. Das ist jedoch keine politische Perspektive. Und an meine Kinder muß ich auch denken. Ich kann nur hoffen, daß ich das Richtige tun kann und daß es den Deutschen noch lange Zeit gut gehen wird in Deutschland. Aber wenn sich die Lage verschlimmern sollte, dann werden meine Kinder nicht zu den Verlierern gehören.

Quelle: Németország elidegenedik önmagától – Götz Kubitschek a Mandinernek. Mandiner 6.6. 2018. Interviewpartner: Rajcsányi Gellért
Mein Dank gilt Tünde Lentner für die beistehende Korrektur.

Analyse und Verletzung

Nein, das war kein angenehmes Gespräch – aber ein notwendiges, von beiden Seiten.

Vor der Tür stehen gute Bekannte mit ernsten Gesichtern. Sie müßten mit uns reden. Bisher war unsere Beziehung freundlich bis herzlich, aber wenig tief. Die Leute sind liebenswert, nett, höflich, freundlich, kultiviert …, alles, wie es sein muß und dennoch kam es nie zu einer größeren Nähe. Und dafür gab es Gründe.

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Was tun? S e l b s t r e t t u n g!

… daß es gar keine Lösungen gibt. Dies bringt uns vielleicht noch einen Schritt weiter. Lösungen sind Tröstungen. (Caroline Sommerfeld)

Dieses Bedürfnis nach Abstraktion befriedigt nun just das zeitgleich erschienene Büchlein „Selbstrettung“ von Caroline Sommerfeld, das mich wirklich und wahrlich berührte. Umgekehrt könnten die weniger philosophisch angehauchten Leser hier Kontaktprobleme haben.

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Härte und Vernunft

Wir sind doch alle schon längst infiziert. Vom Humanitarismus und vom strukturell linken Denken, also jenem Konstrukt, daß von einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen ausgeht und daraus eine apriorische Gerechtigkeit ableitet und althergebrachte Regeln und Normen durch „fortschrittlichere“ ersetzen will. Das ist sogar als Zivilisationsfortschritt beschreibbar. Dabei spielen richtige und falsche Überlegungen ein verwirrendes Spiel – man kann das an Kleinigkeiten gut illustrieren.

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Die Abduktion – Charles Sanders Peirce

Die Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

„Es gab keine Intrige“, sagte William, „und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt.“ Der Name der Rose

Eine Schwierigkeit, den akzelerierenden Ereignissen einen Sinn zu verleihen, liegt oft im Mangel an empirischen Daten, deren ideologieinduzierte Verarbeitung – meist statistisch – und das Fehlen entsprechender Denkmethoden, insbesondere dann, wenn Induktion und Deduktion aus obigen Gründen an ihre Grenzen geraten. In den Corona-Zeiten fällt das Herumstochern im Unwissen besonders auf, was viele Menschen nicht davon abhält, eine „feste Meinung zu haben“. Semiotik und detektivisches Denken feiern eine Renaissance, aber ihre amateurhafte Handhabung noch mehr. Es fehlt den meisten Theoretikern das erkenntnistechnische Handwerkszeug.

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Die alte Leidkultur

An Salvör hatte er ein furchtbares Unrecht getan, das nie wieder gutgemacht werden konnte. Dieses war etwas Unerhörtes in seiner Familie; all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr; dies hier war bestimmt, es mußte so sein. (Kristmann Gudmundsson: Morgen des Lebens)

Haldor war der charismatischen Salvör versprochen, eine Frau, zu der er aufblicken konnte. Aber dann lief ihm die kleine Maria über den Weg, die ihn anhimmelte und seine Lüste befriedigte. Als er sie zur Frau nimmt, weiß er, daß er nun ein Leben lang gegen die gekränkte Salvör wird kämpfen müssen und ihr irgendwann unterliegen wird.

Derart gestrickt sind die archetypischen Konstellationen der klassischen nordischen Literatur, die zu lesen noch immer lohnt, denn sie gibt uns Einblick in eine Seelenverfassung, die uns heute so fremd wie anziehend vorkommt. Der Isländer Kristmann Gudmundsson war neben Hamsun, dem Großmeister, Johan Falkberget, Gunnar Gunnarson, Olav Gulvaag und einigen anderen ein Virtuose darin.

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Das entscheidende Tor

Die Rede vom entscheidenden Tor hat mich immer verunsichert und nie richtig überzeugt. Nehmen wir an, eine Mannschaft liegt mit Null zu Eins im Rückstand, ihr gelingt der Ausgleich und in der Nachspielzeit schießt sie das zweite Tor. Mit großer Selbstverständlichkeit wird der Reporter vom „entscheidenden Tor“ sprechen, wenn nicht schreien. Dabei wäre dieses Tor nicht entscheidend gewesen, hätte es das erste Tor – also den Ausgleich – nicht gegeben. Damit das zweite Tor überhaupt entscheidend sein konnte, bedurfte es des ersten Tores, das damit entscheidend für das zweite Tor und letztlich für den Sieg war. Umgekehrt hätte es aber nicht für das zweite Tor entscheidend sein können, wenn dieses nicht gefallen wäre, womit das zweite Tor entscheidend dafür ist, daß das erste entscheidend sein konnte. Und von vorn.

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Das letzte Gefecht

 

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world …
William Butler Yeats

Vor vielen vielen Jahren las ich Stephen Kings „The Stand“ ein Endlosroman mit mehr als 1000 Seiten[1]. In erster Linie wollte ich mich gruseln und wurde bitter enttäuscht. Kings Fama eilte ihm voraus, King-Fans hatten mir von durchängsteten Nächten berichtet und ihre blutigen Fingernägel als Beweis angeführt. Schon beim Aufschlagen des Buches überlief mich ein kalter Schauer und nach jedem Umblättern erwartete ich den Herzinfarkt. Aber es geschah nichts und allmählich wurde mir klar, was für ein mittelmäßiger Schreiber der Gefeierte eigentlich ist. Das bestätigte sich bei zwei, drei späteren Lektüren: King hat kein Gefühl für Tempo und für Brüche, er ist der Vorreiter jener Und-dann-Autoren, die heutigentags die Regale vermüllen.

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Wir erschießen sie (nicht)

Soll ich mal was verraten? Ich fand den Witz dieser linken Tussi auf der Strategiekonferenz in Kassel eigentlich ganz lustig. Sie sprach dort von einer Zeit „nach der Revolution, wenn wir ein Prozent der Reichen erschossen haben“. Aber noch besser fand ich Riexingers Reaktion, der darauf erwiderte: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie für nützliche Arbeit ein.“ Genau mein Humor.

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Multikulti im Sandkasten

„Nicht ‚Rassismus‘ ist ein ‚strukturelles Problem‘, sondern der ‚Multikulturalismus‘. ‚Rassismus‘ ist die Hypothese der Multikulturalisten, warum ihr Projekt nicht funktioniert.“  (Martin Lichtmesz)

Die alltäglichen Schwierigkeiten des Zusammenlebens in einer bunten, multikulturellen Gesellschaft kann man vielleicht am besten auf einem großstädtischen Kinderspielplatz erleben.

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Droht ein neuer Faschismus?

Noch ist die Lage nach der Thüringer Skandalwahl unübersichtlich und in ihren Langzeitfolgen kaum abzusehen. Eines aber scheint bereits festzustehen: es herrscht auf Seiten der politischen Linken offenbar eine reale Angst vor dem Faschismus, den man in der AfD verkörpert sieht, und man darf diese Partei und ihre Vertreter nun offen als „Faschisten„, „Nazis„, „Rechtsextremisten“ oder „Nationalsozialisten“ beschimpfen, ohne daß es noch ernsthafte Widerrede gäbe. Auch wird man in der Presse nicht müde, fragwürdige historische Vergleiche zur späten Weimarer Republik oder zum Aufstieg der NSDAP zu bemühen. Aus diesem Grund möchte ich noch einmal einen Artikel vorlegen – auch für die neue Leserschaft -, der sich der Frage, ob ein neuer Faschismus in Deutschland überhaupt möglich ist, widmet.

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Gombrowicz und Gummischutz

PDF-Version: Gombrowicz und Gummischutz
Never before has pornography been this rampant. And those films are lit so badly! Woody Allen

„Gummischutz“ war eines der ersten Wörter, die ich zu lesen vermochte. Die väterliche Zeitung, nach der Lektüre achtlos liegen gelassen, enthielt zahlreiche Hieroglyphen, an denen sich der Jüngling üben konnte. Aber „Gummischutz“ blieb hängen und beschäftigte die kindliche Phantasie. Was sollte man sich darunter vorstellen? Die Eltern dreier kurz nacheinander geborener Kinder reagierten ausweichend, man ahnte also, daß es was mit „unten“ zu tun haben mußte. Und einen vagen Sinn ergab das Wort ja. Nicht umsonst hatte man sich jahrelang mit Reinlichkeitsübungen abgegeben. Eins und eins macht zwei: ein Gummischutz konnte nur jene große rote und penetrant riechende Gummiunterlage im Bett sein, die, wie etwa im Krankenhaus gesehen, die Matratze vorm Einnässen schützen sollte. So erklärt man sich die Welt – und es funktioniert … für eine Weile, bis eine neue Realität andere Erklärungsmuster verlangt.

Dies ist ein Artikel für Leute mit Freude an und Gespür für Differenzen. In ihm werden vier verschiedene Übersetzungen von Gombrowiczs „Pornografia“ miteinander verglichen: die deutsche, die zweite englische, die dänische und die italienische.

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Das andere der Kulturen

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

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Das Antisemitismus-Dilemma

So stecken die Kritiker des Antisemitismus in einer Falle. Sagen sie nichts, so lassen sie zu, daß bestimmte antisemitische Denk- und Sprachmuster salonfähig werden; sagen sie etwas, so stärken sie die Immunisierungsmuster … (Alan Posener)

In einem kleinen, im Wesentlichen unproduktiven Schlagabtausch mit Alan Posener – im Kommentarstrang seines Blogs „Starke Meinungen“ – kam es dennoch zu einem kurzen Moment des Austausches, und zwar als Posener ein tatsächlich existierendes Paradox seiner eigenen Position aufzeigte. Es ging um den – Antisemitismus.

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Die deutsch-ungarische Differenz

Auf einer Festveranstaltung eines deutsch-ungarischen Unternehmens halten beide Direktorinnen eine Rede, zuerst die Deutsche, dann die Ungarin. Die erste spricht Deutsch, die zweite Ungarisch. Ich lasse mir die Rede der ungarischen Leiterin geben, denn natürlich habe ich beim Zuhören fast nichts verstanden. Nun, nachdem ich sie in aller Ruhe gelesen habe, bestätigt sich der erste Eindruck.

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Demokratie, Volk und Volkswille

von Johannes Leitner

Verfassung und Wahlen als Ausdruck des Volkswillens

Die souveräne Selbstherrschaft des Volkes bedarf eines Willens des Volkes, und diesen Willen muss die politische Obrigkeit erkennen, um ihn bewahren und umsetzen zu können. „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“, sagte Mirabeau. Beständigster Ausdruck des Volkswillens ist die Verfassung, die sich ein freies und souveränes Volk durch seine verfassungsgebende Gewalt gegeben hat. Jede Regierung muss diese Verfassung achten, einschließlich insbesondere der verfassungsmäßigen Grund- und Abwehrrechte der Bürger.

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Identitätspolitik und Interessenspolitik

von Johannes Leitner

Identitätspolitik

Während identitäre Politik, wie jede gute Politik, darauf abzielt, die Gesellschaft als ganze zu erhalten und zu fördern, strebt Identitätspolitik danach, die eigene identitäre Sondergruppe auf Kosten der Gesellschaft zu begünstigen und zu bevorrechten. Man will nicht das Ganze mehren, sondern den eigenen Anteil am Ganzen, und sei es, indem man das dem feindlichen Widersacher Gebliebene schädigt. Identitätspolitik bedeutet ein Null- oder ein Negativsummenspiel des win-lose und win-lose-lose, nicht, wie die gesunde gemeinschaftliche Gesellschaft, ein Positivsummenspiel des win-win-win mit positiven Externalitäten.

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Huntington heute

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor fast 25 Jahren, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen.

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