Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

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West-östlicher Dschihad

Man kann die Geschichte des Abendlandes als eine Geschichte des (wenngleich nicht immer erfolgreichen) Versuchs schreiben, Gewalt zu minimieren. Im Hinblick auf islamische Gesellschaften wäre eine solche Perspektive absurd. (Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihad-System)

Als Manfred Kleine-Hartlage diese Zeilen in seinem ausgesprochen diskutablen Buch schrieb – 2010 –, da kannte er Steven Pinkers Monumentalwerk „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ (engl.: The better Angels of our Nature. Why violence has declined) von 2011 (dt.: 2013) noch nicht. Auf 1200 Seiten und mit allen empirischen, statistischen und soziologischen Wassern gewaschen, versucht Pinker nachzuweisen, daß die Welt sich seit 400 Jahren und akzelerierend seit 70 Jahren auf einer globalen abwärtsweisenden Gewaltspirale befindet.

Wohin man schaut und welche Form von Gewalt man auch nimmt – von der zwischenstaatlichen Konfrontation oder Formen der Tyrannei über Mordraten, Folter, Todesstrafe, Gefängnisstrafen, Sexualverstümmelungen, Kindesmißbrauch, Homophobie, Sklavenhandel, Vergewaltigungen … bis hin zu Tischsitten und gesellschaftlichen Umgangsformen, überall scheint es eine tendenzielle Verminderung von Brutalität und Unsitten zu geben.

Das Buch erregte viel Aufsehen, denn der medial vermittelte Anschein war doch ein ganz anderer: immer mehr und immer intensiver werden wir mit Gewaltbildern weltweit versorgt.

Doch die Zahlen lügen nicht. Pinker konnte sein Buch mit beeindruckenden Diagrammen pflastern, die fast alle einen beruhigenden Abwärtstrend zeigen.

Pinker Krieg

Das Buch freilich krankt an zwei Fehlern. Es pflegt den eurozentrischen Blick und es kann das Paradox aller Geschichtsschreibung nicht lösen, daß Historie eigentlich nur im Futur II ge- und beschrieben werden kann. Erst wenn sie beendet ist, läßt sie sich schreiben, nur stellt sich dann die Frage, wer sie noch schreiben können soll. Ignorieren wir diese geschichtsphilosophische Frage (die ich an anderer Stelle ausführlich besprochen habe). Eine notwendige Zwischenlösung ist stets die Abschnittsgeschichte und Pinker ist sich dessen natürlich bewußt: Seine ganze Argumentation könnte durch einen einzigen Akt des Wahnsinns widerlegt werden. Er löst das Problem hinreichend mit der Aussage: „Dieses Buch möchte nicht hypothetische Wahrsagerei über die Zukunft betreiben, sondern die Tatsachen von Vergangenheit und Gegenwart erklären.“ Akzeptiert!

Die Frage des Eurozentrismus – ein umgestülpter Euphemismus, denn natürlich meint sie die Frage des Islam – läßt sich nicht metaphysisch wegdiskutieren. Gelten Pinkers Einsichten auch für die islamischen Länder oder hat Kleine-Hartlage mit seiner Vermutung, die nicht empirisch belegt wird, recht?

Ganze neun Seiten (539ff.) werden der Thematik gewidmet – man könnte das schon für eine Antwort halten. Aber vielleicht kennt sich der Harvard-Professor in diesem Metier einfach nicht aus? „Muslime“, schreibt er, „machen ungefähr ein Fünftel der Weltbevölkerung aus und stellen in ungefähr einem Viertel der Staaten der Welt die Mehrheit, aber 2008 waren an mehr als der Hälfte aller bewaffneten Konflikte muslimische Staaten oder Aufständische beteiligt.“ Das würde den Erwartungen entsprechen, nähme man Huntington ernst. Vom „Clash of Civilizations“ will Pinker jedoch nichts wissen, denn die größte Anzahl der Konflikte finde doch zwischen muslimischen oder innerhalb von muslimischen Gesellschaften statt.

Er sieht „in islamischen Staaten zufällig (sic!) besonders viele Risikofaktoren für Autokratie“, weil sie ärmer, größer, ölreicher sind, muß aber zugeben: „Selbst wenn man diese Faktoren in einer Regressionsanalyse konstant hält, gibt es in den Staaten mit einem größeren Anteil an Muslimen weniger politische Rechte.“

„An den Gesetzen und Praktiken vieler muslimischer Staaten scheint die Humanitäre Revolution vorbeigegangen zu sein.“ Es gibt fast überall Todesstrafen, 100 Millionen Mädchen erleiden jährlich (sic!) Genitalverstümmelungen, Ehrenmorde, Sklaverei, körperliche Züchtigungen etc. seien noch immer an der Tagesordnung. „Religiöser Aberglaube“ und ein überzogener Ehrbegriff seien dafür ebenso mitverantwortlich wie ein „beeindruckender Katalog von Kränkungen“: Kreuzzüge, Kolonisation, Israel, amerikanische Truppen in arabischen Ländern, geringe Leistungsfähigkeit im Vergleich zum Westen. Die Frage, warum das als Kränkung empfunden wird, stellt sich Pinker leider ebenso wenig wie die Frage, weshalb der vermeintliche wissenschaftliche Vorteil des Mittelalters so leichtfertig aufgegeben wurde.

Das ist die Crux an Pinkers Argumentation. Er wagt sich nicht an die Religion heran und wenn doch, dann umschifft er die Untiefen der politischen Inkorrektheit. Zwar sind die Fakten eindeutig, doch meidet der ansonsten so messerscharfe Geist die Schlüsse zu ziehen: „Die Ergebnisse (verschiedener Umfragen) bestätigen, daß die meisten islamischen Staaten sich in absehbarer Zukunft nicht zu säkularen, liberalen Demokratien entwickeln werden. Die Mehrzahl der Muslime in Ägypten, Pakistan, Jordanien und Bangladesch gab in der Umfrage an, die Scharia … solle in ihren Staaten die einzige Quelle der Gesetzgebung sein, und die Mehrheit in den meisten anderen Ländern gab an, sie solle mindestens eine der Quellen sein.“ Aber: „Religion gedeiht auf wolkigen Allegorien, einer emotionalen Bindung an Texte, die niemand liest (sic!), und andere Formen der gutartigen Heuchelei.“

Hier offenbart Pinker eine spektakuläre Unkenntnis der Welt des Islam: Es ist eine Glaubenspflicht für Muslime, den Koran zu lesen, zu studieren und zu memorieren – die man freilich auch verletzen kann. Daher entbehrt der Vergleich mit den Amerikanern – von ein paar Evangelikalen abgesehen – jeder Grundlage: „Wie die Anhänglichkeit der Amerikaner an die Bibel, so ist auch die Anhänglichkeit der meisten Muslime an die Scharia wahrscheinlich eher ein symbolisches Festhalten an moralischen Einstellungen, die sie mit den besten Seiten ihrer Kultur in Verbindung bringen und kein buchstäblicher Wunsch, Ehebrecherinnen gesteinigt zu sehen.“ Ein verräterisches „wahrscheinlich“ und ein theatralisches Beispiel entlarven den guten Willen.

Wie schnell Unwahrscheinlichkeit wahrscheinlich werden kann, zeigt die Türkei: „Manche muslimischen Staaten, darunter die Türkei, Indonesien und Malaysia, sind auf dem Weg zu einer recht liberalen Demokratie.“ Der Katholik Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, mag als Gegenbeispiel dienen.

Pinker Terror

Um seine schönen Abwärtsspiralen in diesem Kontext präsentieren zu können, muß Pinker, wenn es um Terrorismus geht, etwa Afghanistan und den Irak herausrechnen – heute würde er wohl auch Syrien ausschließen müssen. Und während die zwischenstaatlichen Konflikte weltweit abnehmen, verzeichnen die islamischen Staaten einen sanften, aber kontinuierlichen Anstieg.

Wer hat nun recht: Kleine-Hartlage oder Pinker? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, das Ergebnis ist ambivalent und zukunftsoffen. Auch in den meisten islamischen Staaten dürfte es (im Moment) eine tendenziell kritische Auseinandersetzung mit vielen Formen der Gewalt geben – man kann in einer globalisierten Welt nicht so tun, als lebe man auf einer Insel – aber auch Pinkers Fazit hat noch eine gewisse Aussicht auf Realisierung: „… daß der ‚kommende Krieg mit dem Islam‘ in Wirklichkeit nie kommen wird.“

Quellen:
Kleine-Hartlage, Manfred: Das Dschihad-System. Wie der Islam funktioniert. Gräfelfing 2010
Pinker, Steven: Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt 2013

!Lesewarnung! – Raspail

Unerhört, was vor wenigen Tagen im „Tagesspiegel“ zu lesen war. Da spricht ein Kritiker eine Lesewarnung aus, vor einem Buch, das kaum jemand kennt, auch wenn der Kleinverlag „Antaios“ für seine Verhältnisse gerade das Geschäft seines Lebens macht. Ist das schon Idiotie oder noch Satire? Eine bessere Werbung hätte sich das Verlagshäuschen kaum wünschen können.

Der unfreiwillig komische Kunstrichter zieht alle Abschreckungsregister: „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail sei eine „Blaupause von Pegida“, es sei rassistisch und xenophob, radikale Rechte seien die Vertreiber, die „toxischen Ideen“ des Buches dringen in den Mainstream ein, er – der Schreiberling – bringt es sogar mit 490 Übergriffen auf Flüchtlingsheime in Verbindung, traut Pegidisten aber gleichzeitig nicht mal zu, ein 400-Seiten-Buch zu lesen, und auch der Pegida-Galgen oder Pirinçcis unsägliche Rede (übrigens vollkommen falsch zitiert) muß herhalten, sogar Botho Strauß wird vors Gericht gezerrt und was weiß ich nicht noch alles. Eigentliche Literaturkritik dagegen nur in zwei Wortgruppen: die science fiction (sic!) funktioniere nicht und sprachlich sei es zäh.

Zur Klärung: Ein Literaturkritiker kann ein Buch verreißen, wenn es objektive Schwächen aufweist – macht er seine eigene politische Meinung zum Maßstab, wird es nicht nur gefährlich, sondern dann ist die Kritik keine mehr.

Heerlager

Literarische Utopien und Dystopien erlangen ihre literaturgeschichtliche Bedeutung nicht zuletzt durch die Akkuratesse ihrer Voraussagen. Wenn Huxley, Orwell und Samjatin – die sich übrigens viel mehr irrten, als allgemein bekannt – nicht zumindest eine strukturell treffende Prophetie, wenn Jules Verne nicht wenigstens das Tiefsee-Boot oder die Mondlandung gedacht hätte, dann wären diese Autoren heute wohl vergessen. Und daß Raspails „Heerlager“ 42 Jahre nach seinem Erscheinen gerade eine Renaissance erlebt, liegt am prophetischen Volltreffer: Plötzlich, ein bißchen wie aus dem Nichts, stehen eine Million fremder Menschen vor der Tür und keiner weiß, wie damit umzugehen ist. Daß sie aus Indien und nicht Syrien kommen und nichts außer ihr dürftiges Leben mitbringen, daß sie in Frankreich und auf rostigen Tankern anlanden, diese Unterschiede zur derzeitigen Situation scheinen vielen offensichtlich begeisterten Lesern nebensächlich zu sein. Großartig und visionär ist das Buch in der Beschreibung der verschiedenen Reaktionen einer ausgehöhlten Demokratie, die, am neuralgischen Punkt berührt, vollkommen handlungsunfähig bleibt. Gelähmt von einem tief eingeimpften Humanitarismus (Gehlen) versagen Politik, Medien und Öffentlichkeit komplett und spielen ihr lang eingeübtes Lied bis zum bitteren Ende alternativlos durch. Während das kraft- und energielose Land implodiert, nehmen die „Neubürger“ seine tausendjährigen Reichtümer wie eine Selbstverständlichkeit in Empfang.

Der zweite Teil – eine Art visionärer Guerillakrieg eines tapferen Häufleins Wertkonservativer – fällt deutlich ab. Raspail ist ein begnadeter Einfühler ins Gegebene, ein Schriftsteller von allererstem Rang ist er meines Erachtens nicht – aber das ist nur Meinung. Die Vorwürfe des Rezensenten – sofern sie nicht Satire oder sogar subversive Schleichwerbung sein sollen – sind schlichtweg absurd und zeugen von einem erschreckenden Unverständnis, was Literatur überhaupt ist. Wie solche Leute auf derartige Posten gelangen, das gehörte endlich mal aufgeklärt!

Leserwarnungen wie diese zeigen, daß wir uns tatsächlich an einem einzigartigen historischen Moment befinden. Es gibt Schichten, die werden plötzlich ganz unruhig … Leserwarnungen wie diese, sollten aber auch zum reflexartigen Selberlesen führen!